8

Frank musterte Torsten von Kopf bis Fuß. Er trug eine schwarze Jeans und einen weißen Pullover mit dem Aufdruck einer amerikanischen Universität. Seine beachtliche Brust wölbte sich deutlich darunter hervor, die Füße steckten in riesigen, grauen Sneakers.

Im Gegensatz zu den anderen beiden hatte Torsten sich sehr verändert. Frank wusste nicht, ob es mehr an dem schütteren Haar lag, das sich ein gutes Stück aus der Stirn in Richtung Kopfmitte zurückgezogen hatte, oder an den Falten, die sich in sein Gesicht eingegraben hatten. Sicher trug auch der schmale Kinnbart zu dem veränderten Aussehen bei. Jedenfalls wirkte Torstens älter, als er war, und das Zusammenspiel zwischen seinen Gesichtszügen und der Körperhaltung drückte eine fast greifbare Aggressivität aus.

»Guten Tag, Fozzie«, sagte Jens zaghaft und versuchte sich sogar an einem Lächeln. Torsten gab einen Grunzlaut von sich, betrachtete Jens wie ein seltenes Tier und sagte: »Siehst du hier einen Fozzie vor dir stehen, Kupfer? Fozzie gibt’s nicht mehr. Und fangt jetzt bloß nicht an, über die alten Zeiten zu jammern. Die sind vorbei. So, und jetzt kann mir vielleicht einer mal sagen, was dieser Quatsch hier soll. Fränkie?«

Frank verzichtete auf einen Kommentar zum Namen Fränkie und zuckte mit den Schultern. »Wir wissen genauso wenig wie du, was hier gespielt wird. Hast du das Video gesehen?«

»Ja klar, wäre ich sonst hier?«

»Und?«

Torsten zog die Brauen hoch. »Was, und? Was erwartest du von mir? Soll ich die Augen rollen und sabbern: Ich fand’s so geil, ich will mehr davon?«

»Du könntest zum Beispiel damit aufhören, dich aufzuführen, als wollten wir dir was Böses. Wir sollten uns lieber zusammentun und herausfinden, wer uns hierhergelockt hat.«

Torsten legte den Kopf ein wenig schief und verzog die Mundwinkel zu etwas, das wohl ein Grinsen sein sollte. »Ah, verstehe, du spielst also immer noch den Anführer. Das ist zwar absolut lächerlich, aber gut, was hast du denn jetzt vor, großer Häuptling?«

Frank winkte ab. »Ach komm, jetzt hör schon auf mit dem Quatsch. Meistens warst du es doch, der seinen Willen unbedingt durchsetzen wollte. Und wenn ich mich recht erinnere, haben wir fast immer nachgegeben, weil du sonst beleidigt gewesen wärst.«

»Wir könnten nachsehen, ob vielleicht irgendwo eine Nachricht für uns liegt?«, schlug Jens vor und enthob Torsten damit einer Antwort. Der sah zu ihm herüber und hob die Hände ein Stück an, die Handflächen nach oben gedreht, als wolle er sagen: Bitte, tu es.

»Ich finde den Vorschlag gut«, stärkte Manuela Jens den Rücken. »Wir sollten um Punkt fünf hier sein, jetzt ist es schon fünf nach. Ich bin mir nicht sicher, aber vielleicht wird von uns erwartet, dass wir jetzt etwas tun?«

»Ich glaub’s ja nicht.« Torsten schüttelte lachend den Kopf und äffte Manuela mit Fistelstimme nach: »Ich bin nicht sicher … Vielleicht wird erwartet …« Wieder normaler fügte er an: »Bist du sicher, dass du die Manu bist, die früher Jungs verprügelt hat, Mäuschen?«

»Ich habe zwar nie Jungs verprügelt, aber ich kann mich erinnern, dass du eine Woche lang gehumpelt bist, nachdem ich dir gegens Schienbein getreten hatte.«

»Ich verstehe nicht, warum du so wütend bist, Torsten«, mischte sich Frank ein. »Die beiden haben recht. Ich finde auch, wir sollten uns gemeinsam auf das konzentrieren, weswegen wir hier sind.«

»Also gut, fangen wir an. Und womit?«

Frank sah sich um, betrachtete das Haus eingehend und ließ seinen Blick zu der Doppelgarage wandern. »Wenn ich es richtig gelesen habe, befindet sich der Eingang zu der Bunkeranlage in dieser Garage. Vielleicht sehen wir einfach mal nach, ob die Tür offen ist.«

Er ging los, und schon nach ein paar Metern hörte er hinter sich die Schritte der anderen. Die Blechtür an der linken Seitenwand war tatsächlich nicht verschlossen. Frank zog sie auf und machte einen Schritt in die Garage. Das schräg einfallende Tageslicht warf ein helles Dreieck auf den Garagenboden, auf dem sich sein Schatten in die Länge gezogen abzeichnete.

Eine weitere Tür war in die rückwärtige Garagenwand eingelassen. Sie musste in den ansteigenden, überdachten Gang führen, den sie von außen gesehen hatten.

Frank prüfte, ob er auch diese Tür öffnen konnte. Sie ließ sich in den Gang hinein aufdrücken und gab den Blick auf eine Treppe frei, deren unterste Stufen noch vom Tageslicht erhellt wurden. Weiter oben verschwand sie in der Dunkelheit.

»Hier geht eine Treppe hoch, ich denke, das ist der Weg in den Bunker«, kommentierte Frank, was er sah, und während die anderen in die Garage nachrückten, suchte er nach einem Lichtschalter.

»Hier ist es ja stockfinster«, maulte Torsten hinter ihm. Im nächsten Augenblick flammten drei Neonröhren auf und tauchten das Garageninnere in ihr kaltes Licht. Torsten grinste Frank an. »Lichtschalter.«

Sie sahen sich in der Garage um. Zwei große Mülltonnen standen mitten im Raum, an einer der Seitenwände lehnte eine Menge zusammengeklappter Bierzeltgarnituren, in einer Plastikwanne lag eine verhedderte Lichterkette mit bunten Glühlampen daran. Einen Hinweis auf denjenigen, der sie hierhergelotst hatte, fanden sie aber nicht.

Gleich hinter der rückwärtigen Tür entdeckte Frank schließlich einen weiteren Schalter, der auch dort Neonröhren aufleuchten ließ. Die Treppe führte terrassenartig in drei Blöcken mit etwa zehn Stufen nach oben, an deren Ende jeweils ein kleines Plateau von ein paar Quadratmetern die Verbindung zum nächsten Treppenabschnitt herstellte. Am oberen Ende war eine blaue Tür zu sehen. »Da müssen wir wohl hoch?«, fragte Manuela, die an Frank vorbei nach oben blickte. Er nickte. »Ich fürchte, ja.«

Im nächsten Moment wurde er unsanft zur Seite gedrängt, als Torsten sich an ihm vorbeidrückte. »Worauf wartet ihr dann noch? Sehen wir nach. Ich hab keine Lust, den ganzen Tag hier zu verplempern.«

Er hatte das zweite Plateau schon erreicht, als Frank sich nach Jens und Manuela umsah und ihnen zunickte. »Also los.« Er wartete, bis die beiden an ihm vorbei waren und machte sich als Letzter auf den Weg nach oben.

Hinter der blauen Tür folgten zwei weitere Treppenblöcke, die noch trister und schäbiger wirkten als die im unteren Teil. Die Metallschienen über den Stufenkanten waren stark verrostet, die Feuchtigkeit hatte an den Vorderseiten der Stufen eine bräunliche Brühe herablaufen lassen, deren Spuren sich in den Beton gefressen hatten. An vielen Stellen war die hellgraue Farbe abgeplatzt, mit der die Treppe vor langer Zeit einmal gestrichen worden war. Darunter kam in unregelmäßigen Inseln der blanke Beton zum Vorschein. Auch die grauen Wände sahen nicht besser aus, sie waren fleckig und in einem breiten Streifen in Hüfthöhe stark verschmutzt. Ein modrig-feuchter Geruch setzte sich in Franks Nase fest, während er Stufe um Stufe nahm.

Am oberen Ende stand auf der linken Seite eine weitere Tür offen. Torsten war schon dahinter verschwunden.

»Ganz schön unheimlich hier«, flüsterte Manuela zwischen Jens und Frank. Jens nickte und warf ihr einen Blick über die Schulter zu. »Ja, und wenn man sich überlegt, zu welchem Zweck das Ganze mal gebaut worden ist …«

»He, wo bleibt ihr denn?« Torstens massige Gestalt schaute zur Hälfte aus der Tür heraus. »Na los, hier ist der Eingang.«

Sie kamen in eine Art Vorraum, der deutlich sauberer und gepflegter war als der Treppenaufgang. Die Wände hatten einen gelben Anstrich, der Betonboden war unbeschädigt. Auf der gegenüberliegenden Seite stand eine Tür offen, die ganz anders aussah als die bisherigen. Sie war etwa doppelt so breit und bestand aus zentimeterdickem Metall. Die Ecken waren abgerundet und erinnerten Frank an überdimensionierte U-Boot-Schleusen, wie er sie in Kriegsfilmen gesehen hatte. Die Innenseite war mehrfach mit Querstegen verstärkt, zwischen denen Hydraulikschläuche und Elektrokabel entlangliefen, die sich in dem etwa einen Meter tiefen Türrahmen fortsetzten und dann im Inneren des anschließenden Raumes verschwanden. Über dem Ganzen lag in U-Form ein rotes Rohrkonstrukt, das möglicherweise zum Öffnen und Schließen der Tür gedacht war.

»Na?«, sagte Torsten grinsend und zeigte auf die wuchtige Tür, als hätte er sie selbst konstruiert. »Das ist mal ’ne Tür, was? Geht rein, dahinter wird es noch viel interessanter.« Er richtete den Blick auf Manuela. »Na los, Ladies first. Oder hat dich der Mut verlassen?«

Manuela zögerte nur kurz, dann setzte sie sich in Bewegung und ging hindurch. Sie war kaum hinter dem breiten Rahmen verschwunden, als sie einen Schrei ausstieß.

Das Rachespiel
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