Kaputter Koch auf Arbeitssuche
Die Deutschen waren nie Nomaden. Es zog sie zwar manchmal in die Ferne, sie träumten zum Beispiel davon, einmal um die Welt zu segeln auf der Suche nach einem besseren Leben, aber für gewöhnlich hielten sie durch und blieben zu Hause. Während Spanier, Engländer und Franzosen ständig ins Ungewisse steuerten, bevorzugten die Deutschen die heimischen Wälder. Tief in ihrem Herzen wussten sie, dass es da draußen in der weiten Welt nichts geben konnte, worauf sie zu Hause nicht guten Gewissens verzichten konnten. Und sowieso lebte es sich in der Heimat wohler. Man konnte hier gut über die Fremden schimpfen, die Ausländer für jeden Schicksalsstreich verantwortlich machen und sich selbst bemitleiden. Draußen in der Fremde konnte man niemanden beschuldigen. Egal was passierte, man war selbst an allem schuld. Insofern wundert es nicht, dass die Deutschen sich auf Dauer für die Sesshaftigkeit entschieden.
Doch nicht alle Deutschen teilten diese Lebenseinstellung, es gab auch ein paar Reiselustige unter ihnen. Zumindest einen gab es sicher. Er reiste unermüdlich um die Welt und sprach mit den Einheimischen überall auf Deutsch, in der festen Überzeugung, jeder würde ihn verstehen. Die Spuren seiner Reisen lassen sich in den entferntesten Ecken der Welt finden, in Gestalt deutscher Wörter, die, einmal ausgesprochen, den Einheimischen so gut gefielen, dass sie diese Begriffe oder sogar ganze Sätze in ihre Sprachen übernahmen. Wer genau dieser mutige Deutsche war, weiß man nicht. Das Institut für Deutsche Sprache hat seine Wortspuren verfolgt, und die deutschen Wörter, die er überall verstreute, gesammelt, markiert, gewaschen, gebügelt und katalogisiert. Nach dem Wortschatz des Reisenden zu urteilen, war der Mann höchstwahrscheinlich ein arbeitsloser Koch auf der Suche nach einer neuen Anstellung. Die meisten Wörter, die er den Fremden überließ, waren nämlich gastronomische Begriffe.
Den Russen schmierte er beispielsweise ein »Butterbrot«. Die Russen, die bis dahin nur Pelmenis gekannt hatten, wunderten sich, wieso sie nicht selbst darauf gekommen waren. Schnell wurde das Butterbrot zu ihrem Lieblingsessen. Nach »Mama« und »Papa« ist »Butterbrot« das dritte Wort, das jedes Kind in Russland lernt. Allerdings ist dem russischen Butterbrot im Laufe der Zeit die Butter vom Brot abhandengekommen und in irgendein dunkles Zeitloch reingerutscht. Heute schmieren die Russen alles Mögliche auf ihre Butterbrote, nur keine Butter.
Den Engländern hat unser Koch »Sauerkraut« serviert, den Japanern »Kirschwassertorte«. Den Spaniern hat er von »Fernweh« erzählt. Dieses Gefühl kannten die Spanier zwar bereits, sie hatten aber nicht gewusst, dass es Fernweh heißt. Seit der Koch es ihnen erzählte, nennen die Spanier ihr Fernweh »Fernweh«. In der westafrikanischen Sprache Wolof hat sich der Begriff »lecker« angesiedelt. Ich wette, das war unser Koch. Auf der Suche nach neuen kulinarischen Erlebnissen probierte er in Westafrika eine Kokosnuss oder eine Banane und sagte »lecker« dazu. Die Westafrikaner wussten natürlich schon vorher, dass ihre Früchte gut schmeckten, nur hatten sie das passende Wort dafür nicht parat. »Lecker, lecker, lecker!«, riefen sie dem Koch zurück und waren ihm sicher für dieses tolle Wort dankbar.
Der Koch fuhr weiter, und überall fragte er um Arbeit nach. Deswegen trifft man am häufigsten und in so vielen Sprachen auf das deutsche Wort »Arbeit« – etwas verzerrt, aber trotzdem noch erkennbar. Die Russen sagen »Rabota«, die Indianer in Costa Rica »Arebait«, und im Japanischen und Koreanischen steht »Arubiato« für Teilzeitarbeit.
Doch unser Koch wurde anscheinend nirgends genommen. Mit der Zeit wurde er alt und krank, litt unter Einsamkeit und beschwerte sich darüber. Auf Suaheli heißen alte und kranke Menschen noch heute »kaputti«. Der Koch kam zurück nach Europa, redete mit den Engländern über »Weltschmerz«, und einem Franzosen erzählte er, er würde am liebsten zu Hause im deutschen Wald sterben. Seitdem haben die Franzosen das Wort »le Waldsterben« in ihrer Sprache. Demselben Franzosen zeigte der Koch das kleine Oberlicht in einem Guckfenster und meinte, dass jeder Mensch ein Zuhause brauche, eines, wo jemand auf ihn warte und das kleine Licht im Guckfenster anmache, damit der Mensch sich in der Dunkelheit nicht verirre, damit er wisse, wo die Tür sei. Der Franzose verstand ihn nicht ganz, war aber von seiner Rede beeindruckt. Seitdem heißt das Oberlicht im Klappfenster auf Französisch »la vasistas«.