Die Deutschen und die Unordnung

Stefan Zweig hat in seinem letzten Buch Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers zu den Deutschen angemerkt, sie könnten alles ertragen, Kriegsniederlagen, Armut und Not, aber keine Unordnung. Nicht die Kriegsniederlagen, sondern die Inflation habe sie in die Verzweiflung getrieben und hitlerreif gemacht. Wegen der finanziellen Anarchie waren sie bereit, sich mit jedem Teufel zusammenzutun, der ihnen die Wiederherstellung von Ordnung versprach.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Aus Deutschland wurde die BRD, ein freies demokratisches Land mit drei Konsonanten: einem meckernden, einem brüllenden und einem schlürfenden. Alles läuft nach Plan, die Angst vor Unordnung bleibt jedoch der wunde Punkt der Nation. Wenn ein Plan mal nicht funktioniert, ein Zug zu spät kommt oder ein Taxi nicht hält und ein Flugzeug nicht rechtzeitig abhebt, bricht sofort die heile Welt zusammen, und alle Sicherungen knallen durch. Intelligente, höfliche Bürger trampeln ihre Kinder nieder, schmeißen mit Koffern um sich und springen auf die Gleise. In jedem Gebäude Deutschlands hängen an der Wand Evakuierungspläne für den Fall eines Brandes. Das hat einen Grund. Ohne einen solchen Plan wären die Deutschen nicht imstande, ein brennendes Gebäude zu verlassen. Lieber würden sie in Flammen aufgehen, als etwas ohne Plan zu unternehmen. Wenn jemand hier eine Geburtstagsfeier plant, so muss er als Erstes seine Nachbarn davon in Kenntnis setzen, dass es an dem Tag in seiner Wohnung unter Umständen etwas lauter werden könnte. Danach kann er die ganze Nacht durchdonnern, niemand fühlt sich verletzt. Wenn es aber in einer Wohnung ohne Vorwarnung laut wird, drehen die Nachbarn sofort durch. Sie schlagen mit ihren Köpfen gegen die Wand, zünden das Haus an und rufen die Polizei.

Gleich nach der Geburt wird hier die Frage der möglichen künstlichen Beatmung im Alter diskutiert, sowie die in Frage kommenden zukünftigen Pflegestufen, weil ja jedes Kind früher oder später alt sein wird, d.h. wenn alles nach Plan läuft. Um hier alt zu werden, muss es aber sehr viele Formulare ausfüllen, unzählige Versicherungen abschließen und Einverständniserklärungen erteilen. Sobald ein Mensch hierzulande schreiben bzw. unterschreiben kann, wird er jeden Tag seines Lebens ausfüllen und unterschreiben, ausfüllen und unterschreiben, ausfüllen und unterschreiben.

Mein Kind geht aufs Gymnasium, und ich gebe ihm täglich eine unterschriebene Einverständniserklärung mit. »Damit Ihr Kind Benutzer der Bibliothek werden kann«, »Um die Fotos Ihres Kindes in der Wandzeitung abdrucken zu dürfen«, »Um am Schwimmunterricht teilnehmen zu dürfen« – nur zu: Ich unterschreibe alles.

Gestern bestellte ich in einer Eckkneipe ein volkstümliches Gericht, den Strammen Max, ein mit Eiern und Schinken belegtes Brot. »Aber bitte mit einer Scheibe Brot statt zwei«, präzisierte ich.

»Eine Scheibe statt zwei? Wie? Eine statt zwei?« Der Kellner dachte heftig nach, ob und wie es möglich wäre, einen Strammen Max mit einer Scheibe statt mit zweien zu machen. Es ging beim besten Willen nicht, nein, es war »eine gastronomische Sackgasse«. Etwas verstört schaute er mich an. Natürlich zog ich sofort meine Bestellung zurück, der Stramme Max soll so bleiben, wie er immer ist: mit zwei Scheiben Brot und zwei Spiegeleiern drauf.

»Na und«, wird mancher Leser vielleicht sagen, »was ist so schlecht an der Liebe zur Ordnung? Warum soll nicht alles nach Plan laufen?«

Das eigentliche deutsche Drama besteht darin, dass es eben so gut wie nie nach Plan läuft. Das Leben steckt voller Überraschungen. Auch Mutter Natur handelt ungenau, der Wind weht mal von rechts und mal von links, die Sterne sind mal mehr und mal weniger am Himmel zu sehen, und manchmal geht die Sonne später bzw. früher auf als erwartet, trotz der Zeitumstellung. Selbst wenn man jeden Tag zweimal die Straße fegt, bleibt immer irgendwo Müll liegen, irgendwelche Hunde laufen immer ohne Leine herum, und es gibt immer Menschen, die sich auf frisch gestrichene Bänke setzen, weil es ihnen Spaß macht. Es ist zum Verrücktwerden. Um in diesem Chaos zur Ruhe zu kommen, versteckt sich der Deutsche in seinem kleinen Schrebergarten. Dort kann er seine Utopie einer absoluten Ordnung verwirklichen. Dort pflanzt er und schneidet und gießt und pflanzt.