62

»Wie geht es mit der Therapie voran?«

Es war zehn Uhr abends. Pine saß neben Kettler in dessen Jeep auf dem Parkplatz und trank ein Bier.

»Gar nicht so schlecht.« Er nahm einen Schluck aus seiner Flasche. »Die Einzelgespräche finde ich ganz angenehm, die Gruppensitzungen weniger.«

»Kann ich mir vorstellen. Aber mit der Zeit wird es bestimmt leichter.«

»Glauben Sie?«

»Ja.« Sie nahm seine Hand und hielt sie einen Moment. »Ich habe großes Vertrauen in Sie. Wer uns aus dem Grand Canyon führen kann, wie Sie es getan haben, der kann alles schaffen.«

»Hoffen wir’s. Übrigens, Colson und Harry arbeiten wieder im Grand Canyon.«

»Das hatte ich beinahe erwartet«, sagte Pine.

»Wie ist die Sache mit der Bombe ausgegangen?«, fragte er schließlich.

»Fürs Erste gut. Aber was die Zukunft bringt, weiß keiner.«

Ein paar Augenblicke saßen sie schweigend da und schauten hinauf zum sternenübersäten Himmel.

»Falls ich das Problem in den Griff kriege …«, begann er schließlich zögernd.

»Was nur eine Frage der Zeit ist«, fiel Pine ihm ins Wort.

»Tja, also … wenn ich es schaffe, können wir uns dann öfter treffen und ein Bier trinken, so wie jetzt?«

»In Ihrem Jeep? Na klar. Der Abend neulich gehört zu meinen persönlichen Top drei.«

»Und was sind die anderen beiden Spitzenreiter?«

»Unser Date in Tony’s Pizza.« Sie zögerte einen Moment. »Und heute.«

Er lächelte, wurde aber gleich wieder ernst. »Danke, Atlee. Danke für alles.«

»Ich finde nicht, dass ich so furchtbar viel getan habe.«

»Sie haben mehr getan als sonst jemand.«

Sie lächelte. »Nett, dass Sie das sagen, Sam.«

»Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?«

»Nur zu.«

»Werden Sie auch eine Therapie machen?«

»In gewisser Weise tue ich das schon.« Pine trank ihr Bier aus. »Also dann. Ich hau mich jetzt in die Falle. Morgen wird ein anstrengender Tag.«

Sie küsste ihn auf die Wange und öffnete die Tür des Jeeps.

Bevor sie aussteigen konnte, platzte er heraus: »Ich bin nicht verrückt, Atlee, das schwöre ich.«

Pine beugte sich zu ihm und streichelte seine Wange. Mit einem zärtlichen Lächeln sagte sie: »Ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass wir alle ein bisschen verrückt sind, Sam? Und wir Verrückten müssen zusammenhalten.«

Pine und Blum flogen an die Ostküste und holten den Mustang vom Parkplatz des Reagan National Airport. Da sie schon mal in der Gegend waren, beschlossen sie, die Priests in Bethesda zu besuchen.

Ben Priest war ebenfalls zugegen; er erholte sich im Haus seines Bruders von den erlittenen Strapazen.

Mary Priest empfing sie an der Haustür. Pine hatte vorher angerufen und ihren Besuch angekündigt, doch als Mary Carol Blum sah, war sie für einen Moment sprachlos.

»Ich weiß, meine Liebe«, sagte Blum und tätschelte ihr die Hand. »Glauben Sie mir, ich habe mich scheußlich gefühlt, weil ich Ihnen etwas vorgespielt habe. Aber es war notwendig, um Ihren Mann zurückzuholen.«

Statt einer Antwort schloss Mary sie in die Arme und brach in Tränen aus.

Als sie nach oben gingen, um mit Ben zu sprechen, sahen sie die beiden Jungen, Billy und Michael, aus dem Zimmer ihres Onkels kommen. Ed Priest saß auf einem Stuhl am Bett seines Bruders. Ben war offenbar in einer schlechteren Verfassung als Ed. Er wirkte blass und erschöpft.

Mary schloss die Tür, damit sie sich ungestört unterhalten konnten.

Pine setzte sich auf die Bettkante, Blum blieb neben ihr stehen.

»Sie haben uns das Leben gerettet, Atlee«, sagte Ed.

»Nachdem ich Sie in Gefahr gebracht hatte«, erwiderte Pine.

»Was ist aus der Sache geworden?«, wollte Ed wissen. »Ist es gut ausgegangen?«

»Zumindest, bis das nächste Mal irgendwelche Trottel in Washington auf neue Schnapsideen kommen, stimmt’s?«, warf Ben ein und schaute zu Pine hoch. »Ich habe gehört, was mit Simon Russell und Oscar Fabrikant passiert ist.«

Pine nickte langsam. »Die Leute, die dahinterstecken, nennen so etwas einen Kollateralschaden. Ich nenne es Mord. Wenigstens hat Russells Mörder dafür bezahlt. Im Fall von Fabrikant konnte ich nur erreichen, dass seine Familie eine Entschädigung und die Society eine Spende erhält.«

Ben schwieg einen Moment und sagte dann: »Als David Roth mit der Sache zu mir kam, hielt ich ihn für verrückt. Aber dann wurde mir klar, dass nicht Roth, sondern gewisse Leute im Umfeld unserer Regierung übergeschnappt waren.«

»Also haben Sie Roth geholfen, das einzig Richtige zu tun«, sagte Pine.

»Das war meine Absicht. Ich hatte einen Maultierritt in den Canyon gebucht, was sich dann als perfekte Gelegenheit erwies, an die Bombe heranzukommen.«

»Perfekt?«, sagte Pine. »Für die arme Sallie Belle war es nicht so ideal. Aber für den Rest der Welt war es sicher okay.«

Ben hielt ihr die Hand hin, Pine schüttelte sie.

»Ich habe Sie unterschätzt«, gab er zu. »Ich hielt mich für den Profi und Sie für eine Amateurin. Es war wohl eher umgekehrt.«

»Die Welt, in der Sie sich bewegen, Ben, werde ich nie wirklich verstehen. Um ehrlich zu sein, ich will es auch gar nicht.«

»Ich habe auch meine Zweifel, ob es für mich noch das Richtige ist. Wie geht es Roth jetzt?«

»Soviel ich weiß, gönnt er sich einen längst überfälligen Urlaub – in einer Gegend, in der es keine Berge gibt.«

Ben schmunzelte. »Und keine Bomben.«

»Davon gehe ich aus«, sagte Pine lachend und schaute zwischen den beiden Priest-Brüdern hin und her. »Freut mich jedenfalls für Sie, dass Sie mal wieder ein bisschen Zeit für die Familie haben. Das ist nichts Selbstverständliches. Viele, die keine Familie haben, würden Sie darum beneiden.«

Carol Blum musterte Pine von der Seite, behielt ihre Gedanken aber für sich.

Anders als auf der Hinfahrt nahmen Pine und Blum sich diesmal eine ganze Woche Zeit, um im Mustang zurück nach Arizona zu reisen. Immer wieder machten sie halt, um sich mehr vom Süden und Südwesten der USA anzusehen, als ihnen beiden bislang vergönnt gewesen war.

In einem kleinen Diner in Arkansas saßen sie an einem Picknicktisch im Freien und tranken süßen Eistee, während ringsum Kinder in Shorts und T-Shirts lachend und schreiend herumtollten.

»Ich wusste noch gar nicht«, sagte Pine und ließ den Blick schweifen, »wie vielfältig die Landschaften in den USA sein können.«

»Oh, das sind sie. Jeder Bundesstaat hat seinen eigenen Reiz – und seine eigenen Probleme«, meinte Blum, biss in eine Essiggurke, die sie in eine scharfe Sauce getunkt hatte. »Aber es gibt schon so was wie eine gemeinsame Basis, ein paar … Werte, die wir alle teilen. Sozusagen der Kitt, der uns zusammenhält.« Sie hielt inne und lächelte. »Das hier erinnert mich an meine sechs Kinder.«

»Inwiefern?«

»Ich glaube, es hat keinen Tag gegeben, an dem nicht mindestens einmal die Fetzen flogen. Ständig haben sich zwei gezofft, zwei andere haben gerangelt, und die letzten zwei haben danebengesessen und friedlich gespielt. Am nächsten Tag waren sie es dann, die sich in die Haare kriegten.«

»Und was schließen Sie daraus?«, fragte Pine.

»Man kann nur hoffen, dass sie irgendwann mal füreinander da sind, wenn’s hart auf hart kommt. Man weiß nie, was das Leben bringt. Oft ist es ziemlich rau, und die Leute machen sich was vor, wenn sie glauben, es gäbe eine einfache Lösung für den vielen Streit auf der Welt – und schon wären alle nett zueinander. So sind wir nicht gestrickt. Das haben wir ja mal wieder in großem Maßstab erleben müssen, nicht wahr?« Sie hielt einen Moment inne und nahm einen Schluck Tee. »Andererseits muss ich sagen, dass meine Kinder und ich trotz des alltäglichen Zoffs auch richtig gute Zeiten hatten. Es gehört nun mal dazu, dass man sich immer wieder zusammenrauft.«

Sie stiegen wieder in den Wagen, um ihre Reise in den Westen fortzusetzen.

»Ich könnte mich glatt daran gewöhnen, durch die Gegend kutschiert zu werden«, meinte Blum. »Vielleicht sollten wir das jedes Jahr machen.«

»Gern, Louise«, sagte Pine.

»Wie bitte?«

»Ich glaube, ich bin Thelma, und Sie sind Louise.«

»Nun ja, Sie und Geena Davis haben ungefähr die gleiche Größe. Und mir hat man schon öfter gesagt«, fügte Blum mit einem selbstzufriedenen Lächeln hinzu, »ich sähe aus wie Susan Sarandon.«

»Okay, Louise, haben Sie Bock auf die nächsten hundert Meilen?«

»Aber unbedingt«, antwortete Blum und wirbelte ihre Arme im übertriebenen Jubel durch die Luft, während Pine lachte, wie schon lange nicht mehr.