Damals
…
Manu
1
Als Manu mit dem Fahrrad nach Hause unterwegs ist, kann sie nicht aufhören zu weinen.
Kein Wort zu niemandem. Niemals. Das haben sie Fränkie gerade nachgesprochen und sich gegenseitig geschworen. Manu weiß nicht, wie sie das schaffen soll, wo sie doch jetzt schon an dem Wissen über die Schuld, die sie alle auf sich geladen haben, zu ersticken droht. Wie soll sie damit weiterleben?
Die Häuser ziehen links und rechts an ihr vorbei, als seien sie die Pappkulisse für einen Film, in dem sie ungewollt die Hauptrolle spielt. Alles um sie herum scheint nur Attrappe zu sein, während die Kamera auf sie gerichtet ist. Jeder wird ihr ansehen, dass sie etwas Fürchterliches getan hat.
Wenn sie nach Hause kommt, wird ihre Mama ihr in die Augen schauen und sie fragen, was sie angestellt hat. Wie soll sie ihre Mama anlügen, wenn die Lüge ihr schon ins Gesicht geschrieben steht, bevor sie sie ausgesprochen hat? Und was noch viel schlimmer ist: Wie soll sie sich selbst für den Rest ihres Lebens anlügen? Und sie wird sich anlügen müssen, wenn sie irgendwann ihren Frieden finden möchte. Sie wird sich immer und immer wieder sagen müssen, dass sie nichts dafür konnten, dass das Dach eingestürzt ist. Ja, vielleicht wird es ihr nach einiger Zeit sogar gelingen, sich das einzureden. Vielleicht.
Aber warum hat sie die anderen nicht überredet nachzusehen, ob Festus vielleicht irgendwo dort drinnen liegt? Eingeklemmt, verletzt, aber noch am Leben? Warum nicht?
Weil Fränkie es so bestimmt hat. Sie haben ihn für sie alle eine Entscheidung treffen lassen. Fränkie, ihren Anführer. »Das geht nicht«, sagt jemand, und Manu braucht einige Zeit, bis sie registriert, dass es ihre eigenen Worte waren, die sie gehört hat. Gegen den Fahrtwind gesprochen und vom Wind in ihre Ohren gedrückt, und gleichzeitig als Resonanz in ihrem Kopf.
Manu bremst so stark, dass das Hinterrad blockiert. Die Bewegung der Kulisse verzögert sich und erstarrt dann völlig. Es ist, als sei eine Glocke über Manu gestülpt worden, die sie von allem vollkommen isoliert. Um sie herum herrscht stille Bewegungslosigkeit. Sie bemerkt weder die Menschen auf den Gehwegen noch die wenigen Autos, die an ihr vorbeifahren. Die Worte, die sie gerade laut ausgesprochen hat … Ist es gerade gewesen? Oder war es vor zehn … vor zwanzig Minuten? Sie wollen nicht aufhören, in ihrem Kopf nachzuhallen. Ein unendliches Echo.
Das geht nicht.
Sie weiß nicht, wie lange sie dagestanden hat, als etwas sie aus ihrer Gedankenwelt herausreißt. Verwirrt blickt sie nach links, schaut dem Mann ins Gesicht, der in dem dunklen Auto sitzt, das dicht neben ihr auf der Straße steht. Er hat die Scheibe auf der Beifahrerseite heruntergekurbelt und sich ein Stück zu ihr herübergelehnt.
»Was ist los mit dir, Mädchen? Du kannst doch nicht einfach hier mitten auf der Straße stehen bleiben.«
O nein, denkt Manu und wendet sich schnell von dem Mann ab. Es geht schon los. Er hat gesehen, dass mit mir was nicht stimmt. Gleich wird er auch merken, dass ich etwas Schlimmes, etwas wirklich Schlimmes getan habe. Er wird mich vielleicht fragen, ob ich etwas mit dem Einsturz der alten Fabrik zu tun habe. Und ob ich weiß, wo Festus ist. Vielleicht ist er ja von der Polizei?
Ohne den Mann noch einmal anzusehen, wendet Manu ihr Fahrrad und tritt in die Pedale. Sie muss weg von diesem Mann, weg von dem Weg, der sie nach Hause zu ihrer Mutter führt. Zurück zur Fabrik. Sie muss es wissen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Vielleicht findet sie Festus, und er lebt wirklich noch. Vielleicht.
Und wenn sie ihn nicht findet? Dann ist sie genauso weit wie jetzt, oder? Nein, sagt sie sich selbst, denn dann habe ich es zumindest versucht.
Aber wird das etwas besser machen? Der klägliche Versuch?
Und was, wenn sie ihn zwar findet, er aber schon tot ist?
Manu presst die Lippen fest aufeinander. Fest steht, sie kann jetzt nicht nach Hause fahren. Sie kann so nicht ihrer Mama in die Augen sehen und ihr sagen, dass alles in Ordnung ist. Sie kann sich so selbst nicht in die Augen sehen und sich sagen, dass alles in Ordnung ist. Oder irgendwann sein wird.
Als sie die Lücke im Zaun erreicht hat, starrt sie auf den Erdhügel, der ihr die Sicht auf das Fabrikgebäude versperrt.
Sie horcht in sich hinein, doch da ist keine Stimme, die ihr sagt, was richtig ist und was falsch. Nein, in ihrem Inneren herrscht absolute Stille.
Das ist ein Vorgeschmack, sagt sie sich. So wirst du dich für den Rest deines Lebens fühlen.
Mit einem Ruck bugsiert sie ihr Fahrrad durch die Lücke im Zaun. Dahinter steigt sie nicht wieder auf, sondern schiebt das Rad um den Hügel herum. Das dauert ein bisschen länger, gibt ihr ein bisschen mehr Zeit.
Als das Gebäude in Manus Blickfeld gerät, bleibt sie einen Moment stehen. Nur ganz kurz durchzuckt sie der Gedanke, dass es vielleicht doch besser ist, umzukehren und nach Hause zu fahren. So, wie die anderen es getan haben. Aber das ist schnell vorbei, als sie Festus vor sich sieht, wie er mit strahlenden Augen vor ihrem Hauptquartier steht und sich riesig freut, als Fozzie ihm sagt, er könne in der Bande mitmachen.
Sie steigt auf und fährt das letzte Stück bis zum Eingang, den sie immer benutzen. Immer benutzt haben.
Sie lehnt das Fahrrad gegen die Wand und steigt ohne weiteres Zögern auf die Fensterbank.
Die Sonne scheint durch die große Lücke im Dach und legt einen gelblichen Schimmer über das unglaubliche Trümmerfeld, das sich ihren Augen bietet. Manu lässt ihren Blick über das heillose Durcheinander aus Steinen, zerbrochenen Ziegeln, Latten und durchgebrochenen Balken wandern, deren teilweise spitze, gezackte Bruchstellen wie gefährliche Waffen aus den Trümmern herausstechen. Dazwischen klaffen Lücken, dort, wo der Boden eingebrochen ist. Manu kann von ihrem Standort aus nicht sehen, was sich darunter befindet und wie tief die Löcher sind. Und ob vielleicht jemand da unten liegt.
»Festus?«, ruft sie zaghaft, aber so leise, dass er es sicher nicht hören könnte, selbst wenn er irgendwo da liegt. Sie ruft erneut seinen Namen, dieses Mal aber deutlich lauter. Sie bekommt keine Antwort.
Es bleibt ihr nichts anderes übrig, sie muss ins Halleninnere, über die Trümmer, nach ihm suchen.
So gut es geht, hält sie sich an dem verrosteten Fensterrahmen fest und streckt das linke Bein aus. Langsam lässt sie sich tiefer gleiten, bis ihr Fuß einen großen Stein berührt, der ihr Halt zu geben scheint. Nachdem sie das andere Bein nachgezogen und ein paarmal probehalber auf dem Stein gewippt hat, lässt sie den Fensterrahmen los und steht auf den Trümmern. Das erste Loch befindet sich sechs, sieben Meter von ihr entfernt in Richtung Hallenmitte. Es ist nicht sehr groß und wird durch einen quer verlaufenden Balken in der Mitte in zwei etwa gleichgroße Hälften geteilt.
Manu braucht etwa drei Minuten bis zu der Stelle, weil sie vor jedem Schritt testen muss, ob der unebene Untergrund aus Schutt sie trägt.
Etwa einen Meter vom Rand entfernt bleibt sie stehen und beugt sich etwas nach vorne. Von dieser Stelle aus sieht sie, dass das Loch etwa drei Meter tief ist. Der Untergrund sieht ähnlich aus wie der, auf dem sie gerade steht. Teilweise wird er vom Sonnenlicht erhellt, nur ein kleinerer Teil liegt im Schatten und ist schwer einzusehen.
»Festus?«, versucht sie es erneut mit lauter Stimme. »Festus, bist du da?« Nichts.
Manu umrundet das Loch und wirft einen Blick von der anderen Seite aus hinein. Auch hier bietet sich ihr das gleiche Bild. Steine, zerbrochene Ziegel und Latten, hier und da ein Balkenstück. Von einem Jungen ist nichts zu sehen.
Obwohl Manu erst eine von mindestens sechs oder sieben Einbruchstellen kontrolliert hat, verlässt sie der Mut. Wie soll sie Festus in diesem Chaos finden? Selbst wenn er tatsächlich irgendwo da unten liegt – es brauchen nur ein paar Ziegel auf ihm zu liegen, und sie hat keine Chance, ihn zu sehen.
Du bist zurückgekommen, um ihn zu suchen, sagt sie sich. Also such ihn auch. Wenn du jetzt gehst, hast du deine letzte Chance vertan. Und seine.
Bis zu der nächsten Stelle braucht sie nicht mehr so lange, aber es bietet sich ihr ein fast identisches Bild. Trümmer aus Holz, Steinen, Ziegel … Schutt. Sonst nichts. Mit hängenden Schultern und sinkendem Mut wendet sie sich dem nächsten Loch zu, macht einen vorsichtigen Schritt, noch einen, verlagert ihr Gewicht nach vorne. Als sie das andere Bein nachzieht, gibt der Untergrund plötzlich nach, ihr Fuß rutscht weg. Sie schreit auf, rudert hektisch mit den Armen, versucht, mit den Füßen wieder Halt zu finden, doch es ist zu spät, sie kann das Gleichgewicht nicht mehr halten und fällt nach hinten. Als sie auf dem unebenen Untergrund aufschlägt, fährt ihr ein stechender Schmerz durch die linke Hüfte, und der rechte Ellbogen tut ihr weh. Manu stöhnt auf, wagt aber nicht, sich zu bewegen, aus Angst, der Boden könnte unter ihr nachgeben und sie mehrere Meter nach unten stürzen lassen. Tränen laufen ihr über das Gesicht, während sie angestrengt und mit zusammengebissenen Zähnen auf ein Geräusch lauscht, das größeres Unheil ankündigt. Das Knarren von Holz oder das Bröckeln von Steinen. Doch alles bleibt ruhig. Offenbar ist der Stein, auf den sie getreten ist, einfach nur weggerutscht. Sie hat wohl Glück gehabt. Behutsam tastet sie nach ihrer linken Hüfte und hofft inständig, dass sie sich nichts gebrochen hat. Wie sollte sie dann wieder hier rauskommen? Die Stelle schmerzt zwar, aber sie kann das Becken und auch das Bein bewegen. Manu richtet sich vorsichtig ein Stück weit auf, schiebt ihr Shirt ein wenig nach oben und betrachtet die etwa handtellergroße Schürfwunde über dem Hüftknochen. Sie blutet an mehreren Stellen, und ihre linke Seite wird sicher blau werden, aber sie hat trotzdem großes Glück gehabt, das weiß sie.
Auch am Ellbogen hat sie nur eine Schürfwunde. Sie scheint etwas tiefer zu sein, und es tut ziemlich weh, als sie den Arm beugt und wieder streckt, aber gebrochen ist auch an dieser Stelle offensichtlich nichts.
Manu stützt sich zu beiden Seiten auf den Steinen ab und drückt sich langsam nach oben. Als sie wieder steht, pocht ihre Hüfte, doch sie denkt sofort an Festus und an das, was ihm wahrscheinlich widerfahren ist, und der Schmerz erscheint ihr nicht mehr so schlimm. Energisch wischt sie sich die Tränen von den Wangen und schaut sich um. Nein, sie wird jetzt nicht jammern und aufgeben. Sie ist hier, um nach Festus zu suchen, und das wird sie auch tun.
Im übernächsten Loch findet sie ihn.