19

»Ihre Familie ist in einem Safe House des FBI in Maryland«, teilte Pine ihm mit, als sie am nächsten Morgen in der Küche beim Kaffee saßen.

»Wie haben Sie denen die Sache erklärt?«

»Sie meinen, wie ich denen erklärt habe, wie Sie in die Sache verwickelt sind?«

»Ja … ja, das habe ich gemeint.«

»Ich weiß, wie man solche Dinge regelt, Ed. Jetzt können Sie erst einmal ein bisschen freier atmen.«

»Wie geht es jetzt weiter?«

»Als Erstes müssen wir Ihren Bruder finden.«

»Und wie?«

»Sie haben seine Kontaktdaten?«

»Ja, aber ich habe ihm schon ein Dutzend Nachrichten hinterlassen. Er meldet sich einfach nicht.«

»Vielleicht sollten wir die Nachricht ein bisschen anders formulieren.«

Priest schaute sie verdutzt an. »Wie meinen Sie das?«

»Rufen Sie ihn an. Sobald sich die Mailbox einschaltet, sagen Sie, Ihre Familie wird bedroht, und die Erpresser wollen, dass Sie eine FBI-Agentin ermorden. Sie wissen nicht mehr weiter und brauchen dringend seine Hilfe, andernfalls sehen Sie keine andere Möglichkeit mehr, als die Pistole zu nehmen und abzudrücken. Sagen Sie ihm, wenn er in der nächsten halben Stunde nicht zurückruft, werden Sie es tun.«

Priest starrte sie ungläubig an. »Das meinen Sie doch nicht ernst, oder?«

»Ich meine es sogar todernst. Und wenn Sie nicht auf der Stelle tun, was ich sage, nehme ich Sie wegen versuchten Mordes fest.«

»Ich dachte, Sie wollen mir helfen.«

Pine schüttelte den Kopf. »Das habe ich nie gesagt. Mein Job ist, die Wahrheit zu finden. Dabei kann ich auf nichts und niemand Rücksicht nehmen, auch nicht auf Sie und Ihren Bruder.«

Priest schloss die Augen, rieb sich über die Stirn und bedeckte mit zitternden Händen sein Gesicht.

Pine zog seine Hände weg. »Sie müssen handeln, Ed. Sie dürfen sich jetzt nicht verstecken. Nehmen Sie Ihr Handy und rufen Sie ihn an.«

Priest tippte die Nummer ein.

»Schalten Sie auf Freisprechen.«

»Vertrauen Sie mir nicht?«

»Muss ich wirklich darauf antworten? Sie sind hergekommen, um mir eine Kugel in den Kopf zu jagen.«

Priest schaltete auf Lautsprecher, um Pine mithören zu lassen.

Eine Stimme meldete sich. »Hier spricht Ben. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht, ich rufe so bald wie möglich zurück.«

Pine nickte ihm aufmunternd zu. Priest formulierte seine Nachricht fast im selben Wortlaut, wie sie es ihm nahegelegt hatte.

»Was jetzt?«, fragte er dann.

»Jetzt warten wir eine halbe Stunde.«

»Und wenn er nicht zurückruft?«

»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie festzunehmen.«

Priest runzelte die Stirn. »Wenn Sie mir einen Mordversuch vorwerfen, steht Ihre Aussage gegen meine.«

Pine zog ihr Handy hervor und drückte ein paar Tasten.

Priests Stimme erklang. Er erklärte in allen Details, warum er in den Westen gekommen war, um Pine zu töten.

»Sie haben alles aufgenommen!«, stieß Priest hervor.

»Natürlich. Das hier ist kein Spiel. Wenn Sie überleben wollen, müssen Sie schon eine Schippe drauflegen.«

»Ich habe es mir nicht ausgesucht, in diese Scheiße reingezogen zu werden!«

»Geben Sie nicht mir die Schuld, sondern Ihrem Bruder. Falls er zurückruft, vereinbaren Sie ein Treffen mit ihm. Ich werde Sie begleiten.«

»Aber wir haben keine Ahnung, wo er ist.«

»Deshalb warten wir ja, dass er es uns verrät.«

Pine lehnte sich zurück. Priest wirkte extrem angespannt, doch auch er schwieg.

Achtundzwanzig Minuten später klingelte sein Handy.

Er schaute Pine an – sie nickte.

»Schalten Sie nicht auf Freisprechen«, sagte sie. »Er könnte sonst misstrauisch werden.«

»Was soll ich sagen?«

»Sie sind ratlos und verwirrt und wollen endlich wissen, was los ist.«

Priest meldete sich und hielt das Handy ans Ohr, während Pine sich zu ihm beugte, um mithören zu können.

»Hallo?«

»Eddie?«

»Ben!«, platzte Priest heraus. »Verdammt, wo steckst du? In was bin ich da reingeschlittert? Das ist der reinste Albtraum! Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«

»Beruhige dich, großer Bruder. Das renkt sich alles wieder ein. Aber bitte sag mir, dass du nicht wirklich eine FBI-Agentin erschossen hast.«

»Noch nicht. Aber es geht um Mary und die Kinder.«

»Denen passiert schon nichts.«

»Woher willst du das wissen? Hör zu, ich …«

Pine tippte Priest auf den Arm und legte einen Finger an die Lippen. »Lassen Sie ihn reden«, flüsterte sie ihm kaum hörbar zu.

Priest verstummte. Sofort begann sein Bruder zu sprechen. »Du hättest nie in die Sache reingezogen werden sollen, Eddie. Tut mir wirklich leid. Das Ganze ist aus dem Ruder gelaufen.«

»Was? Worum geht es überhaupt?«

»Darüber kann ich nicht sprechen, nicht am Telefon.«

Pine tippte Priest erneut auf die Schulter, deutete auf ihn, dann auf das Handy.

»Dann müssen wir uns treffen«, verlangte Priest. »Ich will endlich wissen, was da vor sich geht.«

»Wo bist du jetzt?«

»In Arizona, nicht weit vom Grand Canyon, wo du angeblich verschwunden bist. Deswegen bin ich ja hergekommen. Wo steckst du?«

»Gar nicht so weit weg.«

»Wo treffen wir uns?«

»Es gibt da ein Hotel am Grand Canyon. Am South Rim, um genau zu sein. Es heißt El Tovar.«

Pine schaute zu Priest und nickte.

»Okay, das werde ich schon finden.«

»Wir können uns zum Abendessen treffen. Du kannst unter deinem Namen einen Tisch reservieren. Aber nicht zu früh. Sagen wir, neun Uhr. Und noch etwas. Ich werde ein bisschen anders aussehen.«

»Wie meinst du das?«

»Ich komme verkleidet.«

»Oh, okay.«

»Weiß jemand, dass du hier bist?«

»Nein, ich hab’s niemandem gesagt.«

»Also neun Uhr im El Tovar. Dann erkläre ich dir so viel ich kann.«

Bevor Ed Priest noch etwas sagen konnte, war die Verbindung getrennt.

Er legte das Handy weg. Als hätte er die ganze Zeit den Atem angehalten, ließ er die Luft entweichen und sank auf seinem Stuhl nach hinten.

Pine stand auf und schenkte ihnen beiden Kaffee ein.

»Können wir bis heute Abend gar nichts tun?«, fragte Priest.

»Sie nicht. Ich schon.«

»Und ich warte so lange hier?«

»Genau, aber nicht allein. Ich lasse einen Freund herkommen.«

»Aber … wieso? Um aufzupassen, dass ich nicht abhaue?«

»So kann man es auch sehen. Er ist ehemaliger Cop. Ein Ranger der Hopi-Polizei. Wie Sie vielleicht wissen, ist der Stamm der Hopi bekannt für seinen respektvollen Umgang mit der Erde und seine friedliche Einstellung. Aber wenn Sie irgendwelche Dummheiten machen, tritt er Ihnen in den Arsch, dass Sie nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.«

»Nett von Ihnen«, brummte Priest.

»So bin ich nun mal.«