Die andere Seite - Frauenzauber

Sarah hat eine Idee. »Du solltest
vielleicht einfach alterslesbisch werden«, empfiehlt sie.
Sie liebt das Wort: alterslesbisch. Hört sich so an
wie eine Verzweiflungstat. Als würde man in ein anderes Reich
hinübergleiten. Wie ein Rückzug in eine besser bekannte Welt der
weiblichen Angleichung und Symmetrie, die Frieden, Solidarität und
Verständnis verspricht, anstatt nervende Kämpfe mit diesen
penistragenden Gestalten vom anderen Lager.
Es ist wohl wirklich so, dass sich einige Frauen im
Alter dem eigenen Geschlecht zuwenden. Theoretisch keine so
schlechte Idee, zwei Frauen in einem Haushalt, das ist doch eine
Garantie für den reibungslosen Ablauf.
Aber wie ist es mit der sexuellen Anziehungskraft
für das gleiche Geschlecht? Kann man die nach dem Willen
produzieren oder hochheizen, da man glaubhaft informiert ist, dass
wir ja alle irgendwo bisexuell sind, was auch Sinn macht, und es
obendrein mehr lesbische Frauen als homosexuelle Männer gibt? Oder
handelt es sich bei solchen Beziehungen einfach um eine praktische
Entscheidung, basierend auf der Erkenntnis, dass Männer
letztendlich artfremde Biester und Frauen im Haus einfach netter um
sich zu haben sind? Oder aber ist es die ultimative letzte
Mutprobe, sich nach lebenslanger Geheimnistuerei endlich stolz zu
seinen lesbischen
Neigungen zu bekennen, weil jetzt, verdammt noch mal, vollkommen
egal ist, wie schockiert Kinder, Eltern, Arbeitskollegen und
Freunde sind?
Also, zu letzteren Frauen gehöre ich nicht, ich
trage dieses Geheimnis nicht in mir, aber ich finde attraktive
Lesben sehr interessant - und ebenfalls attraktiv. Ich stehe nicht
unter Strom und muss ihnen die Kleider vom Leibe reißen, aber wenn
sie schöner und sexier sind als ein tumber, oller, fetter Muffel,
dann wären sie doch theoretisch die bessere Wahl, oder?
Leider ziehen bei der Wortkombination Alter und
lesbisch keine wirklich schönen und aufregenden Bilder an meinen
Augen vorüber. Einst vielleicht androgyn aussehende schlaksige
Frauen, die jedem Jüngling Konkurrenz gemacht hätten, sind die als
butch (also betont männlich) bekannten Typen nun gekleidet
wie korpulente alte Rentner: Mit Khakihosen, Freizeitweste und
gesunden Einlageschuhen, kurz geschorenem Grauhaar und großem
hängendem Busen, ungebändigt durch so ein von Machos erfundenes
Marterwerkzeug wie einen BH, schlurfen sie Hand in Hand
herum.
Übrigens habe ich das Geheimnis nie ergründen
können, was hinter dem unbedingten Diktat steckt, als Lesbe um
keinen Preis der Welt weiblich und attraktiv aussehen zu wollen.
Ist man nicht durch die Ablehnung oder Neutralisierung des
verführerisch Weiblichen (lange Haare, fließende Kleidung, Make-up)
und die Imitation des Männlichen (Westen, Hosen, Stiefel) wieder
dort gelandet, wo man wegwollte - nämlich in der Welt der Männer,
getarnt als exklusive Weiberwelt? Liebt man nicht Frauen, weil sie
eindeutig Frauen sind und nicht ein vermurkster Frauenverschnitt?
Auch als Lesbe? Warum sehen dann viele Lesben
aus wie ein drittes Geschlecht aus dem sexuellen Niemandsland oder
wie Türsteher oder Ringer, vor denen man Reißaus nimmt?
Das ist natürlich nur der eine Typ. Gott segne die
sogenannten Lippenstiftlesben! Von denen gibt es ja auch einige -
siehe Jodie Foster und Anne Will.
Ich habe gerade in Amerika und Holland sehr hübsche
lesbische Frauen kennengelernt, die jeden Mann und jede Frau um den
Finger gewickelt hätten (oder auch haben), wenn sie wollten und
sich auf der Gegenseite zumindest ein Fünkchen Entgegenkommen
gezeigt hätte.
Selbstversuch
Ich weiß jetzt nicht, ob sich Sarah einen Scherz
erlaubt hat, aber gerade als es langweilig wurde, flackerte eine
neue Nachricht in mein Fach: Ich hatte zwei Tage gar keine und dann
hintereinanderweg drei Tage lang nur wohlmeinende Altherrengrüße
wie »Ich wollte nur ein geruhsames Wochenende wünschen« gekriegt,
da kam eine unerwartete Botschaft.
»Ich finde dich so attraktiv«, schreibt
lesbocat einfach und schickt mir relativ zahme Mails, die
sich auch nicht anders als die von gesitteten Männern anhören. Sie
sei siebenundvierzig, nach einer langen Beziehung allein und suche
jemanden, mit dem sie Spaß haben kann. Sie liebe Sport, sei
Fitnesstrainerin in einem Gym, möge gern Soulmusik und tanze gern -
was ich auch tue.
Ich antworte ihr einigermaßen wahrheitsgemäß,
vergesse auch nicht zu erwähnen, dass ich nicht lesbisch bin.
Treffen könne man sich aber ruhig …
Eigentlich haben Lesben ein eigenes Online-Forum,
aber manchmal checken sie (und die Bisexuellen) auch Heteros aus -
wer kann es ihnen verübeln? Ich bin ein paarmal in meinem Leben von
Frauen angemacht worden, habe das in meiner Naivität aber nie
bemerkt. Manche Menschen haben keine Antennen für
Homosexualität.
»Was, Elton John ist schwul? Nee, das kann nicht
sein!«, zu der Art Mensch gehöre ich.
Nicht einmal der vor Jahren von einer Frau direkt
an mich gerichtete, von einem tiefen Augenaufschlag begleitete Satz
»Hast du schon mal was mit einer Frau gehabt? Ist viel schöner als
mit einem Mann!« kam mir verdächtig vor.
Dann wiederum habe ich einige sehr sexy aussehende
Frauen gesehen, bei denen ich dachte, diese Art Körper und
Weiblichkeit ist eigentlich auch ganz schön, könnte Plan B werden
…
Ich glaube ganz fest, dass Frauen bei anderen
Frauen zwar Alter, Schönheit, Figur, Geschmack genauso registrieren
wie Männer, aber weit weniger be- oder verurteilen, allein schon
deshalb, weil sie als Prestigeobjekt wegfallen; einer der Gründe,
warum Frauen sich mit Frauen meist wohler fühlen als mit
Männern.
Fast jedes Mädchen hat scheinbar eine Episode in
ihrem jungen Leben, in der sie völlig vernarrt in eine Freundin
oder Mitschülerin ist, in der man sich anfasst, schmust, unendlich
kichert, sich wie ein Zwillingspärchen fühlt. Das gehört mit zur
Identitätssuche. Denn wenn Jungs blöd und fremd sind, noch nicht
die Grenze zwischen doofem Rüpel und sexuell präsentem jungem Mann
überschritten haben, dann hält man sich an Mädchen.
Ich jedenfalls liebte mit dreizehn Annemarie, total
platonisch natürlich. Wir gingen zusammen in eine Klasse, saßen
nebeneinander, warfen uns begeisterte Blicke zu, in denen die
Erkenntnis »Ich bin du und du bist ich« lag, und hielten manchmal
Händchen! Jawohl!
Annemarie war Nägelkauerin, aber bildhübsch, blond,
sanft, weich und rund - und eine schlechte Schülerin. Ich glaube,
die Jungs in der Klasse, die uns sahen, fanden unser Benehmen
befremdlich, vielleicht dachten sie aber auch »typisch Weiber«,
weil die ja ständig sehr schwer einzuschätzende Dinge taten.
Nach einem halben Jahr war alles mit Annemarie
verpufft, weil ich in eine andere Schule kam.
In den Schulen hatte man damals scheinbar große
Angst vor den kranken sexuellen Irrwegen junger Mädchen. Das Wort
lesbisch wurde jedoch nie ausgesprochen, und wir wussten auch nicht
so richtig, was solche Frauen taten, wie sie aussahen und wo man
sie zu Gesicht kriegen konnte. Irgendwie hatte man mal etwas in dem
Tatsachenbericht einer Illustrierten über »verbotene Liebe«
gelesen, oder man schnappte auf, dass die zwei herben,
Make-up-freien, stählern-sportlichen Damen, die eine Straße weiter
wohnten, »andersrum« sein sollten.
Wir jedenfalls kriegten irgendwann eine neue
Sportlehrerin, eine rothaarige ältere Lesbe, die besorgt um mich
und Dagmar war, weil wir uns immer am Rücken kitzelten, wenn wir
»nicht mitturnen konnten« - so hieß das dezent, wenn wir unsere
Tage hatten. Nachdem sie uns beunruhigt beobachtet hatte, nahm sie
uns zur Seite und belehrte uns streng, dass so etwas in der Schule
nicht erlaubt sei. Dagi und ich hatten keine Ahnung, was sie
meinte. Aber das Rückenkraulen hörte dann leider auf, ohne
dass wir je auf den Grund des Kitzelverbots gekommen waren.
Ich verabrede mich also mit Christa, die sich
Chrissie nennt, in ihrem Gym. Ich muss sowieso meine Gelenke und
Muskeln etwas mehr bearbeiten, warum keinen Profi zurate
ziehen.
Werde ich mich wohlfühlen?, geht es mir durch den
Kopf. War das eine gute Idee?
Chrissie ist klein und kompakt, toll
durchtrainiert, hat ein sehr freundliches, schmales Gesicht mit
grünblauen Augen und schulterlanges dunkles Haar. Sie trägt
Trainingshosen und ein T-Shirt und lächelt einladend, völlig
natürlich und herzlich. Sie bietet mir Wasser an und zeigt mir erst
einmal die Räume und einige Geräte, die für mich infrage
kommen.
Ich erzähle ihr, dass ich Geräte und Sport hasse,
aber endlich einsehe, dass ich nicht daran vorbeikomme, wenn ich
nicht als schnaufende, dicke Oma im Fernsehsessel enden will.
Sie betrachtet mich aufmerksam und hat ein wirklich
nettes Lächeln um die Lippen. Wahrscheinlich kennt sie die
Weibergeschichten um Fitness und Schönheit.
»Ich mochte auch nie Sport als Kind und Teenager«,
gesteht sie. »Ich war schüchtern und fett, aber dann entdeckte ich,
dass ich gut Volleyball spielen konnte und unter dem Fett eine
Athletin versteckt war.« Sie nickt und sagt weiter: »Das hat dann
mein Leben sozusagen gerettet.«
Was für eine sympathische Frau, denke ich.
Ich setze mich zur Probe mal auf eines dieser
Marterinstrumente, bei denen man die Beine rechts und links stellt
und die Schenkel gegen die Polster presst.
»Gerade sitzen!«, befiehlt sie und drückt meine
Schultern zurück - sanft und doch fest. Nicht unangenehm.
Aber eigentlich will ich jetzt keine Geräte
ausprobieren, und Chrissie möchte etwas über meine gesundheitlichen
Daten wissen und was man mit mir machen könnte. Wir setzen uns an
den Tisch, sie holt ein Formular zum Ausfüllen.
Nach einigen Fragen zu Operationen,
Familienkrankheiten und Allergien hört sie auf und guckt mich
an.
»Ich möchte das doch klären. Ich will nicht, dass
du dich unwohl fühlst. Das hier ist nicht wirklich ein Date, weißt
du? Ich weiß, dass du nicht lesbisch bist!«
Ich lächle erleichtert und finde sie noch netter.
Was sind Frauen doch sensibel, wenn sie nur wollen, immer daran
interessiert, es anderen angenehm zu machen. Diese gewisse Stimmung
und leichte Unbeholfenheit ist wie weggeblasen, und innerhalb
kürzester Zeit reden wir über Frauenfreundschaften, lesbische
Liebe, Männer und gesellschaftliche Vorstellungen.
Ich erzähle ihr von meinen Männergeschichten. Wir
finden beide, dass wahrscheinlich angenommen wird, dass zwei Frauen
besser miteinander auskommen als Mann und Frau - besonders, wenn
man geklärt hat, dass Sex nur eine kleine Rolle spielt oder man
sogar im Zölibat leben möchte. Einem Mann glaubt man nie, dass er
nicht an Sex interessiert ist, auch wenn er fünfundachtzig ist,
während die »vernünftigen« Frauen, deren Sextrieb angeblich
niedriger ist, ganz einfach von dem selbstlosen, immanenten
Verständnis-Bonus profitieren.
Ob das wirklich stimmt, frage ich. Ist eine
lesbische Frau als Partnerin und Versorgerin verlässlicher und
besser?
Chrissie glaubt daran, auch wenn sie einige
schlimme Geschichten mit Frauen erlebt hat.
Ich erzähle ihr trotzdem von einem relativ kurz
zurückliegenden gruseligen Mordfall in Florida, der ein
verheiratetes lesbisches Paar Anfang fünfzig
involvierte.
Zwei wohlhabende, berufstätige Frauen - eine war
Reiseleiterin, die andere Informatikerin - verliebten sich, kauften
sich ein Haus, lebten friedlich zusammen und heirateten sogar in
einem Bundesstaat, in dem das erlaubt war. Dann gab es Zank,
Eifersüchteleien. Die eine verdiente mehr Geld, ging heimlich in
lesbische Clubs und verliebte sich in eine andere Frau. Da rastete
die Verlassene aus und ermordete ihre Ehefrau mit einem
Schraubenzieher und zweiundzwanzig Stichwunden. A crime of
passion. Nach zwei Tagen erschoss sie sich selbst. Es ist also
überall dasselbe mit Paaren und Leidenschaft. (Ich bin froh, dass
Sarah nicht so viel Zeitung liest wie ich, denn sie hätte wieder
Material gehabt, mir einen ihrer Horrorlinks zu schicken.)
Chrissie winkt lachend ab: »So was gibt es nur in
Amerika.«
Vielleicht.
Jedenfalls, wir reden und reden, haben ein echtes
Gespräch, eigentlich das erste innerhalb meiner neuen Datingwelt.
Das Thema Sex, lesbisch oder nicht, ist irgendwie unter den Tisch
gefallen. So sind wir, die mitteilsamen, neugierigen Frauen, die
egal, worum es geht, immer irgendeinen gemeinsamen Nenner, ein
Interessengebiet suchen und auch finden, um sich auszutauschen,
näherzukommen und auch zu unterstützen. Das ist die Frauenstärke.
Der Quassel-Klub, und das sage ich liebevoll, funktioniert als
Stütze und soziales Netz.
Chrissie erzählt mir, dass sie im Heim groß
geworden ist und dort auch ihre ersten lesbischen Erfahrungen
gemacht
hat. Sie wurde entdeckt, und ihre Mutter, eine kleinkarierte,
religiös angehauchte Bürgerstochter - ihren Vater hat sie nur
einmal gesehen, als sie in die Schule kam -, war so erbost, dass
sie die Sechzehnjährige verstieß und nie mehr besuchte.
Chrissie fing an zu trinken, nahm Drogen und hatte
einmal Sex mit einem Mann im betrunkenen Zustand. Es gefiel ihr
nicht. Irgendwann mit Mitte dreißig, nach zahlreichen Affären mit
Frauen, ein paar damit verbundenen Prügeleien und deprimierenden
Teilzeitjobs, zu denen sie auch im betrunkenen Zustand erschien,
entschied sie sich für ein neues Leben ohne Alkohol und
Drogen.
Immer sportlich und körperbewusst gewesen, fing sie
in einem kleinen Fitnessstudio an und arbeitete sich hoch. Sie
fühlt sich heute rundum gut, hat aber keine Freundin. Die letzte
war zu eifersüchtig.
»Ich glaube, unter lesbischen Frauen ist die
Eifersucht noch größer und extremer, weil die normale
Familienstruktur wegfällt, die wohl mehr Sicherheiten gibt und
Grenzen setzt.«
Ich bin beeindruckt von ihrer Einsicht.
»Was sucht Frau in einer Frau?«, frage ich
sie.
»Ich nehme an, dasselbe wie in einem Mann«,
entgegnet sie und lacht mich an.
Sie ist wirklich attraktiv!
Also, wir zwei saßen doch irgendwie im gleichen
Boot, nur unter verschiedenen Flaggen. Wir suchten etwas, das nicht
leicht zu finden ist: einen wundervollen, interessanten, sexy
Partner.
Ich habe inzwischen eine SMS gekriegt und gucke
schnell.
Karen schreibt: »Ich hoffe, wir haben dich nicht an
die andere Fraktion verloren!« Witzbold!
Ich verabschiede mich und wünsche Chrissie alles
Gute und dass sie eine passende Partnerin findet (und zwar ohne
Schraubenzieher und loderndes Temperament). Das kommt wirklich von
Herzen.
Ich werde als offizielle Fitnesskandidatin
wiederkommen, verspreche ich.
Ich gehe gut gelaunt nach Hause. Es war ein sehr
bereichernder Nachmittag, gefüllt mit Schnipseln von echtem Leben.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich denke, wenn diese Frau ein
Mann wäre - wow, in die könnte ich mich verknallen. Ich fand
Chrissie mutig, smart und bewundernswert. Aber es bleibt dabei:
Letztendlich finde ich, dass Sex spannender mit einem Mann ist,
weil es eben diese Andersartigkeit des Körpers und des Charakters
ist, die mich anzieht. Doch hätte ich eine lesbische Freundin, die
Single ist, ich hätte ihr Christas Nummer sofort gegeben.
So sind wir Frauen. Wir teilen (mit)!