Deutsche Botschaft
In meinem Bekanntenkreis haben viele eine kritische Haltung gegenüber Deutschland. Man hört kaum mal ein gutes Wort über die landestypischen Sitten und Gebräuche. Wie jede wohlhabende Gesellschaft ist Deutschland sehr ängstlich. Überall sieht man Überwachungskameras, Terroristenfahndungsplakate und Verbotsschilder. Jede Gurke wird eingezäunt, registriert und sieht auch noch wie eine Handgranate aus. Besonders groß ist die Angst vor Fremden. Man vermutet hierzulande sofort, dass sie den Deutschen ihre letzten Arbeitsplätze klauen, ihnen die Löhne versauen und was weiß ich welche Schätze wegnehmen.
Wenn deutsche Bürger im nicht so wohlhabenden Ausland heiraten wollen, müssen sie ihrem Staat erst einmal ausführlich Rede und Antwort stehen: Warum sie einen ihrer eigenen Landsleute verschmähen, sich auf dem internationalen Parkett blamieren wollen und fremdheiraten gehen. Sehr oft sträubt sich der Staat gegen diese Absicht und versucht, seine Bürger zur Vernunft und von einer Hochzeit im Ausland abzubringen. Ein guter Freund von mir versucht seit weit über einem Jahr, seine weißrussische Freundin zu heiraten. Die deutsche Botschaft in Minsk hat eigentlich nichts dagegen, sie will nur, dass der Vorgang ordentlich abgewickelt wird. Zuerst musste er die deutsche Botschaft in Minsk über die Reinheit seiner Gefühle aufklären und von der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens überzeugen. Es wurde neben den üblichen Papieren ein Video verlangt, auf dem er mit seiner Liebsten im Arm zu sehen ist, außerdem eine Kopie seiner Telefonrechnungen der letzten sechs Monate, um die häufigen Ferngespräche mit der Frau seines Herzens nachzuweisen, sowie gemeinsame Fotos und Briefe mit Liebeserklärungen. Mein Freund erfüllte gewissenhaft jeden Wunsch der deutschen Botschaft in Minsk, aber die Sache mit der Heirat kam trotzdem nicht voran. Die Braut bekam einfach kein Visum. Die Botschaft wartete ab. Sie wollte prüfen, ob bei meinem Freund vielleicht nach einer gewissen Zeit die Lust am Heiraten auf natürliche Weise erlöschen würde. Nach einem Jahr hatte er noch immer die gleiche Absicht, eine Hartnäckigkeit, die eigentlich einen besseren Zweck verdient hätte. Die Botschaft forderte einen frischen schriftlichen Liebesnachweis, der letzte war inzwischen immerhin ein Jahr alt. War der Bittsteller wirklich noch immer verliebt, oder blieb er nur noch aus Trotz bei seiner Absicht?, wollte die deutsche Botschaft in Minsk wissen. Vielleicht wollte die Frau nicht mehr, vielleicht hatte sie oder er jemand anderen kennengelernt, vielleicht wollten beide statt nach Deutschland nach Weißrussland ziehen, vielleicht, vielleicht.
Mein Freund schrieb fünf Seiten mit der ganzen leidenschaftlichen Geschichte seiner Beziehung voll. Doch diese Liebesbegründung wurde abgelehnt. Die deutsche Botschaft ist nicht dumm und in Liebesangelegenheiten mehr als erfahren. Sie wusste, dass man Liebeserklärungen nicht auf dem Computer tippte. Herzensangelegenheiten schrieb man per Hand, so war es seit Anbeginn der Zeiten quasi Gesetz. Sonst könnte sich ja jeder seine Liebeserklärung aus dem Internet herunterladen, Tolstoi und Maupassant zusammenmischen oder aus irgendwelchen anrüchigen erotischen Romanen besonders markante Abschnitte herauskopieren, daraus einen unwiderstehlichen Liebesbrief basteln und damit seiner Geliebten und der deutschen Botschaft in Minsk literarisch ins Herz bzw. ins Knie schießen. Ich weiß nicht, wie die weißrussische Frau auf diesen computergetippten Brief reagierte, ich bezweifle, dass sie ihn überhaupt gelesen hat. Aber die deutsche Botschaft in Minsk ließ sich, wie gesagt, nicht täuschen. Sie wusste gleich, echte Liebe drückt sich handgeschrieben aus.
Als ich diese Geschichte hörte, dachte ich, was für ein Glück eigentlich, wenn man gleich am Anfang seines Familienlebens jemanden wie die deutsche Botschaft in Minsk hatte. Sie handelte gewissenhafter als jede Schwiegermutter, sie war jemand, der keine voreiligen Entscheidungen traf, der immer an die Zukunft dachte, der wusste, dass in einer Beziehung alles von vornherein zusammenpassen musste, damit sie ordentlich ablief und vor allem von Dauer war. Und wer konnte sich besser um deutsche Beziehungen kümmern als die deutsche Botschaft – die Botschaft eines Landes, das schon immer und weltweit für seine Ordnung berühmt war und ist? Um konsequent zu sein, müsste man alle deutschen Standesämter durch deutsche Botschaften in Minsk ersetzen.