In einem unbekannten Land

Auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung haben alle fünfhundert umsatzstärksten Unternehmen ihren Hauptsitz in den westdeutschen Ballungsräumen und denken nicht an einen Umzug in den Osten. Das hat historische Gründe. Natürlich waren westliche Geschäftsmänner ihren Kollegen im Osten überlegen. Haben sie doch jahrzehntelang Überlebenserfahrungen auf dem freien kapitalistischen Markt gesammelt, während in der sozialistischen Planwirtschaft der DDR übermäßige Geschäftstüchtigkeit als Verbrechen gegen den Staat eingestuft wurde und wirtschaftlicher Erfolg an Betrug grenzte. Der Mangel an Erfahrung trug dazu bei, dass viele frischgebackene ostdeutsche Geschäftsmänner gleich nach der Wende sehr naiv, ja blauäugig mit dem Kapitalismus flirteten. Sie tauschten Grundstücke gegen Autos, kauften Aktien von Unternehmen, die gar nicht existierten, Devisen von Ländern, die es nicht mehr gab, nahmen Kredite auf, die sie in den Ruin trieben, und ließen sich von den »Besserwessis« übers Ohren hauen wie einst die Eingeborenen von Kapitän Cook.

Nachdem die Business-Haie in Ausbildung sich mehrmals die Finger verbrannt hatten, nahm ihre anfängliche Begeisterung für Geschäfte mit Kapitän Cook rapide ab. Aber auch dieser verlor mit der Zeit sein Interesse an Ostdeutschland, denn dort war nichts mehr zu holen. »Kommt wieder, wenn ihr Geld habt«, sagte er und wandte sich China zu. Der ostdeutsche Adventure-Kapitalist schaute dagegen interessiert nach Osten. Dort, in den ehemaligen sozialistischen Ländern, lebten Geschäftsleute, die noch unerfahrener waren als er selbst. Schon Anfang der Neunziger hatte der Ostdeutsche gern Handel mit der sowjetischen Armee getrieben, als diese noch in Deutschland stationiert war. Die Ostdeutschen verkauften dort ihre gebrauchten sowjetischen Fahrzeuge, Wolgas und Ladas an die Offiziere, weil sie selbst inzwischen alle gebrauchte Kadetts und Golfs fuhren, die sie von Kapitän Cook für ihre Grundstücke aufgetischt bekommen hatten. Es machte Spaß, mit den Russen Geschäfte zu machen, sie waren für alles dankbare Abnehmer. All die Ost-Autos, die in der Konkurrenz mit westlichen Modellen völlig untergingen und bei Deutschen inzwischen nur noch Ekelgefühle hervorriefen, waren bei Armeeangehörigen sehr begehrt. Gleichzeitig hatten ostdeutsche Geschäftsmänner den Russen unverzollten Wodka und Zigaretten sowie Generatoren, Benzin, Radio- und Nachtsicht-Geräte abgekauft. Je nach Waffengattung gibt es bei einer guten Armee immer etwas zu holen.

Die angehenden ostdeutschen Geschäftsmänner hatten auf diese Weise viele interessante Menschen kennengelernt und zukunftstaugliche Geschäftsideen entwickelt. Als die russischen Offiziere nach Abzug der sowjetischen Armee entlassen wurden, bekamen sie eine bescheidene Rente, kleine Wohnungen in einer der vielen kleinen Städte Russlands und gründeten kleine Firmen, wie es in der Zeit alle taten. Der ostdeutsche Geschäftsmann dachte, was juckt mich eigentlich der Westen? Mich, mit meinen hervorragenden Russischkenntnissen, mit meiner Kenntnis der Sitten und Bräuche in den ehemals sozialistischen Ländern ! Ich kann doch in Russland schweinereich werden. Er fuhr deswegen in die kleinen russischen Städte und besuchte seine ehemaligen Geschäftspartner, die sich natürlich riesig freuten. Hallo, Reiner, sagten die Russen, wie gut, dass du hier bist! Wir haben gerade eine ganz tolle Geschäftsidee!

In der Regel wurden diese Geschäfte alle auf die gleiche Art abgewickelt: Der Deutsche kaufte dem Russen irgendetwas Exotisches ab, mit der Absicht, es später in Westdeutschland für teures Geld zu verkaufen. In der Regel endeten diese Geschäfte im Nichts, weil dieses Etwas entweder nicht durch den Zoll kam oder sich als etwas ganz anderes entpuppte oder unterwegs abgehauen oder explodiert war. Der ostdeutsche Geschäftsmann war um sein Geld gebracht, im schlimmsten Fall landete er in einem russischen Knast und harrte dort aus, bis der westdeutsche Botschafter kam. Doch der Adventure-Kapitalist in ihm gab nicht so einfach auf. Im Knast knüpfte er neue Kontakte, lernte noch interessantere Menschen kennen und entwickelte dabei sogleich vielversprechende neue Geschäftsideen.

Mit der Zeit lernte der Deutsche, Geschäfte mit den Russen zu machen, ohne seine Heimat zu verlassen. Ich erinnere mich an einen herausragenden Fall, an dem ich Mitte der Neunzigerjahre als Dolmetscher beteiligt war. Ein deutscher Händler aus Halle hatte seinem weißrussischen Kollegen aus Gomel eine Ladung Buntmetall in Form von zehn Kilometern altem Telefonkabel abgekauft, um es später an einen westdeutschen Metallkonzern weiterzuverkaufen. Das Geld wurde überwiesen, der Vertrag unterschrieben, und die erste Teillieferung kam in Frankfurt /Oder an. Danach ging der russische Partner allerdings nicht mehr ans Telefon. Der Ostdeutsche machte sich Sorgen : Vielleicht war der Russe in Not? Mit großer Mühe fanden wir schließlich heraus, dass mit dem Kollegen alles in Ordnung war. Er hatte eben nur das Telefonkabel seiner Heimatstadt mit den Baggern seiner Baufirma ausgegraben, nach Deutschland verkauft und konnte deswegen nicht mehr telefonieren.

An solchen Pannen scheiterten letztendlich die geschäftlichen Beziehungen der deutschen Adventure-Kapitalisten zu den ehemaligen sozialistischen Ländern. Heute wird der Handel fast hauptsächlich von halbstaatlichen Großkonzernen betrieben. Der Chef von Gazprom sagte es einmal so: »Bei uns in Russland kann man nicht einfach alles privatisieren, sonst ist es am Ende wie bei einem Kartenspiel: Die Spieler sind weg – und die Karten auch!« Nur ganz wenige rücksichtslose russische Kleinhändler versuchen, diese Mauer immer wieder zu durchbrechen. In der Regel versuchen sie, ihre westlichen Nachbarn mit seltener Ware zu beeindrucken. Mal bringen sie ein paar Dutzend handgemachte Holzpuppen mit, mal eine große Büchse Kaviar, gelegentlich schleppen sie auch angereichertes Plutonium oder andere seltene Elemente, die es nach westlichen Tabellen gar nicht gibt, über die Grenze. Doch wer interessiert sich schon für Plutonium? Nur Menschen mit viel Geld und Phantasie, es gibt hier aber nicht viele von dieser Sorte. Die Russen bleiben jedoch optimistisch und entwickeln immer neue Geschäftsideen.

Neulich rief mich ein alter Bekannter an und fragte, ob ich einen Bienenzüchter in Berlin kenne. Sein Bruder habe es geschafft, eine sehr seltene Biene aus Sibirien hierherzutransportieren. Diese Biene sei besonders robust, mache Honig aus jedem Scheiß und könne sich sogar unter Wasser vermehren. Außerdem habe sie einen extradicken Pelz, der sie gegen die Kälte schütze. Eine Winterbiene also, teuer und äußerst gefragt. Seit zwei Wochen wohne sie in einem Plastikbehälter bei ihm in der Küche und werde von seinem Bruder täglich mit frischen Blumen gefüttert.

»Ich kann die beiden nicht mehr sehen, bitte finde einen Bienenzüchter, damit dieses Insekt endlich aus meiner Wohnung verschwindet!«, bat mich der Bekannte am Telefon. Seine Stimme klang verzweifelt.

Mich erinnerte diese Geschichte an den alten Zeichentrickfilm über die lustige Biene Maja:

»In einem unbekannten Land, parapapa, parapapa, war eine Biene sehr bekannt, parapapa, parapapa …«

Nur leider kannte ich keinen einzigen Bienenzüchter in Berlin und vermutete sogar, dass man im zivilisierten Europa den Honig schon längst ohne Bienen, d. h. irgendwie automatisch aus Gummibärchen mache. Also empfahl ich meinem Freund, eine Annonce aufzugeben, unter der Rubrik »Haustiere«. Er sollte natürlich nicht »Lustige Biene aus Sibirien« schreiben, sondern sie neutral als seltenen Vogel aus der Karibik anpreisen. Er nahm meinen Ratschlag misstrauisch an. Ein Monat später traf ich ihn auf der Straße und klopfte ihm auf die Schulter.

»Wie geht’s deinem Bruder?«, fragte ich ihn.

»Welchem Bruder? Ach dem! Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben. Der ist schon längst wieder nach Hause gefahren«, murmelte mein Bekannter.

»Und was ist mit der Biene, habt ihr sie verkauft?«

»Nein, es war ein schrecklicher Unfall. Ich habe aus Versehen die Fenster offen gelassen, und ihr Plastikbecher war wahrscheinlich nicht richtig dicht, oder die Katze hat sie aufgefressen, weiß der Teufel, wie das passiert ist, aber auf jeden Fall war sie eines Tages einfach nicht mehr da! Am liebsten möchte ich die Geschichte so schnell wie möglich vergessen.«

Ich war mir absolut sicher, dass mein Bekannter eine entscheidende Rolle im Leben der Biene gespielt hatte. Wahrscheinlich warf er sie eigenhändig aus dem Fenster, während sein Bruder schlief. Sie wird aber, denke ich, in Berlin nicht verloren gehen. Mit ihrem dicken Pelz hat diese sibirische Biene Maja hier nichts zu befürchten. Sie wird ein paar Runden über dem unbekannten Land drehen, parapapa, parapapa, sich dann vielleicht in Charlottenburg niederlassen, parapapa, parapapa, eine preußische Hummel kennenlernen, parapapa, parapapa, Nachkommen produzieren, parapapa, parapapa, und aus allen Berliner Linden und Kastanien Honig machen. Und wenn die Stadt irgendwann einmal voller Honig ist, dann kommen vielleicht eines Tages auch noch die sibirischen Bären nach Berlin.