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Pine saß in ihrem runderneuerten Büro und brachte ihren nagelneuen ergonomischen Bürostuhl in die richtige Position. Das gute Stück konnte so ziemlich alles außer fliegen, obwohl es möglicherweise irgendwo einen Knopf gab, mit dem sich auch das bewerkstelligen ließ. Sie strich mit der Hand über den Mahagonischreibtisch und ließ den Blick über den neuen Teppich auf dem edlen Hartholzboden wandern.

Nur die Wand vor ihr war so geblieben, wie sie war: Die Dellen gab es immer noch. Blum hatte sich für deren Erhalt ausgesprochen mit dem Argument, dass sie eine abschreckende Wirkung hätten. Pine sah es genauso.

Auf dem Display des Laptops, der auf dem Schreibtisch stand, war ein Bericht zu sehen, den Pine aufmerksam studiert hatte. Es hatte in den gesamten USA für Aufsehen gesorgt, dass mehrere hochrangige Amtsträger überraschend ihren Rücktritt erklärt hatten, unter anderem einige Generäle aus dem Pentagon, der Direktor der Homeland Security und der Justizminister. Sie hatten unterschiedliche Gründe für ihren Rückzug angegeben, doch in keinem einzigen Fall wurde auch nur angedeutet, dass der Betreffende in eine gescheiterte Verschwörung verwickelt gewesen sei mit dem Ziel, Nordkorea von der Landkarte zu tilgen. Auch mehrere namhafte Berater im Weißen Haus hatten ihren Hut genommen – angeblich, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Und der Präsident hatte völlig überraschend angekündigt, nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren zu wollen. Die Friedensgespräche mit Nordkorea waren wieder aufgenommen worden; diesmal jedoch führten Südkorea und Japan die Verhandlungen.

Selbst in der heutigen turbulenten Zeit waren dies keine alltäglichen Ereignisse. Dobbs hatte von dem brisanten Material auf der DVD offenbar reichlich Gebrauch gemacht. Pine rechnete fast damit, dass er schon bald als neuer Deputy Director des FBI nominiert wurde. Und wenn Dobbs schon mal dabei ist, überlegte sie, könnte er gleich für das Amt des Präsidenten kandidieren.

Ihr Bürotelefon klingelte.

»Ja, Mrs. Blum?«

»Special Agent Pine, da ist ein Gentleman, der Sie sprechen möchte.«

»Worum geht’s?«

»Er kommt aus Washington und möchte Ihnen ein Angebot machen.«

»Schicken Sie ihn herein.«

Die Tür wurde geöffnet, und Blum führte einen klein gewachsenen Mann von Anfang dreißig ins Büro. Sein Auftreten ließ erkennen, dass es ihm nicht an Selbstbewusstsein mangelte. Seine Gesichtszüge waren scharf geschnitten, sein Blick stechend. Er trug einen makellosen blauen Anzug, ein gestärktes schneeweißes Hemd und eine dezente Krawatte; selbst das Einstecktuch saß millimetergenau in der Brusttasche.

Pine erhob sich. »Was kann ich für Sie tun, Mister …?«

»Ich bin Walter Tillman. Ich arbeite für die Regierung in Washington.«

»Das sagen viele, aber leider trifft es nicht immer zu. Haben Sie einen Ausweis dabei?«

Er zückte seine Brieftasche und zeigte ihr einen Ausweis mit Foto.

»Okay, worum geht’s?«

»Ich möchte Sie offiziell einladen, nach Washington zu kommen.«

»Ach? Und wieso?«

»Um mit Leuten zu sprechen, die Sie kennenlernen möchten.«

»Warum?«

Er zuckte zusammen, und sein Gesicht verdüsterte sich. »Diese Leute halten Sie für sehr talentiert. Sie wollen Sie für bestimmte Aufgaben rekrutieren.«

»Ich habe bereits einen Job.«

Tillman schaute sich in dem kleinen Raum um. »Nun ja … nichts für ungut, aber Sie sitzen hier in einem kümmerlichen Büro mitten im Nirgendwo.«

»Keineswegs. Ich sitze hier in meiner FBI-Dienststelle mitten im schönen Arizona, nur einen Steinwurf vom größten Naturwunder der Vereinigten Staaten entfernt.«

»Die Stelle, die ich Ihnen anbiete, wäre für Sie ein gewaltiger Sprung auf der Karriereleiter und deutlich besser bezahlt.«

»Ich bin nicht zum FBI gegangen, um reich zu werden. Und die Karriereleiter interessiert mich einen Dreck.«

»Ich glaube, Sie haben mich nicht richtig verstanden. Es gibt sehr einflussreiche Leute, die auf Sie aufmerksam geworden sind. Und diese Leute bieten Ihnen nun die Chance Ihres Lebens an – in Washington.«

»Ich sagte nein danke. Ist das so schwer zu verstehen?«

Tillman gab sich nun keine Mühe mehr, die höfliche Fassade zu wahren. »Sie halten sich wohl für etwas Besonderes wegen der Nummer, die Sie da abgezogen haben«, schnauzte er.

Pine schaute zu den zwei Dellen in der Wand. Sie hatte nicht wenig Lust, eine dritte hinzuzufügen.

»Passen Sie auf, Walt, ich sage Ihnen jetzt was. Falls irgendwann der Tag kommt, an dem Ihre Bosse in Washington ihren Kram so auf die Reihe kriegen, dass ich damit einverstanden bin, denke ich über Ihr Angebot nach. Aber ich bin nicht so dumm, darauf zu warten. Gibt es sonst noch was?«

»Nein, das war’s. Aber ich …«

»Prima, ich muss nämlich los. Mrs. Blum führt Sie hinaus.«

Als hätte sie gelauscht, öffnete Blum die Tür.

Pine nahm ihre Pistolen aus der Schublade und schob sie in die beiden Holster. Sie griff sich ihre dunkle Jacke von der Stuhllehne, ging wortlos an Tillman vorbei und sagte zu Blum: »Ich bin in zwei Tagen zurück.«

»Gute Reise, Special Agent Pine.«

Pine verließ das Büro.

In der Tiefgarage setzte sie die Sonnenbrille auf, nahm die Abdeckplane vom Mustang und verstaute sie im Kofferraum.

Eine Minute später fuhr sie hinaus in die gleißende Sonne.

Sie hatte eine lange Fahrt vor sich und freute sich auf jede Meile und jede Minute, die sie unterwegs sein würde.

Das alte Gefährt schnurrte gleichmäßig über den Highway, während sie von Arizona aus die südöstliche Ecke von Utah durchquerte, um dann den Colorado River entlangzufahren, ehe sie sich nach Osten wandte und den Bundesstaat Colorado erreichte.

Sie machte nur ein Mal halt, um die Toilette aufzusuchen und im Auto einen Happen zu essen, den Blick zum weiten Sternenhimmel gerichtet.

Bevor sie weiterfuhr, hob sie ihre Wasserflasche und sagte: »Wir sehen uns bald wieder, Sam.«

Pine teilte sich die Zeit so ein, dass sie zehn Minuten vor Mitternacht im ADX Florence eintraf. Sie stieg aus, streifte ihre Jacke über und steckte sich die FBI-Dienstmarke an den Gürtel.

Nachdem sie die Sicherheitskontrollen hinter sich gelassen hatte, wurde sie durch denselben Gang wie damals geführt und betrat eine Minute vor Mitternacht das Besuchszimmer.

Sie setzte sich auf denselben Stuhl wie beim letzten Mal und schaute durch dieselbe Trennscheibe, während sie auf ihn wartete.

Und wie beim letzten Mal wurde Daniel James Tor von einem halben Dutzend Wärtern hereingeführt.

Die Wärter ketteten ihn an und gingen hinaus, um vor der Tür zu warten.

Tor ließ den Kopf zur Seite sinken, sodass die Halswirbel knackten, legte seine riesigen, mit Handschellen gefesselten Pranken vor sich auf den Tisch und musterte Pine interessiert.

Er muss neugierig sein, ging es ihr durch den Kopf, sonst hätte er sich kaum bereitgefunden, mich wiederzusehen.

Sie griff in die Tasche, zog das Foto heraus.

Betrachtete es einen Moment lang.

Mercys Gesicht schaute ihr entgegen.

Pine drückte das Bild an die Glasscheibe, sodass Mercys Gesicht nun dem Killer zugewandt war.

Sie hatte nur eine Frage.

»Wo ist meine Schwester?«