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»Haben Sie den Verstand verloren?«, rief Clint Dobbs, der FBI-Chef von Arizona. Selbst durch das Telefon klang seine Stimme atemlos, als würde ihn jeden Moment der Schlag treffen.

»Ich hoffe nicht, Sir«, erwiderte Pine gelassen.

»Wo haben Sie eigentlich die ganze Zeit gesteckt?«, wollte Dobbs wissen.

»Im Urlaub, wie wir es vereinbart hatten, Sir.«

»Und warum sind Sie nicht ans Telefon gegangen und haben keine Mails beantwortet?«

»Wo ich war, hatte ich keinen Empfang, Sir. Aber jetzt bin ich ja wieder zu erreichen.«

»Ja, großartig! Ist Ihnen klar, wie lange Sie fort waren?«

»Jawohl, Sir, auf den Tag genau.«

»Und Sie wollen sich mit mir in Shattered Rock treffen? In Ihrem Büro?«

»Ich bitte darum, Sir. Und bringen Sie an Verstärkung mit, so viel Sie können.«

»An wen haben Sie gedacht? Die US Army?«

»Ein Eingreifteam mit Sturmgewehren und Panzerwesten würde schon reichen, Sir.«

»Was fällt Ihnen ein? Ich werde sicher nicht nach Shattered Rock kommen. Sie kommen gefälligst nach Phoenix, wenn Sie mir etwas zu sagen haben.«

»Das würde ich liebend gern, Sir, das können Sie mir glauben, aber es geht leider nicht. Ich habe da etwas, das gewisse … Transportprobleme aufwirft.«

»Teufel noch mal, wovon reden Sie?«

»Das werden Sie dann sehen, Sir. Vertrauen Sie mir.«

»Ich wüsste nicht, warum, Pine. Ihretwegen habe ich mir vom Deputy Director so einiges anhören müssen.«

Pine holte tief Atem. »Ich fürchte, er ist selbst in die Sache verwickelt, um die es hier geht.«

Genau deshalb rufe ich ja dich an, fügte sie in Gedanken hinzu, und nicht den Deputy Director.

»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?« Dobbs wurde hörbar ungehalten. »Sie reden sich um Kopf und Kragen, Pine, ist Ihnen das klar? Zumindest um Ihre Karriere beim FBI

»Haben Sie sich nicht auch gefragt, Sir, warum der Deputy Director persönlich interveniert und mich von dem Fall abgezogen hat? War das nicht merkwürdig? Ich meine, was geht den FBI-Vizedirektor ein totes Maultier an?«

Dobbs schwieg einen Moment, ehe er lauernd fragte: »Auf was haben Sie sich eingelassen, Pine?«

»Auf etwas Größeres, als ich dachte, Sir. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe, um die Sache zu Ende zu bringen. Allein schaffe ich es nicht. Und wenn der Deputy Director nicht hinter mir steht, brauche ich Ihre Unterstützung umso dringender, Sir.«

Wieder schwieg Dobbs einen kurzen Augenblick. »Und warum soll ich Verstärkung mitbringen?«, fragte er schließlich.

»Weil wir hier möglicherweise Besuch bekommen.«

»Von wem? Von einem Verbrechersyndikat?«

»Schwer zu sagen, Sir. Kommt darauf an, wie Sie es definieren. Aber dieser Besuch könnte gefährlicher sein als die Mafia.«

»Das ist doch absurd, Pine! Wenn Sie glauben …«

»Sir«, fiel sie ihm ins Wort, »ich würde Sie nicht darum bitten, wenn es nicht extrem wichtig wäre. Wenn Sie hier sind, werden Sie verstehen, worum es geht. Es handelt sich um eine Sache der nationalen Sicherheit. Aber es betrifft nicht nur die USA, sondern die ganze Welt.« Sie stockte einen Moment. »Ich versuche nur, meinen Job als FBI-Agentin zu tun, Sir. Ich habe einen Eid abgelegt. Das zählt für mich mehr als alles andere.«

Ein paar Sekunden lang hörte sie Dobbs schwer ins Telefon atmen.

»Sind Sie noch dran, Sir?«

»Ich fürchte, ja«, sagte Dobbs. »Das ist kein dummer Scherz, oder? Sie meinen es ernst?«

»Ich habe noch nie etwas so ernst gemeint, Sir.«

»Sie waren gar nicht im Urlaub, stimmt’s?«

»Urlaub würde ich es nicht unbedingt nennen, Sir.«

»Das könnte Sie Ihren Hintern kosten, Pine.«

»Ach, wissen Sie, Sir, hier geht es um ein bisschen mehr als um meinen Allerwertesten.«

Wieder herrschte einen Moment Schweigen, dann sagte Dobbs: »Ich bin in dreieinhalb Stunden da.«

»Vergessen Sie nicht die Verstärkung, Sir.«

Dobbs hatte bereits aufgelegt.

Pine seufzte.

Wenn das mal gut geht.

Stunden später warteten Pine und Carol Blum in Joe Yazzies Wagen, der in Sichtweite ihres Büros in Shattered Rock stand. Es war wichtig, dass sie im gleichen Augenblick auftauchten wie Dobbs und seine Männer.

»Haben Sie und Kettler das verdammte Ding heil in unser Büro gebracht?«, fragte Pine.

»Ja. Wir sind durch die Garage rein, damit uns keiner sieht.« Blum hielt einen Moment inne. »Obwohl es schon ein bisschen beängstigend ist, wie leicht man eine Atombombe in ein Gebäude schmuggeln kann, in dem zwei Bundesbehörden zu Hause sind.«

»Niemand hat Sie aufgehalten?«

»Nur ein ICE-Agent, den ich kenne. Ich habe ihm erzählt, wir hätten einen neuen Schrank fürs Büro bekommen. Er hat uns sogar beim Tragen geholfen.«

Pine erstarrte, als ein schwarzer SUV an ihnen vorbeijagte. In einer Staubwolke kam er vor dem Bürogebäude zum Stehen. Die Türen flogen auf, und Clint Dobbs stieg aus, ein Mann Mitte fünfzig, etwas über eins achtzig groß, grauhaarig, mit breiten Schultern und leichtem Bauchansatz. Fünf Agenten folgten ihm.

»So ein Mist!«, fluchte Pine. »Er hat nicht genug Verstärkung mitgebracht. Keine Spezialeinheit, keine Sturmgewehre, nur ein paar Anzugträger mit Pistolen. Warum wollen manche Leute einfach nicht hören?«

Pine ließ den Motor an, gab Gas, jagte zum Bürogebäude und brachte den Wagen unmittelbar neben Dobbs’ SUV zum Stehen. Wieder wallte eine Staubwolke auf.

Pistolen wurden gezogen und auf den Wagen gerichtet. Die Männer entspannten sich erst, als Pine und Blum ausstiegen. Pine trug eine Tasche über der Schulter.

Dobbs funkelte sie zornig an. »Was ist das denn für eine Nummer?«

Pine ging auf ihn zu. »Ich habe nur auf Sie gewartet, Sir.« Sie blickte zu seinen Agenten. »Ich hatte Sie doch gebeten, eine Spezialeinheit mit Sturmgewehren und kompletter Ausrüstung mitzubringen. Ist das alles, was Sie aufzubieten haben?«

»Herrgott noch mal, Pine, das sind fünf bewaffnete Agenten! Womit haben wir es denn zu tun? Mit einem Weltkrieg, oder was?«

»So ungefähr. Na ja, dann müssen wir halt mit dem auskommen, was wir haben. Zurück können wir sowieso nicht.«

Pine schritt auf das Gebäude zu.

Dobbs schaute ihr ungläubig hinterher. Dann fiel sein Blick auf Blum, und ein Funke des Wiedererkennens flammte in seinen Augen auf. »Moment mal, Sie kenne ich doch.«

»Carol Blum. Ich war Ihre Sekretärin in Flagstaff.«

»Na klar!« Dobbs schaute sich um. »Tut mir leid für Sie, dass Sie in diesem Kaff gelandet sind und für eine Agentin arbeiten müssen, die zu viele Krimis gelesen hat.«

»Oh, ich bin gern hier, Mr. Dobbs. Und Ms. Pine ist eine Agentin, auf die das FBI mächtig stolz sein kann. Wenn Sie erst erfahren, was Agentin Pine in den letzten Tagen vollbracht hat, werden Sie erkennen, dass sie sehr genau weiß, was sie tut.«

»Und was genau tut sie?«

»Zurzeit versucht sie, eine globale Katastrophe zu verhindern.«

Blum drehte sich um, folgte Pine ins Gebäude und ließ einen verwirrten Dobbs draußen stehen. Schließlich gab er seinen Männern ein Zeichen. »Kommt, gehen wir rein.« Er blickte sich argwöhnisch um, doch die friedliche Umgebung schien ihn zu beruhigen.

»Spezialeinheit, Sturmgewehre … in was für einer Welt lebt diese Frau?«, schimpfte er vor sich hin.

Drinnen nahm Blum die Männer in Empfang. Hinter dem letzten Agenten schloss sie die Tür ab, ehe sie die Alarmanlage deaktivierte.

»Okay«, begann Dobbs. »Jetzt will ich endlich wissen, was das Theater soll.«

»Das wird Ihnen Agentin Pine in ihrem Büro zeigen, Sir. Bitte.«

Blum ließ die Männer vorgehen. Pine nahm sie in Empfang und schloss die Tür, nachdem sich alle in ihrem Büro befanden.

Dobbs blickte sie fragend an. »Und nun?«

Pine ging zum Schrank und öffnete ihn. Ein klobiger Gegenstand, in eine Plane gehüllt, kam zum Vorschein.

»Was ist das?«, fragte Dobbs.

Statt einer Antwort öffnete Pine den Reißverschluss der Hülle.

Dobbs runzelte die Stirn. »Was soll das sein?«

»Man nennt es eine taktische Atomwaffe«, erklärte Pine.

Dobbs und seine Männer wichen hastig einen Schritt zurück.

»Großer Gott!«, stieß Dobbs hervor.

»Die Bombe war in einer Höhle im Grand Canyon versteckt«, erklärte Pine.

»Aber …« Dobbs schüttelte fassungslos den Kopf. »Wer soll sie dort versteckt haben?«

»Genau damit kommen wir zum Kern der Sache.« Pine schloss die Schranktür. »Leider lässt sich das nicht so schnell erklären, aber ich …«

»Sie werden meine Frage beantworten!«, blaffte Dobbs. »Aber zuerst rufe ich in Washington an und melde, dass in einem verdammten FBI-Büro eine Atomwaffe herumliegt.«

»Sir, ich …«, setzte Pine an.

Dobbs trat auf sie zu und richtete anklagend den Zeigefinger auf ihr Gesicht. »Kein Wort mehr! Herrgott, Pine, ich habe ja schon oft erlebt, dass jemand Mist baut, aber das …«

»Oh, Clint, können Sie vielleicht mal eine Sekunde still sein und Agentin Pine erklären lassen, um was es geht?«, warf Blum ein.

Dobbs funkelte sie wütend an. »Clint? Sie werden mich gefälligst so anreden, wie …«

»Soll das eine Drohung sein, Clint? Ich gehe sowieso in den Ruhestand.« Sie lächelte Pine an. »Special Agent Pine – Clint steht Ihnen zur Verfügung.«

Pine schaute zu Dobbs. »Ihnen ist sicher nicht entgangen, dass sich der Chef der National Security Branch des FBI alle internen E-Mails bezüglich des toten Maultiers und der vermissten Person zusenden ließ.«

»Ich verfolge doch nicht, wer auf der Verteilerliste einer E-Mail steht!«, erwiderte Dobbs gereizt. »Ich habe Wichtigeres zu tun!«

Ehe Pine etwas erwidern konnte, waren draußen vor dem Büro tumultartige Geräusche zu hören. Raue Männerstimmen riefen durcheinander, gefolgt vom lauten Pochen schwerer Stiefel. Augenblicke später ließ ein donnerndes Geräusch erkennen, dass die äußere Bürotür mit einem hydraulischen Rammbock bearbeitet wurde.

»Was ist denn das schon wieder?«, rief Dobbs entgeistert, während er und seine Männer sich zur Bürotür drehten, der einzigen Barriere zwischen ihnen und dem, was draußen vor sich ging.

Pine zog ihre Pistole, richtete sie auf die Tür und blickte zu den anderen Agenten. »Gentlemen?«

Sie sahen einander einen Moment lang an, dann zogen sie ebenfalls ihre Pistolen und gingen neben Pine in Stellung. Auch Dobbs griff zur Waffe.

»Was ist da draußen los, Pine?«, zischte Dobbs.

»Wie ich schon sagte, Sir – ein Krieg.«