35
»Danke.«
Pine blickte auf den Mann im Beifahrersitz ihres Mustangs.
Sie hatten Russells Wohnviertel weit hinter sich gelassen. Nun bog Pine in eine Seitenstraße ein, fuhr rechts ran und stellte den Motor ab.
Russell wirkte immer noch blass und mitgenommen, schien sich aber nach und nach vom Schock zu erholen.
»Ich habe Ihnen nicht zum Spaß den Hals gerettet«, erklärte Pine. »Sie werden mir jetzt sagen, was da läuft.«
Russell schüttelte müde den Kopf. »Das kann ich nicht. Ich konnte es denen nicht sagen, und ich kann es Ihnen nicht sagen.«
»Diese Typen hätten Sie umgebracht. Oder Sie zumindest so lange gefoltert, bis Sie geredet hätten.«
»Kann schon sein.«
»Wer waren diese Leute?«
»Ich weiß es nicht.«
»Reden Sie keinen Unsinn. Das waren Feds. Immerhin hat der Kerl zugegeben, keine Befugnis zu haben, Sie hier im Inland festzunehmen. Das engt die Liste möglicher Kandidaten ein.«
Russell verzog das Gesicht. »Der Kerl hat geblufft.«
»Glauben Sie wirklich?«
»Ja, verdammt. Wir sind hier in den USA, nicht in Moskau.«
»Apropos Moskau. Ich bin neulich in Ben Priests Haus in Alexandria zwei Russen begegnet, die mich umbringen wollten.«
Russell starrte sie ungläubig an und atmete tief durch. Dann schüttelte er den Kopf. »Hören Sie, niemand wird mich aus einem Fenster werfen, mir irgendwelche Drogen einflößen oder sonst was mit mir anstellen.«
Pine ließ den Wagen an. »Gut, dann bringe ich Sie jetzt zu denen zurück. Kein Problem. Viel Spaß, wo immer die Sie hinbringen. Und was immer sie mit Ihnen machen.«
Russell legte eine Hand aufs Lenkrad. »Nein, warten Sie. Tun Sie das nicht … bitte.«
»Dann will ich Informationen, und zwar sofort.«
»Was wollen Sie wissen?«
»Sie waren vorhin in der chinesischen Botschaft. Lügen Sie jetzt nicht. Ich bin Ihnen gefolgt, genau wie diese vier Typen. Also, warum waren Sie dort?«
Russell schaute aus dem Autofenster in die Dunkelheit. Mit einem Mal wirkte er wie ein in die Enge getriebenes Tier, das verzweifelt einen Ausweg sucht. »Ihr Besuch bei mir war der Auslöser«, sagte er schließlich. »Deswegen bin ich hingefahren.«
»Das müssen Sie mir erklären.«
»Ben Priest.«
»Was hat er mit den Chinesen zu tun? Und mit den Russen?«
»Es geht um Weltpolitik, und die hat ihre eigenen Gesetze. Spielen Sie Schach?«
»Gut genug, um zu verstehen, was Sie mir sagen wollen. Also legen Sie los.«
»Verbündete können manchmal zu Feinden werden. Und Feinde zu Verbündeten. Das kann vorübergehend sein, aber auch dauerhaft. Die Grenzen sind fließend. Es hängt immer von der Situation und den aktuellen Interessen ab.«
»Ben hat etwas Ähnliches gesagt.«
»Er muss es ja wissen.«
»Sie arbeiten also doch mit ihm zusammen?«
»Ich weiß einiges über seine Arbeit. Das muss genügen.«
»Das genügt mir bei Weitem nicht. Was genau ist Priests Job?«
»Er ist bestens vernetzt. Er übernimmt Dinge, die außerhalb der offiziellen Kanäle geregelt werden müssen. Mehr kann ich wirklich nicht sagen.«
»Sie haben es mit einem Schachspiel verglichen. Was war der erste Zug? Und wie hat sich das Spiel entwickelt?«
»Im Moment weiß ich auch nichts Genaues. Es gibt Hinweise und Vermutungen, mehr nicht.«
»Welche Verbindungen haben Sie zu China?«
»Ich habe den Chinesen bei der einen oder anderen Sache geholfen.«
»Sie spionieren gegen Ihr eigenes Land?«
Russell hob missbilligend die Brauen. »Reden Sie keinen Unsinn. Es geht darum, dass die Chinesen legitime Interessen haben, und ich sorge dafür, dass die richtigen Stellen davon erfahren. Aber ich kann Ihnen verraten, dass die Chinesen sich Sorgen machen. Sie haben die Befürchtung, dass irgendetwas Gravierendes passieren wird, auch wenn sie nichts Genaues wissen. Immerhin haben sie einen bestimmten Verdacht – und den habe ich auch.«
»Und worum geht es konkret?«
»Die Weltlage ist derzeit so verfahren wie selten zuvor. Sicher, Krisenherde hatten wir immer schon. Naher und Mittlerer Osten, Iran, Russland, Nordkorea. Aber noch nie hat es überall zugleich gebrannt. Und in solchen Situationen suchen manche Leute nach schnellen, einfachen Lösungen.«
»Es gibt da einen Asiaten, der in die Sache verwickelt ist. Chinese oder Nordkoreaner. Der Mann hätte mich beinahe fertiggemacht.«
»Interessant. Sie wissen ja sicher, dass wir gerade in schwierigen Gesprächen mit Nordkorea stehen. Wir versuchen sie zu überreden, ihre Atomwaffen aufzugeben.«
»Das ist mir bekannt. Auch, dass China großes Interesse an einem positiven Abschluss der Gespräche hat.«
»Ja, aber die Verhandlungen sind ins Stocken geraten. Es fehlt nicht mehr viel, und sie sind gescheitert.«
»Dieser Nordkoreaner, dem ich begegnet bin – was kann er hier wollen?«
»Vielleicht einen Regierungswechsel?«
Pine sah ihn nachdenklich an. »Wo? In Nordkorea?«
»Oder hier bei uns. Wer weiß?«
Pines Augen weiteten sich. »Das ist doch verrückt.«
»Eins habe ich in all den Jahren gelernt: In der Politik ist nichts unmöglich.«
»Aber hier bei uns? Völlig undenkbar.«
Russell schüttelte den Kopf. »Können Sie sich erinnern, wie ich Sie bei unserem ersten Zusammentreffen genannt habe?«
»Einzelgängerin. Jemand, der auf eigene Faust handelt …« Sie stockte. »Moment mal. Wollen Sie etwa behaupten, es gibt in unserer Regierung Kräfte, die sich selbstständig gemacht haben und einen Umsturz planen?«
»Möglich wäre es.«
Pine lehnte sich im Fahrersitz zurück. »Und zu diesem Zweck tun sie sich mit Nordkorea zusammen? Das ist doch verrückt!«
Russell zog eine Packung Zigaretten und eine Streichholzschachtel hervor. »Stört es Sie, wenn ich rauche? Die Sache macht mich ziemlich fertig.«
»Pusten Sie den Rauch durchs Fenster, ja?«
Er ließ die Seitenscheibe herunter, zündete sich die Marlboro an, nahm einen Zug und blies den Rauch hinaus in die Nachtluft.
»Okay«, griff Pine den Faden wieder auf. »Da wir jetzt endlich ins Gespräch kommen, verrate ich Ihnen auch etwas: Ben Priest hatte einen Maultierritt in den Grand Canyon gebucht und seinen Platz dann einem Unbekannten überlassen, der unter Bens Namen in den Canyon geritten und dort spurlos verschwunden ist.«
»Wer?«
Pine zeigte ihm das digitale Phantombild auf ihrem Handy. »Kennen Sie ihn?«
Russell studierte das Bild eingehend; dann schüttelte er den Kopf. »Vielleicht hat dieser Mann gewusst, was vor sich geht, und sich an Ben gewandt. Was meinen Sie?«
»Was könnte er denn vorgehabt haben?«
»Möglicherweise wollte er seine Informationen den richtigen Leuten zukommen lassen, wusste aber nicht, wie er es anstellen soll. Sie haben von einem Hubschrauber gesprochen, in dem Ben entführt wurde. Woher wissen Sie das?«
»Ich war dabei. Es war ein Helikopter, wie die Army ihn benutzt.«
»Scheiße.« Russell wirkte mit einem Mal beunruhigt. »Das bedeutet, die Sache kommt von weit oben.«
»Wie weit oben?«, hakte Pine nach.
»Vielleicht höher, als wir uns eingestehen wollen. Dass die Ben geschnappt haben, bedeutet möglicherweise, dass sie auf Nummer sicher gehen und sämtliche Störfaktoren beseitigen. Dass sie die Sache unter Verschluss halten, wie man’s mit einem gefährlichen Virus macht. Deshalb sind diese Kerle auch zu mir gekommen.«
»Mich haben die aber am Leben gelassen«, hielt Pine dagegen.
Russell musterte sie einen Moment. »Dann haben Sie verdammtes Glück gehabt.«
Pine blickte ihn fassungslos an. »Sie halten es tatsächlich für möglich, dass es in unseren Regierungsbehörden Leute gibt, die einen Putsch planen?«
Pines ungläubige Miene schien ihn zu erheitern. »Haben Sie mir nicht gerade erzählt, dass Ben in einem Army-Hubschrauber entführt wurde? Und auch ihr vom FBI seid große Patrioten – aber in letzter Zeit habt ihr auch einiges einstecken müssen, oder? Es heißt, ihr alle seid korrupt.«
»Aber die eigene Regierung stürzen? Wer würde so weit gehen?«
»Es gibt nicht wenige, die genug haben von den Entscheidungsträgern in Washington und sämtliche Politiker zum Teufel jagen möchten. Und in immer mehr Staaten kommen autokratische Regierungen an die Macht, die brutal durchgreifen, ohne eine Opposition fürchten zu müssen. Genau das wollen gewisse Leute auch bei uns.«
»Hier in den USA? Das ist lächerlich. Das widerspricht unseren Prinzipien.«
»Es gibt Leute, die mächtig genug sind, uns zu sagen, was unsere Prinzipien sind. In Wahrheit haben wir doch auch keine Demokratie mehr. Bei uns regiert schon lange das Geld. Und der nächste logische Schritt ist die Oligarchie. Sie glauben vielleicht, ich fantasiere mir hier irgendwas zusammen, aber ich halte nur die Fakten fest. Ich habe solche Entwicklungen schon öfter erlebt.«
»Können Sie mir helfen, Ben Priest zu finden?«
Russell nahm einen langen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch durch das Fenster. »Haben Sie schon mal von der SFG gehört?«
»Nein, sollte ich?«
»Das steht für ›Society for Good‹.«
»Klingt ganz schön kitschig.«
»Dahinter stehen aber seriöse Leute, die sich mit Themen von globaler Bedeutung beschäftigen. Der Organisation gehören internationale Experten aus den verschiedensten Bereichen an. Die SFG ist so etwas wie ein Thinktank.«
»Es gibt doch schon genug Thinktanks, ob links oder rechts.«
»Dieser hier ist nicht politisch, nicht in dem Sinne. Es gibt ihn seit acht Jahren. Die SFG organisiert TED-Talks, bringt Publikationen heraus, macht Präsentationen und arbeitet mit Regierungen und Unternehmen weltweit zusammen. Diese Leute versuchen einfach nur, Gutes zu tun, wie der Name schon sagt.«
»Und was hat das mit meinem Fall zu tun?«
»Ben Priest gehört der SFG an.«
Pine schwieg einen Moment, während sie die Information verarbeitete. »Okay«, sagte sie dann. »Sie glauben also, das Manöver mit dem vermissten Mann, der unter Bens Namen unterwegs war, könnte irgendwie mit dieser Society for Good zu tun haben?«
»Ich weiß es nicht. Aber die SFG hat schon in zahlreichen Fällen geholfen, Missstände aufzudecken, beispielsweise, wenn es um Machtmissbrauch geht. Nicht nur in der westlichen Welt, auch in Entwicklungsländern.«
»Aber doch nicht hierzulande?«
»Korruption ist Korruption, egal, wo sie in Erscheinung tritt. Die SFG-Leute werden nicht scheuen, alles zu tun, was sie als ihre Pflicht betrachten.«
»Wie komme ich an sie heran?«
»Die SFG hat ein Büro in Washington, in der H Street.«
Pine umfasste das Lenkrad mit beiden Händen. »Können Sie mich mit denen zusammenbringen? Schließlich sind Sie der Mann mit den geheimen Verbindungen. Ich bin bloß die FBI-Patriotin, die einen Job zu erledigen hat.«
»Ich weiß nicht recht. Das muss ich mir überlegen.«
»Wir haben nicht viel Zeit.«
Russell drehte sich zum Fenster und blies den Rauch seiner Zigarette hinaus.
Im nächsten Augenblick kippte er zur Seite, als ein Fuß durch das offene Fenster schnellte und ihn an der Schläfe traf. Er prallte mit dem Kopf gegen das Lenkrad und sank nach vorn, nur noch vom Sicherheitsgurt im Sitz gehalten.
Pine erkannte den Fremden auf den ersten Blick.
Der Asiate.
Er stand neben dem Wagen am offenen Fenster. Diesmal ohne Regenschirm. Seine Hand bewegte sich zum Türgriff.
Mit fliegenden Fingern drehte Pine den Zündschlüssel.
Der Motor grollte auf.
Pine gab Gas, und der Mustang schoss vom Bordstein weg. Sie beschleunigte auf über hundert Sachen und jagte über eine Kreuzung, ohne das Tempo zu drosseln.
»Ach, Scheiß drauf«, murmelte sie, wendete an der nächsten Kreuzung und fuhr in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Im Fahren zog sie einen Gegenstand aus der Tasche.
Raste die Straße entlang, bis sie ihn sah.
Der Mann marschierte zügig den Bürgersteig hinunter.
Pine wurde langsamer, der Mann ebenfalls.
Sie ließ die Seitenscheibe herunter, hob die Hand.
Der Mann bereitete sich auf einen Angriff vor, blickte ihr kühl und abwartend entgegen.
Pine knipste ihn mit ihrem Handy, dann zog sie die Pistole.
Fahr zur Hölle, Dreckskerl.
Bevor sie abdrücken konnte, war er verschwunden.
Pine trat das Gaspedal voll durch.
Fünf Minuten lang fuhr sie kreuz und quer durch die Stadt; dann bog sie in den Parkplatz eines Starbucks ein, stellte den Motor ab und wandte sich Russell zu.
Er war tot. Kein Puls mehr. Die Augen leer und glasig.
Sie tastete seinen Nacken ab.
Die Halswirbel waren zersplittert und auf groteske Weise verschoben.
Der Tritt gegen den Kopf hatte ihm die Wirbelsäule zerschmettert.
Minutenlang saß Pine da und dachte nach. Schließlich traf sie eine Entscheidung, mit der sie nicht glücklich war, aber einen anderen Ausweg sah sie nicht.
Keinen, der es ihr ermöglicht hätte, FBI-Agentin zu bleiben, statt ins Gefängnis zu wandern.
Pine ließ den Wagen an und fuhr los.
Sie hatte nun etwas zu erledigen, mit dem sie nie im Leben gerechnet hätte.
Ich muss eine Leiche verschwinden lassen.