Goldfieber
»Lassen Sie uns über das Leben philosophieren, Herr Kaminer !«, sagte mein Sparkassenberater und bestellte uns erst einmal zwei Bier. Dafür schätze ich den Mann: Wenn wir uns treffen, dann nicht in der Sparkasse zu Keksen und Kaffee, sondern in einer Kneipe mit Raucherecke. Wenn er über seine Finanzprodukte spricht, sagt er jedes Mal: »Allerdings würde ich Ihnen aus persönlicher Erfahrung von dieser Anlagemöglichkeit abraten.«
Das klingt vertrauenswürdig. Mein Sparkassenberater ist eigentlich gar kein Berater, sondern ein Abrater. Er sieht auch anders aus als die meisten seiner Kollegen. Im Normalfall müssen Sparkassenberater doch glatt rasiert und akkurat gekämmt sein, einen weichen Händedruck haben und eine Väterlichkeit gleichzeitig mit einer Prise Mütterlichkeit ausstrahlen, um an das Geld ihrer Kunden zu kommen, es irgendwo in Teufelsaktien anzulegen und dann mal zu sehen, was passiert. Mein Sparkassenberater ist da anders. Er hat einen sehr festen Händedruck und sieht aus wie ein normaler Mensch, also wenig vertrauensvoll. Und er philosophiert gerne.
»Nicht wir stellen die Regeln auf, wir regen uns nur darüber auf«, sagte er das letzte Mal tiefsinnig und zündete sich eine Zigarette an, als ich ihn nach den Auswirkungen der Finanzkrise auf seine Sparkassenfiliale fragte. »Geld war schon immer ein schnell verderbliches Gut, das man am liebsten sofort verbrauchen soll. Geld ist wie Bier. Wenn wir unsere Biere hier stehen lassen«, er zeigte auf unsere Biergläser, die fast leer waren, »wenn wir also diese Biere hier stehen lassen, weggehen und in zwei Wochen wieder zurückkommen würden, was meinen Sie, Herr Kaminer, wird das Bier noch immer auf uns warten?«
»Nein ?«, antwortete ich vorsichtig.
»Es wird ganz sicher nicht mehr da sein!«, unterstützte mich mein Sparkassenberater. »Genauso ist es mit dem Geld«, philosophierte er weiter. »Kaum lässt man es irgendwo anlegen, geht kurz weg und kommt zurück, ist es weg. Natürlich haben wir auch in dieser schwierigen Zeit etliche Angebote parat, aber ich würde Ihnen aus persönlicher Erfahrung nicht zu diesen Angeboten raten. Für die meisten Kunden bleibt nach wie vor das Schließfach die sicherste Form der Geldanlage. Bei uns in der Filiale sind alle belegt, und die meisten werden auf Jahrzehnte vermietet und beinahe täglich betreut.«
Mich erinnerte seine Geschichte sofort an einen Bekannten aus alten Zeiten. Anfang der Neunzigerjahre lernte ich in Berlin einen Mann kennen, der sein gesamtes Vermögen in Goldbarren in einem Schließfach am Bahnhof Lichtenberg deponiert hatte und sehr darunter litt. Er war ein Punk-Musiker, der gegen das Schweinesystem sang. Nach der Wende schloss er im wiedervereinigten Deutschland einen günstigen Plattenvertrag ab und bekam viel Geld. Einerseits war er dank dieses Vertrags mit der Plattenfirma in dem von ihm gehassten Schweinesystem angekommen, andererseits aber nicht ganz. Er konnte trotzdem kein Vertrauen in das kapitalistische Bankwesen entwickeln. Eine bürgerliche Investition kam für ihn nicht in Frage. Nachdem er einen Teil seines Gewinns in Drogen und einen weiteren in ein Wohnmobil – seinen Kindheitstraum – investiert hatte, kaufte er für den Rest des Geldes Goldbarren und deponierte sie am Bahnhof Lichtenberg in einem Schließfach.
Diese kurzsichtige Geldanlage veränderte sein Leben. Ursprünglich hatte er vor, mit seinem Wohnmobil auf Weltreise zu gehen, nun konnte er aber Berlin nicht mehr verlassen: Er musste alle vierundzwanzig Stunden zum Bahnhof Lichtenberg, um neue Münzen in das Schließfach zu werfen. Sein Wohnmobil parkte er neben der Bahnhofshalle, er fuhr damit nirgendwohin. Fünf Jahre später starb er in seinem Wohnmobil unter ungeklärten Umständen. Sein Gold bekam wahrscheinlich zuletzt die Deutsche Bahn und hat dafür später einen tollen neuen Bahnhof gebaut. Eine traurige Geschichte.
Mein Sparkassenberater hörte mir aufmerksam zu, zündete eine neue Zigarette an und sagte, er kenne eine ähnliche Geschichte, die noch trauriger sei. Ich bat ihn, sie mir zu erzählen.
»Oft sind es sehr alte Menschen, die Schließfächer in der Sparkassenfiliale besitzen, sie haben keine Kraft mehr, ihre Fächer auf- bzw. zuzuschließen. Ein sehr alter Mann kam trotzdem jeden Tag sein Schließfach besuchen«, erzählte mein Berater. »Einmal bat er mich, ihm zu helfen, seine Wertschatulle herauszunehmen, er konnte sie selbst nicht mehr herausheben, so schwer war sie. Ich ging mit ihm in den Tresorraum, holte seine Schatulle unter großer Anstrengung heraus – sie war tatsächlich verdammt schwer –, stellte sie auf den Tisch und wollte den Tresorraum wieder verlassen, wie es sich in einer Bank gehört. Doch der Kunde hielt mich am Ärmel zurück.
›Bitte bleiben Sie‹, flüsterte er. ›Machen Sie mir die Freude – ich möchte, dass Sie in meine Schatulle reinschauen. ‹
Er öffnete die Kiste. Sie war mit südafrikanischen Goldmünzen gefüllt, Sie wissen schon, diese Krügerrandmünzen. Ein toller Anblick, so viel Gold. Ich gratulierte ihm zu seinem Gold und wollte erneut gehen. Der Alte ließ mich aber immer noch nicht los.
›Nehmen Sie eine‹, forderte er mich auf, ›bitte, bitte!‹
Was sollte ich machen? Ich nahm eine seiner Münzen in die Hand: Es war eine Schokoladenmünze. Der Kunde hatte sein Schließfach mit Schokolade von Aldi gefüllt, unter die Schokolade eine Stahlplatte gelegt, um das Ganze schwerer zu machen, und freute sich nun fürchterlich über meinen Gesichtsausdruck. Ich war fassungslos und sagte nichts. Seine beiden Söhne kämen ihn nicht einmal besuchen, erzählte er mir. Der eine Sohn unterrichte irgendetwas in England, der andere sei vor langer Zeit mit seiner Freundin nach Stuttgart gezogen. Sie schrieben ihm nicht einmal Postkarten zu Weihnachten, beschwerte er sich. Er wisse überhaupt nicht, ob er Enkelkinder habe. Dafür stelle er sich jede Nacht vor dem Einschlafen vor, wie seine beiden Söhne nach seinem Tod hierherkämen, um ihre Erbschaft anzutreten, die dicke Schatulle aus dem Tresor holten, sie nach oben schleppten und die Aldi-Schokolade darin entdeckten. Allein dieser Gedanke gäbe ihm den Mut weiterzuleben und lasse ihn glücklich einschlafen. Jede Nacht träume er davon, und bestimmt werden seine Söhne noch dämlicher aus der Wäsche gucken, als ich es gerade getan habe.
Ungefähr ein Jahr danach starb der Kunde. Seine Söhne kamen nicht. Der Erbschaftsverwalter untersuchte das Schließfach, entsorgte die Stahlplatte und ließ die Schokolade in der Filiale in einer Ecke liegen. Sie wurde schnell aufgegessen. Niemand hat sich groß über die Schokolade gewundert, am wenigsten der Erbschaftsverwalter, als hätte er genau das erwartet.
Ich kann nicht ausschließen, dass die meisten Schließfächer in Deutschland mit Aldi-Schokolade gefüllt sind«, beendete der Sparkassenberater seine Erzählung. »Allerdings kann ich Ihnen aus persönlicher Erfahrung von dieser Anlagemöglichkeit nur abraten«, fügte er nach einer Pause hinzu.