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Wann hatte sie zum letzten Mal richtig gut geschlafen?
Hatte sie das je gekonnt?
Pine drehte sich um, schaute auf ihr Handy.
Neun Uhr früh.
Draußen hörte sie Leute aus anderen Wohnungen über den Flur gehen. Das Summen des Aufzugs. Die Geräusche der Autos unten auf der Straße. Das Rattern einer Eisenbahn in der Ferne.
Die typischen Geräusche des Alltags. Nichts, das ihren Schlaf stören sollte. Die Vorhänge waren zugezogen, damit kein Sonnenlicht ins Zimmer dringen konnte.
Atlee Pine war fix und fertig.
Und doch lag sie wach.
Irgendwann stand sie auf, schlurfte zur Kommode und nahm ihre Ausweispapiere zur Hand.
Hinter ihrer ID-Karte bewahrte sie ihren kostbarsten Besitz auf. Etwas, das ihr noch mehr bedeutete als ihre FBI-Dienstmarke, die das Zweitwichtigste für sie war.
Sie zog das alte Foto heraus, hielt es in der Hand. Es war klein – so wie das, was darauf abgebildet war.
Es war ein Foto von ihr und Mercy. Das einzige Foto von ihnen beiden, an das Pine sich erinnern konnte. Nur drei Tage vor Mercys Verschwinden aufgenommen. Mit einer dieser Polaroid-Sofortbildkameras, die damals sehr beliebt gewesen waren.
Pine konnte sich noch gut an diesen Moment erinnern.
Sie und Mercy hatten ihre Mutter zu dem Einkaufszentrum unweit ihres Hauses begleitet. Mom hatte ihnen Eis gekauft und sie auf eine raue Bank gesetzt, während sie selbst mit zwei Freundinnen schwatzte, eine Zigarette zwischen den Fingern.
Irgendwann hatte eine der Freundinnen ihre Kamera hervorgeholt und ein Kleid im Schaufenster fotografiert, das ihr gefiel. Es sei ihr zu teuer, hatte die kleine Atlee sie sagen gehört, aber sie würde sich den Stoff besorgen und sich selbst ein Kleid nach diesem Schnitt nähen. Danach hatte Mom die Freundin gebeten, ihr kurz die Kamera zu leihen, damit sie ihre beiden Mädchen knipsen konnte. Die Pines hatten keinen eigenen Fotoapparat besessen, sodass sehr wahrscheinlich kein anderes Foto der beiden Schwestern existierte.
Pines Mutter war oft bekifft gewesen, hatte aber durchaus ihre guten Momente gehabt. Pine zweifelte nicht daran, dass sie ihre Töchter geliebt hatte, wenn auch auf ihre eigene, etwas verdrehte Weise. Nur hatte sie leider die meiste Zeit nicht gewusst, was sie mit ihren beiden Mädchen anfangen sollte. Als sie die Zwillinge bekommen hatte, war sie neunzehn gewesen und selbst mehr Kind als erwachsen.
Sie hatte das Foto geknipst, und die Sofortbildkamera hatte es ausgespuckt. Moms Freundin hatte den Mädchen dann gezeigt, wie sie das Foto vorsichtig an den Rändern halten mussten, während ihr Bild auf wundersame Weise auf dem Papier erschien. Mom hatte noch am selben Tag einen billigen Holzrahmen gekauft und das Bild im Kinderzimmer aufgestellt. Es war da gewesen, als der Eindringling hereinkam und Mercy mitnahm. Als stiller Zeuge eines abscheulichen Verbrechens.
Pine strich mit dem Finger sanft über die Haare ihrer Schwester auf dem Foto. Sie beide hatten die gleiche Haarfarbe und Frisur gehabt. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Atlee glatte Haare hatte, während Mercys Haare leicht gelockt gewesen waren.
Wie bei einem Engel. Irgendwie symbolisch.
Pine hatte sich oft gefragt, wie Mercy wohl heute als erwachsene Frau wäre. Bestimmt wäre aus dem gutherzigen kleinen Mädchen eine Frau voller Güte und Nächstenliebe geworden. Mercy hätte sicher einen Beruf gewählt, in dem sie Menschen helfen konnte, die auf Hilfe angewiesen waren.
Ja, das wäre ihre Bestimmung gewesen.
Atlee war die Draufgängerin gewesen, Mercy der Engel.
Der Engel war verschwunden.
Und aus der Draufgängerin war ein Cop geworden.
Das Leben schrieb oft seltsame Geschichten.
Sie zog die Vorhänge auf, öffnete die Balkontür und trat hinaus auf den kleinen Balkon, der den Blick auf eine der seltenen Grünflächen in der Betonwüste gewährte.
Die Luft war kühl und klar, der Himmel wolkenlos. Von der Wärme der Vormittagssonne war noch nichts zu spüren, weil der Balkon nach Westen lag.
Es sah nach einem sonnigen Tag in der Gegend um Washington aus.
Und sie, Pine, hatte in der vergangenen Nacht eine Leiche beiseitegeschafft.
Mit diesem Gedanken ging sie zurück ins Schlafzimmer und checkte die Nachrichten-App auf ihrem Handy.
Nichts.
Sie machte den Fernseher an und zappte sich durch die lokalen Nachrichtenkanäle.
Simon Russell hatte recht gehabt. Die Friedensgespräche mit Nordkorea waren offiziell gescheitert, wie ein ernst dreinblickender Moderator berichtete.
Wie konnte Russell davon wissen?, fragte sich Pine. Von den Chinesen?
Im Fernsehen wurde über einen Brand in einer Schule berichtet, anschließend über eine Schießerei und schließlich über einen Lehrer, der mit einer Schülerin Sex gehabt hatte. Doch mit keinem Wort wurde erwähnt, dass in einem alten, abgelegenen Haus eine Leiche gefunden worden war. Auch nicht, dass die Polizei einen Hinweis erhalten und die Anruferin sogar eine Beschreibung des Täters gegeben hatte. Offenbar erachtete man diesen Vorfall als nicht wichtig genug, um in den Frühnachrichten darüber zu berichten. Oder die Polizei hielt die Informationen aus irgendeinem Grund zurück. Vielleicht hatten die Cops eine entsprechende Anweisung von höherer Stelle bekommen.
Pine legte das Foto weg und schlief noch ein paar Stunden unruhig, bis sie es schließlich aufgab. Sie duschte zwanzig Minuten lang, ließ das heiße Wasser auf ihre Haut prasseln in dem vergeblichen Versuch, die Erinnerung an letzte Nacht auszulöschen.
In frischer Kleidung verließ sie ihr Zimmer und steckte die schmutzigen Sachen, denen noch der Geruch von Simon Russells gewaltsamem Tod anhaftete, in die Waschmaschine.
»Ich hab einen kleinen Lunch zubereitet«, sagte Blum und kam mit einer Tasse in der Hand aus der Küche. »Und frischen Kaffee, falls Sie möchten.«
»Gern, danke. Mein Mund fühlt sich schon viel besser an.«
»Ihr ganzes Gesicht sieht besser aus. Die heilende Wirkung von Eis, Schmerzmittel und ein bisschen Schlaf.«
Sie aßen Sandwiches und tranken Kaffee in dem kleinen, an die Küche angrenzenden Essbereich. Durch das Fenster sah man auf die Straße hinaus, die um diese Tageszeit schon sehr belebt war.
»Ich habe den Eindruck«, meinte Blum nach einem Blick nach draußen, »da sind mehr Leute unterwegs, als Shattered Rock Einwohner hat.«
»Bestimmt«, pflichtete Pine ihr bei, schluckte den letzten Bissen ihres Sandwichs und nahm sich ein paar Kartoffelchips vom Teller.
»Ich hatte ganz vergessen, wie dicht besiedelt die Ostküste ist.«
Pine nickte. »Einer der Gründe, weshalb ich weggegangen bin. Zu viele Leute.«
»Und zu viele Bürokraten, die einem sagen wollen, wie man seinen Job zu machen hat, stimmt’s?«
»Das auch.«
Pine räumte den Tisch ab und stellte das Geschirr in die Spülmaschine. Als sie ins Esszimmer zurückkam, hatte Blum den Computer hochgefahren.
»Ich habe diese Society for Good gegoogelt, als Sie geschlafen haben. Interessanter Stoff. Die haben zwar keine tolle Website, aber ich hab mir einige ihrer TED-Talks angehört. Ziemlich beeindruckend.«
»Gibt es eine Liste der Mitglieder?«
»Ich konnte keine finden. Aber sie haben ein Büro in der H Street.«
»Das hatte Russell mir auch gesagt.«
»Und? Gehen Sie hin?«
»Das habe ich vor.«
»Ich würde gern mitkommen.«
Pine zögerte.
»Fürchten Sie etwa, dass am helllichten Tag ein paar Ninja-Kämpfer über uns herfallen? Egal, ich bin trotzdem dabei. Nur würde ich in diesem Fall gern meine Pistole mitnehmen.«
Pine war für einen Moment sprachlos. »Sie haben eine Pistole?«
Statt einer Antwort öffnete Blum ihre Handtasche und zog eine handliche Schusswaffe heraus.
Pine schaute sie sich genauer an. »Ein Colt Mustang.«
»Ja. Mit Patronen vom Kaliber .380 ACP.«
»Das ist eine brauchbare Zweitwaffe, aber ihre Durchschlagskraft haut mich nicht vom Hocker.«
»Dafür ist sie kompakt, leicht und auf kurze Distanz verdammt präzise.«
»Ich wusste gar nicht, dass Sie so viel von Waffen verstehen.«
»Ich komme aus Arizona. Bei uns liegt das in den Genen. Angeblich wurde ich mit einem vernickelten, juwelenbesetzten Derringer in meinem süßen kleinen Fäustchen geboren.«
»Aber der Colt hat nur sechs Schuss.«
»Wenn ich mehr als sechs Kugeln brauche, um einen Job zu erledigen, bin ich in der Branche fehl am Platz.«
Pine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie gemeinsam das Haus verließen.