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– 22:48 Uhr
Es herrschte absolute Stille. Was hatte Jens da gesagt? Frank versuchte, den Sinn dieser Worte zu verstehen, aber es gelang ihm nicht recht.
Manuela stand mit offenem Mund da, und im schwachen Licht sah es aus, als klaffe im unteren Teil ihres Gesichts eine ausgefranste Wunde. Auch Torsten war anzumerken, dass er nicht glauben konnte, was er eben gehört hatte.
»Was meinst du damit, dass Festus weggeschafft wurde?«, brachte Frank mühsam hervor.
Schlagartig wurde es dunkel im Raum, der Akku von Manuelas Telefon musste leer sein.
»Scheiße«, fluchte Torsten.
»Festus ist tot«, sagte Jens jetzt in die Dunkelheit hinein, was die Wirkung seiner Worte noch verstärkte. »Er lag in den Trümmern, und ich habe dafür gesorgt, dass er nicht gefunden wurde.«
»Mein Telefon ist auch leer«, sagte Frank langsam, unfähig, auf das zu reagieren, was Jens eben gesagt hatte.
Sekunden später leuchtete Torstens Display auf. Er warf das Telefon achtlos auf den Tisch. »Was redest du da? Woher willst du das denn wissen, Kupfer? Bist du jetzt vollkommen verrückt geworden?«
»Er ist tot.« Jens verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen.
»Ich weiß nicht, was es da zu grinsen gibt«, sagte Frank ernst. »Und falls das jetzt ein Scherz gewesen sein soll, dann war es der idiotischste, den ich je gehört habe.«
Das Grinsen verschwand, Jens’ Gesichtsausdruck war nun eher traurig. »Nein, leider ist es kein Scherz.« Er blickte zu Boden. »Ich fand es nur gerade ein bisschen komisch, dass wir fast das Gleiche getan haben, aber aus ganz verschiedenen Gründen. Und mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen.«
Sein Kopf blieb gesenkt, die Sekunden vergingen unerträglich langsam, bis ein Knall Frank zusammenzucken ließ. Nein, kein Knall, sondern ein Klatschen. Torstens Hände. Frank registrierte es, aber jetzt war es ihm egal. Er konzentrierte sich voll und ganz auf Jens’ Worte, denn das, was Jens da gerade angedeutet hatte, konnte die Antwort auf viele der Fragen sein, die sie sich im Laufe der letzten Stunden gestellt hatten.
»Also, was jetzt?«, wollte Torsten hörbar genervt wissen. »Nun sag schon.«
»Mein Vater ist damals kurz vor mir nach Hause gekommen. Er hat mich in der Küche abgepasst und wollte wissen, wo ich war. Ich habe mich nicht getraut, ihn anzulügen. Ich sagte ihm, dass Festus verschwunden war und wir ihn gesucht hatten. Dann wollte ich schnell in mein Zimmer gehen, aber der Alte hat mich festgehalten. Er hatte einen Riecher dafür, wenn ich ihm was verheimlichen wollte. Er fragte mich, ob ich wüsste, warum Festus verschwunden ist, und schickte gleich hinterher, dass ich mich auf was gefasst machen konnte, wenn ich ihn anlog.« Jens machte eine Pause und sah einen nach dem anderen an. »Ihr habt keine Vorstellung davon, wie das war, wenn er diese Wut im Gesicht hatte und das sagte. Aber wir hatten ja geschworen, nichts zu erzählen. Niemandem. Ich habe gesagt, ich wüsste nichts. Er hat es mir nicht geglaubt. Wie gesagt, er hatte einen Riecher für so was.«
Wieder machte er eine Pause, in der Frank nervös mit dem Fuß wippte und ungeduldig darauf wartete, dass Jens endlich weitersprach. Sogar Torsten blieb stumm.
»Als er mit mir fertig war, bin ich eine Weile auf dem Küchenboden liegen geblieben, weil ich mich kaum bewegen konnte.« Seine Stimme klang nun weinerlich. »Erst als ich dann aufstand, merkte ich, dass er nicht gegangen war wie sonst, sondern am Tisch saß und mich beobachtete. Er hat gewartet, bis ich stand. Dann ist er zu mir gekommen und hat mich am Oberarm gepackt. Sein Gesicht war noch genauso wutverzerrt wie zuvor, und er fragte mich wieder, ob ich mehr darüber wüsste. Ich … Ich …« Jens begann zu schluchzen, zog die Nase hoch, schluchzte weiter.
»Ich hatte solche Angst, dass ich es ihm gesagt habe.«
Einen Moment lang war Stille, dann sagte Torsten: »Du also auch! Ich fasse es nicht. Von allen bin ich der Einzige, der den Schwur nicht gebrochen und wirklich die ganze Zeit über den Mund gehalten hat.« Sein Blick wanderte zu Frank und heftete sich auf ihn. »Und ausgerechnet mich habt ihr verdächtigt, was ausgeplaudert zu haben. Ihr scheinheiliges Pack!«
»Ich glaube, Jens ist noch nicht fertig«, überging Frank die Provokation. »Oder? Jens?«
Jens schüttelte langsam den Kopf. »Nein, es stimmt, ich bin noch nicht fertig. Als mein Alter gehört hat, was passiert ist, hat er mir die Nase gebrochen. Aber das hatte er schon öfter getan. Ich war auf weitaus Schlimmeres gefasst, aber danach hat er sich wieder hingesetzt und das Gesicht in den Händen vergraben. Dann wollte er alles noch mal ganz genau hören, und ich habe ihm wieder alles erzählt. Das war nicht leicht mit gebrochener Nase. Er hat sich alles angehört, und dann hat er gesagt, er bringt mich um, wenn die den Jungen dort finden und er Ärger bekommt wegen mir. Er … hat es ganz ruhig gesagt und mir dabei in die Augen gesehen. Ich wusste, er meinte es ernst.«
Pause.
»Na toll. Dein Alter hat gedroht, dich umzubringen, wenn alles rauskommt. Es ist nichts rausgekommen, du lebst noch. Und du hast mich genauso beschissen wie die anderen beiden. Und dafür sollst du jetzt den Punkt bekommen?«
Torsten suchte mit den Augen nach den nicht sichtbaren Mikrophonen im Raum, die er in den Ecken vermutete, und begann zu schreien: »Und dafür soll dieses Arschloch einen Punkt bekommen? Einen, der ihm das Leben rettet? Oder das andere Arschloch? So bescheuert kannst doch selbst du nicht sein! Wer immer du auch bist.«
Wieder an Jens gewandt fuhr er leiser fort: »Und woher willst du jetzt so sicher wissen, dass Festus tot in den Trümmern gelegen hat? Wo ihn seltsamerweise niemand gefunden hat, obwohl die da tagelang jeden verdammten Stein umgedreht haben?«
»Ich habe es eben schon gesagt: Weil er weggebracht wurde. Weil mein Alter seine Leiche weggeschafft hat.«
»Was? Wo … wohin?« Frank war fassungslos.
»Ich weiß es nicht. Mein Vater hat beim Rausgehen gesagt, ich soll beten, dass noch niemand bei der Halle war und Festus gefunden hat. Irgendwann ist er dann zurückgekommen. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat. Er kam in mein Zimmer und sagte, Festus sei tot und er habe ihn weggeschafft. Mehr nicht. Und ich habe ihn nie mehr danach gefragt.«
»Du verdammtes Arschloch. Ich hätte die größte Lust, das nachzuholen, was dein dämlicher Alter dir damals nur angedroht hat.« Torsten war außer sich vor Wut.
»Aber … ich habe doch nichts anderes getan als Frank. Er hat es doch auch seinem Alten verraten. Wieso ist das bei mir jetzt plötzlich was anderes?«
Frank sah, wie Jens sich die Tränen von der Wange wischte. Er tat ihm nicht leid, im Gegenteil, auch er war ziemlich sauer auf Jens. »Es gibt einen entscheidenden Unterschied«, sagte Frank nun an Jens gewandt, und er spürte, dass man auch ihm seine Wut deutlich anhörte. »Kapierst du das nicht? Du hast uns die ganze Zeit über im Ungewissen gelassen. Unser ganzes Leben lang wussten wir nicht, was damals wirklich mit Festus passiert ist. Ob er vielleicht verletzt in den Trümmern gelegen hat und qualvoll gestorben ist, weil wir abgehauen sind und keine Hilfe geholt haben. Wir konnten nur Vermutungen anstellen. Warum zum Teufel hast du uns nicht gesagt, dass Festus tot ist? Und dass dein Vater seine Leiche beseitigt hat?«
»Weil ich Angst hatte. Außerdem, was hätte es denn geändert, wenn ihr gewusst hättet, dass er tot ist? Das war doch das Schlimmste, was wir uns vorstellen konnten.«
»Aber wir hätten es zumindest gewusst, verdammt nochmal. Und wir hätten mit diesem Wissen die Chance gehabt, irgendwann damit abschließen zu können und nicht immer wieder Albträume zu haben. Du hättest es uns sagen müssen.«
»Aber ich hatte Angst.«
»Ja, du hattest Angst«, sagte Torsten, und die ganze Verachtung, die er für Jens empfand, schwang in diesen Worten mit. »So wie du immer vor allem Angst hattest, du beschissener Feigling.« Dann hob er den Kopf und schrie mit aller Kraft: »Gib ihm seinen Scheißpunkt, du Psychopath! Mal sehen, wie lange er ihn behält.«
Und wieder an Jens gewandt fügte er hinzu: »Jetzt solltest du wirklich Angst haben. Du hast allen Grund dazu. Und nun verpiss dich.«