58

Die Hitze des Tages legte sich, ohne dass noch einmal der Helikopter aufgetaucht wäre, um nach ihnen Ausschau zu halten. Auch keine Teams uniformierter Soldaten mit Sturmgewehren, die die Wege nach ihnen absuchten, ließen sich blicken. Der Grund lag auf der Hand: Sie wären bei Tageslicht leicht zu sehen gewesen.

Regen hatte eingesetzt, während Kettler und Pine abwechselnd geruht und gewacht hatten. Als sie um zehn Uhr abends beide wach waren, hatte der Himmel wieder aufgeklart. Sie weckten Roth, aßen und tranken genug, um die letzte Etappe, den Aufstieg zum North Rim, in Angriff nehmen zu können.

Nachdem sie sich wieder angeseilt hatten, legte Kettler die Hand auf Roths Schulter. »Gleich kommen noch ein paar Steilstücke und Spitzkehren, aber Sie schaffen das schon. Sie halten sich ausgezeichnet. Und nach den Steilstücken wird es über Meilen hinweg wieder flacher. Bleiben Sie in meiner Spur und sagen Sie Bescheid, wenn wir langsamer gehen sollen.«

»Und was ist mit der Bombe?«, fragte Roth. »Ihr beide könnt sie nicht ewig schleppen. Jetzt bin ich an der Reihe.«

Kettler schüttelte den Kopf. »Atlee und ich haben beschlossen, Sie beim Tragen außen vor zu lassen.«

»Aber das wäre nicht fair.«

»Es ist für uns alle besser so. Sie sind schon mehrere Tage hier im Canyon, viel länger als Pine und ich. Das zehrt an den Kräften. Wir müssen so vorgehen, wie es für das Team und die Mission am besten ist. Wenn einer von uns scheitert, dann scheitern wir alle.«

Roth nickte widerwillig. »Sie haben recht.«

Nachdem Kettler das Tragegestell mit der Bombe geschultert hatte, brachen sie auf. Schon bald fiel Roth wieder ein paar Schritte zurück. Der Trail wurde so beschwerlich, dass sogar Pine an ihr Limit gehen musste, um den Aufstieg zu bewältigen. Umso mehr bewunderte sie Kettler, der sich mit der unerschütterlichen Gleichmäßigkeit einer Maschine zu bewegen schien. Trotz des Gewichts der Bombe auf seinen Schultern hielt er die Führung, erkundete das Gelände vor ihnen, sicherte das Seil, gab das Tempo vor und machte es seinen Gefährten leichter, mit ihm Schritt zu halten.

An einer Weggabelung wandten sie sich nach Osten und gelangten zu einigen besonders steilen Serpentinen.

Kettler drehte sich zu Roth und Pine um und hob den Arm zum Zeichen, haltzumachen.

»Ich brauche keine Rast«, keuchte Roth.

»Wir rasten auch nicht«, sagte Kettler. »Aber ich habe Krämpfe in den Waden. Könnten Sie eine Zeit lang das Gepäck übernehmen, Atlee?«

Pine nickte. »Na klar.«

Im nächsten Augenblick spannten sich ihre Gesichtsmuskeln an.

Womp-womp-womp.

Das Knattern des Helikopters kam wie aus dem Nichts.

»Stirnlampen aus«, zischte Kettler.

Kettler packte Roth und zog ihn hinter ein paar Kiefern. Pine eilte hinterher.

Wie erstarrt hockten sie unter den Bäumen, während der Suchscheinwerfer das steile Gelände abtastete, wie eine leuchtende Spinne, die über eine Glasscheibe lief.

Pine hielt den Atem an. Das einzig Gute war, dass der Helikopter hier nirgends landen konnte.

Sie sah die Bordkanone, mit der die Crew sie unter Beschuss nehmen würde, sobald sie auch nur einen Zipfel von ihnen entdeckten. Pine blickte zu den beiden Sturmgewehren, die Kettler den Toten abgenommen hatte, und überlegte, wie sie den Heckrotor aufs Korn nehmen konnte, falls es zum Äußersten kam.

Der Helikopter hing eine gefühlte Ewigkeit über dem Schluchteingang, obwohl es nach Pines Uhr nur drei Minuten waren. Dann stieg er höher, drehte nach Osten ab und verschwand in der Ferne. Einige Minuten rührten sie sich nicht von der Stelle, für den Fall, dass der Helikopter zurückkam.

»Können wir weitergehen?«, fragte Kettler ruhig.

»Ich bin bereit«, sagte Roth sichtlich mitgenommen.

Kettler half Pine, das Tragegestell mit der Bombe zu schultern.

Nach wenigen Metern wurde der Weg extrem steil. Zu allem Überfluss setzte auch der Regen wieder ein, und ein scharfer Wind peitschte ihnen die Tropfen ins Gesicht. Der schmale Pfad führte nun beunruhigend nahe am Abgrund entlang.

Sie hatten etwa die Hälfte des Aufstiegs hinter sich, als es geschah.

Unter Roths Füßen gab ein Felsbrocken nach, und ein Stück des unterspülten Weges brach unter ihm weg und fiel polternd und krachend in die Tiefe. Mit einem Aufschrei verlor Roth das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen und stürzte in den Abgrund.

Ein brutaler Ruck ging durch das Seil. Pine, die wieder als Letzte ging, wurde mit dem Gesicht voran zu Boden gerissen, und das Gewicht der Bombe im Rücken presste ihr die Luft aus der Lunge.

Unter ihr baumelte Roth hilflos über dem Abgrund. Verzweifelt versuchte er, das Seil mit den Händen zu fassen, erreichte damit aber nur, dass Pine immer näher an die Felskante gezogen wurde. Sie schlitterte über den schlüpfrigen Untergrund und versuchte vergeblich, Halt zu finden.

Am oberen Ende des Seils bemühte Kettler sich nach Kräften, die beiden anderen zu halten, ohne ebenfalls zur Felskante gezerrt zu werden.

Als Roth wild mit den Armen ruderte, glitt Pine erneut ein paar Zentimeter über den schlammigen Fels, bis sie sich mit dem Gesicht nach unten über dem gähnenden Abgrund befand. Den Rest wollte sie unter allen Umständen auf festem Boden halten. Sie stemmte ihre Handflächen in das felsige Gelände und wehrte sich verzweifelt gegen den drohenden Absturz. Es war wie Bankdrücken mit vierhundert Kilo. »Scheiße!«, rief sie verzweifelt. Sie spürte, dass sie am Limit war und sich nicht mehr lange halten konnte.

»Atlee«, rief Kettler zurück, »ich ziehe jetzt, damit ihr ein Gegengewicht habt. Sobald wir stabil sind, finden wir einen Weg. Halt durch.«

Sie biss die Zähne zusammen und nickte, um zu signalisieren, dass sie ihn verstanden hatte.

Fünf Meter unter sich sah sie Roth in der Luft baumeln. An dieser Stelle ging es schier endlos in die Tiefe. Ein Absturz würde den sicheren Tod bedeuten.

»David«, rief sie ihm zu. »Halten Sie still. Wir holen Sie herauf, aber mit Ihrem Rudern machen Sie es uns noch schwerer.«

Roth reagierte sofort und rührte sich nicht mehr.

Pine spannte jeden Muskel an, um nicht weiter in Richtung Felskante zu rutschen. Sie hielt sich an den scharfen Felsen fest und versuchte, sich zurück auf den Weg zu drücken. Doch Roths Gewicht zerrte unerbittlich an ihr; sie konnte kaum mehr tun, als ihre Position zu halten. Schon dafür musste sie ihre gesamte Kraft aufbieten, denn die Bombe auf ihrem Rücken drückte sie noch immer in Richtung Abgrund.

»Atlee!«, rief Kettler von oben. »Ich kann euch nicht beide am Kletterseil raufziehen, ihr seid zu schwer! Ich werfe ein Sicherungsseil mit Karabinerhaken zu dir runter! Klink es bei dir am Kletterseil ein. Nicht um die Taille binden, nur den Karabiner einhaken!«

Pine drehte sich langsam in Kettlers Richtung und nickte. Sie wusste, warum er nicht wollte, dass sie sich das Seil um die Taille band: Roths Körpergewicht schnürte sie schon brutal genug ein. Das zweite Seil hätte sie in einen tödlichen Würgegriff genommen, falls Roth sie über die Kante zog.

Kettler hielt das Sicherungsseil hoch, damit Pine es sehen konnte.

»Seil kommt!«, rief er dann.

Er warf es so präzise, dass es direkt neben Pines linker Hand auf dem Fels landete. Sie tastete danach, bekam es zu fassen und hakte den Karabiner am Kletterseil ein.

»Gut gemacht«, lobte Kettler, der jeden ihrer Handgriffe verfolgte. Er nahm das andere Ende des Seils, wickelte es mehrmals um die Felsnase und fixierte es. Jetzt, nachdem Pine gesichert war, stieg Kettler mit einem weiteren Sicherungsseil zu ihr herab. Bei ihr angekommen, legte er ihr die Hand auf den Arm. »Halt durch.«

Pine nickte und verzog vor Anstrengung das Gesicht.

Kettler warf einen Blick in den Abgrund. »David!«, rief er Roth zu. »Ich lasse jetzt ein Seil zu Ihnen runter. Klinken Sie den Karabiner am Kletterseil ein, okay?«

Roth nickte.

Geschickt ließ Kettler das Sicherungsseil zu ihm hinunter. Beim zweiten Versuch bekam Roth es zu fassen und hakte hastig den Karabiner ein. Das andere Ende des Sicherungsseils in der Hand, stieg Kettler wieder zum Felsvorsprung hinauf, fixierte auch dieses Seil und sicherte Roth auf diese Weise. Dann kletterte er ein weiteres Mal zur Felskante zurück, schaute zu Roth hinunter und rief ihm zu: »Ich mache Sie jetzt von Atlee los.«

»Nein!«, brüllte Roth. »Um Himmels willen! Dann stürze ich ab!«

»Nein, werden Sie nicht. Der Felsvorsprung, an dem Sie hängen, hält mindestens eine Tonne. Der rührt sich nicht von der Stelle. Und das Seil, das ich Ihnen runtergeworfen habe, ist eine zusätzliche Sicherung. Ich muss Atlee losmachen, damit sie mir hilft, Sie hochzuziehen. Sobald ich das Seil löse, werden Sie ein paar Zentimeter absacken, aber Sie werden nicht abstürzen. Haben Sie verstanden, David?«

»O Gott … bitte … o Gott«, hörten sie ihn stöhnen.

»David!«, rief Pine ihm zu. »Wir ziehen Sie hoch. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

Mit zittriger Stimme rief Roth nach oben: »Okay.«

Kettler wandte sich an Pine. »Sind Sie so weit?«

»Mein Rücken kann es gar nicht erwarten.«

Da Roths Gewicht noch immer an Pine zerrte, kostete es Kettler gewaltige Anstrengung, den Karabinerhaken zu lösen, der sie mit Roth verband, doch schließlich gelang es ihm.

Roth schrie auf, als er mit einem Ruck nach unten sackte, beruhigte sich jedoch, als er spürte, dass die anderen Seile ihn hielten.

Pine stieß einen langen, gequälten Atemzug aus.

»Ich muss die verfluchte Bombe loswerden. Sofort!«

Kettler löste die Riemen und nahm ihr das Tragegestell ab. Schwer atmend blieb sie liegen.

»Atlee, Sie müssen mir ziehen helfen«, sagte Kettler etwas beunruhigt, während der Regen weiter auf sie einprasselte.

Sie konnte seine Sorge verstehen. Falls der Helikopter in diesem Moment zurückkam, hatten sie nicht die geringste Chance.

»Ich weiß. Nur eine Sekunde.« Sie atmete mehrmals tief durch. »Okay, ich bin so weit.«

»Gut. Wir gehen trotzdem auf Nummer sicher.« In aller Eile stieg Kettler zum Felsvorsprung hoch und klinkte sich selbst und Pine an den Sicherungsseilen ein, die um den Felsvorsprung gewunden waren. Als er zurückkam, reichte er ihr ein Paar Handschuhe. Er selbst hatte bereits welche übergestreift.

Sie stellten sich nebeneinander an die Kante des Abgrunds. Kettler nickte Pine aufmunternd zu. »Ein olympischer Augenblick«, sagte er. »Der Kampf um Gold.«

Pine brachte ein mattes Lächeln zustande, zog die Handschuhe an und rieb sie aneinander. »Na dann, hoch mit dem Gewicht.«

Beide zogen, kämpften erbittert mit der schweren Last. Mehrmals rutschten sie auf dem feuchten Untergrund ab, sodass Roth wieder ein Stück absackte. Doch Pine mobilisierte ihre ganze beträchtliche Kraft, und gemeinsam mit Kettler zog sie Roth Zentimeter um Zentimeter hoch, bis sein Kopf über der Felskante auftauchte.

Mit geübten Bewegungen band Kettler das Seil ab, damit sie die hart erkämpften Meter nicht wieder verloren. Dann gingen er und Pine in die Hocke und fassten Roth unter den Armen. Erneut gab Kettler das Kommando: »Eins, zwei … drei!«

Mit einem letzten gewaltigen Kraftausbruch wuchteten sie Roths Oberkörper über die Kante. Dann lag er keuchend auf dem felsigen Trail.

Ermattet sanken Pine und Kettler neben ihm zu Boden, lagen minutenlang auf dem nassen Fels, schwer atmend und schweißgebadet, während der kalte Regen auf sie niederprasselte. Schließlich stemmten sie sich hoch, halfen Roth auf die Beine und lösten die Seile vom Felsvorsprung.

Nachdem sie sich wieder angeseilt hatten, setzten sie den Aufstieg langsam fort. Kettler übernahm wieder das Tragen der Bombe und die Führung der Gruppe.

»Danke«, sagte Roth im Gehen.

»Für Dank ist es zu früh«, erwiderte Pine. »Noch sind wir nicht oben.«

Nachdem sie etwa zwanzig Minuten lang schweigend geklettert waren, drehte Kettler sich zu Pine und Roth um.

»Gleich wird es flacher. Und dahinter ist schon der North Rim zu sehen.«

Pine schaute zum aufhellenden Himmel; dann blickte sie auf die Uhr. »Wie lange brauchen wir noch?«, rief sie Kettler zu.

»Ungefähr zwei Stunden.«

»Okay, geben wir Gas«, sagte sie entschlossen. Der helle Tag war nicht mehr fern, und noch war die Gefahr durch den Hubschrauber und umherstreifende Patrouillen nicht gebannt.

Pine zog ihr Handy hervor und sah erleichtert die Signalbalken auf dem Display.

Rasch tippte sie eine Nummer ein und betete um eine Verbindung. Beim dritten Klingeln meldete sich eine verschlafene Stimme.

»Ja?«

»Ich bin’s, Atlee. Sie haben gesagt, ich soll anrufen, falls ich Hilfe brauche. Tja, also, jetzt ist es so weit.«

Zweieinhalb Stunden später erreichten sie den North Rim. Kettler hob die Hand, die anderen blieben sofort stehen. Roth ließ sich keuchend auf den Boden fallen.

Kettler löste das Tragegestell von seinem Rücken, stieg zu den anderen zurück und machte die Seile los, mit denen sie verbunden waren. Dann kauerte er sich hin, ließ den Blick in die Runde schweifen und suchte den Himmel über dem Canyon ab.

»Die Luft ist rein«, sagte er. »Aber wir sind hier ohne Deckung. Und der verdammte Helikopter könnte hier überall landen.«

Pine nickte. Falls der Helikopter auftauchte und zur Landung ansetzte, würde sie das Feuer eröffnen und auf die Treibstofftanks zielen.

»Ich habe Leute angerufen, die uns helfen. Sie sollten bald hier sein.«

»Hoffentlich nicht zu spät«, fügte Kettler hinzu.

Eine halbe Stunde später war das Geräusch eines Motors zu hören – diesmal auf der Straße, nicht in der Luft. Kettler hob das M4-Sturmgewehr und zielte auf das näher kommende Fahrzeug.

»Nein!«, stieß Pine hervor, als sie den Wagen erkannte. »Das sind sie.«

Der Chevy Suburban kam vor ihnen zum Stehen. Joe und Jennifer Yazzie stiegen aus. Joe Yazzie senior war ein Mann von kräftiger Statur, dessen lange schwarze Haare mit grauen Strähnen durchsetzt waren. Seine Haut war dunkel und gegerbt vom Leben in einer unwirtlichen Wüstenregion. Er hinkte leicht – die Folge einer nicht ganz verheilten Schusswunde im Oberschenkel, wie Pine wusste. Er trug seine Polizeiuniform und hielt eine Pumpgun in der rechten Hand, den Lauf nach unten gerichtet.

»Atlee!«, rief Jennifer erleichtert.

»Was noch von mir übrig ist«, antwortete Pine, während sie sich mit ihren Begleitern dem Wagen näherte.

»Agentin Pine! Ist alles in Ordnung?« Carol Blum war ebenfalls aus dem Chevy gestiegen und eilte besorgt auf die Gruppe zu.

»Alles okay, Carol«, beruhigte Pine die ältere Frau.

Sie trafen sich mitten auf der Straße. Pine stellte den Yazzies und Blum ihre Begleiter vor.

Blum nahm ihre Hand. »Ich wusste gleich, dass Sie Mr. Roth finden.«

»Mag sein, aber ohne Sams Hilfe wäre ich jetzt nicht hier.«

Blum zwinkerte Kettler kokett zu und raunte: »Danke.«

»Okay, Atlee, was liegt an?« Joe Yazzie musterte Pine mit strengem Blick. »Sie haben uns am Telefon nicht gerade viel gesagt. Genau genommen gar nichts.«

»Ich würde Ihnen gern alles erzählen, und das werde ich auch, aber vorher gibt es etwas Wichtiges zu erledigen, und wir haben nicht viel Zeit.«

»Was gibt es denn so Eiliges?«

»Ich muss so schnell wie möglich nach Tuba City.«

Joe musterte sie erstaunt. »Tuba City? Warum?«

»Weil es auf Navajo-Land liegt. Und das hier müssen wir mitnehmen.«

Pine und Kettler schnallten die Bombe aus dem Tragegestell, schleppten den schweren Rucksack heran und legten ihn vorsichtig neben den SUV.

Joes Blick wurde noch misstrauischer. »Was zum Henker ist das?«

»Das«, sagte Pine, »ist unser Superjackpot.«