Damals …
Manu

2

Sie sieht das Bein in der karierten Hose sofort, als sie einen Blick über den Rand der Einbruchstelle wirft.

Der dünne, blanke Unterschenkel, der aus dem Stoff herausschaut, ist übersät von kleinen Wunden. Manu schreit erschrocken auf.

Sie hat Festus gefunden, und ihr wird in diesem Moment klar, dass sie nicht wirklich damit gerechnet hat, dass sie vielleicht nur zurückgekommen ist, um ihr Gewissen zu beruhigen, dass sie … Es ist egal, alles ist egal. Sie hat ihn gefunden.

Aber sein Bein bewegt sich nicht. Und mehr kann sie im Moment noch nicht von ihm sehen. Schnell und nicht mehr so vorsichtig wie zuvor beginnt sie, weiter um die Einsturzstelle herumzulaufen. Erst als sie die gegenüberliegende Seite erreicht hat, schaut sie nach unten und bleibt im gleichen Moment stocksteif stehen.

Festus liegt zwischen Steinen und Balken, das Gesicht nach oben. Die Augen sind geschlossen. Das Bein, das Manu von der anderen Seite aus nicht sehen konnte, steht in einem unnatürlichen Winkel von der Hüfte ab. Auf der Stirn hat er eine größere, verkrustete Wunde, auf den Wangen, dem Hals und den nackten Armen befinden sich unzählige kleine, teils noch blutende Stellen. Doch es sind nicht Festus’ Verletzungen, die dazu führen, dass sie sich schließlich übergeben muss.

Es sind die Ratten, die um Festus herum und über seinen Körper krabbeln. Und es ist das schlagartige Bewusstsein, woher die vielen kleinen Wunden stammen, mit denen seine Haut übersät ist.

Es dauert lange, bis Manu es wagt, wieder hinzusehen. Nur ganz langsam senkt sie den Blick.

Es sind nicht übermäßig viele Ratten, vielleicht sieben oder acht, und während sie die fürchterliche Szene betrachtet, verhalten sich die Tiere ruhig, aber es ist das Schlimmste und Ekelhafteste, das sie je gesehen hat. Als eine der Ratten über Festus’ Gesicht läuft, stöhnt Manu laut auf. Und doch versucht sie, sich zusammenzureißen. Sie muss nachdenken, was sie nun tun soll. »He, geh weg, du Drecksvieh«, ruft sie hilflos in das Loch hinab. »Lass ihn in Ruhe. Lasst ihn alle in Ruhe.« Hektisch bückt sie sich, greift nach einem kleinen Stein und hebt den Arm, um ihn hinunter auf die Ratten zu schleudern. Doch im nächsten Moment hält sie mitten in der Bewegung inne. Sie ist keine gute Werferin. Was, wenn sie Festus trifft? Vielleicht sogar im Gesicht? Manus Hand öffnet sich, und der Stein fällt seitlich von ihr zu Boden.

Was soll sie tun?

Soll sie den anderen erzählen, dass sie Festus gefunden hat? Dass er bei dem Einsturz ums Leben gekommen ist? Und noch wichtiger: Was macht sie jetzt und hier als Nächstes? Sie kann Festus nicht mehr helfen, aber … diese Ratten. Sie kann doch nicht einfach weggehen und zulassen, dass die Ratten weiter an ihm fressen. Sie … sie … Mit einem Mal bricht das ganze Grauen, das sie empfindet, mit voller Wucht aus ihr heraus. Es macht sich Platz in einem langgezogenen Schrei, der in einen Weinkrampf übergeht. Ihr Körper krampft sich unter heftigen Zuckungen zusammen, während sie immer wieder laut aufschluchzt. Dazwischen stammelt sie Dinge wie »O Gott« und »Nein, bitte«.

Endlich beruhigt sie sich ein wenig und richtet sich langsam wieder auf. Sie zittert am ganzen Körper und versucht, es zu unterdrücken, doch es gelingt ihr nicht. Mit klappernden Zähnen und zuckenden Gliedern steht sie im gleißenden Sonnenlicht und schlingt die Arme um sich.

Kann sie es schaffen, Festus aus dem Loch zu ziehen? Nein, unmöglich. Zumindest nicht alleine. Soll sie Hilfe holen? Die Feuerwehr alarmieren? Und dann? Dann wird alles rauskommen, die Leute werden für alle Zeit hinter vorgehaltener Hand über sie tuscheln.

»Schau da, das ist die, die damals den armen, kranken Jungen in den Tod getrieben hat«, werden die Leute sagen, wenn sie sie auf der Straße sehen. »Er hat ihr vertraut, hat sie ein schönes Mädchen genannt.«

In der Schule werden alle mit dem Finger auf sie zeigen.

Und ihre Mama? Ihrer Mama wird es das Herz brechen, wenn sie erfährt, dass ihre Manu bei so etwas mitgemacht hat, das weiß sie. Und Festus wird es nicht mehr helfen, er ist tot. Aber die Ratten …

Er ist tot, sagt sie sich. Er spürt nichts mehr. Wenn man ihn in eine Kiste legt und auf dem Friedhof vergräbt, wird sein Körper auch zerfallen. Das ist etwas ganz Natürliches. Sie sollen sie beruhigen, diese Gedanken, aber sie tun es nicht.

Und wenn sie ihn zudeckt? Wenn sie etwas über ihn wirft, eine schwere Decke oder eine Plane, dann werden die Ratten nicht mehr an ihn herankommen. Allerdings wird man dann wissen, dass jemand ihn entdeckt und keine Hilfe gerufen hat. Nein, das geht auch nicht. Das …

Manu erstarrt. Die ganze Zeit über hat sie in das Loch vor sich geschaut, nicht direkt auf Festus, sondern an ihm vorbei, und doch hat sie die Bewegung aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Nur ganz kurz, und doch glaubt Manu, dass sich Festus’ Arm gerade ein winziges Stück bewegt hat. Sie starrt gebannt auf die Stelle, wo sein Arm jetzt liegt, unfähig, sich zu regen oder einen klaren Gedanken zu fassen. Das kann doch nicht sein. Festus ist tot, wie kann sich da sein Arm bewegen? Dann fällt ihr eine Lösung ein, die zwar furchtbar, aber sehr wahrscheinlich ist. Es muss eine Ratte gewesen sein. Wahrscheinlich ist sie so dicht an Festus vorbeigelaufen, dass sie seinen Arm berührt und ein Stückchen zur Seite gedrückt hat. Diese Ratten, sie sind so ekelhaft! Manu spürt, wie sich ihr Magen erneut zusammenkrampft. Sie hofft, dass sie sich nicht schon wieder übergeben muss, und will sich gerade von dem furchtbaren Bild abwenden, als ein Geräusch vom Boden der Einbruchstelle zu ihr heraufdringt. So unwahrscheinlich es auch ist, Manu weiß sofort, was es war.

Sie hat gerade ein Stöhnen gehört, und es kam aus dem Mund des Jungen, der nun schon seit Stunden mit gebrochener Hüfte und zahlreichen Bisswunden zwischen den Trümmern liegen muss. Den sie für tot gehalten hat, aber … Festus lebt.

Manu steht da und starrt auf den reglosen Körper, versucht zu begreifen, dass Festus noch lebt, aber es gelingt ihr nicht. Ihre Gedanken versuchen sich an etwas festzuhalten, doch in ihrem Inneren ziehen nur Bilder vorbei. Sie zeigen Festus, der in diesem Loch liegt und sich nicht bewegen kann. Und sie zeigen Ratten, die um ihn herumtippeln und ihn mit kalt glänzenden schwarzen Augen ansehen. Die sich von Minute zu Minute näher an ihn heranwagen, weil sie zu spüren scheinen, dass er nicht viel gegen sie ausrichten kann. Irgendwann wagt die erste Ratte den Vorstoß zu seinem Bein und schlägt ihre gelben Zähne in sein Fleisch. Manu sieht die unbeschreibliche Angst und das Entsetzen in den Augen des Jungen, und sie möchte all seinen Schmerz für ihn herausschreien.

Sie bückt sich, hebt einen kleinen Stein auf und wirft ihn nach den Ratten. Es ist ihr egal, ob sie Festus dabei vielleicht trifft. Er lebt, und es geht darum, diese verdammten Ratten von ihm wegzutreiben. Der Stein trifft mit einem dumpfen Geräusch auf einen Holzbalken zwei Meter neben Festus auf und spritzt zur Seite weg, ohne eine Ratte oder den Jungen getroffen zu haben. Manu bückt sich erneut und sammelt gleich mehrere Steine. »Geht weg, ihr Drecksratten«, schreit sie, während Stein um Stein in das Loch niedersaust. Einmal trifft sie Festus’ Bauch, aber zweimal auch einen der pelzigen Körper, die sich daraufhin mit einem lauten Fiepen blitzschnell davonmachen. Und Manu bückt sich wieder, sammelt hektisch Steine und wirft sie, bückt sich. Es ist wie ein Rausch. Die Welt um sie herum beginnt sich zu drehen, ein letzter, klarer Bereich ihres Verstandes sagt ihr, dass sie nicht das Bewusstsein verlieren darf, weil sie dann in das Loch fallen könnte – zu Festus, zu den Ratten. Sie schüttelt unter Aufbringung aller Willenskraft den Kopf, um die schwarzen Punkte zu vertreiben, die vor ihren Augen tanzen. Es scheint zu wirken, ihre Umgebung wird wieder klarer, aber sie weiß, sie muss weg von diesem Loch, um durchatmen zu können. Nur kurz, sie wird gleich wieder zurückkommen, sie wird Festus nicht allein lassen. Aber in diesem Moment muss sie raus aus der Fabrik und den Trümmern.

Manu hat schon die ersten zwei, drei Meter von der Einsturzstelle weg in Richtung Fenster zurückgelegt, als ihr erst bewusst wird, dass sie sich schon auf dem Weg nach draußen befindet. Sie fühlt sich wie ferngesteuert. Ihre Muskeln scheinen nicht mehr auf die Befehle ihres eigenen Gehirns zu reagieren, sondern auf die eines fremden.

Sie stolpert einmal, schafft es aber, ohne zu stürzen, zum Fenster und hinaus. Als sie endlich draußen angekommen ist, lehnt sie sich mit einem Seufzer an die Wand der kleinen Baracke, die einige Meter neben dem Fabrikgebäude steht. Der Putz ist größtenteils abgefallen, das Dach muss schon vor Jahren eingefallen sein.

Manu starrt vor sich auf den Boden. Wenige Zentimeter vor ihrer Schuhspitze entdeckt sie eine Ameise und verfolgt ihren Weg über Erdklümpchen und sonstige kleine Hindernisse, die in den Augen des Insekts jedoch riesig erscheinen müssen. Und doch legt die Ameise ihren Weg scheinbar mit Leichtigkeit zurück, egal, wie hoch ein Hindernis auch ist. Der vertraute Anblick tut Manu gut, sie spürt, dass sie wieder klarer denken kann.

Sie wird sich keine lange Pause gönnen und gleich wieder da reingehen. Festus lebt. Er ist verletzt, schwerverletzt, aber er lebt. Nein, sie wird nicht wieder hineingehen, sie wird sofort losfahren und Hilfe holen. Die Feuerwehr wird ihn da rausholen können, und dann wird alles wieder gut. Sie werden Ärger bekommen, alle vier, aber auch die anderen werden das in Kauf nehmen, wenn sie erfahren, dass sie Festus das Leben gerettet hat.

Das Bild der Ratten, die ihre Zähne in Festus schlagen, drängt sich in den Vordergrund und lässt sie wieder aufstöhnen. Sie muss es wegschieben, darf nicht darüber nachdenken. Sie muss los, jetzt.

Manu steht auf und sieht sich nach ihrem Fahrrad um, als etwas sie herumfahren lässt. Geräusche, ganz in ihrer Nähe.

Schritte, die schnell näher kommen.

Das Rachespiel
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