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Der Southwest Chief Train Nr. 3, gezogen von zwei P42-Lokomotiven, verließ Chicago und rollte mit seinen neun Waggons in Richtung Südwesten. Der Zug beförderte neben dem vierzehnköpfigen Personal insgesamt hundertdreißig Fahrgäste. Seine Höchstgeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern konnte er auf langen Streckenabschnitten ausspielen. Berücksichtigte man die einunddreißig Stopps in acht Bundesstaaten, erreichte der Zug auf der 2200 Meilen langen Strecke von Chicago nach Los Angeles eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern.
Pine und Blum nahmen ihre Plätze ein, als der Chief Train die Innenstadt von Chicago hinter sich ließ.
»Glauben Sie, dass auch andere Mitglieder der Society for Good in Gefahr sind?«, fragte Blum.
»Das können wir nicht ausschließen«, antwortete Pine. »Ich hoffe nur, die sind jetzt extrem vorsichtig. Die haben ja sicher mitbekommen, was in Moskau passiert ist.«
»Wäre es nicht vielleicht doch vernünftiger, jemanden beim FBI anzurufen? Irgendjemand, dem Sie vertrauen? Falls da wirklich eine Atombombe im Grand Canyon liegt, werden die es sicher wissen wollen.«
Pine schwieg einen Moment, ehe sie antwortete. »Stimmt, das wäre die naheliegende Vorgehensweise. Das Problem ist nur, dass nichts an diesem Fall so ist, wie man es eigentlich erwartet. Wenn Roth tatsächlich Inspektor für Massenvernichtungswaffen ist und von der Bombe im Grand Canyon erfahren hat, was wäre dann seine logische Reaktion? Das gilt auch für Ben Priest. Was würden die beiden tun – falls sie keine Verräter sind, wovon ich ausgehe.«
Blum blickte sie entgeistert an. »Sie würden sich an die Behörden wenden.«
»Haben sie aber nicht. Stattdessen nehmen Army-Soldaten im Hubschrauber die Priest-Brüder in Gewahrsam. Ein paar Tage später tauchen vier Männer bei Simon Russell auf, möglicherweise von einer Bundesbehörde. Sie verhören ihn und drohen damit, ihn zu foltern. Danach haben es zwei Kerle am Flughafen auf uns abgesehen, und unsere eigene Armee stürmt Kurt Ferris’ Wohnung.«
»Man könnte fast glauben, dass unsere eigenen Leute die Täter sind.«
»Natürlich wäre es denkbar, dass sie von der Bombe wissen und auf diese Weise dafür sorgen wollen, dass nichts nach außen dringt, damit keine Massenpanik entsteht. Trotzdem ist es vollkommen irre, dass unsere eigenen Behörden Leute verschleppen oder eliminieren. Für die scheinen im Moment keine Gesetze mehr zu gelten.«
»Mein Gott, man kommt sich vor wie in Nordkorea oder im Iran.«
»Oder in Russland«, fügte Pine hinzu. »Die Russen sind ja auch in die Sache verwickelt. Denken Sie an die zwei Burschen in Ben Priests Haus.« Sie zögerte einen Moment, sichtlich ratlos. »Ich hätte nicht gedacht, dass Russen und Nordkoreaner so enge Verbündete wären, dass sie gemeinsame Sache machen, um auf amerikanischem Boden eine Atombombe zu zünden. Wollen die allen Ernstes einen dritten Weltkrieg vom Zaun brechen? Wenn ja, werden sie ihn nicht gewinnen. Kein Staat der Erde könnte die USA in einem Krieg besiegen.«
»Aber wie in aller Welt können die Nordkoreaner oder die Russen eine Atomwaffe in den Canyon bringen, ohne dass es jemand merkt? Das ist doch verrückt!«
»Vielleicht, indem sie über einen längeren Zeitraum hinweg Einzelteile an den Zielort geschmuggelt und in einer abgelegenen Höhle zusammengebaut haben. Schließlich gibt es für Wanderer im Canyon keine strengen Sicherheitskontrollen mit Magnetometer und allem Drum und Dran.«
»Und der Standort ist auf der Karte eingetragen, die Sie in der Datei gefunden haben?«
»Genau.«
»Wie gehen wir vor, wenn wir wieder in Arizona sind?«
»Das weiß ich noch nicht. Aber wir haben eine lange Zugfahrt vor uns – da wird uns hoffentlich etwas einfallen.«
Pine verließ das Abteil und ging zu dem Wagen, in dem Imbisse und Getränke angeboten wurden. Sie kaufte sich ein Bier und Chips und setzte sich in den Aussichtswagen, wo sie für sich allein war.
Gedankenversunken fingerte sie an ihrem Handy herum. Dann beschloss sie, einen Anruf zu machen.
»Hallo?«
»Hallo, Sam. Ich bin’s, Atlee.«
»Atlee? Ich bin ein bisschen überrascht, weil … das ist doch nicht Ihre Nummer, oder?«
»Stimmt. Ich bin unterwegs und rufe mit einem anderen Handy an. Wie geht’s denn so?«
»Danke, gut. Kommen Sie bald zurück?«
»Ja, bin schon auf der Heimfahrt. Wie war das Konzert?«
»Was?«
»Carlos Santana.«
»Oh, das war toll. Der Mann bringt’s immer noch, wirklich unglaublich. Ich habe einen Freund mitgenommen, aber mit Ihnen hätte es noch mehr Spaß gemacht.«
»Das hört man gern. Sam, was ich Sie fragen wollte – haben Sie noch irgendwas von Lambert oder Rice gehört?«
»Nein, nur dass sie schon in Utah sind.«
»Ist schon Ersatz für sie gekommen?«
»Noch nicht. Wir müssen für sie einspringen, bis die Neuen da sind. Wie kommen Sie mit Ihren Ermittlungen voran?«
»Ganz gut. Die Sache ist allerdings komplizierter, als ich dachte.«
»Hoffentlich erwischen Sie den Kerl, der das Muli abgeschlachtet hat. Ich kann’s immer noch nicht glauben, dass jemand so brutal sein kann. Das Tier hatte keinem was getan.«
»Das stimmt. Haben Sie die nächsten Abende Dienst?«
»Ja. Aber falls Sie wieder mal ausgehen möchten, wenn Sie zurück sind, würde ich versuchen, mit einem Kollegen zu tauschen. Wird aber schwierig, weil wir im Moment unterbesetzt sind.«
»Nein, das hatte ich jetzt nicht gemeint. Ich hab mir gedacht, ich könnte selbst wieder mal eine Wanderung in den Canyon machen, an einem der nächsten Abende.«
»Okay, sagen Sie mir Bescheid, dann können wir uns treffen.« Er lachte. »Ich bringe Ihnen ein Bier runter.«
»Wäre toll.«
»Sie wollen doch nicht etwa allein losziehen?«, fragte er plötzlich.
»Na ja, ich bin ein großes Mädchen. Und ich wäre nicht zum ersten Mal allein dort unten.«
»Trotzdem ist es nicht so klug.«
»Ich habe nie behauptet, dass ich klug bin, Sam. Bis dann.«
Sie schaltete das Handy aus und schlenderte zurück zum Abteil.
Ein paar Stunden später gingen die beiden Frauen in den Speisewagen, um zu Abend zu essen. Da sie mit zwei Mitreisenden am Tisch saßen, konnten sie nicht über ihre Angelegenheiten sprechen.
Kurz nach Mitternacht hielt der Zug in Lawrence, Kansas. Zwei Fahrgäste stiegen ein, niemand stieg aus. Fünf Minuten später waren sie wieder unterwegs.
Kaum waren sie einige Minuten gefahren, wurde der Zug plötzlich langsamer.
»Hält er schon wieder?«, murmelte Blum, die auf ihrer Schlafliege gedöst hatte.
Pine richtete sich auf, griff sich ihr Handy und rief den Fahrplan auf, den sie heruntergeladen hatte.
»Der nächste Halt wäre erst in einer halben Stunde in Topeka.«
»Warum werden wir dann langsamer?«
Pine hatte bereits ihre Pistole gezogen. »Gute Frage.«
Eine Minute später ertönte ein metallisches Kreischen, und der Zug bremste so scharf, dass beide Frauen gegen die Wand des Abteils geschleudert wurden.
Wieder ein kurzer Ruck.
Dann kam der Southwest Chief zum Stehen.