Deutscher Frühling

Der Frühling beginnt in Deutschland unauffällig. Die Luft wird etwas wärmer, die Bäume etwas grüner, das Radio klärt die Allergiker über mögliche bevorstehende Gefahren auf, die Menschen sitzen vor den Kneipen, tragen aber trotzdem weiterhin Winterkleidung für alle Fälle, und ehe sie sich von ihren Mänteln befreien, ist der Frühling auch schon wieder vorbei.

Früher in Moskau haben meine Nachbarn zu Beginn des Frühlings immer einen Subbotnik auf dem Hof angekündigt, einen sogenannten freiwilligen Arbeitseinsatz. Ein paar Bewohner unseres Hauses versammelten sich dann mit Harken und Besen draußen auf dem Hof und tratschten stundenlang. Nicht alle Nachbarn verfügten über ausreichend Enthusiasmus, um sich an diesem freiwilligen Arbeitseinsatz zu beteiligen. Jahr für Jahr waren es immer die Gleichen, die sich versammelten, Leute, die sonst nichts zu tun hatten – eine mollige Frau mit großem Hut, eine junge alleinerziehende Mutter, ein komischer Mann mit dicker Brille, ein lebenslänglich Krankgeschriebener aus dem ersten Stock und ein kleiner Alter, der das ganze Jahr über eine halb volle Bierflasche vor dem Bauch hielt.

Ausgerechnet dieses Kollektiv der Freiwilligen trug den Wintermüll auf unserem Hof zu einem Müllberg zusammen. Anschließend zündeten sie ihn vor dem Haus zusammen mit dem Gras an, das den ganzen Winter unter dem Schnee begraben und nun in der Sonne ausgetrocknet war. Das Gras verbrannte sehr schnell und hinterließ große schwarze Brandflächen, die den unvergesslichen Geruch des Frühlings verbreiteten. Das war nicht nur bei uns auf dem Hof so, es brannte überall in Moskau, wenn der Frühling kam. Die halbe Stadt wurde zu einem Lagerfeuerplatz. Die Stadtbewohner versammelten sich um das Feuer, grillten Schwarzbrot, vergruben Kartoffeln unter der glühenden Kohle und freuten sich wie die Kinder über das brennende Gras, den Müll und die Qualmwolken, die den Himmel bedeckten. Sie hätten bestimmt gerne noch mehr abgefackelt – alles, was sie in dem langen Winter an Mehrwert geschaffen hatten und was ihnen sowieso nicht nützte. All das hätten sie gerne verbrannt und das Leben von vorne begonnen. Das war aber leider im entwickelten Sozialismus nicht möglich.

Ich glaube, früher haben Russen im Frühjahr tatsächlich ihr ganzes Hab und Gut abgefackelt, um keine Steuern an den Zaren und keine Gebühren an die Tataren zahlen zu müssen. Aus dem gleichen Grund hat sie auch die fehlende Infrastruktur ihres Landes nie gestört. Sie wussten schon immer: Auf besseren Autobahnen kommt bloß die Finanzkrise angefahren. Hinter den schlechten Straßen fühlten sie sich dagegen für ihre Feinde unerreichbar und vor allen Übeln der Welt gut geschützt. Keine Krise, kein Krieg, kein Steuereintreiber kam hier durch, sie würden in den bodenlosen Pfützen des russischen Frühlings untergehen. So hoffte jedenfalls insgeheim das Volk.

Russen bewegen sich aber auch sowieso nicht gerne. Am liebsten sitzen sie zu Hause in der Küche oder bei der Arbeit oder einfach auf einer Parkbank. Wenn Amerikaner in ihrer Freizeit am liebsten mit dem Fahrrad in den Bergen schwitzen, Österreicher auf einer Skipiste und die Deutschen wandernd im Wald, schwitzt der Russe am liebsten in der Sauna. Dort sitzt er und sitzt und sitzt, und ihm wird nie schlecht. Es bedarf großer Ausdauer und Geduld, um diesen speziellen Saunasport zu betreiben. Einen Amerikaner würde eine solche Sportart wahrscheinlich auf die Palme bringen. Man sitzt einfach so da, quält sich stundenlang, und nichts passiert. Eine grausame ineffektive Zeitverschwendung!, würde der Amerikaner denken. Man lernt nichts, man trainiert nichts, man schwitzt nur sinnlos vor sich hin.

Die Sauna ist ein Ort, der die Neuentwicklung, die Teilung der Menschheit in effiziente und ineffiziente Menschen bildhaft sichtbar macht. Die Ineffizienten gehören der Vergangenheit an, die Effizienten sind aus dem Turbokapitalismus hervorgekommen und stellen nun eine neue Stufe auf der Treppe der menschlichen Entwicklung dar. Sie begreifen das Leben als Arbeitsauftrag und bewältigen ihn möglichst optimal mit Hilfe eines ausgeklügelten Zeitmanagements. Wenn die Ineffizienten früher ihre Lebenszeit für Belanglosigkeiten aller Art verschwendeten, so werden sie heute von den Effizienten gemanagt, damit keine Sekunde dem Feind zufällt, denn jede schlecht gemanagte Sekunde ist ein Trumpf in den Händen der Konkurrenz.

Im Westen werden jährlich jede Menge Bücher zum Thema Zeitmanagement veröffentlicht. In ihnen wird unmissverständlich erklärt, was man tun muss, wie sich bewegen, wie handeln, um seine Lebenszeit maximal zu optimieren, damit nichts für Belanglosigkeiten verschwendet wird. Die Ineffizienten haben viel Freizeit, sie sind immobil, lassen sich in den Kneipen, in den Raucherecken nieder, liegen bei gutem Wetter im Gras und schnarchen mit einem dicken Buch unter dem Kopf oder sitzen auf einer Bank und üben Gitarrespielen. Zu Hause sitzen sie ebenfalls – neben dem Kühlschrank oder vor dem Fernseher. Die Effizienten dagegen sind immer in Bewegung, sie fahren, sie fliegen, sie schwimmen und laufen.

Dementsprechend können die beiden Gruppen nirgends aufeinandertreffen, sie begegnen einander nie. Nur an einem Ort können sich die beiden Entwicklungsstufen direkt in die Augen sehen: Es ist erstaunlicherweise das Stadion. Der Effiziente geht nämlich zum Joggen am liebsten in ein Stadion, um dort im Kreis zu laufen. Auf diese Weise kann er seine Leistung anhand der bewältigten Anzahl von Kreisen und den dabei verbrannten Kalorien optimal ausrechnen. Auch seine Lebenskraft lässt sich im Stadion leicht ausrechnen: Masse mal Geschwindigkeit. Der Ineffiziente wird vom Staat zu gemeinnütziger Arbeit im Stadion verdonnert. Er soll dort das Gras mähen und das Laub vor den Laufbahnen wegfegen, damit die Effizienten nicht aus Versehen ausrutschen.

Die Ineffizienten halten diesen Subbotnik für sauanstrengend, das steht in ihren Gesichtern geschrieben. Außerdem haben sie Angst, von den effizienten Joggern niedergetrampelt zu werden. Als höfliche und geduldige Menschen, die Zeit haben, warten sie daher in sicherer Entfernung von der Laufbahn, bis alle Effizienten vorbeigezogen sind. Erst dann trauen sie sich, die Laufbahn mit ihrem Werkzeug zu überqueren. Sie haben alle Hände voll und gehen mit dem Besen in der einen Hand, dem Eimer in der anderen, der Zigarette in der dritten, dem Bier in der vierten, dem Rucksack in der fünften, dem Feuerzeug, das sie auch als Flaschenöffner geschickt benutzen, in der sechsten und der Hand des Kollegen in der siebten. Sie halten sich in dieser schwierigen Situation aneinander fest. In der Regel schaffen sie es gerade mal bis zur Hälfte, denn die Jogger laufen, wie gesagt, im Kreis und sind schnell wieder da. Die Ineffizienten wissen nicht, was tun. Sie stehen den rennenden Massen von neuen Menschen im Weg und überlegen, ob sie sich zurückziehen oder doch vorwärtswagen sollen? Für alle Fälle bleiben sie auf der Bahn erst einmal stehen, wodurch die Jogger ins Stocken geraten und die ganze Geschichte der menschlichen Entwicklung auf einmal für kurze Zeit stillsteht. Doch schnell klärt sich die Lage. Die Effizienten laufen weiter, die Ineffizienten flüchten sich zu ihrem Werkzeughäuschen und versteinern dort unter dem Dach.

Es sind Menschen, die meinen Moskauer Nachbarn aus der sozialistischen Vergangenheit erstaunlich ähneln, denjenigen, die sich damals mit Beginn des Frühlings zum Subbotnik auf dem Hof versammelten. Ich könnte wetten, es sind dieselben: die mollige Frau mit dem großen Hut, die junge alleinerziehende Mutter, der komische Mann mit der dicken Brille, der lebenslänglich Krankgeschriebene aus dem ersten Stock und der kleine Alte, der das ganze Jahr über eine halb volle Bierflasche vor dem Bauch hält.