61

Die Bürotür wurde so vehement gerammt, dass sie aus den Angeln flog. Ein Dutzend Männer in voller Gefechtsmontur, bewaffnet mit M4- und M16-Sturmgewehren, stürmten in Pines Büro.

Dobbs hielt mit der freien Hand seine Dienstmarke hoch und brüllte: »FBI! Die Waffen runter!«

Keine Reaktion. Die Eindringlinge, die Sturmgewehre im Anschlag, formierten sich Schulter an Schulter zu einer Wand, die sich über die gesamte Breite des Raumes erstreckte. Die Mündungen ihrer Waffen waren auf die FBI-Agenten gerichtet.

»FBI!«, rief Dobbs erneut. »Die Waffen runter, habe ich gesagt!«

Auch diesmal wurde kein Gewehr gesenkt.

»Wer sind Sie?«, fragte Dobbs, während seine Leute nervös ihre Pistolen umfassten.

Zwölf Sturmgewehre in den Händen von Schützen in voller Gefechtsausrüstung gegen sieben halbautomatische Pistolen in den Händen Anzug tragender Agenten – man musste kein Prophet sein, um das Ergebnis eines Schusswechsels vorherzusagen, noch dazu auf so engem Raum.

»Macht Platz!«, rief eine befehlsgewohnte Stimme.

Die Bewaffneten in der Mitte der Reihe wichen auseinander, und ein Mann in den Fünfzigern in dunklem Anzug, weißem Hemd, gestreifter Krawatte und Wingtip-Schuhen trat zwischen ihnen nach vorne. Er schien das Kommando über die Spezialeinheit innezuhaben.

Dobbs wandte sich an den Unbekannten. »Wir sind vom FBI. Wenn Sie nicht augenblicklich die Waffen herunternehmen, kriegen Sie mächtig Ärger.«

Der Mann erwiderte gelassen: »Das Gleiche wollte ich Ihnen auch gerade sagen.«

Im nächsten Augenblick waren draußen wieder schwere Schritte zu hören. Sekunden später stürmten ICE-Agenten in Pines Büro, AR-15-Sturmgewehre im Anschlag, und richteten ihre Waffen auf die Männer in Gefechtsmontur.

»Federal Agents!«, rief der Führungsmann. »Nehmen Sie die Waffen runter!«

Die drei bewaffneten Gruppen standen einander in einer Pattsituation gegenüber.

Dobbs wandte sich triumphierend an den Mann im dunklen Anzug. »Sie sind umstellt, mein Freund! Legen Sie die Waffen nieder. Na los!«

Der Mann blieb unbeirrt. »Das werden wir nicht tun. Wir sind hier, um die beiden Ladys dort festzunehmen.« Er deutete auf Pine und Blum.

»Aus welchem Grund?«, wollte Dobbs wissen.

»Hochverrat an den Vereinigten Staaten.«

Ein ICE-Agent trat vor und schaute zu Pine. »Hochverrat? Blödsinn! Agentin Pine ist keine Verräterin. Aber wer zum Teufel sind Sie eigentlich?«

Der Mann im dunklen Anzug holte ein Handy hervor, wählte eine Nummer und sprach leise ein paar Worte ins Gerät. Dann hielt er dem ICE-Agenten das Handy hin. »Ihr Direktor will mit Ihnen sprechen.«

Der Agent blinzelte verwirrt. »Welcher Direktor?«

»Harold Sykes, der Chef der Homeland Security, höchstpersönlich.«

Der Agent nahm das Mobiltelefon entgegen. »Ja?« Er nahm unwillkürlich Haltung an, als er Sykes’ Stimme erkannte.

»Jawohl, Sir. Was? Nein … Ich meine … Aber sie ist FBI-Agentin, Sir … Ja, ich kenne sie. Nein, ich will damit nicht sagen … eine Verräterin? Nein, Sir … jawohl, Sir, sofort.«

Zerknirscht gab er dem Mann im Anzug das Telefon zurück und blickte Pine mit einem hilflosen Ausdruck an. »Tut mir leid, Atlee.«

»Schon in Ordnung, Doug, wir klären das später.«

Doug wandte sich zögernd seinen Leuten zu. »Okay, gehen wir.«

»Sir?«, fragte ein Mann aus seinem Team.

»Ich sagte, wir gehen!«, blaffte Doug in hilflosem Zorn.

Binnen Sekunden hatten die ICE-Agenten das Feld geräumt, sodass sich nur noch die Männer in Gefechtsmontur und die FBI-Agenten gegenüberstanden.

Der Mann im Anzug wandte sich an Dobbs.

Der hielt seinerseits sein Handy hoch. »Okay, Arschgeige, ich rufe jetzt meinen Direktor an.«

Der Mann im Anzug lächelte unbeeindruckt. »Ich weiß was Besseres. Ich rufe den Vorgesetzten Ihres Chefs an, den Justizminister, dann kann der Ihnen befehlen, uns die beiden Frauen auszuliefern.«

Dobbs’ Blick schweifte zu Pine. »Es ist völlig ausgeschlossen, dass Pine oder Blum Verräterinnen sind.«

»Ihre Meinung zu dem Thema ist nicht gefragt.«

Dobbs zwang sich zur Ruhe. »Na schön. Zeigen Sie mir den Haftbefehl, dann nehmen wir die beiden auf der Stelle fest, lesen ihnen ihre Rechte vor und überlassen die Sache den Gerichten, wie es sich gehört.«

Der Mann hatte schon nach wenigen Worten mit Kopfschütteln reagiert. »Es geht hier um eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit, nicht um ein Gerichtsverfahren.«

»Ach ja?«, explodierte Dobbs. »Sind die zwei vielleicht bei Rot über die Straße gegangen?« Er deutete auf Pine und Blum. »Diese Frauen sind amerikanische Staatsbürgerinnen. Das heißt, sie sind unschuldig, solange ihre Schuld nicht erwiesen ist. Sie haben das Recht auf ein faires Verfahren. Das ist Ihnen doch sicher bekannt … falls Sie überhaupt Amerikaner sind, was ich allmählich bezweifle.«

»Das reicht jetzt. Stecken Sie die Waffen weg.«

»Nichts da«, rief Dobbs. »Nehmen Sie Ihre Truppe, und machen Sie sich vom Acker.«

»Ich kann auf der Stelle den Justizminister anrufen, dann wird er Ihnen befehlen …«

»Sie können den Präsidenten persönlich anrufen, meine Antwort bleibt dieselbe.«

»Sie bewegen sich auf verdammt dünnem Eis«, sagte der Unbekannte drohend.

»Finden Sie?«, erwiderte Dobbs. »Wir sind Agenten des FBI, Kumpel.«

»Das sagten Sie bereits. Stecken Sie jetzt die Waffen weg, oder wir eröffnen das Feuer. Letzte Chance.«

Die FBI-Agenten warfen einander nervöse Blicke zu. Ihnen war klar, dass es ein Blutbad geben würde, sobald die Waffen sprachen. Dennoch wichen sie nicht von der Stelle und hielten ihre Pistolen schussbereit.

»Also gut«, sagte der Mann im Anzug schließlich und trat kopfschüttelnd hinter die Mauer aus Sturmgewehren und Panzerwesten zurück. »Es soll keiner sagen, ich hätte Ihnen keine Chance gegeben.«

Pine riss der Geduldsfaden. Entschlossen trat sie vor. »Hört auf mit diesen dämlichen Macho-Spielchen. Es wird Zeit, dass ihr runterkommt und verhandelt.«

Der Mann schaute sie ungläubig an. »Verhandeln? Sie haben nichts in der Hand, um mit mir zu verhandeln.«

Statt einer Antwort ging Pine zum Schrank und öffnete die Tür. Mit einem Ruck zog sie die Hülle von der Bombe. »Ich glaube, das hier ist ein Argument.«

Der Mann starrte sie entgeistert an. »Wie zum Henker kommt das hierher?«

»Ein paar Leute haben sich nicht davon abhalten lassen, das Richtige zu tun.«

Der Mann grinste verächtlich. »Wer? David Roth?«

»Ich will hier nicht ins Detail gehen.«

»Ihr seid Verräter!«, blaffte der Mann. »Ihr alle!«

»Nein. Wir sind Patrioten.«

Der Mann warf Dobbs einen Blick zu. »Verstehen Sie jetzt, warum wir sie festnehmen müssen? Die haben eine Atombombe.«

»Woher wollen Sie das denn wissen?«, erwiderte Pine. »Von hier aus sieht das Ding wie ein harmloser Werkzeugkasten aus.«

Der Mann wurde blass und schaute zu Dobbs, der ihn finster anstarrte.

»Sie haben es gehört«, sagte Dobbs. »Woher wissen Sie das? Hätte Agentin Pine es mir nicht gesagt, ich hätte nicht die leiseste Ahnung, dass wir es mit einer Atombombe zu tun haben.«

»Einer russischen Atombombe«, fügte Pine hinzu.

»Russisch?« Dobbs warf ihr einen entgeisterten Blick zu, ehe er sich wieder dem Mann im dunklen Anzug und dessen Leuten zuwandte. »Sind diese Kerle etwa Russen?«

Pine schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Das sind Amerikaner, die für die Russen arbeiten. Ich habe zwei Russen k. o. geschlagen, die in Ben Priests Haus herumschnüffeln wollten.« Sie wandte sich an den Mann im Anzug. »Sie haben sich von Moskau so richtig schön verarschen lassen.«

»Was reden Sie da?«, polterte der Mann.

Pine stellte die Tasche, die sie mitgebracht hatte, auf den Tisch, und nahm die Überwachungsgeräte heraus. »Ihre russischen Freunde haben Minikameras und Lauschgeräte in der Bombe versteckt.«

Mehrere Sekunden lang herrschte atemlose Stille, sodass Pine ihr Herz schlagen hörte.

»Und woher soll ich wissen, dass Sie mich nicht belügen?«, fragte der Mann im Anzug schließlich.

Pine warf ihm eine der Miniaturkameras zu. »Sie müssen wirklich blindes Vertrauen zu Ihren Freunden in Moskau haben.« Sie warf ihm auch noch eines der Metallstücke zu, die Roth aus der Bombenhülle geschnitten hatte. »Ich schätze, der russische Präsident ist gerade sehr zufrieden mit sich und der Welt.«

Der Mann im Anzug ging mit der Kamera und dem Metallteil zur Bombe und legte das elektronische Auge in eine Aussparung in der Hülle. Dann setzte er das Metallteil ein.

Beides passte haargenau.

Er inspizierte die Bombe und entdeckte weitere Hohlräume in der Hülle.

Pine glaubte, ihn ein Wort murmeln zu hören: »Fuck.«

Der Mann drehte sich um. »Okay, wenn die Russen wirklich beweisen können, dass wir eine Kernwaffe im Canyon platziert haben, was wollen Sie dann mit dem Zirkus hier bezwecken? Dann ist doch sowieso alles gelaufen.«

»Nein. Denn unsere Seite hat die Bombe, die als Vorwand für einen Angriff auf Nordkorea herhalten sollte, ja noch gar nicht … entdeckt

»Wieso ist das noch wichtig?«, fragte der Mann.

»Das fragen Sie? Es ist tausendmal besser, nicht aufgrund von getürktem Beweismaterial einen Krieg vom Zaun zu brechen, dem Millionen Menschen zum Opfer fallen würden. Und das wiederum heißt, die Russen hätten kein nennenswertes Druckmittel mehr in der Hand.«

Blum trat einen Schritt vor. »Außerdem haben Sie jetzt die Möglichkeit, sich eine glaubhafte Erklärung zurechtzulegen.«

Der Mann beäugte sie skeptisch. »Ach ja? Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, dass Sie eine Kernwaffe, die nicht detonieren kann, in einer Höhle deponiert haben, um alternative Lagerungsmethoden zu erforschen und mehr über den Einfluss bestimmter Umweltfaktoren herauszufinden.«

»Wie bitte?«, fragte der Mann.

Blum fuhr unbeirrt fort. »Ich habe das als Kind mit alten Münzen gemacht. Ich habe sie im Garten vergraben. Wenn ich so überlege, klingt das hundertmal glaubwürdiger, als dass wir mit den Russen gemeinsame Sache gemacht haben sollen, um Nordkorea vom Globus zu bomben. Wer würde uns im Ernst für so dumm halten?«

Der Mann starrte sie ausdruckslos an und schwieg.

»Sie können natürlich auch behaupten, dass das Beweismaterial der Russen gefälscht ist«, fuhr Blum fort. »So was scheint heutzutage ja eine beliebte Strategie zu sein.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Das wird nicht funktionieren.« Nach einem kurzen Blick auf die Schwerbewaffneten, die ihn begleitet hatten, fügte er hinzu: »Sie kommen trotzdem alle mit. Die Sache muss geklärt werden. Wenn ich bitten darf!«

»Sie sollten noch etwas wissen«, sagte Pine. »Wir haben alles aufgezeichnet, was Sie hier von sich gegeben haben.«

Der Mann zuckte zusammen und schaute sich argwöhnisch um. »Was reden Sie da? Wie denn?«

»Mein Büro ist mit einem Überwachungssystem ausgestattet. Bild und Ton.«

»Wie kommt es, dass Sie derartige Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben?«, fragte der Mann ungläubig.

»Ich habe das System vor längerer Zeit installieren lassen, nachdem mich einer von diesen Schlägertypen attackiert hatte. Ich habe ihn kräftig in den Hintern getreten. Daraufhin hat er behauptet, ich hätte ihn angegriffen – woraufhin ich mir die Kamera zugelegt habe, damit niemand mehr Unsinn erzählen kann und Aussage gegen Aussage steht. Das Material wird auf eine sichere Website hochgeladen, sodass es unter bestimmten Umständen von anderen eingesehen werden kann.«

»Sie bluffen!«

»Schon möglich. Das ist ja das Spannende – Sie können es nicht wissen.«

Blum trat einen Schritt vor. »Nur damit Sie informiert sind, Mister. Ich arbeite jetzt schon eine ganze Weile mit Agentin Pine zusammen. Ich habe noch nie erlebt, dass sie blufft.«

Der Mann im dunklen Anzug schaute von Blum zu Pine. »Was wollen Sie mir damit sagen?«

»Falls uns etwas zustößt – mir, Mrs. Blum, Mr. Roth oder sonst jemandem, der mit der Sache zu tun hat oder hier anwesend ist –, falls also einem von uns auch nur ein Haar gekrümmt wird, jemand seinen Job verliert oder wir den kleinsten Nachteil davon haben, kommen Ihre Machenschaften ans Licht.«

Der Mann starrte sie giftig an. Dann betrachtete er die Kamera, die er immer noch in der Hand hielt, und blickte zur Bombe im Schrank. Schließlich schaute er resignierend auf Pine.

Sie konnte in seinem Gesicht ablesen, was in ihm vor sich ging. »Es ist die einzige Möglichkeit, wie wir alle unbeschadet aus der Sache rauskommen«, sagte sie. »Ich hoffe, Sie sind klug genug, das zu erkennen.«

Wieder verstrichen mehrere Sekunden, während alle Anwesenden den Atem anhielten.

»Also schön«, sagte der Mann schließlich. »Sonst noch was?«

»Ben und Ed Priest.«

Der Mann leckte sich nervös über die Lippen. »Was wollen Sie wissen?«

»Ich hoffe für Sie, dass die beiden noch leben. Sonst sind Sie dran – Sie alle.«

Er zögerte einen Moment. »Die Priest-Brüder sind am Leben.«

»Dann sollen sie wohlbehalten zu ihrer Familie zurückkehren – mit einer angemessenen Entschädigung für alles, was sie durchmachen mussten. Ich werde es überprüfen, also versuchen Sie besser nicht, mich übers Ohr zu hauen.«

»Das werde ich nicht. Solange Sie die Sache … äh, vertraulich behandeln.«

»Ach ja, es gibt da noch jemanden, dem Sie eine größere Summe schulden – der Familie von Oscar Fabrikant. Und wenn Sie schon dabei sind, lassen Sie auch gleich der Society for Good eine großzügige Finanzspritze zukommen. Wir brauchen Leute, die sich für die gute Sache einsetzen. Übrigens wissen wir auch, was mit Fred Wormsley geschehen ist. Da wäre es angebracht, wenn auch seine Familie eine finanzielle Vergütung für den patriotischen Dienst bekäme, den er diesem Land erwiesen hat, nicht wahr?«

»Sonst noch was?«, schnauzte der Mann.

Pines Gesicht verdunkelte sich. »In einer Höhle im Grand Canyon werden Sie drei Leichen finden. Drei Ihrer Männer.«

»Sie haben drei unserer Leute getötet?«, fragte der Mann ungläubig.

»Was hätte ich tun sollen? Die hätten mich erschossen. Trotzdem, ich möchte, dass die Leichen geborgen und an die Familien übergeben werden. Falls sie Soldaten waren, soll man sich entsprechend um die Hinterbliebenen kümmern. Und nichts davon wird in ihren Dienstakten erscheinen, verstanden? Diese Männer sind ehrenhaft im Dienst für ihr Land gefallen.«

»Wie nobel von Ihnen«, höhnte er.

»Die Männer haben nur Anweisungen befolgt«, sagte Pine. »Anweisungen, die wahrscheinlich von Ihnen kamen. Diese Männer waren nicht meine Feinde. Ich hätte viel lieber mit Ihnen abgerechnet.«

»Ich werde es mir merken«, erwiderte der Mann gereizt. »Für den Fall, dass wir uns noch einmal über den Weg laufen.«

Pine schaute ihn an, ein Lächeln auf den Lippen. »Sie hätten mich zusammen mit den Priest-Brüdern schnappen können. Sie hätten mich töten können. Aber Sie haben es nicht getan. Warum wohl?«

»Dazu kann ich nur eins sagen: Ich mache nie den gleichen Fehler zweimal.«

Pine musterte ihn eindringlich. »Sie wollten, dass ich die Ermittlungen weiterführe, nicht wahr?«

»Was?«, mischte Dobbs sich ein. »Warum sollte er?«

»Ganz einfach, Sir: Weil ich ihm und diesen Leuten helfen sollte, Roth und die Bombe zu finden.«

»Wir hätten Sie festnehmen und zwingen können, uns zu sagen, wo Roth steckt«, sagte der Mann.

»Das haben Sie später ja auch versucht – am Flughafen und in der Wohnung in Washington. Beide Male ohne Erfolg. Sie wussten, dass die Bombe in einer Höhle im Grand Canyon sein musste – nur war sie nicht mehr in der Höhle, in der Ihre Leute sie deponiert hatten. Also kamen Sie auf die Idee, dass ich Sie zu der Bombe führen könnte. Ihre Männer sollten mich schnappen, sobald ich das Ding gefunden hatte. Nur ist daraus nichts geworden.«

Der spöttische Ausdruck verschwand aus dem Gesicht des Mannes und wich widerwilliger Bewunderung. »Vielleicht sollte ich lieber darauf hoffen, dass wir uns nicht mehr über den Weg laufen.«

Pine deutete auf den Schrank. »Sie müssen das Ding da mitnehmen. Ich glaube nicht, dass das FBI gegen Unfälle mit Atomwaffen versichert ist.«

»Das hatte ich sowieso schon auf meiner To-do-Liste«, erwiderte der Mann sarkastisch. »Sonst noch Wünsche?«

»Ja. Vielleicht das Allerwichtigste.«

»Was?«

Pine ließ einen Augenblick verstreichen, ehe sie mit allem Nachdruck sagte: »Sie sollten den Russen nicht mehr trauen. Sie sind nicht unsere besten Freunde.«

Der Mann musterte sie mit einem schwer zu deutenden Ausdruck; dann wandte er sich seinen Leuten zu. »Nehmt das Ding mit. Wir gehen. Los!«

Sofort ließen die Männer die Gewehre sinken. Vier von ihnen eilten zum Schrank und hoben die Bombe heraus. Dann verließen sie geschlossen das Büro.

Der Mann im dunklen Anzug ging als Letzter.

Er drehte sich noch einmal zu Pine um. »Sie haben diesem Land einen Schaden zugefügt, der nicht wiedergutzumachen ist.«

»Das sehe ich anders. Ich glaube, ich habe dem Land einen Dienst erwiesen und verhindert, dass Millionen Menschen sterben. Mir tut nur eines leid: Dass Sie und alle anderen Idioten, die hinter dem Plan stecken, nicht für den Rest Ihres Lebens hinter Gitter wandern. Und jetzt verschwinden Sie aus meinem Büro!«

Der Mann stürmte hinaus.

Sechs FBI-Agenten und eine FBI-Sekretärin atmeten erleichtert auf. Als sie die Pistolen senkten, zitterten ihre Arme, weil sie ihre Waffen minutenlang im Anschlag gehalten hatten.

Immer noch blass, wandte Dobbs sich an Pine. »Was zum Teufel hat das alles zu bedeuten, Agentin Pine?«

»Ich will es mal so sagen: Da haben hochrangige Vertreter unseres Landes gewaltig Mist gebaut, Sir.«

Carol Blum trat zu Dobbs. »Special Agent Pine hat gerade ein paar Forderungen gestellt, aber sie hat zwei Dinge vergessen: Wir brauchen neue Türen … und für Agentin Pine einen neuen Bürostuhl.«

Dobbs schnaubte und wandte sich an Pine. »Sie haben doch nicht etwa geblufft, als Sie diesem Kerl vorhin sagten, Ihr Büro sei mit Minikameras und allem Drum und Dran ausgerüstet?«

Pine öffnete das Schubfach ihres Schreibtischs und holte eine kleine Metallbox hervor. Sie drückte auf einen Knopf, worauf sich ein Fach öffnete. Eine DVD kam zum Vorschein. Pine nahm sie heraus und reichte sie Dobbs.

»FBI-Agenten bluffen nicht, Sir. Nicht, wenn es um so viel geht.«

Dobbs betrachtete die DVD in seiner Hand; dann schaute er wieder auf Pine.

Sie erwiderte seinen Blick. »Wenn Sie mir einen Vorschlag gestatten, Sir – an Ihrer Stelle würde ich von dem Material Gebrauch machen. Damit wäre uns allen geholfen.«

Dobbs nickte, steckte die DVD ein und schaute zu Blum.

»Wissen Sie was, Carol?«, sagte er. »Wenn wir schon dabei sind, richten Sie den Laden hier ganz neu ein. Auch Ihr eigenes Büro. Und schicken Sie mir die Rechnung.«

»Aber gern, Sir.«

Dobbs und seine Männer verließen das Büro.

Pine und Blum blieben allein zurück.

Pine setzte sich auf ihren klapprigen Stuhl, während Blum sich auf der Schreibtischkante niederließ.

»Gott sei Dank ist es vorbei«, meinte Blum erleichtert.

»Ist es wirklich vorbei, Carol?«

»Zumindest für heute.«

»Da haben Sie recht«, stimmte Pine zu. »Übrigens – Sie können nicht in den Ruhestand gehen. Ich brauche Sie noch.«

»Ruhestand?« Blum lächelte schelmisch. »Das habe ich nicht vor. Im Unterschied zu Ihnen habe ich nur geblufft.«