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Um elf Uhr vormittags wurden zwei American-Airlines-Tickets online mit Blums Kreditkarte gekauft. Der Flug würde in drei Tagen vom Reagan Washington National Airport nach Flagstaff, Arizona, gehen, mit einem kurzen Zwischenstopp in Phoenix.
Carol Blums Kreditkartennummer wurde an die Stelle übermittelt, die ihre Überwachung angefordert hatte. Eingreifteams wurden zusammengestellt und eine Erkundungseinheit zum Flughafen geschickt, um die nötigen Vorkehrungen für die Festnahme der beiden Frauen zu treffen, bevor sie in den Flieger einsteigen konnten.
Die Verantwortlichen misstrauten der Sache jedoch; immerhin war auch denkbar, dass Blum zwar zwei Tickets gekauft hatte, aber möglicherweise allein am Flughafen erscheinen würde. Vielleicht würde überhaupt niemand die gebuchten Flüge in Anspruch nehmen. Aus diesem Grund wurden auch die beiden anderen Flughäfen sowie die Bahnhöfe und Busbahnhöfe im Raum Washington, D.C., überwacht.
Ein weiteres Team stand für alle Fälle in Flagstaff bereit. Die Wohnhäuser der beiden Frauen sowie ihr Büro in Shattered Rock standen längst unter Beobachtung.
Nun konnten sie nur noch warten.
»Sie wollen wohin?«
Der Taxifahrer bedachte Pine und Blum mit ungläubigen Blicken. Er war ein Schwarzer Mitte sechzig mit Filzmütze und einer Brille, die an einer Kette vor seiner breiten Brust hing. Sein weit geöffnetes kariertes Hemd ließ gekräuseltes graues Brusthaar sehen.
»Harpers Ferry, West Virginia«, wiederholte Pine.
»Ihnen ist schon klar, Lady, dass wir hier in Virginia sind, nicht in West Virginia?«, erwiderte der Mann.
»Ja, ich kann eine Karte lesen«, sagte Pine.
»Wissen Sie, wie weit das von hier ist?«
»Ungefähr hundert Meilen. Das sollten Sie in knapp zwei Stunden schaffen.«
»Was Sie nicht sagen. Hören Sie, Lady, ich fahre grundsätzlich nicht nach West Virginia.«
Pine hielt fünf Fünfzig-Dollar-Scheine hoch. Das Geld hatte sie mit der Bankkarte ihres Freundes abgehoben.
»Zweihundertfünfzig Mäuse für zwei Stunden. Fahren Sie immer noch nicht nach West Virginia?«
Der Mann dachte über das Angebot nach. »Ich muss ja auch zurückfahren.«
»Trotzdem, mehr als fünfzig Dollar die Stunde, bar auf die Hand. Ich glaube, das ist kein schlechter Schnitt.«
Blum nahm hundert Dollar aus ihrer Geldbörse.
»Und das ist fürs Benzin«, fügte sie hinzu. »Und weil Sie so ein netter Mensch sind.«
Der Fahrer sah sie prüfend an. »Sie müssen wirklich scharf drauf sein, nach Harpers Ferry zu kommen. Warum?«
»Angeblich ist es ein Ort mit interessanter Geschichte«, sagte Pine.
»Und Sie haben keinen Wagen?«
Bevor Blum mit ihrer Kreditkarte die Flugtickets gekauft hatte, war sie mit dem Mustang zum Reagan National Airport gefahren und hatte ihn auf dem Langzeitparkplatz abgestellt, um es glaubwürdiger erscheinen zu lassen, dass sie den Flug nach Flagstaff nehmen würden.
»Wir sind nicht von hier«, erklärte Pine.
Der Mann nickte. »Okay, ich hab kein Problem damit, Ihr Geld zu nehmen, aber es wäre viel billiger, mit dem Bus oder dem Zug zu fahren.«
»Ich mag die vielen Leute nicht. Also, fahren Sie jetzt? Oder können Sie heute anderswo mehr verdienen?«
Der Mann beäugte ihr Gepäck. »Haben Sie nicht mehr dabei?«
»Das ist alles.«
Er zuckte mit den Schultern und setzte seine Brille auf. »Okay, Ladys, fahren wir.«
Nach etwas mehr als zwei Stunden trafen sie am Bahnhof von Harpers Ferry ein. Die kleine Stadt lag direkt an der Grenze zwischen den beiden Virginias. Das rot angestrichene, viktorianisch anmutende Bahnhofsgebäude stand auf den Fundamenten einer alten Waffenfabrik.
Sie zahlten den versprochenen Betrag, und der Taxifahrer holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum.
»Dann wünsche ich euch Mädels viel Spaß mit der Geschichte hier«, sagte er und klopfte mit der Hand auf das Geld in seiner Tasche.
»Vielleicht schreiben wir ja selber ein bisschen Geschichte, wenn wir schon mal hier sind«, gab Blum zurück.
Der Mann grinste. »Dann mal los!«
Eine halbe Stunde später fuhr der Amtrak-Zug in den Bahnhof ein.
Die Tickets hatten die beiden Frauen bereits an einem anderen Bahnhof gekauft und bar bezahlt. Als Pine am Schalter nach einem Ausweis gefragt worden war, hatte sie ihre Dienstmarke gezeigt und leise erklärt: »FBI, Undercover-Einsatz. Ich begleite eine wichtige Zeugin, mit deren Hilfe wir ein paar üble Verbrecher hinter Gitter bringen wollen. Behalten Sie es aber für sich.«
Die Frau am Schalter, ein mütterlicher Typ in den Sechzigern, lächelte Blum zu. »Dann viel Glück, meine Liebe. Ich sage kein Wort, versprochen.«
Blum erwiderte das Lächeln. »Wir müssen alle unseren Teil beitragen.«
Der Zug fuhr mit wenigen Minuten Verspätung ab.
Sie hatten ein Superliner-Schlafabteil mit Toilette und Dusche reserviert. Nachdem sie ihr Gepäck verstaut hatten, setzten sie sich auf die blaue Couch und schauten hinaus auf die Weiten von West Virginia. Bald würden sie die Landschaften von Pennsylvania und Ohio an sich vorbeiziehen sehen. In Chicago würden sie nach einem kurzen Aufenthalt in den Southwest Chief umsteigen. Sie hofften, in Arizona zu sein, bevor ihr gebuchter Flug nach Flagstaff startete.
Pine schaute sich im Abteil um. »Ich bin noch nie mit dem Zug gefahren. Sie?«
»Ja, ein Mal, an der kalifornischen Küste. Da war ich sechzehn. Es war das erste Mal, dass ich von zu Hause fort gewesen bin. Ich habe eine Tante besucht. Es war ein tolles Erlebnis – ich hab mich so frei gefühlt wie ein Vogel. Drei Jahre später war ich Mutter und musste lernen, mit zwei Stunden Schlaf auszukommen.«
Sie aßen im Speisewagen zu Abend. Blum genehmigte sich ein Glas Wein, während Pine beim Bier blieb. Beide Frauen schliefen in ihren Kleidern, Pine auf der oberen Liege, Blum in der unteren. Das sanfte Schaukeln des Zuges ließ Pine schnell einschlafen und erst um sechs Uhr wieder aufwachen.
Um Mitternacht erreichten sie Pittsburgh; am nächsten Morgen trafen sie gegen neun Uhr in Chicago ein. Sie frühstückten in einem Imbiss am Bahnhof, einem höhlenartigen Gebäude auf der Westseite des Chicago River. Sie hatten jetzt sechs Stunden Wartezeit zu überbrücken, bis es mit dem Southwest Chief weiterging.
Beim Essen behielt Blum den Fernseher an der Wand im Auge.
»O Gott!«, stieß sie plötzlich hervor.
Pine drehte sich zum TV-Gerät um. Der Bildschirm zeigte ein Foto von Oscar Fabrikant. Darunter stand:
AMERIKANISCHER WISSENSCHAFTLER IN MOSKAU TOT AUFGEFUNDEN. WAHRSCHEINLICH SELBSTMORD.
Pine und Blum sahen einander an.
»Das war nie und nimmer Selbstmord«, sagte Pine leise.
»Was glauben Sie, wie die ihn aufgespürt haben?«
»Die müssen irgendwie erfahren haben, dass wir uns mit ihm getroffen haben. Vielleicht von den zwei falschen Cops.« Pine schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich hätte ihn nicht fliegen lassen sollen. Sobald er in der Maschine saß, war er ein toter Mann.«
»Sie hätten ihn nicht aufhalten können«, gab Blum zu bedenken.
»Er hätte mit uns kommen können.«
»Mag sein. Aber wir können nicht jeden schützen, mit dem wir in Kontakt kommen. Das würde uns alle das Leben kosten. Trotzdem, es ist furchtbar.« Sie schauderte.
Pine sah Blum eindringlich an. »Ich glaube, es wäre besser, wenn Sie hierbleiben, Carol. Nehmen Sie sich ein Hotelzimmer, und tauchen Sie für ein paar Tage unter.«
»Wenn ich mir mit meiner Kreditkarte ein Zimmer nehme, klopfen die eine Stunde später an meine Tür.« Sie deutete auf den Fernseher. »Ich bin nicht scharf drauf, dass auch mein Bild im Fernsehen gezeigt wird und darunter steht, ich hätte mich umgebracht.«
»Sie finden bestimmt ein Hotel, wo Sie bar bezahlen können.«
Blum schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ich lasse Sie nicht allein. Wir sind ein Team.«
Pine blickte sie schweigend an.
»Sehen Sie das anders?«, fragte Blum stirnrunzelnd.
»Ich habe einen Eid geleistet, Sie nicht. Bei mir gehört die Gefahr zum Job, aber nicht bei Ihnen.«
Blum wischte den Einwand weg. »Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Ich bin kein Special Agent, aber ich bin genau wie Sie zum FBI gegangen, und genau wie Sie habe ich versprochen, meinen Job so gut zu machen, wie ich nur kann. Im Moment ist das hier mein Job, und ich habe die Absicht, mein Versprechen zu halten.«
Pine lächelte. »Sie haben mir schon einmal das Leben gerettet. Auf dem Flughafen.«
Blum beugte sich über den Tisch und tippte Pine auf die Hand. »Und wenn es sein muss, tu ich es noch einmal. Klar, wir sind zwei Frauen, die wissen, wo der Hammer hängt. Aber um in dieser Männerwelt klarzukommen, müssen wir zusammenhalten, oder?«
Pines Lächeln wurde noch breiter. »Wo Sie recht haben, haben Sie recht.«