31

– 03:51 Uhr

Franks Gedanken rasten. Torsten hatte Jens’ Handy. Dann war er es also doch gewesen, der ihn in dem Krankenzimmer angegriffen hatte. Wie sollte er sich jetzt verhalten? Konnte er so tun … »Was ist los«, fragte Torsten lauernd und enthob ihn damit einer Entscheidung. »Was starrst du das Telefon so an?«

»Ich …« Es war zu spät, Frank konnte nicht mehr so tun, als sei ihm nichts aufgefallen. »Das Telefon. Wo hast du es her? Es gehört Jens.«

Torsten zuckte mit den Schultern. »Ich habe es gefunden. Und weil mein Akku leer war, kam es mir gerade recht.« Damit nahm er Frank das Telefon wieder aus der Hand.

»Gefunden …« Franks Tonfall ließ keinen Zweifel daran aufkommen, was er von dieser Erklärung hielt. »Ich hatte es bei mir, als ich niedergeschlagen worden bin. Danach war es verschwunden.«

»Na und? Dann hat der Kerl, der dich niedergeschlagen hat, es wohl mitgenommen und dann verloren.«

Frank hätte ihm am liebsten gesagt, dass er selten eine dämlichere Ausrede gehört hatte. Wie konnte man in der Dunkelheit ein Handy verlieren, das als Lichtquelle diente? Aber er hütete sich, Torsten in dieser Situation zu reizen. Mittlerweile traute er ihm alles zu. »Das ist … ein seltsamer Zufall«, erwiderte er leise.

Torsten machte ein zischendes Geräusch und stemmte die Hände in die Seiten, wodurch das Telefondisplay teilweise verdeckt und es so deutlich dunkler wurde.

»Was willst du damit sagen, Fränkie?«

»Ich wundere mich einfach darüber.«

»Ah. Du wunderst dich also. Und wahrscheinlich denkst du jetzt wieder, ich hätte dir eine übergezogen, stimmt’s?«

»Du musst zugeben, dass …«

»Einen Scheiß muss ich zugeben«, fiel Torsten ihm ins Wort. »Nichts, gar nichts muss ich zugeben.« Seine Stimme bebte vor Wut, und Frank machte instinktiv einen Schritt zurück. »Jetzt reicht’s mir endgültig. Weißt du was, du scheinheiliges Arschloch? Du kannst mich mit deinen dämlichen Unterstellungen jetzt mal kreuzweise. Ich habe dich gerade aus diesem Gummiberg rausgezogen, bevor du erstickt bist, und ich habe angeboten, dir zu helfen. Und du geilst dich an einem Scheißtelefon auf. Sieh von mir aus zu, wie du deine Punkte zusammenbekommst, ich habe meine.«

»Ja, du hast angeboten, mir zu helfen, nachdem du zuerst das Stethoskop und dann die Fahne geklaut hast. Tolle Hilfe. Danke.«

Torsten sah ihn eine Weile stumm an. Franks Muskeln waren bis zum Äußersten gespannt. Doch dann nickte Torsten nur und sagte leise: »Okay. Dann verpiss dich, Fränkie. Viel Spaß mit der letzten Aufgabe. Und wenn ich sie löse, dann werde ich den Punkt lieber wegwerfen, als ihn dir geben.«

»Da mache ich mir keine Sorgen. Es wäre die erste Aufgabe, die du selbst löst.« Frank bereute den Satz im gleichen Moment, in dem er ihn ausgesprochen hatte, aber es war bereits zu spät. Er sah noch einen Schatten auf sich zufliegen, dann knallte etwas gegen seine Wange und ließ seine Zähne heftig gegeneinanderschlagen. Der Schlag reichte aus, Frank schräg nach hinten zu katapultieren und ihn mit der Seite hart auf dem Betonboden aufschlagen zu lassen.

Er stöhnte auf und brauchte eine Weile, um sich zu sammeln. Er hörte noch ein verächtlich ausgespucktes »Arschloch«, dann wurde es um ihn herum schnell dunkler. Torsten war verschwunden.

Jetzt war er also wieder auf sich allein gestellt, im Dunkel dieser eiskalten Anlage. Aber das war gut so. Alles war besser, als jemanden neben oder hinter sich zu haben, dem man nicht trauen konnte.

Frank drückte sich unter Schmerzen vom Boden ab und setzte sich auf. Er tastete über sein Gesicht. Die Stelle an der Wange tat ziemlich weh, aber er hatte Glück gehabt, dass Torstens Faust nicht seine gebrochene Nase getroffen hatte.

Frank war sich jetzt sicher: Torsten hatte ihn auf der Krankenstation niedergeschlagen. Er hatte ihm die Nase gebrochen und ihm Jens’ Telefon weggenommen. Und er hätte den Kerl in seiner Naivität fast zu Jens geführt …

Jens. Frank dachte wieder an den Punkt, den Jens für sein Geständnis bekommen hatte. Wenn Torsten diesen Punkt tatsächlich nicht hatte, vielleicht weil er gestört worden war, bevor er ihn Jens wegnehmen konnte, dann hatte Jens ihn wahrscheinlich noch bei sich. Wenn Frank diesen Punkt fand und zudem die nächste Aufgabe löste, konnte doch noch alles gut werden.

Eine Stimme in ihm flüsterte etwas davon, dass das nicht richtig war, aber sie war leise. Sehr leise. Und Frank hörte nicht hin.

Es dauerte einige Zeit, bis er es geschafft hatte, sich aufzurichten. Er sah sich nach allen Seiten um. Im Raum hinter ihm hatte sich die Dunkelheit ausgebreitet wie eine dicke schwarze Decke. Selbst der Durchgang zur Schleusentür war nicht mehr zu erkennen. Die einzige Stelle, an der es noch ein ganz klein wenig gelbliches Restschimmern gab, war der Gang direkt vor ihm. Der Gang, von dem der Raum abging, in dem Jens lag. Und durch den Torsten verschwunden war. Wenn er nun alle Türen öffnete, an denen er vorbeikam …

Frank tastete noch einmal vorsichtig über sein Gesicht, strich mit der Fingerkuppe über die Stelle, an der Torsten ihn getroffen hatte, dann ging er langsam los.

Seine Gedanken kreisten um Jens. Und um den Punkt.

Tür für Tür tastete Frank sich vorwärts und zählte mit. Als er nur noch eine Tür von dem Raum entfernt war, in dem er Jens vor den Ratten in Sicherheit gebracht hatte, fiel ihm ein, dass er keinerlei Vorstellung davon hatte, was dieser Punkt überhaupt sein könnte. Und die Dunkelheit war dabei auch keine Hilfe. Aber er musste es zumindest versuchen.

Vor der Tür blieb er stehen und lauschte. Rascheln und Tippeln von links und rechts, ein entferntes Fiepen, sonst hörte er nichts. Vorsichtig legte Frank das Ohr gegen die Tür, aber es war kein Geräusch aus dem Inneren des Raumes zu hören. Es nutzte nichts, er musste es riskieren, und er würde es schnell tun. Falls Torsten sich in dem Raum befand, hatte Frank nur eine einzige, winzige Chance gegen ihn: den Überraschungsmoment. Er ärgerte sich, dass er nicht früher daran gedacht hatte, nach etwas zu suchen, das als Waffe dienen konnte. Aber nun war es zu spät, er musste jetzt da rein.

Frank legte eine Hand auf die Klinke und atmete noch einmal durch. Mit Schwung drückte er sie herunter und stieß die Tür auf. Leicht gebückt blieb er im Türrahmen stehen, bereit, Torsten anzuspringen, bevor der Zeit hatte zu verstehen, was geschah. Aber der Raum war dunkel, es war kein Geräusch zu hören, nichts. Frank gab sich selbst zwei, drei Sekunden, um die Situation einzuschätzen, dann ging er hinein und schloss die Tür hinter sich. Erschöpft lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand. Als sein Herzschlag sich etwas beruhigt hatte, hörte er leise, rasselnde Atemgeräusche. Jens. Er lag dort vor ihm auf dem Boden, nur wenige Schritte entfernt. Und er hatte vielleicht etwas in der Tasche stecken, das ein Menschenleben wert war.

Frank sagte sich, dass es ihm darum ging, diesen Punkt vor Torsten in Sicherheit zu bringen. Falls Jens den Punkt überhaupt noch bei sich trug. Langsam und vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Und wenn Jens aufwachte und abzusehen war, dass er die Nacht überlebte, würde Frank ihm den Punkt auf jeden Fall zurückgeben. Er war schließlich nicht wie Torsten.

Lauras Gesicht tauchte vor ihm aus der Dunkelheit auf. In ihre sonst so sanften Züge hatte die Angst tiefe Furchen gegraben, ihre Augen, die so vorbehaltlos glücklich strahlen konnten, waren panisch weit aufgerissen. Verzweifelt reckte sie ihm die Hände entgegen, ihr Mund formte stumme Worte, die er nicht verstand. Immer wieder drehte sie sich gehetzt um, sah ihn wieder und wieder flehend an …

Franks Fußspitze stieß gegen etwas Weiches, und das Bild seiner Tochter verschwand augenblicklich. Er bückte sich, ertastete Jens’ Oberarm und ließ sich neben ihm auf die Knie sinken. Der Puls an der Halsschlagader war wie schon zuvor nur schwach, aber das Herz schlug.

»Jens.« Frank sagte es leise, fast flüsternd. Als keine Reaktion kam, wiederholte er es lauter, doch Jens reagierte nicht. Vorsichtig ließ Frank seine Hand zu der Stelle an Jens’ Rücken wandern, an der der Verband saß. Der Stoff fühlte sich feucht an. Frank fragte sich, wie lange Jens noch überleben konnte, wenn er weiter Blut verlor. In dieser Kälte.

Wahrscheinlich war es nur eine Frage von Stunden. Dann würde ihm sein Punkt nichts mehr nützen. Franks Hand tastete sich an Jens’ Rücken hinab bis zu einer der Taschen der dünnen Jacke. Er befühlte sie von außen, aber sie schien leer zu sein.

Natürlich würde der Punkt ihm etwas nutzen, meldete sich eine mahnende Stimme in Frank. Der erste Punkt rettet nicht sein Leben, sondern das seiner Familie.

Frank fragte sich, was zum Teufel er eigentlich gerade im Begriff war zu tun. Wollte er Jens tatsächlich bestehlen? Wollte er einem Schwerverletzten die Lebensversicherung für dessen Familie rauben? Seine Hand zuckte zurück.

Eine Lebensversicherung, die er sich damals durch Verrat an uns erkauft hat, soufflierte eine andere, dunkle Stimme ihm. Und jetzt legst du dir sogar schon eine Entschuldigung zurecht für deinen Diebstahl. Das war wieder die erste Stimme.

Eine fremde Leere machte sich in Frank breit. Das Gefühl, nicht nur aus dem gewohnten Leben gerissen worden zu sein, sondern sich auch selbst nicht mehr zu kennen. Es gab eine Seite an ihm, deren Existenz bis jetzt im Verborgenen gelegen hatte. Nur einmal war sie zum Vorschein gekommen, damals, als sie Festus im Stich gelassen hatten.

Es war die dunkle Seite eines Menschen, der bereit war, um des eigenen Vorteils willen Dinge zu tun, die ihn selbst schockierten.

Ein lautes Poltern ließ Frank zusammenzucken. Es musste aus dem Gang unmittelbar vor der Tür kommen. Sofort begann sein Herz wieder zu rasen. War das Torsten? Oder schlimmer noch, vielleicht der Psychopath? Suchte er nach ihm?

»Frank.« Er hielt den Atem an. Jemand rief seinen Namen. Leise, schwach, aber doch laut genug, dass er es gehört hatte. Und gleich darauf erneut: »Hilfe, Frank. Wo bist du?«

Das Rachespiel
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