Villingen liest Schwenningen vor
Der Bahnhof sah unbewohnt aus, nur zwei Güterzüge standen auf den Gleisen, in einem lag Holz, der andere war leer. Es war also amtlich, ich hatte den falschen Bahnhof erwischt.
»Wie weit ist noch mal der Bahnhof von der Hoteltür aus gesehen?«, hatte ich an der Rezeption des Hotels gefragt – gleich dreimal hintereinander, zur Sicherheit.
»Zweihundert Meter nach rechts«, lautete die Antwort.
Ich hatte mir eine gute Verbindung im Internet ausgesucht, aber das nutzte mir nichts. Ich konnte Villingen-Schwenningen nicht verlassen, denn die Reiseverbindung, die ich im Internet ausgesucht hatte, ging vom Bahnhof Schwenningen, das Hotel befand sich aber neben dem Bahnhof Villingen. Oder umgekehrt. Mir sind diese Ortsteile sowieso ständig durcheinandergegangen. Dabei hatte die Reise so gut angefangen. Im Rahmen eines anspruchsvollen Programms »Villingen liest Schwenningen vor« (oder so ähnlich) landete ich in dieser wunderbar übersichtlichen Stadt, die so selbstverständlich zwischen Feldern und Wäldern liegt, als hätte sie der liebe Gott höchstpersönlich erschaffen, mit allem, was dazugehört: einem Inder, zwei Chinesen, einer Aldi-Filiale, dem Café Wau und der Schwimmhalle »Neckarbad«.
Nach der Lesung geriet ich allerdings beim Essen mit dem Leiter des Kulturamtes aneinander bei der Frage, ob es einen deutschen Rotwein mit »Eiern« gab. Eine Karaffe jagte die nächste. Das Kulturamt pries die badischen Weinerzeugnisse, ich zweifelte an deren Qualität. Und natürlich konnten wir nicht schlafen gehen, bevor diese Frage nicht endgültig geklärt war. Also pendelten wir zwischen Villingen und Schwenningen und kosteten mal hier und mal da. In dem einen Restaurant waren die Kellner zwar patriotisch gestimmt, aber der Wein, den sie servierten, war deutlich nicht maskulin genug, zu dünn und unpersönlich. In dem anderen Restaurant waren die Weine zwar anspruchsvoll, aber die italienische Bedienung stellte sich sofort auf meine Seite und meinte, die Deutschen sollten sich lieber auf Weißweine konzentrieren, statt mit ihren Roten die Welt zum Lachen zu bringen. Unsere letzte Station war ein Weinkeller, der Geheimtipp des Kulturamtsleiters. Der Chef des Ladens, ein Weinwissenschaftler, sollte über unsere Wette entscheiden. Er grübelte ein wenig, stieg sehr tief in seinen Weinkeller und holte einen deutschen Wein, den ich nicht kannte, herauf.
»Ihr müsst ihn nicht austrinken, wenn er euch nicht gefällt. Das mache ich dann selber«, sagte der Weinwissenschaftler, während er die Flasche entkorkte.
Der Wein, ich gebe es zu, hatte »Eier«.
»Es geht momentan nicht um die Sonne«, klärte uns der Weinwissenschaftler auf, »es geht nicht einmal um das Alter der Rebe oder handwerkliches Können. Es geht allein um die Gier der Winzer, wie viele Trauben sie wachsen lassen und wie viele sie wegschneiden. Je weniger Trauben auf einer Rebe reifen, desto dicker, geschmackvoller und teurer wird der Wein.« An dieser Stelle unterbrach er seinen Monolog, stieg noch ein Stück tiefer in den Keller und holte einen galanten maskulinen Franzosen nach oben. »Hier nur ein Beispiel. Ihr müsst ihn nicht austrinken, das mache ich dann schon«, murmelte er. Sein Beispiel war eine Bombe. Aber das nächste Beispiel, ein alter Portugiese, war dermaßen beispielhaft, dass wir vergaßen, in welcher Angelegenheit wir überhaupt hierhergekommen waren. »Ihr müsst ihn nicht austrinken«, sagte der Weinkellerchef jedes Mal zu uns, aber wir hörten ihm nicht zu.
»Und wie kommt es, dass ein Russe sich mit Weinkultur befasst?«, fragten mich die beiden. »Ein Russe muss doch Wodka trinken.«
Ich nickte. Es stimmte schon, die Mehrheit meiner Landsleute bevorzugte starke Getränke, die nicht genossen, sondern gekippt werden mussten. Deswegen fiel es mir schwer, einen Wein auf Russisch zu beschreiben. Das notwendige Vokabular dazu fand sich oft nicht. Gerade vor Kurzem überlegte ich, wie man zum Beispiel »leicht im Abgang« ins Russische übersetzen könnte. Ich rief sogar einige Sprachkenner an, doch trotz intensiven Nachdenkens ist uns nichts dazu eingefallen. Man kann so etwas anscheinend auf Russisch nicht sagen, weil in Russland eben nichts leicht im Abgang ist. Die Flüssigkeiten, die man dort zu sich nimmt, sind in der Regel hart im Eingang und schnell im Ausgang, verzeihen Sie die platte Formulierung. Man muss sich anstrengen, um diese Flüssigkeiten im Magen zu behalten. Merkwürdigerweise finden auch viele Deutsche das Wodkatrinken romantisch.
»Ich habe das letzte Mal in Tula eine Wodkaflasche in Form einer Kalaschnikow bekommen. Eine Hammerflasche ! Ich wollte sie unbedingt nach Villingen-Schwenningen bringen, aber sie ist mir am Flughafen bei der Passkontrolle zerplatzt«, erzählte der Kulturamtsleiter.
»Was haben Sie in Tula gemacht?«, wunderte ich mich und erfuhr, dass Villingen-Schwenningen und Tula Partnerstädte sind. Sie unterstützen einander nach Kräften. Die Deutschen haben zum Beispiel in Tula eine Sparkasse mitgegründet, um den Russen beizubringen, wie man richtig mit Geld umgeht. Sie haben ein Orchester zum Jahrestag des Kriegsendes dort spielen lassen und eine gemeinsame Ausstellung von deutschen und russischen Kunststudenten organisiert, die allerdings wegen allzu frivoler Inhalte in Tula der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht wurde. Jedes Mal, wenn die Stadtväter von Tula nach Villingen-Schwenningen fahren, bringen sie als Geschenk einen Tula-Prjanik mit, einen Riesenlebkuchen, für den die Stadt Tula berühmt ist. Früher konnte eine ganze Familie mit einem einzigen Lebkuchen gut über den Winter kommen, heute beanspruchen die Lebkuchen die Hälfte der Räume des Kulturamtes Villingen-Schwenningen.
Wenn die Deutschen nach Tula fahren, wollen auch sie nicht mit leeren Händen kommen. Sie bringen immer eine Kleinigkeit zum Naschen mit, und das letzte Mal wurde dem Bürgermeister von Tula feierlich ein Karton mit Schwarzwaldschinken überreicht. Der Bürgermeister von Tula bedankte sich, öffnete die Packung und schob jedem seiner Stellvertreter und Mitarbeiter eine Scheibe Schinken in den Mund. Danach holte er die Kalaschnikow-Flasche unter dem Tisch hervor und füllte jedem ein Glas mit dem Zeug, das hart im Abgang ist, oder, wie die Russen sagen, hart, aber fair.