33
Pine stellte ihren Mustang gegenüber von Simon Russells großem Stadthaus unweit des Capitol Hill ab. So wie in der Old Town von Alexandria wohnten auch in diesem Viertel fast ausschließlich vermögende Leute. Als Pine zwei Jahre lang dem Washington Field Office angehört hatte, war mehr als eine winzige Bruchbude anderthalb Stunden von der Innenstadt Washingtons entfernt nicht für sie drin gewesen.
Was immer Russell beruflich machte, musste ziemlich einträglich sein. Sein Haus war ein schmuckes, anheimelndes Gebäude mit Schieferdach und Fallrohren aus Kupfer. Doch wie das Innere aussah, würde Pine heute wohl nicht mehr erfahren. In keinem der vielen Fenster brannte Licht.
Pine überquerte die Straße, wandte sich nach links und bog an der nächsten Ecke rechts ab. Eine schmale Gasse führte sie direkt zur Rückseite von Russells Haus.
Das Anwesen war von einer hohen Ziegelmauer umgeben, in deren Mitte sich ein massives hölzernes Tor befand. Pine versuchte es zu öffnen, doch es war verschlossen.
Ein kurzer Blick nach links, nach rechts. Nichts und niemand zu sehen.
Pine streckte sich, packte die obere Mauerkante und zog sich hoch, bis sie einen Blick in den Garten werfen konnte. Die Bewegung ließ sie beinahe aufschreien vor Schmerz, als ihr Körper gegen die plötzliche Belastung protestierte.
Von der Mauer aus sah sie einen kleinen Garten mit Springbrunnen, Stühlen, einem dazu passenden schmiedeeisernen Tisch und gepflegten Topfpflanzen. Und eine massive Hintertür. Alles wirkte sauber und ordentlich, allerdings wenig hilfreich für ihre Zwecke.
Auch hier, an der Rückseite des Hauses, brannte nirgendwo ein Licht.
Pine sprang auf den Bürgersteig hinunter, ging zurück zum Vordereingang und versuchte es auf direktem Weg.
Sie ging zur Haustür und klopfte an.
Nichts.
Sie klopfte noch einmal und hielt dabei nach möglichen Beobachtern Ausschau, auch nach dem Ninja-Krieger mit dem Regenschirm.
Wieder keine Reaktion. Niemand kam zur Tür.
Pine warf einen Blick durch die Seitenfenster, doch es war zu dunkel, um etwas zu erkennen.
Okay, Mädchen. Wie sieht dein Plan B aus?
Sie hatte wenig Lust, schon wieder in ein Haus einzubrechen. Sie war schon beim letzten Mal nur mit Glück davongekommen.
Also ging sie zurück zu ihrem Wagen und stieg ein. Sie beschloss, die langweiligste, manchmal aber wertvollste Methode der Polizeiarbeit anzuwenden.
Eine Observierung.
Sie lehnte sich im Sitz zurück und ließ das Haus keine Sekunde aus den Augen.
Kurz nach Mitternacht machte sich ihre Ausdauer bezahlt.
Ein hünenhafter Mann näherte sich zu Fuß dem Anwesen. Er trug einen Trenchcoat, einen Filzhut und in der Hand eine lederne Aktentasche.
Der Mann stieg die Stufen zur Haustür hinauf, griff in seine Tasche, zog seine Schlüssel hervor.
Als er den Schlüssel ins Schloss steckte, war Pine bereits bei ihm.
»Mr. Russell?«
Er fuhr herum und schaute auf sie hinunter.
»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«
Gesundes Misstrauen?, fragte sich Pine. Oder ein bisschen mehr?
Sie zückte ihre Dienstmarke. »Ich bin vom FBI. Ich komme wegen Ihres Freundes Ben Priest.«
Sein Misstrauen wuchs. »Ben? Was ist mit ihm? Warum interessiert sich das FBI für ihn?«
»Können wir drinnen reden?«
Russell zögerte einen Moment und nickte schließlich. »Also gut.«
Er ließ sie eintreten, schaltete die Alarmanlage ab, schloss die Tür und verriegelte sie. In dem kleinen Vorraum nahm er den Hut ab und hängte den Mantel an einen Garderobenhaken.
Jetzt, da er keine Kopfbedeckung mehr trug, sah Pine, dass seine Haare tatsächlich ziemlich schütter waren. Der verbliebene Rest war wirr auf dem Kopf verteilt. Wie Pfarrer Paul gesagt hatte, trug Russell einen kurz geschnittenen Bart und war sehr schlank. Seine Schuhgröße schätzte Pine auf 49 oder 50, was bei einem fast zwei Meter großen Mann angemessen schien. Seine Nase war lang und schmal, die Augen braun und durchdringend unter den dichten, buschigen Brauen.
Pine nutzte die Gelegenheit, sich umzuschauen. Russells Zuhause wirkte viel ansprechender als das von Priest. Die antiken Möbel waren abgenutzt, aber gemütlich. Das Zimmer zur Rechten war mit einem offenen Kamin ausgestattet. An den Wänden hingen Ölgemälde, allem Anschein nach Originale. Der Teppich, auf dem sie stand, schien antik zu sein. Weiter vorn im Flur sah sie farbenfrohe Tapeten und kunstvolle Deckenleisten. Decken und Wände waren mit Stuck gestaltet.
Russell unterbrach sie in ihren Beobachtungen.
»Möchten Sie etwas trinken? Oder sind Sie im Dienst?«
»Was haben Sie denn anzubieten?«
»Wie wär’s mit Gin Tonic? Ich habe diesen Bombay-Gin in der blauen Flasche da. Der ist meine Allzweckwaffe.«
»Danke, aber mir genügt Tonic.«
Russell führte sie den Flur entlang zu einer breiten, ovalen Holztür, die aussah wie aus einem alten Schloss. Er öffnete sie und ließ Pine in einen Raum eintreten, der eine Mischung aus Bibliothek und Arbeitszimmer war.
An drei Wänden reihten sich Regale, die mit Büchern vollgestellt waren. Mitten im Zimmer stand ein großer Schreibtisch auf einem quadratischen, ausgeblichenen Perserteppich. Auch hier gab es einen Kamin, außerdem eine wuchtige Ledercouch und dazu passende Sessel. Auf einem kleinen Büfett standen Flaschen und Gläser.
»Möchten Sie Ihr Tonic mit Eis?«, fragte er, während er zwei Gläser vorbereitete.
»Warum nicht?«
Er öffnete die Tür eines Schranks, in dem sich eine Eismaschine befand, nahm eine Limette aus einer Schüssel, schnitt sie in Scheiben und legte eine in jedes Glas. Dann goss er Tonic Water in beide Gläser, gab für sich selbst Gin dazu und rührte den Drink um. Die ganze Zeit ließ Pine ihn sicherheitshalber nicht aus den Augen.
Russell reichte ihr das Getränk.
»Danke.« Pine nickte ihm zu.
Er griff nach einer Fernbedienung und richtete sie auf den Kamin. Mit einem Klick entzündete er das Gas, worauf bläuliche Flammen aufloderten. Er setzte sich auf die Couch und deutete auf einen Stuhl. »Bitte nehmen Sie Platz.«
»Nettes Zimmer«, meinte Pine und setzte sich ihm gegenüber.
»Ich mache einen großen Teil meiner Arbeit hier.«
»Was für eine Arbeit, wenn ich fragen darf?«
Er nippte von seinem Drink. Seine Miene, die ohnehin nicht sehr einladend gewesen war, wurde kalt und abweisend.
»Dazu fällt mir spontan nur eine Antwort ein: Das geht Sie nichts an – es sei denn, Sie haben einen Gerichtsbeschluss gegen mich. Und selbst dann würde es Sie einen Dreck angehen. Sagen Sie mir lieber, was Sie von Ben wollen.«
»Er ist verschwunden.«
Russell nahm es schweigend auf. Er neigte den Kopf zur Seite und schaute in die Gasflammen.
»Das scheint Sie nicht sehr zu überraschen.«
Er zuckte mit den Achseln. »Nein. Ben verschwindet immer wieder mal von der Bildfläche.«
Pine beschloss, mehr preiszugeben, als sie geplant hatte, um den Mann gesprächiger zu machen. »Kommt es oft vor, dass er mit einem Hubschrauber entführt wird?«
Diesmal hatte sie Russells ungeteilte Aufmerksamkeit. Er blickte sie forschend an. »Ist das nur so dahergesagt, oder reden wir hier von Fakten?«
»Ben steckt in Schwierigkeiten. In großen Schwierigkeiten. So viel zu Ihrer Frage.«
»Von meiner Seite gibt es dazu auch nicht mehr zu sagen.«
Pine schaute sich in seinem Arbeitszimmer um. »Nach dem zu urteilen, was ich hier sehe, kommen Sie aus reichem Haus und sind viel gereist.«
»Sehr interessant.« Russell grinste abfällig. »Sonst noch was?«
»Ja. Sie interessieren sich für Weltpolitik und legen Wert auf Sicherheit. Und es ist Ihnen nicht egal, was mit Ihrem Land geschieht.«
»Ich will unser Gespräch nicht unnötig verlängern, indem ich Sie frage, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen. Deshalb …«
Pine sprach unbeirrt weiter. »Das Tafelsilber da drüben ist von Tiffany. Das Monogramm zeigt, dass es wahrscheinlich ein Familienerbstück ist, älter als Ihre Großeltern. Das heißt, Sie haben es geerbt. Leute, denen solche Dinge hinterlassen werden, sind meist auch in anderer Hinsicht privilegiert.«
»Bravo. Und Ihre anderen Weisheiten?«
»Die habe ich aus anderen Details geschlossen – aus den Büchern hier, dem Sicherheitssystem des Hauses und den detaillierten Karten von China und dem Nahen Osten an den Wänden dort.«
»Und die Annahme, dass mein Land mir wichtig ist?«
»Der gerahmte Brief da drüben stammt von einem Ex-Präsidenten, der Ihnen für Ihre Dienste dankt.«
Russell schien sie in einem neuen Licht zu betrachten. Er nahm einen Schluck von seinem Drink und nickte. »Okay. Mag sein, dass Sie mit Ihrer Einschätzung richtigliegen. Was wollen Sie von mir?«
»Haben Sie eine Ahnung, woran Ben gearbeitet hat? Denn das könnte der Grund für seine Schwierigkeiten sein.«
»Wir haben nicht zusammengearbeitet.«
»Da habe ich etwas anderes gehört.«
»Dann hat man Ihnen etwas Falsches erzählt.«
»Sie haben mit Ben nie über berufliche Dinge gesprochen?«
»Dazu gab es keinen Grund.«
»Und er hat Ihnen nichts über seine Arbeit erzählt?«
»Diese Frage habe ich doch gerade beantwortet, oder?«
»Er wohnt in Alexandria, und Sie hier. Wie kommt es, dass er Sie ins Basketballteam seiner Kirchengemeinde geholt hat?«
»Irgendeine öde Party, auf der wir uns begegnet sind und uns aus lauter Langeweile über Kirche und Basketball unterhalten haben.«
»Dann wissen Sie wahrscheinlich auch nichts über den Kerl, mit dem er zu tun hatte?«
»Welchen Kerl?«
»Oder über die passwortgeschützte Datei, die Ben hinterlassen hat.«
Russell musterte sie eingehend, während er mit den Eiswürfeln in seinem Glas klimperte.
»Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?«, fragte er dann.
»Bin gegen eine Tür gerannt.«
»Eher gegen eine Faust.«
»So was gibt’s auch, ja.«
»Wie kommt es, dass Sie mit dieser Sache befasst sind, wenn ich fragen darf?«
»Das ist mein Job.«
Russell räusperte sich. »Arbeiten Sie in der Abteilung für nationale Sicherheit des FBI? Oder für die nachrichtendienstliche Abteilung?« Er wartete einen Moment, ehe er hinzufügte: »Nein, danach sehen Sie nicht aus.«
»Das heißt, Sie haben mit solchen Leuten zu tun. Und diese Abteilungen des FBI sind Ihnen geläufig. Auch das sagt einiges über Sie.«
Diesmal schwieg Russell.
»Wie schätzen Sie mich denn ein?«, fragte Pine.
»Als Einzelgängerin. Jemand, der auf eigene Faust vorgeht«, antwortete Russell, ohne lange nachzudenken.
Pine deutete auf die vollen Regale. »Sie haben Bücher in verschiedenen Sprachen hier – Russisch, Chinesisch, Koreanisch, Arabisch. Sprechen Sie diese Sprachen?«
»Ja. Wie viele andere in dieser Stadt.«
»Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich die Hoffnung hatte, dass Sie mir helfen können, Licht in diese Sache zu bringen.«
»Tut mir leid, dass ich Ihre Hoffnung enttäuschen muss.«
»Sie und Ben sind also nur zufällig im selben Basketballteam?«
Russell nahm einen langen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, bevor er antwortete. »Er ist ein guter Flügelspieler, und sein Sprungwurf aus der Halbdistanz ist genial, das muss man ihm lassen. Ich mit meiner Größe bin mehr der Mann fürs Mittelfeld. Sprungwürfe machen meine Knie nicht mehr mit.«
Pine stellte ihr Glas ab und stand auf. »Danke für das Tonic Water.«
Russell schaute zu ihr hoch. »Sind Sie wirklich vom FBI?«
Pine zog ein Blatt Papier hervor und schrieb etwas darauf. »Hier können Sie mich erreichen, falls Sie es sich anders überlegen.«
Russell nahm den Zettel, ohne einen Blick darauf zu werfen, und legte ihn auf den Tisch neben der Couch.
»Sie haben mir einiges zum Nachdenken gegeben«, sagte er und klimperte erneut mit den Eiswürfeln im Glas, während die Flammen im Kamin seine scharf geschnittenen Gesichtszüge hervorhoben.
»Das kann ich von Ihnen leider nicht behaupten. Ich finde schon hinaus.«
Pine ging nicht zu ihrem Wagen zurück. Sie wusste, dass er sie vom Fenster aus beobachtete. Stattdessen wandte sie sich nach links, ging zügig die Straße hinunter, bog an der nächsten Ecke rechts ab und ging hinter einem Baum in Position, von wo sie Russells Haustür im Blick hatte.
Sie hatte ein seltsames Gefühl, was diesen Mann betraf, auch wenn sie von ihm rein gar nichts erfahren hatte.
Nachdem sie das Haus zwanzig Minuten lang beobachtet hatte, bekam sie die Chance, auf die sie gewartet hatte. Russell kam aus der Tür und ging in die entgegengesetzte Richtung.
Pine eilte zu ihrem Wagen, fuhr los und behielt den Mann im Auge.