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Es gab einige Dinge in Bastian Torbens Leben, die er nicht mochte. Die Fettröllchen an seinen Hüften zum Beispiel. Und die dicke, grell geschminkte Frau Selkes mit den strähnigen Haaren, die ein Stockwerk unter ihm wohnte und den Großteil ihrer Zeit im Flur zu verbringen schien, wo sie ihm ekelhaft anzügliche Blicke zuwarf, wenn er auf dem Weg nach unten an ihr vorbeikam. Oder auch wichtige Termine, die er einzuhalten hatte und die ihm Stress bereiteten. All das waren Dinge, auf die er liebend gern verzichtet hätte. Genau wie auf das Klingeln des Telefons vor Sonnenauf-oder nach Sonnenuntergang. Er empfand solche Anrufe als nicht akzeptable Eingriffe in seine Privatsphäre und bestrafte die Anrufer mit offen zur Schau gestellter schlechter Laune.

Noch bevor sein Bewusstsein sich vollkommen aus der Umarmung des traumlosen Schlafes befreit hatte, setzte ein dumpfer Kopfschmerz ein, der Bastian vermuten ließ, dass es noch mitten in der Nacht war. Unwillig öffnete er ein Auge und wälzte sich zur Seite. Das penetrante Klingeln versuchte er dabei zu ignorieren.

Das Display des Radioweckers auf dem Nachttisch zeigte ihm mit rot leuchtenden Zahlen 10 Uhr 23 an. Es war also bereits später Vormittag, und die Dunkelheit des Zimmers rührte nicht etwa von der Abwesenheit der Sonne, sondern vom geschlossenen Rollladen vor dem kleinen Schlafzimmerfenster.

Schnaubend drehte Bastian sich wieder auf den Rücken. Sein langsam schärfer werdender Blick machte einen verwaschenen Fleck auf dem Dunkelgrau der Zimmerdecke aus. Es war die nackte Glühbirne, die seit seinem Einzug vier Monate zuvor die Deckenlampe des Schlafzimmers darstellte.

Nebenan im Wohnzimmer bimmelte das Telefon stoisch weiter. Fast im gleichen Rhythmus schien etwas in seinem Kopf zu pulsieren. Er würde eine Aspirin nehmen müssen, vielleicht besser gleich zwei.

Bastian überlegte, wann er eingeschlafen war, und kam zu dem Schluss, dass es wohl fast fünf Uhr gewesen sein musste, als er den Computer ausgeschaltet hatte. Kein Wunder, dass er vollkommen gerädert war. Vorsichtig richtete er sich auf und schob die Beine aus dem Bett. Das Telefon läutete noch immer. Er wusste nicht, wie oft es schon geklingelt hatte, seit er aufgewacht war, aber es war bestimmt schon über eine Minute vergangen. Der Anrufer hatte entweder eine geradezu unglaubliche Ausdauer, oder er war einfach stur. Mit einem Seufzer stand Bastian auf und ging ins Wohnzimmer, wo das Telefon auf einem kleinen Beistelltisch neben der billigen Couch aus dem Lagerverkauf stand. Genau in dem Moment, als er sich auf dem orangefarbenen Stoff niederließ, verstummte das Gerät. Einige Sekunden ruhte sein Blick auf dem schwarzen Telefongehäuse, dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Typisch.«

Als wäre das der Befehl zu einem weiteren Versuch, begann das Klingeln von neuem. Nach dem zweiten Mal hatte Bastian den Hörer am Ohr. »Torben«, meldete er sich und ließ dabei ungeachtet der Tatsache, dass es schon später Vormittag war, keinen Zweifel daran, dass er sich gestört fühlte.

»Bastian«, flüsterte eine Stimme ihm gehetzt ins Ohr. Augenblicklich war er hellwach, sprang auf und war mit einem Mal so fahrig, dass ihm fast der Hörer aus der Hand gefallen wäre.

»Anna! Bist du das, Anna? Sag doch was.«

Es vergingen einige Sekunden, bis die Stimme endlich wieder etwas sagte, quälend langsame Sekunden für Bastian.

»Hilf mir, bitte. Ich …« Ein schabendes Geräusch überlagerte die Stimme, es folgte ein Knall, als ob das Telefon heruntergefallen wäre, dann wieder Rascheln, Knistern und schließlich: »… mich hier fest. Ich … sie werden mich töten … hilf mir.«

Es hörte sich so an, als sei es sehr windig dort, wo Anna gerade war. Bastian konnte fast nichts verstehen. Er hätte schreien können vor Verzweiflung.

»Was? Anna, ich habe dich nicht verstanden, bitte, wo bist du? Anna!«

»Frundorf … Müritz. Bitte hilf … Bastian. Ich … solche Angst.« Ihre Stimme klang jetzt panisch, und er konnte trotz der immer lauter werdenden Hintergrundgeräusche ihre Angst förmlich spüren.

»Du bist … wo? In … wie heißt das? Frundorf? An der Müritz? Anna?«

»Beeil dich. Diese Bestien. O Gott … sie …« Mit einem klackenden Geräusch wurde die Verbindung unterbrochen, und obwohl Bastian wusste, dass es sinnlos war, schrie er noch einige Male Annas Namen und drückte dann wie ein Besessener auf der grünen Taste des Telefons herum. Sein Atem ging stoßweise, so als hätte er soeben einen Sprint beendet.

Nach einem letzten verzweifelten Versuch ließ Bastian sich schließlich auf die Couch fallen. Seine Hand mit dem Telefon sank herab und öffnete sich kraftlos. Das schmale Telefon glitt mit einer Drehung um die eigene Achse auf den Stoff und blieb dort liegen. Stumm starrte er das Gerät an und fühlte sich dabei, als hätten die letzten beiden Minuten alle Kraft aus seinem Körper gesaugt. Er dachte darüber nach, warum das so war. Warum lief er nicht wie ein gehetztes Tier durch die Wohnung und überlegte fieberhaft, was nun zu tun sei? Schon im nächsten Moment gab er sich selbst die Antwort: Weil Annas unerwarteter Anruf die Erinnerung an sie mit solcher Wucht zurückgebracht hatte, dass er das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie war mit einem Mal wieder so präsent, als hätte es die vergangenen sieben Monate nicht gegeben.

Seine Anna. Für eine kurze, aber sehr intensive Zeit war sie das gewesen, seine Anna. Bastian ließ sich in das weiche Polster zurückfallen und schloss die Augen.

Über ein halbes Jahr war es her, dass sie gegangen war. In einer Art und Weise, die es ihm unmöglich gemacht hatte zu glauben, dass sie es aus freien Stücken tat. Er war absolut sicher gewesen, dass Anna ihn nicht verlassen wollte, sondern musste. Aus welchen Gründen auch immer. Dass sie gelogen hatte, als sie behauptete, ihn nicht genug zu lieben, um mit ihm zusammenbleiben zu können. Er hatte die Lüge in ihren grünen Augen gesehen, als sie vor ihm stand, den kleinen Koffer in der Hand, mit dem sie nur vier Wochen zuvor zu ihm gekommen war.

Bastians Gedanken hangelten sich an seinen Erinnerungen entlang wie an einem straff gespannten Seil. Die kurze, unbeschreiblich glückliche Zeit, die er mit Anna verbracht hatte. Ihre Picknicke am Schweriner See, an dieser nicht einsehbaren kleinen Bucht. Sonntage, die sie komplett im Bett verbracht hatten. Wilde Kissenschlachten, die in leidenschaftliche Umarmungen übergingen und damit endeten, dass sie wohlig ermattet eng aneinandergeschmiegt dalagen. Der Tag, an dem sie sich kennenlernten …

Er wohnte noch nicht lange in Schwerin und war durch Zufall in diese Kneipe geraten, die eigentlich so gar nicht sein Fall war. Er hatte nur ein Bier getrunken und wollte gerade zahlen, als sie plötzlich vor ihm gestanden und ihn stumm angesehen hatte. Bastians erster Gedanke war gewesen: Diese Frau passt nicht hierher. Ihre schlanke, fast zerbrechlich wirkende Gestalt, das zarte, feine Gesicht, umrahmt von einer Flut blonder Haare … das alles stand in geradezu groteskem Kontrast zu der hämmernden Musik im Hintergrund, den Bierpfützen auf den abgenutzten Stehtischen mit den grölenden und schwankenden Typen daran.

»Hallo«, hatte er nur zu ihr gesagt, mehr war ihm nicht eingefallen. Sie hatte ihn angelächelt. »Ich bin Anna. Darf ich mich zu dir stellen?«

Bastian hatte genickt und gesagt: »Ja, sehr gerne.« Sein Herz hatte einen Sprung getan, als sie an ihm vorbei auf die andere Seite des Stehtisches gegangen war und dabei seine Hand berührt hatte. Er …

Jäh wurde er plötzlich in die Gegenwart zurückgeschleudert. Bastian brauchte ein, zwei Sekunden, um zu registrieren, dass das Telefon erneut läutete. Mit einer hastigen Bewegung griff er nach dem Gerät und hatte Mühe, den kleinen Knopf zu drücken, um das Gespräch anzunehmen, so sehr zitterten seine Hände. Sofort hörte er wieder diese Hintergrundgeräusche, den Wind.

»Anna. Anna, bist du das?«, stammelte er in den Hörer. Auf der anderen Seite war ein Schnaufen zu hören, dann sagte eine raue männliche Stimme: »Wer sind Sie?«

Im ersten Moment war Bastian zu keiner Reaktion fähig, seine Gedanken rasten und versuchten, eine logische Erklärung zu finden. Er war sicher, der Anruf kam vom gleichen Telefon wie kurz zuvor der von Anna. Sie hatte große Angst gehabt. Hatte er den Grund ihrer Angst gerade am Telefon? »Hören Sie«, sagte er hastig, »ich möchte Anna sprechen. Wo ist sie?«

Sekundenlang war nur das Rauschen zu hören, dann sagte die Stimme: »Vergessen Sie sie.«

Das Rachespiel
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