Die Känguru-Wettbewerbe

Die Idee aus Regierungskreisen, einige Universitäten in Elite-Universitäten umzubenennen, erinnerte mich an meine eigenen sowjetischen Universitäten. Offiziell durfte meine Heimat keine Eliten haben, unsere Politik war auf Gleichheit und Gleichberechtigung aller Bürger ausgerichtet. Doch in diesem allgemeinen Trend der Gleichstellung fanden sich immer einige, die gleichberechtigter sein wollten als die anderen. Jeder Betrieb, jede Parteizelle, selbst ein Kuhstall hatte seine eigenen »Eliten«, die sich vom Fußvolk deutlich abgrenzten.

Als Elite-Universitäten galten in meiner Heimat die Ausbildungsstätten, die in der hundertseitigen Broschüre mit dem hochphilosophischen Titel »Wohin nach der Schule?« nicht vermerkt waren. Sie wurden trotzdem gefunden. Es galt als sicher, dass die Elite-Jugend ihren Platz an der Sonne auch ohne eine solche Broschüre entdecken und allein durch ihre Intelligenz oder mithilfe ihrer Elite-Eltern den Weg auf den richtigen Campus finden würde. An diesen Universitäten eingeschrieben, mussten sie auch keine Angst haben, in die sowjetische Armee einberufen zu werden. Sie hatten ihre zukünftige Karriere fest im Griff.

Auf meinen Universitäten klappte das nicht. Die Theaterschule beispielsweise, die ich besuchte, konnte mich trotz guter Noten nicht vor der Einberufung in die Armee schützen. Als die Zeit dafür gekommen war, wurde ich feierlich in Begleitung eines Orchesters mit Pauken und Trompeten in einen Bus gesetzt und in einen Wald gefahren, wo sich der zweite Raketenabwehrring des sogenannten Moskauer Verteidigungskreises befand. Dort beobachteten wir Tag und Nacht angestrengt alle tief fliegenden Ziele. Vor allem interessierten unsere Einheit unsichtbare amerikanische Beobachtungsflugzeuge, die nicht auf dem Radar auftauchten. Diese unsichtbaren amerikanischen Flugzeuge jagten wir zwei Jahre lang, ohne jemals eins gesehen zu haben. Das war uns auch klar, denn sie waren ja, wie gesagt, unsichtbar.

Heute bin ich mir unsicher, ob es diese Flugzeuge überhaupt gegeben hat. Vielleicht waren sie nur ein Gerücht? Den Raketenabwehrring gab es aber sicher, deswegen musste es eigentlich auch die unsichtbaren Flugzeuge gegeben haben. Von dieser Annahme wird heute meine Flugangst genährt. Jedes Mal, wenn ich nach Russland fliege, fürchte ich, unsere Maschine könnte mit einem solchen unsichtbaren amerikanischen Flugzeug von damals zusammenstoßen oder mit einem aus der neuen Generation, die noch unsichtbarer als die vorherigen sind.

Meine Universitäten sind mit dem Studieren von Erfundenem und dem Beobachten von Unsichtbarem zur Ende gegangen. Trotzdem oder gerade deswegen zählte ich mich zur Elite des Landes. In Deutschland ist es hingegen viel schwieriger für einen jungen Mann, Eingang in die Elite zu finden. Woher soll er wissen, ob er zur Elite gehört, das sagt einem doch keiner! Mit den Elite-Unis kann die Regierung die Eliten endlich festnageln. Es muss bloß noch etwas klarer definiert werden, ab wann man dazugehört – gleich nach dem Betreten der speziellen Uni oder nach der ersten bzw. letzten Prüfung. Und was ist mit denjenigen, die es sich nach vier bis sechs Semestern anders überlegen ? Dürfen sie sich dann als Halb-Elite bezeichnen?

Weil Deutschland keine normale, sondern eine Leistungsgesellschaft sein möchte und Leistung, ein technischer Begriff, sich am besten in Zahlen ausdrücken lässt, werden bereits in der Schule groß angelegte Mathematik-Wettbewerbe veranstaltet, wodurch jedes Kind eine Nummer, einen Platz in der Gesellschaft zugewiesen bekommt. Mein Sohn Sebastian kam neulich stolz aus seinem Gymnasium nach Hause und meinte, ich solle ihm zum siebenhundertvierunddreißigsten Platz gratulieren, den er bei einem wichtigen Mathe-Wettbewerb gewonnen habe. In diesem sogenannten Känguru-Wettbewerb – einem von vielen – werden wahrscheinlich die zukünftigen Mathe-Eliten ausgesiebt. Ich stotterte etwas über Sebastians Platz. Ich war mir unsicher, ob man ihn als Gewinner oder Verlierer ansehen musste. In meiner Vorstellung lagen die Gewinnerplätze eher im einstelligen Bereich. Natürlich kommt es aber auch darauf an, wie viele Teilnehmer es insgesamt waren. Beim Känguru-Wettbewerb hatten mehrere hunderttausend Schüler mitgemacht, ich glaube so ziemlich alle Schüler, die es in Deutschland gibt. Nun haben sie alle einen Platz an der Sonne und wissen, wo sie stehen.

Die Teilnahme am Wettbewerb war natürlich freiwillig, erzählte mir Sebastian, doch nur ein Verrückter hätte darauf verzichtet. Alle Schüler, die mitgemacht hatten, durften danach sofort nach Hause gehen, auch wenn sie auf ihre Zettel gar keine Lösungen geschrieben hatten. Für diejenigen, die sich keinen freien Tag gewünscht und am Känguru-Wettbewerb nicht teilgenommen hatten, gab es eine extra Stunde Sport zusammen mit älteren Gymnasiasten, d.h. sie mussten sich von größeren Kerlen im Zweifelderspiel mit Bällen bewerfen lassen. Für die Mitmacher gab es dagegen Preise, und das nicht nur für die Gewinner. Der Hauptpreis war ein T-Shirt mit einem Känguru drauf, und Sebastian bekam als Siebenhundertvierunddreißigster eine Packung Gummibärchen. Der Wettbewerb wurde von den Schülern selbst finanziert, erklärte mir Sebastian. Jeder Teilnehmer musste zwei Euro für einen Auszeichnungsfonds zahlen. Bei so vielen Teilnehmern rechnete ich mit dickeren Preisen als Gummibärchen, doch wie jeder Wettbewerb hatte bestimmt auch dieser einen Vorstand und eine Prüfungskommission, alles lebendige Menschen, die sich anders als Kängurus nicht nur von trockenen Pflanzen ernährten.

Es wäre für mich höchst interessant zu verfolgen, wie sich die Schicksale der unterschiedlichen Känguru-Teilnehmer in Zukunft entwickelten: Wo würden die Ersten und wo die Letzten landen? Vor allem aber würde mich interessieren, was mit den wenigen Mutigen geschah, die ihre Teilnahme am Känguru-Wettbewerb verweigert hatten. Man könnte daraus einen neuen wissenschaftlichen Zweig entwickeln: die sogenannte soziale Kängurulogie, die sich mit der Eliten-Bildung in der Gesellschaft beschäftigt. Ich bin aber zu faul dafür, deswegen konzentriere ich mich lieber auf einen einzigen Gewinner dieses Wettbewerbes – auf den Inhaber des ehrenwerten siebenhundertvierunddreißigsten Platzes.