16

– 20:56 Uhr

»Was?«, wollte Frank überrascht wissen.

»Ich habe mit ihr geredet«, erwiderte Torsten barsch, und warf einen Blick in Manuelas Richtung. »Na los. Das Stethoskop. Gib es mir. Ich verwahre es, bis wir eine Lösung gefunden haben.«

»Warum du?«

»Warum nicht?«

»Weil ich die Aufgabe gelöst habe, nicht du.« Manuelas Stimme klang trotzig.

»Ihr quatscht doch die ganze Zeit was von gemeinsam

Manuela trat nun dicht neben Frank. Mit beiden Händen umfasste sie seinen Oberarm, drückte sich an ihn und sagte mit fester Stimme: »Nein.«

Frank konnte spüren, dass ihre Hände zitterten. Sein Blick war unentwegt auf Torsten gerichtet, der seinerseits Manuela weiter anstarrte. Seine zu dünnen Strichen zusammengepressten Lippen in Verbindung mit der tiefen, senkrechten Falte auf seiner Nasenwurzel ließen Frank befürchten, dass er gleich wieder lospoltern würde. Umso erleichterter war er, als sich Torstens Gesicht plötzlich entspannte. »Kümmern wir uns später darum«, sagte er und zog die Mundwinkel zu einem misslungenen Grinsen auseinander. »Gehen wir zurück und überlegen uns, wie wir diese Scheiße hier überleben können.«

Damit wandte er sich ab und lief los.

Es war nicht weit bis zum Eingang. Frank betrat als Letzter hinter Manuela den Raum und schloss die Tür.

Torsten warf sein Telefon auf den Tisch und zog einen der Stühle mit solcher Wucht zurück, dass er polternd nach hinten kippte. Er ließ ihn liegen und setzte sich auf einen anderen. Das Handy zog er zu sich herüber, so dass es direkt vor ihm lag und sein Gesicht von schräg unten anstrahlte. Es wirkte gespenstisch. »Ich habe langsam die Nase voll von diesem Irren. Was soll das alles?« Seine Augen irrten ruhelos auf der Tischplatte umher. Frank warf erst Jens, dann Manuela einen irritierten Blick zu.

Torsten hob den Kopf, schrie nun, den Blick gegen die Decke gerichtet: »Was soll das, du hirnloser Idiot? Was zum Teufel willst du von mir? DU wolltest damals doch unbedingt dazugehören.« Seine Halsschlagader war angeschwollen und drückte sich wie der Körper einer kleinen Schlange durch seine Haut. Der Lichtschein von unten verstärkte den Eindruck noch. »Hörst du mich? Wenn du meine Tochter auch nur anrührst, wirst du dir wünschen, damals wirklich draufgegangen zu sein, das schwöre ich dir.« Er schrie immer noch, aber seine Stimme klang jetzt rauer, heiser.

Jens hob wortlos den umgefallenen Stuhl auf, zog ihn ein Stück zur Seite und setzte sich an die kurze Seite des einfachen, braunfurnierten Tisches.

Frank wurde mit einem Mal bewusst, dass Torsten offenbar tatsächlich davon ausging, dass es Festus war, der sie hier eingeschlossen hatte. Er setzte sich ihm gegenüber und sah ihn an. »Torsten, hör mir zu. Das hier ist nicht Festus.« Frank bemühte sich, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben. »Er ist seit fast 30 Jahren tot.«

»Wo ist dieses Stethoskop?«, fragte Torsten unvermittelt. Die eintretende Stille war unerträglich, und Frank hatte das Gefühl, schnell etwas sagen zu müssen. Etwas, das verhindern würde, dass die Situation plötzlich eskalierte, aber es wollte ihm nichts einfallen. Und mit einem Mal stellte er sich selbst die Frage, was Manu mit dem Stethoskop gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte sie es in eine Tasche des stinkenden Kittels gesteckt. Frank verschränkte die Arme unter der Wolldecke und zog die Ränder an den Seiten etwas zusammen. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr, ein Schatten huschte an ihm vorbei, und das Stethoskop landete geräuschvoll auf dem Tisch.

»Da ist es, und jetzt?« Manuelas Stimme klang nun dünn.

»Sagen wir, es gehört uns gemeinsam«, schlug Frank vor und war sich bewusst, wie unsinnig das war.

»Ach, gemeinsam also.« Torsten betrachtete den verdrehten Schlauch, der in Reichweite auf dem Tisch lag. »Und morgen früh? Wenn es darum geht, welche Familie von diesem hirnlosen Irren umgebracht wird? Gehört es uns dann auch gemeinsam? Eine tolle Idee. Alle Punkte, die wir sammeln, gehören uns gemeinsam. Also hat keiner von uns die zwei Punkte, die er braucht, damit seine Familie und er selbst diese Scheiße hier überleben. Wirklich, Fränkie-Boy, ein ganz toller Vorschlag.«

»Dann mach doch einen besseren, anstatt nur die ganze Zeit rumzumaulen«, fuhr Frank Torsten an und schlug dabei mit der flachen Hand auf den Tisch. »Oder fällt dir etwa nichts ein, Fozzie? Vor dreißig Jahren warst du es doch, der diesen genialen Gedanken mit der Mutprobe hatte. Hat dich deine Kreativität etwa verlassen? Wir sitzen hier alle im gleichen Boot, und ich versuche lediglich einen Weg zu finden, wie wir alle erst einmal diese Nacht überstehen. Geht das nicht in deinen Schädel?«

Frank wusste genau, dass es nicht ungefährlich war, Torsten zu provozieren. Aber er hatte sich nicht länger zurückhalten können. Schweratmend starrte er Torsten an. Er musste seinem Blick jetzt standhalten. Warum hatte er sich so gehenlassen?

Torsten stützte die Hände auf der Tischplatte ab und drückte sich hoch. Seine Augen blieben dabei starr auf Frank gerichtet. Frank spürte, wie er es mit der Angst bekam. Wenn Torsten jetzt auf ihn losging, hatte er nicht den Hauch einer Chance.

»Okay, Fränkie-Boy.« Torsten stand mit nach vorne gebeugtem Oberkörper da, groß, massig, die Hände noch immer weit auseinander auf der Tischplatte aufgestützt. Eine deutliche Drohung.

»Ich sag dir jetzt was.« Seine Stimme war gefährlich leise. »Ich scheiß auf dein Gemeinsam. Es gibt vier Punkte. Genug für zwei von uns und ihre Familien. Wir sind zu viert, also werden wir uns jetzt trennen. Zwei Teams.« Er hob eine Hand vom Tisch und richtete den Zeigefinger auf Franks Gesicht. »Es geht hier um Leben und Tod, und genau so werden wir das Spiel jetzt spielen. Du hältst dich für superschlau, Frank. Mal sehen, ob es dir was nützt.« Torsten hob den Kopf, sein Blick suchte Manuela, ruhte eine Weile kalt auf ihr. »Na? Mit wem möchtest du spielen, kleine Manu?«

»Mit dir auf keinen Fall.«

Torsten nickte, als hätte er keine andere Antwort erwartet. Sein Blick wanderte zu Frank und blieb auf ihm haften. »Und du, schlauer Fränkie-Boy? Mit mir wohl eher auch nicht, oder? Vielleicht mit der kleinen Manu? Oder lieber mit dem ramponierten Kupfer?«

»Ich werde mich nicht gegen irgendjemanden hier entscheiden«, antwortete Frank ruhig. »Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir zusammen …«

»Ich bleibe bei Torsten«, wurde er von Jens unterbrochen. Frank sah ihn überrascht an, aber Jens zuckte nur mit den Schultern. »Was schaust du mich so an? Dieses … Spiel können wir nicht gemeinsam spielen, weil wir nicht gemeinsam gewinnen können. Kapierst du das nicht? Nur zwei von uns können das mit ihren Familien überleben. Ich bleibe bei Torsten, weil er das genauso sieht.«

»Wenn wir jetzt anfangen, gegeneinander zu spielen, hat der Kerl doch erreicht, was er wollte«, versuchte Frank dem entgegenzuwirken, worauf sie geradewegs zusteuerten.

»Na und?« Torsten schob seinen Stuhl zurück und stand auf. »Das ist mir scheißegal. Meiner Tochter wird nichts geschehen, und mir auch nicht. Das ist alles, was für mich zählt. Und ich werde dafür sorgen, dass es genau so kommt.«

Auch Jens stand auf und sah Torsten mit einem unsicheren Blick von der Seite an. Einem Blick, der etwas Unterwürfiges an sich hatte.

»Wusstest du, dass Torsten nach uns gesucht hat, als du da unten niedergeschlagen wurdest?« Manuela verschränkte die Arme vor der Brust und hob trotzig das Kinn an. »Allein. Und er hatte einen Schraubenschlüssel dabei.«

»Was willst du damit sagen?«, fragte Torsten lauernd.

»Wie, was heißt das?« Jens’ Stimme zitterte. »Stimmt das, Torsten?«

»Ja, und? War es etwa falsch, dass ich euch helfen wollte?« Er wandte sich nun Jens direkt zu. »Merkst du nicht, was die beiden da versuchen? Aber bitte, wenn du wirklich glaubst, ich hätte was mit der Sache zu tun, dann möchte ich dich sowieso nicht bei mir haben. In einem Team muss man einander vertrauen. Davon abgesehen komme ich wahrscheinlich sowieso am besten alleine klar. Mal sehen, wem ich die überschüssigen Punkte dann schenke.«

»Nein, ich …« Jens schluckte mehrmals. »Ich komme mit dir. Ich glaube nicht, dass du das warst. Wirklich nicht.«

Torsten nickte. »Also gut. Gehen wir, Partner, und …«

»HÖRT MIR ZU, SPIELER!« Die Stimme schien aus allen Ecken des Raumes gleichzeitig zu kommen. Sie klang blechern und auf seltsame Weise abgehackt. Irritiert sahen die vier sich an.

»SPIELER, ICH HABE NEUIGKEITEN FÜR EUCH.«

Die Art, wie Wort an Wort aneinandergereiht wurde, erinnerte Frank an Programme, die geschriebenen Text mit elektronischer Stimme vorlasen. »Das ist eine Computerstimme.«

»Ein Computer, der mit uns spricht?«, fragte Manuela leise, fast flüsternd. Frank schüttelte den Kopf. »Nein, es ist ein Programm, das einen Text vorliest, den jemand eingegeben hat. Das ist …«

»SIE LAUTEN: ZWEI VON EUCH SPIELEN FALSCH. DAMALS UND HEUTE.«

Das Rachespiel
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