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Sämtliche Flüge Washington-Moskau starteten am Dulles International Airport. An diesem Abend flogen noch zwei Maschinen zur russischen Hauptstadt, ein Jet der Lufthansa und einer der Turkish Airlines.
Pine überwachte das Lufthansa-Gate, während Blum sich im Abflugbereich des Turkish-Airlines-Fliegers umschaute. Pine hatte versucht, allein mithilfe ihrer Dienstmarke die Kontrolle der Transportsicherheitsbehörde zu passieren, doch die Beamten hatten ihren und Blums Ausweis verlangt.
Als sie das Flughafengebäude durchquerten, sagte Pine: »Ich fürchte, wir haben uns vorhin am Schalter verraten. Sobald eine von uns irgendwas Auffälliges bemerkt, schicken wir uns eine kurze SMS, okay?«
»Geht klar«, sagte Blum.
Der Lufthansa-Flug ging um halb elf Uhr abends, die türkische Maschine um Punkt elf. Pine vermutete, dass Fabrikant die Lufthansa-Verbindung wählte, weil sie nur einen kurzen Zwischenstopp in München mit sich brachte, von wo ein Anschlussflug nach Domodedowo bei Moskau ging. Die Verbindung der Turkish Airlines dauerte Stunden länger, obwohl die letzte Etappe am Flughafen Wnukowo endete, der näher an Moskau lag als Domodedowo.
Pine schaute auf die Uhr, ehe sie den Blick über die im Abflugbereich wartenden Fluggäste schweifen ließ. Sie hatte sich mit einer Baseballmütze und einer Lesebrille getarnt, die sie im Flughafenshop gekauft hatte. Blum hatte ihr Aussehen auf die gleiche Weise verändert.
Während Pine die Menge im Auge behielt, tat sie so, als würde sie in einem Buch lesen, das sie ebenfalls im Shop erstanden hatte. Eine Minute später lächelte Pine. Sie hatte richtig geraten, denn Oscar Fabrikant durchquerte die Flughafenhalle, einen Seesack in der einen Hand, eine Aktentasche in der anderen.
Pine schickte Blum eine kurze Nachricht, nahm die Brille ab, stand auf und näherte sich Fabrikant. Im Gehen zog sie ihr Handy und die Karte hervor, die er ihr gegeben hatte, und wählte seine Mobilfunknummer.
Aus einiger Entfernung beobachtete sie, wie er in seinen Taschen kramte, das Handy hervorholte und aufs Display schaute.
»Ich schlage vor, wir reden direkt miteinander, statt zu telefonieren«, sagte sie und trat auf ihn zu.
Fabrikant zuckte zusammen, als er Pine vor sich stehen sah. Er steckte das Handy weg.
»So ein Zufall«, sagte Pine. »Oder hat es einen bestimmten Grund, dass Sie so plötzlich wegmüssen?«
Fabrikant drehte sich um und strebte eilig von ihr weg, bis er Blum von der anderen Seite kommen sah.
Er blieb stehen, und seine Schultern sanken herab.
Mit ein paar schnellen Schritten war Pine bei ihm, fasste ihn an der Schulter und drehte ihn zu sich um.
»Würden Sie mir bitte erklären, was Sie in Moskau zu tun haben?«
Wieder schaute er sich um, als Blum zu ihnen trat.
»Tut mir leid, ich hab’s eilig«, sagte er steif. »Vielleicht kann ich ein paar Minuten erübrigen, wenn ich von der Reise zurück bin.«
Pine zückte ihre Dienstmarke. »Sie gehen nirgendwohin. Sie sind festgenommen.«
»Festgenommen? Wieso? Nach Russland zu reisen ist kein Gesetzesverstoß. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …«
Er drängte sich an Pine vorbei.
Sie fasste ihn an der Schulter und hielt ihn zurück. »Warum fliegen Sie nach Moskau?«
»Geschäfte. Private Geschäfte.« Fabrikant versuchte, Pines Hand von seiner Schulter zu ziehen, doch es gelang ihm nicht. »Lassen Sie mich los!«, rief er ungehalten. »Oder muss ich die Polizei rufen?«
»Tun Sie sich keinen Zwang an. Ich halte es allerdings für besser, wenn wir die Sache hier besprechen, in aller Ruhe, ganz unter uns.«
»Ich habe Ihnen nichts zu sagen. Und ich will meine Maschine nicht verpassen.«
»Okay, rufen Sie die Polizei. Dann kann ich den Kollegen erzählen, dass die Society for Good in Wahrheit eine Organisation ist, die Spionage betreibt.«
»Das ist doch absurd!«
»Wirklich? Sie erhalten Spenden von Quellen, die Sie nicht offenlegen. Ihre Leute reisen um die ganze Welt und sammeln Informationen. Ach ja – und eines Ihrer Mitglieder ist in eine Verschwörung verwickelt mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen. Und jetzt ist der Mann spurlos verschwunden. Und kaum habe ich Ihnen das alles erzählt, müssen Sie dringend nach Moskau. Okay, rufen wir die Cops. Sie werden denen bestimmt alles erklären können, bevor Sie in Ihre Maschine steigen, um sich mit dem russischen Präsidenten zu treffen.«
Je länger Pine sprach, desto kleiner schien Fabrikant zu werden.
»Schon gut, reden wir. Wo?«, fragte er schließlich.
»Da drüben ist eine Bar. Ich könnte einen Drink vertragen.«
Sie setzten sich so weit wie möglich von den anderen Gästen weg. Eine Kellnerin kam an den Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Pine entschied sich für ein Bier, Blum für eine Coke, Fabrikant für ein Glas Merlot.
»Also, warum Moskau?«, fragte Pine. »Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Sie sich spontan zu dieser Reise entschlossen haben und dass mein Besuch der Grund dafür war.«
»Ich glaube nicht, dass ich Ihnen eine Erklärung schulde.«
»Fangen Sie jetzt wieder damit an? Ich könnte Sie allein schon wegen des Verdachts auf sträfliche Dummheit festnehmen.«
»Ich habe zwei Abschlüsse von Eliteunis!«, stieß Fabrikant hervor.
»Dann benehmen Sie sich auch so«, warf Blum ein. »Wir haben nicht viel Zeit.«
Ihre Drinks kamen. Nachdem die Kellnerin gegangen war, wischte Fabrikant sich nervös übers Gesicht. »Also schön, es stimmt. Als Sie vorhin bei mir waren, haben Sie ein paar Dinge gesagt, die mich bewogen haben, in die russische Hauptstadt zu fliegen.«
»Was genau?«
»Vor allem, dass Russen in Bens Haus eingedrungen waren. Und da ist noch etwas.« Er verstummte, tippte mit den Fingern auf den Tisch.
»Oscar, wir warten«, drängte Pine.
»David Roth.«
»Wer?«
»Der Mann, den Sie mir auf Ihrem Handy gezeigt haben. Der unter Bens Namen im Westen unterwegs war. Ich kenne ihn. Er heißt David Roth.«
»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« Pine konnte es kaum fassen.
»Weil ich erst darüber nachdenken wollte. Genau deshalb fliege ich ja nach Russland.«
»Warum? Ist Roth Russe?«
»Nein, aber er kennt das Land sehr gut.«
»Woher kennen Sie ihn?«
»Er ist in gewissen Kreisen als Experte bekannt.«
»In welchen Kreisen?«
Fabrikant richtete sich auf und schaute ihr in die Augen. »David Roth ist einer der renommiertesten Waffeninspektoren, ein Experte für Massenvernichtungswaffen.«
Pine wechselte einen raschen Blick mit Blum. »Heißt das, Roth inspiziert Massenvernichtungswaffen?«, fragte sie dann.
»Ja. Er ist einer der Besten auf diesem Gebiet. Schon sein Vater war maßgeblich an den Inspektionen im Rahmen der START-1-Abrüstungsverträge beteiligt, die unser Land Anfang der Neunzigerjahre mit der Sowjetunion geschlossen hat. Beide Seiten haben sich damals bereit erklärt, ihr Atomwaffenarsenal zu verringern, was entsprechende Inspektionen erforderlich machte. Wenig später ist der Ostblock auseinandergefallen, aber der Abrüstungsprozess wurde fortgesetzt. Und David trat schließlich in die Fußstapfen seines Vaters.«
»Aber warum reitet ein Experte für Massenvernichtungswaffen auf einem Muli in den Grand Canyon?«
»Ich habe keinen blassen Schimmer. Trotzdem muss ich gestehen, es ist besorgniserregend.«
»Mann, das ist die Untertreibung des Jahres. Ich habe Ihnen doch erzählt, dass Simon Russell von möglichen Putschplänen gegen unsere Regierung gesprochen hat. Demnach gibt es gewisse Kreise hier in den USA, die einen Umsturz anstreben.«
»Woher wollen Sie wissen, dass nicht auch gewisse Kreise außerhalb der USA daran beteiligt sind?«
Pine, die gerade einen Schluck Bier nehmen wollte, ließ die Flasche sinken. »Sprechen Sie weiter.«
Fabrikant blickte sich kurz um; dann sagte er mit gedämpfter Stimme: »Die Russen haben schon versucht, die letzte Präsidentschaftswahl zu beeinflussen, indem sie in den sozialen Netzwerken Fehlinformationen verbreiteten.«
»Das ist kein Geheimnis.«
»Ja, aber möglicherweise war das nur ein erster Schritt.«
Pine beugte sich vor. »Sie meinen, es war nur der Anfang eines umfassenderen Plans?«
»Die Russen verfolgen stets langfristige Ziele. Das gilt auch für die Chinesen. Wir Amerikaner neigen dazu, kurzfristig zu denken. Bei uns zählen vor allem die Quartalszahlen, weil die Mächtigen der Wall Street es so wollen. Und was die Einflussnahme in den sozialen Netzwerken angeht – sie zielt direkt auf unser demokratisches System. Man muss sich nur ansehen, was sich nach den Wahlen abgespielt hat.«
»Was meinen Sie damit?«
»Viele Amerikaner haben das Vertrauen in unsere Institutionen verloren. Es gibt ein weitverbreitetes Misstrauen gegenüber dem Kongress und den Medien.« Er zeigte mit dem Finger auf Pine. »Auch gegenüber dem FBI.«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Die Geschichte hat oft genug gezeigt, welche Konsequenzen eine solche Entwicklung hat. Wenn die Leute nicht mehr an ihre Institutionen glauben, bröckelt das ganze System, und früher oder später stürzt die Regierung.«
Blum war nicht davon überzeugt. »Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass so etwas bei uns passieren könnte. Sie haben selbst gesagt, dass wir nicht in einer Bananenrepublik leben.«
»Ja. Nur wurde das schon in vielen Staaten behauptet, bis das Unvorstellbare eingetreten ist«, hielt Fabrikant dagegen.
»Wenn wir von Staatsstreich oder Umsturz reden, was hieße das in diesem Fall konkret?«, fragte Pine.
Fabrikant zuckte mit den Schultern. »Kann ich Ihnen auch nicht genau sagen. Ich weiß nur, dass es bei uns Leute in hohen Positionen gibt, die die Russen bewundern. Sie sehen im russischen Regierungsmodell ein Vorbild für uns. Übrigens auch im chinesischen Modell. Auch dort werden Entscheidungen sofort umgesetzt. In einer Demokratie hingegen ist es mit langwierigen und oft mühsamen Prozessen verbunden, und es gibt Phasen des Stillstands. Immer dann wird ein autokratisches Regime zu einer verlockenden Alternative.«
»Mit der Konsequenz, dass man seine Freiheit verliert«, meinte Pine. »Da ist mir eine ineffiziente Demokratie tausendmal lieber.«
»Sie würden Ihre Freiheit nur zum Teil aufgeben«, hielt Fabrikant dagegen. »Ein autokratisches System bietet gewisse Vorteile, die über seine Nachteile hinwegtäuschen. Ich bin weiß Gott kein Anhänger eines solchen Systems, aber es ist keineswegs so verrückt, dass jeder mit ein bisschen Verstand es rundweg ablehnen würde. Ich weiß jedenfalls, dass hierzulande einige mächtige Leute in einem solchen System die Lösung unserer Probleme sehen.«
»Sie glauben also, die Russen beschränken sich nicht mehr auf Cyberangriffe? Dass sie jetzt auch mit bestimmten Kräften hier in den USA direkt zusammenarbeiten, um ein ähnliches System zu etablieren wie bei ihnen?«, fragte Blum.
»Im Wesentlichen trifft es das«, erwiderte Fabrikant.
Pine und Blum wechselten einen vielsagenden Blick.
Pine wandte sich wieder an Fabrikant. »Noch einmal, warum wollen Sie nach Moskau?«
»Ich will herausfinden, ob ich mit meiner Theorie richtigliege. Ich war längere Zeit in Russland und habe Kontakte zu Leuten in hohen Positionen. Ich kann in Erfahrung bringen, was da wirklich läuft.«
»Und wenn sich herausstellt, dass Ihre Vermutung stimmt?«, hakte Blum nach.
»Dann komme ich zurück und tue, was ich kann, um einen Umsturz zu verhindern.«
»Aber es könnte sein, dass wir schon morgen von einem Umsturz in der Zeitung lesen.«
»Wir müssen trotzdem alles versuchen«, erwiderte Fabrikant.
»Oh, ich denke auch nicht daran aufzugeben«, versicherte Pine. »Ich sage nur, wir müssen schneller handeln.«
»Was schlagen Sie vor?«, fragte Fabrikant. »Diese Dinge brauchen Zeit. Ich kann nicht nach Russland reisen und hinausposaunen, dass die amerikanische Regierung mit russischer Unterstützung gestürzt werden soll. Dann würde ich die USA wohl nicht wiedersehen.«
Pine schaute auf die Uhr. »Okay, Sie können Ihren Flug noch erwischen. Sie haben meine Nummer und ich Ihre. Bleiben wir in Verbindung.«
Fabrikant wirkte überrascht, dass sie plötzlich mit seinem Vorhaben einverstanden war. »Ja, natürlich«, sagte er. »Danke.«
»Bedanken Sie sich lieber nicht. Wir wissen ja nicht, was morgen sein wird.«
Sie gingen gemeinsam zum Gate, als etwas Unvorhergesehenes geschah.
Zwei Uniformierte traten ihnen in den Weg.