Deutsche Ordnung
Beinahe alle Ausländer loben hierzulande, wenn schon nichts anderes, dann zumindest die deutsche Ordnung. Nur die Deutschen selbst bemerken sie nicht (mehr). Das Große sieht man eben am besten aus der Distanz. Man muss weit wegfahren, um diese Ordnung vor Augen geführt zu bekommen. Ich wurde das letzte Mal in Moskau von einer Verkäuferin in einem Spielzeugwarenladen über Deutschland aufgeklärt. Ich war in einer privaten Angelegenheit dorthin gegangen, ich wollte ein kleines Geschenk für meinen Neffen kaufen. Er hatte sich ganz unspektakulär ein Feuerwehrfahrzeug zum Geburtstag gewünscht, ein rotes, versteht sich. Die junge Verkäuferin tackerte mir dieses rote Feuerwehrfahrzeug in buntes Geschenkpapier ein, wobei ihr der Tacker buchstäblich in der Hand auseinanderfiel.
»Verdammter Mist«, schimpfte sie. »Schon der zweite heute. Diese Scheißchinesen!«
Früher, erzählte sie, hatten sie in diesem Geschäft nur Tacker aus Deutschland, aus richtigem Kruppstahl. Die gingen nie kaputt. Man konnte mit ihnen Nägel in die Wand schießen und Mäntel kürzen, man konnte mit ihnen sogar komplizierte Frisuren zurechttackern, diese Geräte waren so sicher und robust wie ein Mercedes. Leider waren die Wundertacker aus Deutschland für die Leitung des Spielzeugladens zu teuer. Außerdem wurden sie angeblich gerne vom Personal für private Zwecke missbraucht, oft sogar mit nach Hause genommen. Deswegen beschloss die Chefetage, auf weniger robuste, aber preiswertere chinesische Geräte umzusteigen. Die Tacker aus Deutschland hatten aber einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen und für große Achtung vor dem Herstellerland gesorgt.
»Die Deutschen machen alles perfekt«, gab die Verkäuferin an. »Sie sind für mich die Besten, die besseren Menschen !«
Ich lächelte verlegen über ihre Worte, schaute an die Decke und verschwieg aus falscher Bescheidenheit, dass ich selbst aus Deutschland war und daher genau wusste, was sie meinte.
»Die Deutschen bauen zum Beispiel diese Porsche«, schwärmte die Verkäuferin weiter. »Jede Schraube, alles per Hand. Und wenn sie fertig sind, messen sie den Porsche noch einmal bis auf den letzten Millimeter aus. Und wenn irgendwo ein Millimeter zu viel oder zu wenig dran ist, schmeißen sie das ganze Auto einfach in die Tonne und bauen ein neues!«
Ich staunte nicht schlecht über die Großzügigkeit von uns Deutschen.
»Auch bei der Post ist da die totale Ordnung angesagt«, fuhr die Verkäuferin fort. »Wenn du in Deutschland einen Brief abschickst, muss dein Adressat dem Briefträger auf einem speziellen Formular unterschreiben, dass er deinen Brief tatsächlich bekommen hat. Der Briefträger darf nicht nach Hause gehen, solange er nicht alle Unterschriften von allen Adressaten eingesammelt hat! Aber das Schärfste an Deutschland ist«, die Verkäuferin machte eine Pause und guckte mich bedeutungsvoll an.
Ich schluckte.
»Das Schärfste an Deutschland ist, wie sie mit Ruhestörern umgehen.«
»Wie ?«, fragte ich interessiert, weil ich ja selbst von Natur aus ein Ruhestörer bin.
»Wenn jemand in Deutschland in seiner Wohnung zu laut wird, ruft sein Nachbar einfach bei der Polizei an, und dem Ruhestörer wird die Strafe automatisch vom Konto abgebucht.«
»Oh !«, atmete ich erleichtert auf.
»Sie haben Blitzer für Fußgänger!«, schrie die Verkäuferin fast. »Wenn du zum falschen Zeitpunkt über die Straße läufst, wirst du geblitzt, und zack, wird dir die Strafe automatisch von deinem Konto abgezogen!«
Ich versuchte mir während dieses Monologs vorzustellen, was der Frau in Deutschland wohl widerfahren war, konnte mir aber keinen Reim darauf machen. Wahrscheinlich hatte sie einfach ein paar lustige Wochen in Deutschland verbracht, musste für ein paar Eilbriefe unterschreiben, ihre Wohnungsnachbarn riefen bei der Polizei an, sie selbst fuhr sehr schnell mit einem Porsche, und so lange, bis er kaputtging, musste sie mehrmals zu Fuß über die Autobahn laufen.
»Alle Fahrzeuge in Deutschland werden von einem Satelliten automatisch überwacht. Wenn sie auch nur eine Sekunde lang zu schnell fahren, werden sie automatisch von dem Satelliten ausgebremst«, erzählte die Verkäuferin weiter. Automatisch schien eines ihrer Lieblingsworte zu sein.
In nachdenklicher Stimmung verließ ich den Laden. Beinahe hätte ich den roten Feuerwehrwagen vergessen, so erstaunt war ich. Deutschland ist schon schön, man weiß es nur einfach nicht. Wäre ich nicht in Moskau in diesen Spielzeugladen gegangen und der chinesische Tacker nicht exakt zur selben Zeit auseinandergebrochen, hätte ich nie erfahren, in was für einem tollen Land ich lebe. Man weiß eigentlich nie zu schätzen, was man hat, und erträumt sich stattdessen immer etwas anderes – was wäre, wenn. Aber das klappt dann nie.