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– 05:16 Uhr
Noch lange nachdem das trockene Knacken, mit dem die Durchsagen endeten, verstummt war, sagten sie nichts. Es war Manuela, die das Schweigen schließlich brach.
»Was meint er damit? Was soll das, nur zwei Spieler dürfen die Eingangstür lebend erreichen?«
Ihre Stimme war dünn, fast nur ein Flüstern.
»Wir sollen uns gegenseitig umbringen, das meint er damit«, stellte Frank nüchtern fest. Er war seltsam ruhig, hatte das Gefühl, als wäre etwas von ihm abgefallen, als hätte er die ganze Zeit über in einem Kokon gesteckt, der ihn zwar beschützt, aber auch behindert hatte. Jetzt waren seine Gedanken glasklar, und er hatte keine Angst mehr. Die Angst, sie war einfach weg. Er konnte sich nicht erklären, weshalb. Seit Stunden schon befand er sich in tödlicher Gefahr, hatte kaum eine Chance mehr gehabt, dieses Spiel noch zu gewinnen. Aber jetzt hatte sich alles geändert. Die Spielregeln hatten sich geändert, alles war wieder offen. Was hatte er noch zu verlieren?
»Aber …« Manuelas Stimme brach. »Das … das können wir doch nicht tun. Wir können doch nicht …«
»Das liegt nicht in unserer Hand. Torsten sucht wahrscheinlich schon nach uns. Ich glaube nicht, dass er lange darüber nachdenkt. Er will hier raus und zu seiner Tochter, und dafür wird er alles tun. Wenn er uns findet, wird er uns umbringen.«
»Frank?«
»Ja?«
»Ich habe Angst. Können wir … Kannst du bei mir bleiben? Können … wir beide bitte die zwei sein?«
Frank dachte einen Moment lang ganz pragmatisch darüber nach, dass es für ihn naheliegender gewesen wäre, sich mit Torsten zusammenzutun. Manuela war keine ernsthafte Gegnerin, und Jens ebenfalls nicht mehr. Aber er traute Torsten nicht. Er würde sich nie sicher sein können, dass Torsten auch wirklich auf seiner Seite war. Seine Gedanken wanderten zurück zu Jens.
»Was ist mit Jens?«, sprach er es laut aus.
»Was … meinst du damit, was mit Jens ist?«, fragte Manuela vorsichtig. »Er ist verletzt.«
»Ja, er ist verletzt. Und was machen wir mit ihm?«
»Ich weiß es nicht. Wir können nicht viel tun.«
Frank dachte nach und fasste einen Entschluss. »Okay, hör zu. Wir beide bleiben zusammen. Aber wir müssen uns vor Torsten verstecken. Zumindest so lange, bis wir einen Plan haben. Er darf uns nicht finden, denn dann haben wir keine Chance gegen ihn. Er hat wahrscheinlich noch mindestens ein funktionierendes Handy, das von Jens. Wenn wir hier bleiben und er geht einfach in dieser Etage von Raum zu Raum und leuchtet hinein, findet er uns innerhalb kürzester Zeit. Wenn wir aber draußen auf den Gängen sind, sehen wir ihn durch das Licht des Displays kommen und können uns vor ihm verstecken.«
»Ja, gut, lass uns das machen. Aber was ist jetzt mit Jens?«
»An der Wand gegenüber steht ein Schreibtisch. Ich würde sagen, wir ziehen Jens erstmal da rüber, legen ihn unter den Tisch und stellen den Stuhl davor. Vielleicht hat er Glück und Torsten sieht ihn nicht, wenn er hier reinkommt. Und dann sehen wir später noch mal nach ihm.«
Nach Sekunden der Stille sagte Manuela leise: »Ja, mehr können wir wohl wirklich nicht tun.«
Sie brauchten gut fünf Minuten und mehrere Anläufe, bis sie es geschafft hatten, Jens an seiner Jacke über den Boden zu dem Schreibtisch zu ziehen. Mit der Decke wäre es einfacher gewesen, aber die Kälte war mittlerweile so sehr in Franks Glieder gekrochen, dass er es nicht mehr wagte, sie auszuziehen. Zweimal stöhnte Jens kurz auf, aber er blieb weiterhin ohne Bewusstsein.
Nachdem sie den schlaffen Körper bis zur Wand unter den Schreibtisch geschleift hatten, stellte Frank den Stuhl davor und stützte erschöpft die Hände auf der Rückenlehne ab.
»Wir sollten keine Zeit mehr verlieren. Wenn wir gleich da draußen sind, müssen wir aufpassen, dass wir nicht in eine Sackgasse geraten. Wir müssen eine Fluchtmöglichkeit haben, wenn wir Torsten begegnen.«
»Hoffentlich findet er Jens nicht«, sagte Manuela. »Denkst du, er ist hier einigermaßen sicher?«
Frank antwortete nicht darauf, sondern sagte nur: »Es wird Zeit, lass uns gehen.«
Bevor sie die Tür öffneten, legte Frank das Ohr gegen das Türblatt und lauschte auf Geräusche von draußen, aber er konnte nichts hören, sosehr er sich auch konzentrierte. Schließlich öffnete er die Tür.
Gleich mit dem ersten Schritt, den Frank in den Gang machte, berührte er eine Ratte, die fiepend davonhuschte. Manuela klammerte sich sofort an seinem Arm fest und flüsterte: »Bleib dicht neben mir. Die machen mich verrückt.«
Frank wandte sich nach rechts, von dem Raum weg, von dem aus man die Schleuse erreichte, weil er sich vorstellen konnte, dass Torsten sie dort zuerst suchen würde. Oder besser ihn, denn schließlich wusste Torsten noch nicht, dass Manuela sich befreit hatte und wieder bei ihm war. Das konnte ein Vorteil sein, später, wenn sie sich einen Plan überlegten, um Torsten zu überrumpeln. Manuela sagte hinter ihm etwas, das Frank nicht verstand. Er machte ein zischendes Geräusch, damit sie still war.
Ihm wurde erneut bewusst, was für ein beklemmendes Gefühl es war, sich in absoluter Finsternis in einer ungewohnten Umgebung vorwärtszubewegen. Frank tastete mit der ausgestreckten Hand die Wand neben sich ab und setzte dabei ganz langsam und vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Er konnte jederzeit auf ein Hindernis stoßen.
»Wo gehen wir hin?«, flüsterte Manuela, und dieses Mal sagte sie es so, dass er es verstand. Frank hielt an und wandte sich zu ihr um. Auch er senkte die Stimme. »Wir suchen eine Gabelung oder eine Kreuzung des Ganges, dann haben wir mehrere Möglichkeiten zu verschwinden, wenn Torsten auftaucht.«
Etwa eine Minute später blieb Frank abrupt in Höhe einer Tür stehen, griff mit der Hand nach hinten und zog Manuela mit sich in die Nische. Dort tastete er ihr übers Gesicht und legte ihr schließlich eine Hand auf den Mund. Sie verstand und verhielt sich vollkommen still.
Irgendwo in der Schwärze vor ihnen glaubte Frank, ein Geräusch gehört zu haben, das nicht von den Ratten stammen konnte. Es hatte sich angehört wie ein Murmeln, eine menschliche Stimme.
Frank lauschte hochkonzentriert, vier Sekunden, fünf … dann war die Stimme wieder da, und sie war höchstens noch drei oder vier Meter von ihnen entfernt.