Prinz Charles
Vor einiger Zeit erhielt ich eine Einladung ins Schloss des Bundespräsidenten, um mit dem Prinzen von Wales und der Herzogin von Cornwall zu Mittag zu essen. Das war für mich ein neues Pflaster, bis dahin kannte ich Prinzen nur aus sowjetischen Zeichentrickfilmen, unter denen es viele Märchenverfilmungen gab. Prinzen glichen damals in meiner Phantasie den Weihnachtsmännern, an die ich schon lange nicht mehr glaubte. Mit einem echten Prinzen an einem Tisch zu sitzen, das war für mich wie den echten Weihnachtsmann am Bart zupfen – als wäre ich in einem Zeichentrickfilm gelandet.
Meine Frau war von der Einladung mehr als begeistert. Wie so viele Frauen interessiert sie sich sehr für Prinzen und wollte unbedingt mitkommen. Leider stand auf der Einladung unmissverständlich, der Eingeladene dürfe nur allein zum Essen kommen. Als Adresse war das Schloss Bellevue angegeben und eine dazugehörige Telefonnummer. Ich telefonierte mit dem Schloss und versuchte es zu überreden, meine Frau mit einzuladen, denn eigentlich sei es doch Frauensache, sich mit Prinzen zu unterhalten. Außerdem sei der Prinz genau wie meine Frau ein großer Gartenfan, sie hätten einander viel zu erzählen. Und worüber sollte ich mit dem Prinzen reden? Männer stehen traditionell mehr auf Prinzessinnen, die sie zum Beispiel vor wilden Tieren retten oder sogar vor Drachen schützen.
Das Schloss erklärte mir am Telefon, dass es ein Essen für sechsundzwanzig Personen geben werde, und alle kämen ohne Begleitung, denn wenn sie alle mit Begleitung kämen, wären es nur dreizehn Personen und dazu noch einmal dreizehn Begleitungen. Ich fand diese Rechnung ziemlich spießig, beugte mich aber dem Willen des Gastgebers. Eine ganze Woche gab ich damit an, demnächst mit dem Prinzen essen zu gehen, und musste mir jedes Mal die gleichen Ratschläge und Warnungen anhören.
»Du darfst den Prinzen auf keinen Fall umarmen, du darfst ihm nicht auf die Schulter hauen und ihn nicht ans Herz drücken«, klärte mich meine Frau auf. Das sei laut Etikette nur Mitgliedern des Königshauses erlaubt.
Am verabredeten Tag versprach ich ihr, den Prinzen nicht zu drücken, zog mir den schicksten Anzug an und fuhr mit dem Taxi zum Schloss. Meine Frau ging in den Garten Blumen gießen. Am Schloss vor dem großen Tor wartete eine Menge von Interessierten, die wahrscheinlich zu wenig Zeichentrickfilme in ihrer Kindheit gesehen hatten und nun vom Prinzen träumten. Auch viele Fotografen mit großen Fotoapparaten waren anwesend, sie lauerten im Garten neben dem Teich. Der Prinz war nicht aus Spaß nach Deutschland gekommen, sondern in geschäftlicher Mission. Ihm wurde die sogenannte deutsche Nachhaltigkeitsmedaille verliehen für seine besonders hartnäckige Nachhaltigkeit in Sachen ökologischer Gartenbau. In anderen Lebensbereichen, zum Beispiel in den Beziehungen zu Frauen, hatte der Prinz bisher nicht besonders nachhaltig agiert. Doch was ist schon Nachhaltigkeit? Ein komisches Wort. Eine richtige Nachhaltigkeitsmedaille müsste eigentlich jedes Jahr zur selben Zeit an dieselbe Person verliehen werden, mit abschließendem Essen am selben Tisch mit denselben Speisen und selben Gästen, bis alle vor Altersschwäche unter den Tisch fallen. Nur das wäre in meinen Augen echte Nachhaltigkeit.
Der Prinz hatte sich auf dem Gebiet des ökologischen Gartenbaus große Verdienste erworben. Er liebte die Gartenarbeit nicht weniger als meine Frau und hatte bereits halb England in einen Schrebergarten verwandelt. Als wir in einer deutschen Schrebergartenkolonie eine Parzelle ergattert hatten, hatte meine Frau sogar zur Vorbereitung auf das kommende Gartenjahr ein Gartenbuch von Prinz Charles gelesen. Es war ein lustiges Buch, von Herzen geschrieben. »Eines Tages«, so berichtete der Prinz darin, »haben wir Unkraut entdeckt. Die beste Methode zur Bekämpfung von Unkraut besteht darin, vierzig Tonnen Kies daraufzuschütten.« Wir lachten über diese englischen Methoden. Auf unserem zweihundertvierzehn Quadratmeter großen Schrebergarten konnte man natürlich nicht alle Ratschläge des Prinzen befolgen.
Die Gäste versammelten sich im Vorzimmer. Sie alle hatten entweder etwas mit deutschen Gärten oder mit der deutschen Kultur oder mit beidem, also mit Gartenkultur, zu tun. Der Prinz und die Herzogin betraten als Letzte den Saal und schüttelten allen Anwesenden die Hand. Der Prinz hatte die Hände eines Gärtners. Bei der Begrüßungszeremonie stellten sich die Gäste dem Prinzenpaar vor. Ich hatte Englisch in der Schule und später am Institut gelernt, doch durch das darauffolgende anstrengende Erlernen der deutschen Sprache habe ich mein Englisch erfolgreich vergessen. Außerdem hatte ich Zweifel, dass das sogenannte russische Englisch, das uns an den sowjetischen Schulen beigebracht wurde, mit dem real existierenden englischen Englisch übereinstimmen würde. Ich sammelte die Reste dieser Fremdsprache zusammen und stellte mich als »a nice garden-writer with joke« vor. Der Prinz und die Herzogin nickten verständnisvoll.
Danach aßen wir zusammen marinierten Kabeljau und Lammrücken mit Spargel, zum Dessert gab es Eis. Aus der anregenden Diskussion über ökologischen Gartenbau habe ich mich wegen meiner mangelnden Sprachkenntnisse so weit wie möglich herausgehalten. Ich wollte mich nicht blamieren. Meine Frau saß währenddessen im Garten und wartete, bis es fünfzehn Uhr sein würde. Denn erst ab fünfzehn Uhr darf man bei uns in der Gartenkolonie den Rasen mähen. Sie begoss so lange alle Pflanzen und Bäume.
Nach dem Dessert fuhr der Prinz nach Potsdam, um die dortigen Gärten zu besuchen, und ich fuhr nach Hause und erzählte allen Familienmitgliedern, wie der Prinz und ich uns gegenseitig auf die Schulter geklopft und Witze erzählt hatten. Danach gingen wir in einer kleinen russischen Runde essen – zum Vietnamesen um die Ecke.