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Frank Geissler erhielt den Umschlag am Samstagvormittag.
Es war ein herrlicher Septembertag, und es schien, als hätte die Sonne sich nach dem verregneten und viel zu kalten Sommer doch noch auf ihre Aufgabe besonnen und versuche nun nachzuholen, was sie in den vergangenen Wochen versäumt hatte. Als Frank gegen elf Uhr den Rasenmäher abstellte, um eine kleine Pause zu machen und einen Schluck zu trinken, zeigte das Thermometer auf der schattigen Seite des Gartenhauses schon 25 Grad an. Frank würde noch ein, zwei Stunden brauchen, bis er die über 2000 Quadratmeter große Fläche fertiggemäht hatte, doch das machte ihm nichts aus. Natürlich hätte er die Arbeit von einem Gärtner erledigen lassen können, aber er genoss am Wochenende die Beschäftigung an der frischen Luft, da er von montags bis freitags meist den ganzen Tag über im Büro seiner Softwarefirma hockte.
Das gelbe Fahrzeug hielt gerade vor dem Haus, als Frank über die schon gemähte Rasenfläche im vorderen Bereich ging, um die Gartengeräte aufzusammeln, die dort noch herumlagen. Er schlenderte der Postbotin entgegen und nahm den Stapel Briefe an, den sie für ihn hatte. Obenauf lag ein brauner DIN-A5-Luftpolsterumschlag ohne Absender, den restlichen Umschlägen sah man von außen an, dass sie Rechnungen oder Werbung enthielten. Frank ging zum Haus zurück, legte die Briefe auf der Fensterbank ab und riss den braunen Umschlag an der Oberseite auf. Im ersten Moment sah es so aus, als sei er leer, doch als Frank die Öffnung weiter auseinanderzog, entdeckte er einen kleinen Gegenstand, der ganz unten zwischen den luftgepolsterten Seitenteilen steckte. Ein Memorystick. Frank nahm ihn heraus und vergewisserte sich noch einmal, dass der Umschlag sonst nichts enthielt, bevor er ihn zu den Briefen auf der Fensterbank legte. Den silbernen Stick behielt er in der Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. Es gab weder einen Werbeaufdruck noch sonst einen Hinweis auf seine Herkunft. Frank überlegte, wer ihm einen Speicherstick ohne Absender und Begleitschreiben schicken könnte. Es fiel ihm niemand ein. Er würde sich den Inhalt ansehen müssen, wenn er mehr erfahren wollte. Frank nahm die anderen Briefe und den leeren Umschlag von der Fensterbank und ging ums Haus herum zur Terrassentür. Auf dem Weg überlegte er sich, dass der Stick Schadsoftware enthalten konnte, einen Trojaner zum Beispiel, dessen Zweck es war, sich auf dem PC festzusetzen, sobald der Stick in den USB-Anschluss gesteckt wurde. Diese Programme spähten den Rechner aus, auf dem sie sich installierten, und schickten dann alle möglichen Daten an einen im Quellcode hinterlegten Adressaten. Nicht zum ersten Mal wollte jemand so an Betriebsgeheimnisse seiner Firma herankommen.
Auf der Terrasse zog Frank die Schuhe aus und betrat das Wohnzimmer. Beate war mit Laura zum Shoppen in der Stadt unterwegs, weil die Fünfzehnjährige neue Schuhe brauchte. Frank wusste aus Erfahrung, dass er vor dem späten Nachmittag nicht mit den beiden rechnen konnte.
Er ging über den Flur in sein Büro, zog den Schreibtischstuhl heran und setzte sich an einen schmalen Tisch, der gegenüber von seinem Schreibtisch an der Wand stand. Auf dem Tisch befand sich ein Rechner älteren Baujahres, den er speziell zu dem Zweck aufgebaut hatte, sich den Inhalt fremder Datenträger anzuschauen. Dieser Computer war nicht mit dem Internet verbunden und enthielt keinerlei persönliche Daten. Franks neuer Arbeitsrechner war zwar mit den aktuellsten Updates verschiedener Virenschutzprogramme geschützt, und die wirklich sensiblen Daten lagen verschlüsselt in gesicherten Verzeichnissen, aber er ging lieber auf Nummer sicher. Die Bankensoftware, die in seiner Firma entwickelt wurde, war auf dem Markt sehr erfolgreich, und schon mehrfach hatten Hacker versucht, in sein Firmennetzwerk einzudringen.
Frank schaltete den Monitor ein und drückte die Leertaste auf der Tastatur. Der PC lief permanent, und so dauerte es nur einen Moment, bis die Windows-Oberfläche zu sehen war. Er zögerte kurz, dann steckte er den Stick in einen der USB-Anschlüsse an der Vorderseite des Rechners, öffnete den Explorer und klickte das Symbol für den externen Speicher an. Es befand sich nur eine einzige Datei auf dem Stick, eine Textdatei von einem Kilobyte Größe. Frank öffnete sie mit einem Doppelklick. Der Text bestand aus drei Zeilen:
Gehe morgen, Sonntag, um Punkt zwölf auf diese Seite.
Und kein Wort. Zu niemandem. Es geht um ein Leben.
http://www.das-spiel.to
Frank las die Worte ein zweites Mal, bevor er sich zurücklehnte. Was war das denn? Es geht um ein Leben … Und dazu eine Internetadresse in Tonga, der bevorzugten Heimat illegaler Webseiten, weil die Besitzer dieser Domains nicht identifiziert werden konnten, wenn sie sich halbwegs clever anstellten.
Frank rollte mit dem Stuhl zu seinem eigentlichen Schreibtisch und öffnete den Browser seines Arbeits-PCs. Er gab die angegebene Adresse ein und gelangte auf eine schwarze Seite, in deren Mitte in großen roten Buchstaben stand:
Morgen …
Sonst nichts. Frank bewegte den Mauszeiger auf der Suche nach einem versteckten Link kreuz und quer über den Monitor, aber es gab nichts auf der Seite außer diesem einen Wort.
Was sollte das? Wenn sich jemand einen Scherz erlaubte, dann war das mehr als geschmacklos, fand Frank. Für einen Moment dachte er darüber nach, die Polizei zu verständigen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Er würde sich ja lächerlich machen, wenn er wegen eines solchen Blödsinns anrief. Das Spiel … Wahrscheinlich ein paar jugendliche Computerfreaks, die sich wichtig machen wollten.
Mit einem entschlossenen Ruck stand Frank auf, ging wieder zu dem älteren Rechner und zog den Stick aus dem Anschluss. Er warf ihn auf den Schreibtisch und nahm sich vor, der Sache keine weitere Beachtung zu schenken.
Um kurz vor drei war er mit dem Mähen fertig, gegen fünf hatte er eine Seite der Kirschlorbeerhecke geschnitten, die einen Teil des Gartens säumte. Den Rest würde er am darauffolgenden Wochenende erledigen, für diesen Tag hatte er genug von der Gartenarbeit.
Frank räumte alle Gerätschaften zusammen und wunderte sich, dass seine Frau und seine Tochter noch nicht zurück waren. Er versuchte, Beate auf dem Handy zu erreichen, doch die Mailbox schaltete sich gleich nach dem ersten Klingeln ein. Er bat sie, ihn zurückzurufen, und ging unter die Dusche.
Als die beiden um sieben noch immer nicht aufgetaucht waren und sich auch nicht gemeldet hatten, dachte Frank zum ersten Mal wieder an den Memorystick.
Er wurde unruhig. Warum kamen sie nicht? Er verließ die Küche, wo er sich gerade einen kleinen Käsetoast gemacht hatte, und ging, noch am ersten Bissen kauend, wieder in sein Büro. Dort rief er erneut die Adresse der seltsamen Webseite auf. Auch dieses Mal leuchtete ihm nur dieses eine Wort in blutroten Buchstaben entgegen: Morgen.
Frank ließ sich gegen die hohe, gepolsterte Rückenlehne seines Schreibtischstuhls fallen, die Augen noch immer auf den Bildschirm gerichtet. Sein Blick wanderte in die untere, rechte Ecke. 19:17 Uhr. Wo um alles in der Welt blieben Beate und Laura? Gut, es dauerte immer ziemlich lange, wenn die beiden durch die Läden der Trierer Innenstadt bummelten, aber es war merkwürdig, dass sie sich noch nicht gemeldet hatten, weil es spät werden würde. Frank griff nach dem Telefon auf seinem Schreibtisch und wählte erneut Beates Handynummer aus dem Speicher. Ungeduldig wartete er, bis die Ansage der Mailbox beendet war, und sagte: »Ja, ich bin’s.« Er bemerkte einen aggressiven Unterton in seiner Stimme, der ihm im gleichen Moment leidtat. Darauf bedacht, ruhig weiterzusprechen, fuhr er fort: »Sagt mal, ihr beiden, habt ihr die Trierer Läden bald leergekauft? Wir wollten doch zusammen was essen gehen. Es ist gleich halb acht, und wenn ihr nicht bald nach Hause kommt, brauchen wir uns nicht mehr auf den Weg zu machen. Melde dich doch bitte wenigstens mal bei mir, Beate.«
Frank legte auf und dachte wieder an den letzten Satz des Textes: Es geht um ein Leben … So ein Blödsinn! Mit einem letzten Blick auf den Monitor schloss er den Browser, stand auf und verließ das Büro.
Er ging ins Wohnzimmer, ließ sich auf die schwarze Ledercouch fallen, schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Programme. Nichts von dem, was er auf den Sendern in den zwei, drei Sekunden sah, bevor er zum nächsten Kanal weiterschaltete, interessierte ihn. Etwa eine Minute und unzählige Programmschnipsel später gab er es auf und schaltete das Gerät wieder ab. Die Fernbedienung warf er unwillig auf den Tisch, wo sie scheppernd liegen blieb. Verwundert blickte er auf das schwarze Kunststoffteil und fragte sich, was mit ihm los war. War es diese Nachricht, die ihn so nervös machte, oder lag es daran, dass seine Frau und seine Tochter noch nicht zu Hause waren? Oder … Frank spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Oder war es vielleicht beides zusammen? Gab es einen Zusammenhang zwischen dieser merkwürdigen Nachricht und der Tatsache, dass Beate und Laura bisher nicht aufgetaucht waren, nicht einmal zurückriefen?
Ihm wurde bewusst, dass es genau dieser Gedanke gewesen war, der ihn unterbewusst schon die ganze Zeit über unruhig gemacht hatte. Seine Frau und seine Tochter kamen nicht nach Hause. Er konnte Beate nicht erreichen.
Es geht um ein Leben …