28
– 01:56 Uhr
Frank nahm erst gar nicht den Gang mit der gelben Linie, denn er war sicher, dass die Bibliothek in entgegengesetzter Richtung lag. Er konzentrierte sich auf die Geräusche um ihn herum, während er sich an der Wand entlang vorwärtstastete. Das leise Tippeln von Rattenpfoten war so allgegenwärtig, dass es ihm in der Zeit, die er neben Jens gesessen hatte, gar nicht mehr aufgefallen war. Nun aber, wo er bemüht war, die fehlende Sicht durch sein Gehör zumindest ein wenig wettzumachen, hörte er es überall fiepen und rascheln.
Hier und da konnte er die grünen Türumrandungen noch erahnen, aber das reichte nicht mehr aus, um seine Umgebung komplett zu erfassen.
Seine Hand ertastete einen Türrahmen, dann bekam sie die Klinke zu fassen. Er öffnete die Tür und machte einen Schritt in die Schwärze hinein, dann einen weiteren. Er wandte sich nach rechts und ging mit nach vorne ausgestreckten Armen weiter, bis seine Hände auf kalten Beton stießen. Frank tastete sich zwei, drei Meter vor, dann gab er es auf. Keine Regale, keine Bücher. Das war nicht der Raum, den er suchte.
Eine knappe Minute später war er wieder draußen und stieß nach wenigen Metern auf die nächste Tür. Auch hier hatte er keinen Erfolg.
Eben war er im Begriff, den Weg zurück zum Gang einzuschlagen, als er von dort Geräusche hörte, die ihn verharren ließen. Schritte.
Sie kamen von links und näherten sich schnell. Frank schätzte, dass er noch etwa zwei Meter von der geöffneten Tür entfernt war. Er bewegte sich keinen Millimeter weiter, zwang sich, ganz flach zu atmen, und hielt schließlich den Atem ganz an. Genau vor der Tür hörten die Schritte auf. Wer immer da vor ihm stand, nur drei, vier Armlängen entfernt, schien ebenso in die Dunkelheit zu horchen wie er selbst. Frank spürte, wie sich feine, kalte Perlen auf seiner Stirn bildeten. Sein Körper verlangte nach Sauerstoff, wollte atmen, aber er kämpfte das Verlangen nieder. Ein kleinster Atemzug würde ihn verraten. Sein Gehirn formulierte Sätze, schneller, als sein Verstand sie verarbeiten konnte. Wer war das? Torsten? Oder der Psychopath? Oder war es vielleicht sogar Manuela? Nein, dafür hatten die Schritte zu schwer geklungen. Zu plump. Er durfte sich auf keinen Fall verraten. Wer immer dort stand – es war besser, wenn er ihn nicht bemerkte. Frank zwang sich dazu, sich auf die Geräusche zu konzentrieren, die der andere machte. Auch der andere schien regungslos dazustehen und den Atem anzuhalten.
Alles in Frank war bis zum Zerreißen angespannt, Brust, Hals und Nase schmerzten höllisch, hinzu kam nun noch die brennende Lunge, aber er versuchte es so gut es ging zu ignorieren. Nur noch wenige Sekunden, dann würde er atmen müssen. Dann würde er sich verraten … Ein Rascheln, dann ein Schritt, ein weiterer … Der andere entfernte sich. Frank wartete so lange ab, wie er es gerade noch konnte, dann gab er dem Drängen seiner Lunge nach und sog mit weit geöffnetem Mund die Luft ein. Er hoffte, dass nichts davon draußen auf dem Gang zu hören war.
Minutenlang verharrte er weiter, wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, der andere könnte noch in der Nähe sein und ihm auflauern. Er fühlte sich an seinen Wehrdienst zurückerinnert, an die Nachtübungen, die sie durchgeführt hatten. Damals war er einige Male in einer ähnlichen Situation gewesen. Nachts, in einem Wald, bei wolkenverhangenem Himmel. Auch dort hatte er nichts sehen können und sich einzig auf sein Gehör und sein Gefühl für die Nähe eines anderen Menschen verlassen müssen. Aber auch wenn diese Übungen so realitätsnah wie möglich abgehalten worden waren, er hatte immer gewusst, dass es nur eine Übung war, und egal was auch geschah, er war keiner wirklichen Gefahr ausgesetzt gewesen. Das war in dieser Nacht anders.
Wie verrückt die Welt doch war. Während seiner Zeit beim Militär, wo er darauf getrimmt worden war zu töten, wo er den Gedanken kennengelernt hatte, im Ernstfall vielleicht selbst getötet zu werden, hatte er sich sicher gefühlt. Und jetzt lauerte die tödliche Gefahr plötzlich Jahre später hier, im Privaten, in dieser Nacht.
Seine Gedanken schweiften wieder zurück zu den Übungen als Soldat. Da war noch etwas anderes gewesen. Ein Bild tauchte auf, unklar noch, verschwommen, aber wichtig, das spürte er. Er musste sich konzentrieren, sich erinnern, an etwas, das einprägsam genug gewesen war, dass er es auch heute, rund 25 Jahre später, noch nicht vergessen hatte. Und dann war plötzlich alles wieder da.
Dieses Kommando, das sie alle gehasst hatten. ABC-Alarm! Es war eine Tortur gewesen, aber ihr Zugführer hatte es auf Märschen unerbittlich immer wieder gegeben. Dann mussten sie alle ihren Poncho überwerfen und die Atemschutzmaske aus Gummi überziehen, die das Atmen erschwerte und sie aussehen ließ wie Aliens.
Franks Gedanken überschlugen sich. Die Aufgabe. Was schützt mich vor dem ABC? Mit ABC war der ABC-Alarm gemeint. Danach hatte er die ganze Zeit über gesucht! Und schützen konnten davor nur Schutzanzüge und Masken. Solche, wie sie im Eingangsbereich der Bunkeranlage an Haken von der Decke hingen und Manuela erschreckt hatten. Das war es, da wartete sein erster Punkt! Dort musste er hin. Sofort!
Frank wandte sich um und ging los, stoppte nach ein paar Schritten jedoch wieder. Dieser kleine geflieste Raum mit den Anzügen … er befand sich im Schleusenbereich, zwischen den beiden schweren Türen. Und damit hinter der Tür, die sie in dieser Anlage einschloss. Wie sollte er da rankommen? Andererseits, wenn er diesen Satz mit dem ABC richtig interpretierte – und er war sich ganz sicher, dass er das tat –, dann musste es eine Möglichkeit geben, die erste Tür zu öffnen und zu den Anzügen zu gelangen, sonst ergab die ganze Aufgabe keinen Sinn. Es sei denn, dieser Psychopath treibt sein perverses Spiel so weit, uns eine Aufgabe zu stellen, die gar nicht lösbar ist, überlegte er.
Aber was nutzten all diese Spekulationen? Alles war besser, als in dieser elend kalten Dunkelheit herumzustehen und nichts zu tun. Er musste es versuchen.
Der Rückweg dauerte noch länger als das Vorwärtstasten auf der Suche nach der Bibliothek, da Frank alle paar Meter stehen blieb und auf das Geräusch von Schritten lauschte. Oder auf ein Atmen in der Stille.
Die Gewissheit, dass da noch jemand war, ganz plötzlich vor ihm stehen konnte, jemand, der nicht davor zurückschreckte, einem Menschen einen Schraubenzieher in den Rücken zu rammen, jagte Adrenalin durch Franks Körper und ließ ihn sogar die Schmerzen vergessen.
Immer wieder verharrte er stocksteif, wenn es vor ihm raschelte oder er hinter sich das schnelle Tippeln kleiner Pfoten vernahm. Er dachte an Jens, der bestimmt noch immer an der gleichen Stelle auf dem Boden lag. Ungeschützt und nicht in der Lage, sich zu wehren, wenn die Ratten ihn entdeckten und der Hunger sie überkam.
Frank verspürte den Drang, seine Schritte zu beschleunigen. Wie hatte er Jens nur allein zurücklassen können? Hochkonzentriert legte er Meter um Meter zurück und hatte dabei die vage Hoffnung, dass Manuela wieder neben Jens saß, wenn er den Raum vor dem Ausgang erreichte.
Aber sie war nicht dort. Jens lag in unveränderter Position auf dem kalten Boden. Frank überlegte, wie er ihn vor den Ratten schützen konnte. In diesem Raum war das aussichtslos, so viel stand fest. Aber wo dann? Die Betten, die er in den Schlafräumen gesehen hatte, waren alle ohne Matratzen gewesen. Frank musste also einen Raum finden, dessen Tür bisher geschlossen geblieben war, so dass die Ratten noch nicht hineingelangt waren. Dort wäre Jens dann sicher. Zumindest was die Ratten betraf.
Aber wie sollte er ihn in so einen Raum bringen? Ihn zu tragen kam nicht in Frage, das konnte er mit den gebrochenen Rippen unmöglich schaffen. Also würde er ihn irgendwie ziehen oder schleifen müssen. Ein gutes Stück den Gang hinunter bis zu den ersten kleineren Räumen, deren Türen nicht offen standen. Blieb die Frage, wie er das anstellen sollte. Auf jeden Fall würde es einige Zeit in Anspruch nehmen. Zeit, in der Torsten vielleicht ebenfalls auf die Idee mit den ABC-Schutzanzügen kommen konnte. Und damit wäre die letzte Chance für Frank, das Leben seiner Familie und sein eigenes zu retten, vertan. Sollte er sich also nicht besser zuerst um die Aufgabe kümmern und Jens anschließend vor den Ratten in Sicherheit bringen? Bisher hatten sie ihn ja auch in Ruhe gelassen. Aber … hatten sie das wirklich? Oder wiesen Jens’ Hände schon vereinzelte Bissspuren auf? Frank konnte sich nicht sicher sein. Ein Fiepen in seiner unmittelbaren Nähe besiegelte schließlich seinen Entschluss, sich direkt um Jens zu kümmern, und nicht zum ersten Mal in dieser Nacht schämte er sich für seine vorherigen Gedanken.
Der Boden war einigermaßen glatt, und Frank fiel plötzlich die Wolldecke ein. Wenn er es schaffte, Jens auf die Wolldecke zu legen, die er selbst als Poncho trug, müsste es möglich sein, ihn über den Boden zu ziehen. Frank streifte die kratzige Decke über den Kopf und breitete sie neben Jens aus. Sofort kroch die Kälte durch seinen Pullover. Er ging um Jens herum und kniete sich neben seinen Kopf. Einfach auf die Decke drehen konnte er Jens nicht, denn dann hätte er auf dem Rücken und damit auf der Wunde gelegen. Also schob er die Hände unter Jens’ Brustkorb, atmete ein paarmal tief durch und machte sich auf die Schmerzen gefasst, die zwangsläufig folgen mussten. Mit einem Ruck hob er Jens’ Oberkörper ein Stück an und zog ihn gleichzeitig nach rechts. Der Schmerz ließ ihn beinahe ohnmächtig werden. Er schrie auf, während er den schlaffen Körper so weit wie möglich auf die Decke zerrte. Als er Jens’ Oberkörper abgelegt hatte, liefen ihm Tränen über die Wangen. Er hockte sich auf die Fersen und wusste für einen Moment weder ein noch aus vor Schmerz. Er hoffte inständig, dass es ihm gelingen würde, Jens so, wie er jetzt auf der Decke lag, über den Boden zu ziehen. Ein zweites Mal würde er ihn nicht hochheben können.
Frank dachte wieder an die Aufgabe und an die Tür, die nur wenige Meter von ihm entfernt am Ende des schmalen Durchganges darauf wartete, geöffnet zu werden. Der letzte gelbliche Schimmer ließ ihn den schwarzen Durchgang schräg gegenüber erahnen. Frank wandte sich ab. Nein, sagte er sich. Das würde warten müssen.
Er tastete nach Jens’ Hals. Der Puls war nur schwach, aber noch immer spürbar. Frank packte zwei Ecken der Decke, richtete sich mühsam auf und lauschte in leicht gebückter Stellung, aber außer vereinzeltem Rascheln war nichts zu hören. Vorsichtig lehnte er sich ein Stück zurück und zog kräftig. Es ging viel besser, als er gedacht hatte. Die Wolldecke rutschte so leicht über den Boden, dass Frank fast nach hinten gefallen wäre. Er sammelte sich einen Moment und zog dann etwas vorsichtiger, bewegte sich in Richtung der gelben Linie.
Die ersten Türen, die er im Gang erreichte, standen weit offen. In den dahinterliegenden Räumen ließen die typischen Geräusche darauf schließen, dass mehrere Ratten darin herumliefen. Am Ende des Ganges zog Frank seine Last nach links und versuchte es weiter. Die vierte Tür auf der linken Seite schließlich war geschlossen. Er lehnte sich für einen Moment gegen den Türrahmen und entspannte den Oberkörper so weit, dass die Schmerzen in der Brust etwas nachließen. Er fühlte sich komplett ausgepowert. Aber er musste sich beeilen, weitermachen. Als er das Gefühl hatte, wieder etwas Kraft gesammelt zu haben, öffnete er die Tür, zog Jens ruckartig hinein und schloss sie sofort hinter sich wieder. Etwa eine Minute lang stand er reglos da und lauschte, aber außer seinem eigenen schweren Atem war nichts zu hören. Hier schienen noch keine Ratten zu sein. Gut, dachte er, hier würde Jens fürs Erste sicher sein.
Frank machte sich daran, die Decke unter Jens’ schlaffem Körper herauszuziehen. Er hätte ihn gerne auf dem etwas wärmenden Untergrund liegen lassen, aber er brauchte die Decke selbst, wenn er nicht vollkommen auskühlen wollte.
Nachdem er das kratzende Material wieder über seine Schultern gelegt hatte, tastete er sich an den Wänden entlang bis zu seinem Ausgangspunkt neben der Tür zurück.
Vorsichtig verließ er den Raum, schloss die Tür schnell hinter sich und machte sich auf den Weg zurück zu der eisernen Schleusentür.
Als er am Durchgang zur Schleuse angelangt war, lag dieser wie ein schwarzer Schlauch vor ihm. Er musste an Manuelas toten Kater denken, der sich dort irgendwo wenige Meter vor ihm steif auf einem der Rohre befand. Was würde er gleich vorfinden, wenn er die Tür erreichte? Er gab sich einen Ruck und tastete sich weiter langsam vorwärts. Seine Hände berührten glattes Metall und grobes Gusseisen, Kästen und Kabel. Er prallte mit der Stirn gegen etwas Hartes, stöhnte auf und machte einen weiten Bogen darum herum. Schließlich hatte er die Tür zur Schleuse erreicht und stieß vor Überraschung einen Laut aus, der ihm selbst fremd vorkam.
Die eiserne Schleusentür stand weit offen.