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Pine fuhr zum Büro und parkte ihren Wagen in der Tiefgarage. Während der Bürozeiten versah hier ein Wächter seinen Dienst. Danach wurde die Einfahrt geschlossen; man kam nur noch mit einer Schlüsselkarte hinein.

Die Sicherheitsvorkehrungen galten nicht etwa dem FBI-Büro oder gar Atlee Pine. Sie galten der anderen Behörde, die hier ihren Sitz hatte, die Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE.

Die ICE war eine Polizei- und Zollbehörde des Heimatschutzministeriums der Vereinigten Staaten, zuständig unter anderem für die Überwachung der legalen und illegalen Einwanderung. In Arizona war sie hauptsächlich damit beschäftigt, massenhaft Migranten abzuschieben. Aufgrund der politischen Brisanz ihrer Tätigkeit gab es immer wieder Drohungen, was auch das hiesige ICE-Büro zur potenziellen Zielscheibe eines Anschlags machte. Grund genug, einen Sicherheitsmann im Haus zu postieren und zusätzliche Vorkehrungen zu treffen.

Pine sah regelmäßig Agenten des ICE in und vor dem Gebäude, hatte aber kaum Kontakt zu ihnen. Die ICE-Leute blieben lieber unter sich. Als FBI-Agentin unterstand Pine dem Justizministerium, während das ICE zum Ministerium für Innere Sicherheit gehörte. Daraus ergab sich eine gewisse Rivalität, doch ihre Zuständigkeiten überschnitten sich nur selten. Letztlich arbeiteten beide für die Regierung der Vereinigten Staaten; deshalb würde Pine die ICE-Leute jederzeit bedenkenlos unterstützen, wenn sie ihre Hilfe benötigten.

Die Tiefgarage hielt tagsüber die Sonne von den Autos fern, was gerade im Sommer eine Notwendigkeit war. Hätten die Wagen draußen gestanden, Stunde um Stunde in glühender Hitze, wäre man trotz Klimaanlage schweißgebadet nach Hause gekommen.

Pine parkte ihren SUV neben einem Fahrzeug, das mit einer Plane abgedeckt war.

Der Wagen hatte einem FBI-Agenten namens Frank Stark gehört, der in den Anfängen von Atlee Pines Laufbahn so etwas wie ein Mentor für sie gewesen war. Nach der Ausbildung in Quantico bekam jeder FBI-Agent seinen Ausweis und seine Dienstmarke und wurde für die Dauer eines Jahres einem FBI-Büro zugeteilt. Es war eine Probezeit, in der man beweisen musste, dass man draußen im Feld zurechtkam.

Pine hatte ihr erstes Jahr in Cleveland verbracht, das in FBI-Kreisen den wenig schmeichelhaften Beinamen »Mistake on the Lake« trug. Dort war sie Frank Stark begegnet, dem einstigen Besitzer dieses Wagens.

Vorsichtig hob sie die Abdeckplane von Starks 1967er Ford Mustang Cabrio im Original-Frost-Türkis-Farbton. Stark hatte den Wagen mit großer Sorgfalt wiederhergestellt, und die frischgebackene FBI-Agentin Atlee Pine war ihm dabei zur Hand gegangen.

Der Mustang war in Starks Garagenwerkstatt restauriert worden, hinter seinem Haus aus den Fünfzigerjahren in einer Siedlung aus zahlreichen gleich aussehenden Häusern. Als Stark sie damals gefragt hatte, ob sie ihm helfen wolle, hatte Pine anfangs ablehnen wollen. Alle wussten, dass Stark am Ende seiner Laufbahn stand und nur noch die Zeit bis zur Pensionierung absaß. Mittlerweile interessierte ihn sein Hobby, Oldtimer zu restaurieren, viel mehr als der Job. Doch aus irgendeinem Grund hatte Starks Frage eine Saite in Pines Innerem angeschlagen, und sie hatte sich bereit erklärt, ihm zu helfen. Hin und wieder jedenfalls.

Als Erstes hatten sie den Mustang in seine Einzelteile zerlegt und sämtliche Teile in beschrifteten Schachteln und Kartons deponiert. Manche Teile hatten sie wiederverwendet, andere weggeworfen. Das Auseinandernehmen des Mustangs hatten sie mit Fotos dokumentiert, um notfalls darauf zurückgreifen zu können. Nachdem vom Fahrzeug nur noch die Karosserie geblieben war, hatten sie den Lack mithilfe eines Hochdruckgebläses entfernt, das mit einem Gemisch aus Glasperlen und gemahlenen Walnussschalen arbeitete anstatt mit Sand, da bei dieser Behandlung keine Spuren am Metall zurückblieben. Stark hatte von einer ortsansässigen Firma Blechstreifen anfertigen lassen, mit denen er vorher die Stellen ausgebessert hatte, die sich nicht mehr schweißen ließen. Danach war der Wagen in exakt dem gleichen Frost-Türkis-Farbton lackiert worden wie das Original.

Beim anschließenden Zusammenbau des Mustangs hatten sie die Bodenbleche im Heckbereich verstärkt und einen Doppelauspuff eingebaut. Außerdem hatten sie einen speziellen Unterbodenschutz aufgetragen. Dann hatten sie sich den Innenraum vorgenommen: Ledersitze, Armaturen, Elektrik. Den ursprünglichen V-8-Motor ersetzten sie durch die stärkere Maschine, mit der das 1967er-Modell des Mustangs schon nach kurzer Zeit nachgerüstet worden war. Dieser Motor mobilisierte stattliche 320 PS. Damit war der Mustang für ein Auto seiner Größe ein wahres Kraftpaket.

Das Verdeck hatte sich nicht mehr reparieren lassen, doch Stark hatte eine Firma aufgetrieben, die einen originalgetreuen Nachbau herstellen konnte. Pine hatte ihm geholfen, das neue Verdeck einzubauen. Dazu kamen neue Reifen, Felgen, Scheinwerfer und Chromstoßstangen.

Alles in allem hatte Stark sehr viel mehr Arbeit und Geld investiert, als beabsichtigt gewesen war. Doch Pine hatte gespürt, dass der altgediente Agent, ein kinderloser Witwer, etwas brauchte, das seinem einsamen Leben einen Inhalt gab – zumal es noch viel stiller um ihn werden würde, wenn er erst seine Dienstmarke zurückgab. Da Pine selbst ein einsames Leben führte, waren sie ein gutes Team gewesen. Sie hatten oft stundenlang gearbeitet, ohne viel mehr zu sagen als: »Reich mir mal den Schraubenzieher rüber«, oder: »Haben wir noch kaltes Bier?«

Pine hatte ursprünglich vorgehabt, Stark nur hin und wieder auszuhelfen; dann aber waren zwei Jahre daraus geworden. Einen Monat, nachdem der Wagen fertig restauriert war, trat Stark in den Ruhestand. Zur selben Zeit wurde Pine an eine neue Dienststelle versetzt. Doch bevor ihre Wege sich trennten, machten sie eine ausgiebige Spritztour im restaurierten Mustang. Dabei hatte auch Pine eine Zeit lang am Lenkrad gesessen und die geballte Kraft des Motors genossen. Wider alle Verkehrsvorschriften waren sie mit hundertneunzig Sachen über den Highway gejagt – ein Hochgefühl, wie Pine es lange nicht mehr erlebt hatte.

Leider war Stark nur einen Monat, nachdem Pine an ihre neue Dienststelle versetzt worden war, an einem Herzinfarkt gestorben. Man hatte ihn in seiner Garage gefunden, zusammengesunken in einem Stuhl. Vor ihm auf dem Boden lag ein Steckschlüssel, der ihm vermutlich im Augenblick seines Todes aus der Hand gefallen war.

Pine konnte es nicht fassen, als sie erfuhr, dass Frank Stark ihr testamentarisch den Mustang vermacht hatte. Von da an hatte der Wagen sie zu jeder neuen Dienststelle begleitet. Seitdem sie in Shattered Rock Dienst tat, parkte sie den Mustang in der Tiefgarage des Büros und nicht vor ihrem Haus, wo er der glühenden Sonne und der Gefahr durch zweibeinige Raubtiere ausgesetzt gewesen wäre. Trotzdem plagten sie manchmal Albträume, in denen jemand ihr kostbares Cabrio aufbrach und auf Nimmerwiedersehen damit verschwand.

Der Wagen war das einzig Nennenswerte, was sie je besessen hatte. Jedes Mal, wenn sie am Lenkrad saß, wurde ihr aufs Neue bewusst, wie viel Arbeit in dem Fahrzeug steckte. Der Mustang verkörperte zwei Jahre ihres Lebens. Noch nie hatte sie einer persönlichen Angelegenheit so viel Zeit gewidmet, und keine ihrer privaten Beziehungen hatte so lange gedauert.

Nicht annähernd.

Sie strich mit der Hand über den Kotflügel und dachte an Frank Stark. Wahrscheinlich hatte er sich immer eine Tochter gewünscht, bis sie, Pine, eines Tages auf der Bildfläche erschienen war, frisch von der FBI Academy in Quantico.

Stark war ihr ein guter Freund gewesen, vielleicht der einzige wahre Freund, den sie im Bureau je gefunden hatte. Auch außerhalb des FBI hatte ihr kaum jemand so nahegestanden.

Eines Tages, als sie den Vergaser des Mustangs austauschten, hatte Stark ihr anvertraut, dass das FBI sein Leben gewesen sei. Ansonsten habe es für ihn nur das Herumschrauben an Oldtimern gegeben. Er hatte sich die Hände an einem alten Lappen abgewischt, einen Schluck Bier aus einem Plastikbecher genommen und unter seinen buschigen weißen Brauen hervorgeblinzelt. »Mach nicht denselben Fehler wie ich«, hatte er ihr geraten. »Pass auf, dass das FBI nicht alles für dich wird.«

Pine hatte die letzte Schraube am Vergaser festgezogen und zu Stark hochgeschaut.

»Du hältst es für einen Fehler, dass das FBI dir so viel bedeutet?«, hatte sie gefragt.

»Wenn du mich das fragen musst, hast du von der ganzen Sache hier nichts gelernt.«

Als wäre die Restaurierung eines alten Ford Mustang unendlich viel mehr, als an einem x-beliebigen alten Auto herumzubasteln.

Aber vielleicht war es das ja wirklich.

Was aber noch lange nicht hieß, dass Pine die gleichen Konsequenzen daraus ziehen musste wie Frank Stark.

Sie zog die Plane wieder über den Wagen und stieg die Treppe zu ihrem Büro hinauf, als ihr Handy summte.

Es war ihr Bekannter, der IT-Mann aus Salt Lake City.

»Hast du was gefunden?«, erkundigte sie sich.

»Ja, und es ist ziemlich krass.«

»Der ganze Fall ist krass. Also, was gibt’s?«

»In den letzten Monaten ist die Website ziemlich oft angeklickt worden. Ich konnte nicht alle Besucher aufspüren, aber einer ist mir aufgefallen.«

»Welcher?«

»Es ist eine IP-Adresse, die ich kenne«, lautete seine überraschende Antwort.

»Wie das?«, fragte sie.

»Es ist deine, Atlee.«

»Das ist kein Wunder«, erwiderte sie ungeduldig. »Ich hab mir die Seite ja selbst angesehen. Meine Assistentin auch. Sie hat mir davon erzählt.«

»Ich kenne deine IP-Adresse, weil du mich kontaktiert hast. Aber ich habe sie mir genauer angeschaut, und dabei ist mir etwas aufgefallen. Du solltest deinen Computer von euren IT-Leuten checken lassen.«

»Wieso?«

»Ich glaube, ein Hacker hat es auf dich abgesehen.«