Die Leberwurst

Als Discjockey und Autor wurde ich nach Mannheim eingeladen, um bei den Feierlichkeiten anlässlich der Vierhundertjahrfeier der Stadt mitzuwirken. Die Stimmung in Mannheim war heiter und gelöst, jeden Tag fand irgendwo eine Lesung oder ein Konzert statt und die Straßen waren mit flanierendem Publikum voll, als wollten die Bewohner sich und der Welt sagen: Wir haben vierhundert Jahre lang geschuftet, jetzt machen wir mal eine Pause und gönnen uns ein wenig Spaß. Dementsprechend großzügig wurden die Artisten empfangen. Im Hotelzimmer warteten jede Menge Geschenke auf mich: ein Obstteller, eine Tafel weiße Schokolade, ein Reiseführer durch Mannheim und Umgebung, herausgegeben vom Mannheimer Verkehrsverein e.V., dazu eine Flasche regionaler Rotwein und eine große Dose Leberwurst, die auf dem Kopfkissen lag und mich anfänglich irritierte. Normalerweise findet man eine Praline auf dem Kissen, höchstens einen Keks. Ich habe noch nie erlebt, dass die Hotelgäste mit Leberwurst beschenkt wurden. Vielleicht war sie von einem anderen Hotelgast hier vergessen worden, überlegte ich, von einem perversen Reisenden, der durch die Welt fuhr und überall Würste aus der jeweiligen Region mit ins Bett nahm. Das Glas sah aber unverbraucht frisch aus. Ich erkundigte mich bei den anderen Kollegen, Autoren und DJs, auch sie hatten Leberwurst bekommen. Es war also tatsächlich ein Geschenk. Je länger ich darüber nachdachte, umso besser gefiel mir diese originelle Idee.

Warum eigentlich nicht?, dachte ich. Vielleicht ist Leberwurst hier eine Sehenswürdigkeit, ein Wahrzeichen der Stadt, ein Symbol, mit dem sich alle Mannheimer seit über vierhundert Jahren identifizieren. Vielleicht ist die Leberwurst so etwas wie das hiesige Wappentier. Man könnte durchaus Weisheit in der Entscheidung entdecken, sich für eine Leberwurst als Stadtwappen zu entscheiden. Die sonst üblichen Tiere, diese stolzen Geschöpfe mit Flügeln und Schwanz, die zweiköpfigen Adler, die Bären und Drachen, Löwen und Möwen starben früher oder später aus oder wurden zu Leberwurst, die richtig zubereitet und im Glas ewig haltbar blieb. Alles wurde früher oder später zu Leberwurst, wenn es nicht gleich als Leberwurst auf die Welt kam.

Mit diesem optimistischen Gedanken steckte ich die Dose in meine Reisetasche. Ich war fest entschlossen, sie nach Berlin mitzunehmen. Rotwein und Schokolade ließen mich kalt, aber die Wurst konnte ich daheim gut gebrauchen. Meine Frau hatte während der Fastenzeit kein Fleisch gegessen, was ihr erstaunlich leichtgefallen war, viel leichter, als mit dem Rauchen aufzuhören. Es war überhaupt die erste Askese, die ihr gelungen war. Aber die Fastenzeit ging vorbei, und meine Frau blieb vegetarisch, und dementsprechend kaufte sie kein Fleisch mehr ein. Ich hatte keine Zeit, einkaufen zu gehen, und musste unfreiwillig mitvegetarisieren. Als Zwangsvegetarier war ich über die Dose Leberwurst hocherfreut und malte mir genüsslich aus, wie ich sie zu Hause auf den Frühstückstisch packte, ein seltenes Wappentier in Form einer Pastete.

Meine Kollegen verließen Mannheim mit der Bahn, ich wollte jedoch fliegen. Der Flughafen Mannheim ist mikroskopisch klein, doch je kleiner ein Flughafen, desto strenger die Kontrolleure. Sie nahmen mein Handgepäck sofort vollkommen auseinander, holten das Wappentier aus der Reisetasche und meinten ganz ernsthaft, die Leberwurst dürfe nicht mit.

»Sie fliegen doch oft, Herr Kaminer, und wissen bestimmt Bescheid, dass man keine Flüssigkeiten über hundert Milliliter mit an Bord nehmen darf, nicht einmal Parfüm«, klärte mich der Sicherheitschef auf.

»Aber erlauben Sie«, empörte ich mich laut, »die Leberwurst ist doch kein Parfüm und ganz gewiss keine Flüssigkeit ! Schauen Sie doch selbst, sie ist ganz fest!«

»Laut unseren Vorschriften ist Leberwurst aber Flüssigkeit«, winkte der Sicherheitschef ab.

Die Schlange hinter meinem Rücken erschrak.

»Das geht nun wirklich gar nicht!«, sagte ein molliger Geschäftsmann mit großem Koffer, der wahrscheinlich vollbeladen war mit Leberwurst.

Unzufriedenheit lag in der Luft, man konnte die revolutionäre Stimmung der Massen buchstäblich riechen. Man habe in der letzten Zeit ja viele Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten hingenommen, meinten zwei ältere Damen unisono, man wolle den Terroristen schließlich Paroli bieten, aber bei bestimmten Sachen mache man einfach nicht mehr mit.

»Man gibt nicht einfach so sein Wappentier auf!«, mischte ich mich ein, blieb aber unverstanden.

»Was soll ich tun? Wir haben die Vorschriften nicht gemacht. Es wird alles oben entschieden.« Der Sicherheitschef zeigte mit dem Kopf Richtung Himmel, als würde er seine Befehle direkt vom lieben Gott erhalten. »Auch Schichtkäse ist Flüssigkeit!«, fuhr er fort. Die Schlange murmelte und murrte unzufrieden. »Schweineterrine zum Beispiel ist laut Vorschriften auch eine Flüssigkeit«, ließ der Sicherheitschef nicht locker. »Nutella! Katzenfutter! Marmelade …«

»Hören Sie auf!«, sagte ich. »Mir wird gleich schlecht.«

»Sollen wir Ihre Leberwurst für Sie vielleicht bis zum nächsten Mal aufbewahren?«, fragte mich seine Kollegin höflich. »Oder wollen Sie sich die Dose vielleicht selbst per Post nach Hause schicken?«

»Schmeißen Sie sie weg!«, zischte ich und packte meine restlichen Sachen wieder in die Tasche. »Wenn Leberwurst eine Flüssigkeit ist, dann will ich sie auch nicht haben«, sagte ich und ging an Bord.