Damals …
Manu

3

Hektisch schaut sie sich um, ihr Blick fällt auf ihr Fahrrad. Sie wird es nicht mehr schaffen, es zu verstecken. Manu rennt hinter die Baracke und kauert sich an die Rückwand.

Sie hört die Schritte noch immer, aber sie scheinen nicht mehr näher zu kommen, sondern auf der Stelle zu treten.

Manu geht bis zum Ende der Wand und wagt einen vorsichtigen Blick um die Ecke. Sie traut ihren Augen nicht.

Es ist Kupfers Vater, der dort gerade an den Brettern rüttelt, mit denen eines der Fenster verschlossen worden ist. Manu zuckt zurück und sucht nach einer Erklärung für sein Auftauchen, aber ihr wird klar, dass es nur eine Möglichkeit gibt: Kupfer hat ihm erzählt, was passiert ist. Ihre Gedanken rasen, sie weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Eigentlich kann sie sich freuen, denn nun braucht sie nicht mehr loszufahren, um Hilfe zu holen. Kupfers Vater wird es schaffen, Festus aus dem Loch herauszuziehen. Sie muss nur zu ihm laufen und ihm die Stelle zeigen, an der Festus liegt. Anderseits weiß sie von Kupfer, dass der Alte gemein und unberechenbar ist. Wer weiß, wie er reagiert, wenn sie plötzlich vor ihm steht.

Erneute, knirschende Schritte lenken Manu ab, und sie späht wieder um die Ecke. Kupfers Vater kommt jetzt auf sie zu, er ist nur noch wenige Meter entfernt. Sein Blick ist auf das Fenster gerichtet, das ihnen als Eingang gedient hat. Wenn er ihr Fahrrad entdeckt, braucht sie nicht mehr zu überlegen, ob sie sich verstecken soll oder nicht. Als Manu den Mann genau betrachtet, verlässt sie der Mut. Sie hat ihn schon oft gesehen, und sie hat immer Angst vor ihm gehabt, aber noch nie ist ihr der brutale und böse Gesichtsausdruck so deutlich aufgefallen wie jetzt. Diese kalten Augen, der schmale Mund und die platte Boxernase …

Manu zieht schnell den Kopf zurück, als er einen Blick in ihre Richtung wirft. Nein, sie wird sich ihm auf keinen Fall zeigen, und sie hofft inständig, dass ihm ihr Rad nicht auffällt.

Die Geräusche ändern sich, und Manu kann nicht anders, sie muss nachsehen, was los ist. Sie sieht gerade noch ein Bein in der Fensternische verschwinden, dann ist Kupfers Vater im Inneren der Fabrikhalle verschwunden.

Manu schaut hinüber zu ihrem Fahrrad, das nur wenige Meter neben dem Fenster an der Wand lehnt, und wundert sich, dass er es nicht bemerkt hat. Sie möchte hinlaufen und es wegnehmen, überlegt es sich aber wieder anders. Was, wenn er es zwar gesehen, sich aber keine weiteren Gedanken darüber gemacht hat? Vielleicht denkt er, einer der Freunde seines Sohnes hat es hier stehen lassen und traut sich jetzt nicht mehr her? Was, wenn er rauskommt, und das Rad ist plötzlich weg? Dann weiß er, dass er nicht allein hier ist. Nein, sie muss es stehen lassen.

Aber was soll sie nur tun? Kann sie es wagen, durch das Fenster zu schauen? Nein, besser nicht. Kupfers Vater braucht nur einen Blick herüber zu werfen und würde sie sofort entdecken.

Manu entschließt sich, erst einmal nichts zu tun und abzuwarten, was passiert. Wenn der Alte Festus findet, wird er ihn bestimmt aus dem Loch ziehen und ins Krankenhaus bringen, und alles wird gut.

Manu zwingt sich dazu, sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass Festus gerettet wird. Sie sagt sich, dass das ein Grund zur Freude ist, denn sie werden nun nicht für immer mit der Schuld am Tod eines behinderten Jungen leben müssen. Aber sie kann sich nicht freuen, denn immer wieder tauchen diese schemenhaften Bilder auf, die ihr Verstand so krampfhaft zu verdrängen versucht, weil er wohl weiß, dass sie ihm schaden werden, wenn er sie ohne Gegenwehr zulässt. Es sind Bilder von Ratten, die kleine Stücke aus dem Fleisch eines lebendigen Jungen reißen, der sich nicht dagegen wehren kann.

Manu hat keine Vorstellung davon, wie lange sie an die Wand der Baracke gelehnt dasteht und gegen die Bilder in ihrem Inneren kämpft. Sie hat das Gefühl, es war sehr lange, als erneute Geräusche sie hochfahren lassen.

Kupfers Vater taucht in der Fensternische auf und springt ohne Zögern mit einem Satz auf den Boden. Sofort wendet er sich ab und geht mit schnellen Schritten davon.

Manu ist irritiert, sie weiß nicht, was sie davon halten soll, dass der Mann ohne Festus wieder aufgetaucht ist. Dann dämmert ihr, dass er es wahrscheinlich nicht allein geschafft hat, Festus aus dem Loch zu befreien, und jetzt unterwegs ist, um Hilfe zu holen. Das heißt, sie hat die Zeit, noch mal kurz nach ihm zu sehen. Aber sie muss sich beeilen. Sie braucht keine drei Minuten bis zu der Einsturzstelle, denn anders als beim ersten Mal traut sie sich, zügig einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie geht gleich an den gezackten Rändern des Lochs vorbei und schaut erwartungsvoll nach unten.

Das Bild, das sich ihr bietet, diese Szene, die ihr Verstand wie mit Säure für immer in ihre Seele ätzt, ist so grauenvoll, dass sie ohnmächtig wird.

Als Manu wieder zu sich kommt, liegt sie auf den Trümmern am Rand des Lochs. Für einen kurzen Moment weiß sie nicht, wo sie ist, doch dann kehrt die Erinnerung mit aller Gewalt zurück und lässt sie augenblicklich hochschnellen.

Sie spürt Schmerzen an allen möglichen Stellen ihres Körpers, aber sie ignoriert sie, gebrochen ist nichts.

Als sie noch leicht taumelnd auf die Füße gekommen ist, fällt ihr Blick sofort in das Loch. Wieder trifft die Grausamkeit des Anblicks sie mit voller Wucht, doch sie schafft es, nicht wieder die Besinnung zu verlieren.

Festus liegt noch an der gleichen Stelle wie zuvor, aber es hat sich etwas Entscheidendes verändert. Sein Kopf ist stark verformt, die Schädeldecke ist tief eingedrückt. Seine Haare sind blutgetränkt, neben seinem Kopf hat sich eine große Blutlache gebildet. Es ist ein grauenhafter Anblick, aber das Schlimmste sind die beiden Ratten, die neben der furchtbaren Wunde an Festus’ Kopf sitzen und zu ihr hinaufschauen.

Ihre Schnauzen sind blutverschmiert.

Manu dreht sich um und geht los, so schnell es über die Trümmer möglich ist. Sie achtet nicht darauf, wohin sie ihre Füße setzt, stolpert, stürzt. Sie richtet sich wieder auf und taumelt weiter. Raus, nur raus, weg von dem, was sie gerade gesehen hat. Sie erreicht das Fenster, klettert hindurch, schaut nicht nach links oder rechts, als sie aus der Nische auf den Boden springt. Mit letzter Kraft schafft sie es um die Ecke der Baracke, dann sinkt sie mit dem Rücken an der Wand zu Boden, sitzt da mit angewinkelten Beinen und vergräbt ihr Gesicht in der Armbeuge.

Manu weint, wie sie noch nie zuvor in ihrem Leben geweint hat. Es sind krampfartige Schübe von einer Heftigkeit, die ihren ganzen Körper durchschütteln. Und doch dringt kein Ton über ihre Lippen. Es ist ein lautloser Zusammenbruch.

Manu hört die Schritte schon einige Zeit, als sie den Kopf hebt. Sie weiß, er ist es. Er kommt zurück.

Schnell drückt sie sich hoch und lugt um die Ecke. Es ist tatsächlich der Vater von Jens. Der Mörder. Er trägt etwas unter dem Arm, ein dunkles Paket. Nein, es ist kein Paket, wie sie Sekunden später feststellt. Es scheint eine zusammengerollte Plane zu sein. Der Mörder verschwindet im Inneren der Fabrik, und Manu lehnt sich wieder gegen die Wand.

Manu weiß, jetzt wird er ihn aus dem Loch holen und in die Plane einwickeln, die er mitgebracht hat. Sie weiß es einfach. Sie überlegt sich, wie er in das Loch gekommen ist, um … Und wie er jetzt da hineinkommen will. Aber ganz egal wie, er hat Festus den Schädel eingeschlagen.

Manu muss sich zum zweiten Mal übergeben. Sie beugt sich einfach ein Stück nach vorne und spuckt den restlichen Mageninhalt aus.

Irgendwann kommt der Mörder, der der Vater eines ihrer Freunde ist, zurück. Er hat Festus in die Plane eingewickelt und sie oben und unten mit Klebeband verschlossen. Manu sieht die dicke, geknickte Plastikwurst, die über Brust und Rücken des Mörders hängt. Sie schaut dem Mann nach, der den toten Jungen wegträgt.

Als sie ihn nicht mehr sehen kann, ist nicht nur Manus Kindheit und Jugend vorbei. Ihre junge Seele hat so schweren Schaden genommen, dass sie sich davon nie mehr erholen wird.

Eine halbe Stunde später klettert sie auf das Dach der Fabrik und nimmt die Fahne an sich.

Das Rachespiel
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