Deutsche Möbel

Mein letzter Trip nach Moskau war sehr kurz, er dauerte nur zwei Tage. Statt russische Buchhandlungen nach neuer ansprechender Literatur zu durchstöbern, verbrachte ich beide Tage in Gesellschaft meiner ehemaligen Mitschüler aus jener Schule 701, die schon in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, als wir sie besuchten, »Dummenschule« hieß – ein Name, dem ehemalige Mitschüler bei ihren Treffen immer wieder Ehre machten. Intellektuelle Unterhaltung war bei ihnen daher nicht zu erwarten. In unserem Fall stand der Besuch einer Striptease-Bar und eines Antiquitätengeschäfts, das mit deutschen Möbeln vollgestellt war, auf dem Programm. Zwei meiner ehemaligen Mitschüler waren wie ich freischaffend – »selbststehend«, wie es auf Russisch hieß. Der eine verdiente sein Brot als Antiquitätenhändler, der andere war ein Kalinka-Tänzer, der mit verschiedenen Volkstanzkollektiven zusammenarbeitete. Im Sozialismus hatten die beiden, nachdem sie mit der Dummenschule fertig waren, an der Uni Quantenphysik studiert. Aber Quantenphysik war in der Folgezeit nicht mehr gefragt.

Zu dritt spazieren zu gehen, war eigentlich keine kluge Sache, man kennt dafür genug Beispiele aus der Literatur: drei Kameraden, drei Musketiere, drei kleine Schweinchen – alles Deppen. Der Antiquitätenhändler gab für uns den Stadtführer, ich den ausländischen Gast. Der Profitänzer war für die Getränke zuständig.

»Ich zeige dir ein Stück Deutschland, das du nicht kennst«, versprach mir unser Stadtführer, als hätte ich zu wenig davon gesehen. Er brachte uns in ein Antiquitätengeschäft am Frunsenskaja-Ufer, das voller deutscher Möbel war – Kriegstrophäen, in Deutschland auch »Beutekunst« genannt, die nach dem sowjetischen Sieg 1945 aus Deutschland abgeschleppt und dann lange in Moskauer Wohnungen entnazifiziert worden waren. Die Möbel waren hässlich, aber sehr robust und kindersicher. Schwere dunkle Schrankwände, riesige Küchenschränke, breite tiefe Sessel, ganze Regale voller Bücher mit soliden Einbänden, die mit unverständlichen, lockigen Buchstaben bedruckt waren. Niedliche Bilder in dicken Rahmen.

Erstaunlich, dass all diese Möbel nicht kaputtgegangen und auch nicht von sowjetischen Holzkäfern zerfressen worden waren, sondern so lange gehalten und erst im 21. Jahrhundert den Weg in die Antiquitätenläden gefunden hatten. Andererseits hatten die Kriegstrophäen im Sozialismus kaum Konkurrenz, die sowjetischen Möbel waren nämlich noch hässlicher. Und so standen sie ewig in den Wohnungen herum. Zuerst überlebten die deutschen Schränke jene Generation, die sie beschafft hatte, dann die Generation ihrer Söhne und Töchter, die in großer Angst vor Verarmung und Not lebte und deswegen nichts wegschmeißen konnte. Erst die Enkelkinder der Kriegsveteranen trauten sich nach der Perestroika, etwas Neues anzuschaffen. Ikea-Möbel zum Beispiel, die in Russland sehr geschätzt werden. Die deutschen Möbel landeten daraufhin beim Antiquitätenhändler, wo sie nun vergeblich auf deutsche Touristen warten. Ich schaute mir die Tische und Schränke aus schwerem Holz an, sie waren für die Ewigkeit gebaut. Aber wer braucht ewige Möbel, wo wir doch alle nicht mithalten können und so schnell kaputtgehen?

Abends landeten wir auf Vorschlag desselben Stadtführers in der Striptease-Bar Weißbär, einem berühmten Treffpunkt der Moskauer Kapitalisten. Mindestens zwanzig Mädchen tanzten gleichzeitig auf den kleinen Bühnen, jede Frau drehte sich um ihre eigene Stange. Sie tanzten sehr professionell, wie der Kalinka-Profitänzer uns sofort bestätigte. Gegen eine Extragebühr konnte man die Mädchen zu sich auf die Bank einladen und mit ihnen etwas trinken. Das war’s dann aber schon. Weitere sexuelle Handlungen waren in der Striptease-Bar Weißbär nicht vorgesehen.

Unser Profitänzer war besonders von den sportlichen Leistungen einer tanzenden Frau begeistert. Sie konnte sich allein mit der Kraft ihrer Hände und mit der Leichtigkeit eines Panthers an der Stripstange bis zur Decke ziehen und sehr elegant wieder herunterrutschen. Der Profitänzer konnte einfach nicht an sich halten. Er lud die Frau an unseren Tisch ein und fragte sie nach ihrem persönlichen Hintergrund aus. Die Frau war Mannschaftskapitänin eines Taekwondo-Teams in der unabhängigen Republik Turkmenistan. Ihre Mannschaft hatte sogar beim vorletzten Turnier Mittelasiens Silber in der Disziplin Taekwondo gewonnen. Für ihr relativ frisch zusammengewürfeltes Team wäre das ein großer Sieg gewesen, erzählte uns die Frau. Leider habe es für Gold nicht gereicht, und in Turkmenistan schätze man Silber nicht, nur Gold zähle. Sie habe neun jüngere Geschwister in Turkmenistan, sieben Mädchen und zwei Jungs, und müsse für alle Geld verdienen. In ihrem Vertrag stand, dass sie sechs Monate im Weißbär tanzen musste. Zwei Monate hat sie bereits abgetanzt, fehlten noch vier, bis sie mit dem ertanzten Geld und den anderen Mädchen nach Hause fahren konnte. Sie war nämlich nicht allein im Weißbär gelandet, die halbe Taekwondo-Mannschaft der unabhängigen Republik Turkmenistan tanzte hier.

»Ich betrachte diesen Job als zusätzliche Trainingsmöglichkeit«, sagte die Tänzerin, trank ihren Sekt aus, fummelte ihr Top zurecht und ging zurück an die Stange.

Wir verließen die Striptease-Bar, gingen aber noch nicht nach Hause, sondern in eine Bierbar, wo wir bis halb drei noch etliche Biere leerten und »Städte« spielten, ein altes Wortspiel aus der Dummenschule, in dem der eine Spieler eine Stadt ansagt und der nächste mit einer anderen Stadt parieren muss, deren Name mit dem letzten Buchstaben der vorherigen beginnt. Man darf dabei entweder auf nationaler oder internationaler Ebene spielen. Ich nutzte meine Stellung als ausländischer Gast und trumpfte mit deutschen Ortskenntnissen auf. Immerhin lebe ich seit vielen Jahren in Deutschland und kenne viele Orte mit seltenen Namen. Viele russische Städte dagegen waren inzwischen umbenannt worden, sodass ich nur noch wenige kannte. Als mir keine russischen Städte mehr einfielen, die mit einem »A« begannen, sagte ich »Aachen«.

»Das hast du dir jetzt aber ausgedacht!«, lachten meine Freunde. »Aachen gibt es nicht!«

»Aachen gibt es! Ich schwöre!«, rief ich laut.

Meine Freunde taten so, als würden sie mir glauben. An anderen Stellen hatte ich allerdings im entscheidenden Moment so etwas wie »Vechta« oder »Ludwigsburg« oder »Wilhelmshaven« eingeworfen. Meine Mitspieler vertrauten mir daher immer weniger.

»Das hast du dir jetzt aber bestimmt ausgedacht, sag endlich die Wahrheit!«, drängte der Kalinka-Tänzer. Je glaubwürdiger ich schwor, desto mehr zweifelten meine Freunde. »Auf diese Weise kann doch jeder an jedes Wort hinten ein ›heim‹ oder ›hafen‹ anhängen, und schon hast du eine neue Stadt«, meinten sie misstrauisch.

»So etwas würde ich niemals tun«, versicherte ich, begeisterte mich aber heimlich sofort für diese Idee und sagte aus Spaß »Kaisersberg«, »Wilhelmsheim« und ganz am Ende sogar, völlig erfunden, »Wilhelmshelm«. Das haben sie mir merkwürdigerweise sofort geglaubt.

Ich ging spät zu Bett und träumte, ich wäre auf dem Rückweg nicht in Berlin, sondern durch eine mysteriöse Zugverwechslung in Wilhelmshelm gelandet. Die Bewohner dort waren überwiegend ältere Menschen, die Jungen waren wahrscheinlich alle weggezogen. Ein typisches Schicksal deutscher Kleinstädte, dachte ich. Irgendwie kannten mich dort alle, Rentnerpaare grüßten mich auf der Straße schon von Weitem und lächelten mir freundlich zu. Einige sagten sogar ein paar Begrüßungsworte auf Russisch, und alle fragten mich höflich, wann sie nun endlich ihre Möbel zurückbekommen würden.