39

– 07:28 Uhr

Manuela hatte sich aus ihrer Starre gelöst, preschte mit einer Geschwindigkeit, die Frank ihr nicht zugetraut hätte, vor und griff nach etwas auf dem Boden. Noch bevor Frank begriff, was es war, sauste Manuelas Arm herab. Sie hielt das Holzscheit umklammert und hatte damit so fest auf Torstens Kopf gezielt, dass es seinen Schädel beinahe spaltete.

Frank sah, wie Torstens Körper zuckte und dann still lag.

Das Holzscheit fiel polternd zu Boden, Manuela wischte sich mit dem Kittelärmel übers Gesicht, was die Blutspritzer aber nur verschmierte.

»Jetzt sind wir nur noch zwei«, stellte sie fest, den Blick auf das gerichtet, was von Torstens Kopf übrig geblieben war.

»Ma … nu … ela.« Es war ein unverständliches Krächzen, was da aus Franks Mund kam. »Was … hast du getan?«

»Ich habe seine Spielregeln befolgt. Ich habe gewonnen.«

Frank spürte, wie seine Knie nachgaben. Er ließ sich auf den Boden sinken. Noch immer musste er auf Torstens zertrümmerten Kopf starren. Es war ein Bild von unsagbarer Grausamkeit, und er war völlig entsetzt, dass Manuela dafür verantwortlich war.

»Du hast ihn umgebracht«, schrie er sie an.

»Ich habe mich an die Spielregeln gehalten, die er aufgestellt hat.«

Frank stand auf, er wollte nicht mehr so dicht neben Torsten auf dem Boden sitzen. Auf wackligen Beinen ging er zu dem Tischchen neben dem Durchgang zur Schleuse, ließ sich darauf fallen und starrte stumm vor sich hin. Die Entfernung schaffte eine emotionale Distanz zu dem Geschehenen. Manu sah zu ihm herüber, und Frank versuchte, Reue auf ihrem Gesicht zu erkennen, aber da war nichts. Ausdruckslos starrte sie ihn an.

Wie sollte er sich jetzt verhalten? Und was würde als Nächstes passieren? Hatte derjenige, der Torsten im Hintergrund half, mitbekommen, was gerade geschehen war? Sicher hatte er das, er wusste ja auch sonst stets, was sie gerade taten oder sprachen. Aber was würde er jetzt tun? Das hing wahrscheinlich davon ab, in welchem Verhältnis er und Torsten zueinander gestanden hatten. War Torsten der Chef und hatte ihn nur als Helfer angeheuert? Dann konnte es gut sein, dass er die Flucht ergriff. Oder war es genau andersherum, und der andere hatte Torsten überredet, ihm bei seinem perversen Spiel zu helfen? Dann war das noch nicht das Ende, das war sicher.

Was auch immer als Nächstes geschehen würde, eine Frage blieb. »Warum? Warum hat Torsten das getan?«, sprach Frank nun laut aus, was ihm durch den Kopf ging. Manuelas ausdrucksloser Blick ruhte noch immer auf ihm, dann setzte sie sich in Bewegung, machte ein paar Schritte und nahm auf einem der Holzstühle Platz, der Frank gegenüber an der Wand zwischen zwei kesselartigen Metallgebilden stand. Frank fragte sich, warum sie sich nicht näher zu ihm gesetzt hatte, war aber froh über den Abstand zwischen ihnen. Sie machte ihm Angst.

»Weil er nicht vergessen hat und uns bestrafen wollte.« Frank empfand so etwas wie Erleichterung darüber, dass Manuela sich offenbar wieder etwas beruhigt hatte.

»Aber … warum? Es war doch seine Idee, damals.«

Manuela sah ihn nun nicht mehr an, sondern starrte schräg vor sich auf den Boden. »Jeder trägt seinen Teil der Schuld.«

»Wie meinst du das?«

»Jeder von uns hat sich damals schuldig gemacht. Jeder Einzelne, denn wir sind alle weggelaufen. Haben Festus seinem Schicksal überlassen. Wir hätten ihn retten können und haben es nicht getan, weil wir zu feige waren, die Konsequenzen für unser Tun zu tragen. Jetzt tragen wir sie bis zum bitteren Ende.«

»Woher willst du wissen, dass das der Grund für das alles ist?«, fragte Frank.

»Er hat es mir gesagt.«

Frank richtete sich abrupt auf und spürte sofort einen Stich in die Brust. »Was?« Er musste husten. »Er … Torsten hat dir das gesagt? Aber wann? Als er dich verschleppt hat? Ich verstehe das nicht.«

»Nein, nicht Torsten. Es war Festus. Festus hat es mir gesagt.«

Frank verstand nicht, wovon Manuela da redete. Hatte sie den Verstand verloren?

»Festus? Du meinst, unseren Festus?«

»Ich meine den Festus, den wir umgebracht haben. Ja.«

Frank wusste nicht, was er sagen sollte. Schließlich fragte er: »Wann?«

»Das ist schon eine Weile her.« Manuela sah ihn nun wieder an. »Du denkst, ich spinne, nicht wahr?«

»Du hast Torsten gerade den Schädel zertrümmert. Ob er das letztendlich verdient hat oder nicht, du hast ihn getötet. Du standst völlig neben dir, bist völlig ausgerastet. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.«

Manuela starrte wieder vor sich auf den Boden und sagte nichts dazu.

Als aus dem Durchgang zur Schleuse ein schleifendes Geräusch zu hören war, reagierte Frank sofort. Mit einem Ruck sprang er von dem Tischchen und wollte sich gerade seitlich an die Wand drücken, doch er war zu langsam.

Der große Mann stand bereits vor ihm und stieß ihm die flache Hand mit solcher Kraft vor die Stirn, dass Frank rückwärts gegen den Tisch taumelte und zu Boden fiel. Er rappelte sich unter Schmerzen wieder auf, weil er befürchtete, der Kerl könne vielleicht nachsetzen, aber er war nur ein Stück näher gekommen und sah ihn kalt an. In seiner Hand hielt er eine Waffe, die auf Frank gerichtet war. »Bleib da stehen«, sagte er mit osteuropäischem Akzent. »Wenn du näher kommst, erschieße ich dich.«

Frank zweifelte keine Sekunde daran, dass der Kerl seine Drohung wahrmachen würde. Das also war Torstens Mann im Hintergrund. Er war groß, Frank schätzte ihn auf etwa eins neunzig, und kräftig gebaut, mit einem deutlichen Bauchansatz. Auf dem rechten Unterarm hatte er einen großen, hellen Fleck, an dem die Haut schrumpelig war. Vermutlich eine Brandwunde. Besonders auffällig war die geschwungene Narbe auf der Stirn, gleich unter dem dunkelblonden Haaransatz. Der Kerl hatte Manuela im Rücken. Frank warf ihr einen möglichst unauffälligen Blick zu, aber sie saß vollkommen unbeteiligt auf ihrem Stuhl und rührte sich nicht.

»Wir haben gewonnen«, trat Frank die Flucht nach vorne an. »Sie müssen uns jetzt gehen lassen. Wir haben nach Ihren Regeln gespielt und gewonnen. Die anderen beiden sind tot, wie es die Regel verlangte.«

»Du hast nicht gewonnen«, sagte der Mann kalt.

Frank wurde durch Manu abgelenkt, die sich langsam zur Seite neigte und die Hand hinter einem der Metallkessel verschwinden ließ. Er wusste nicht, was sie da tat, aber vielleicht hatte sie ja etwas entdeckt, mit dem sie den Kerl angreifen konnte.

»Wo ist der andere?«

Frank hob die Schultern. »Welcher andere?«

»Der andere, der verletzt ist.«

»Er ist tot«, sagte Frank, und er hoffte, dass es so bitter klang, wie es klingen sollte.

Der Kerl hob eine Braue und wandte sich zu Manu um.

»Er ist nicht tot«, sagte sie. »Er liegt in einem der Räume, ich weiß nicht, in welchem.«

Frank verstand nichts mehr. Was tat Manuela da? Offensichtlich wusste der Kerl tatsächlich nicht, was mit Jens war. Warum verriet sie ihm, dass Jens wahrscheinlich noch lebte? Sie musste doch wissen, dass sie damit sein Schicksal besiegelte.

»Zeig mir, wo er ist«, forderte der Mann Frank auf und trat einen Schritt näher, die Waffe noch immer auf Frank gerichtet.

Der Schuss, der in diesem Moment fiel, war so laut, dass Frank das Gefühl hatte, sein Trommelfell müsse platzen. Ihm ging nur ein Gedanke durch den Kopf: Er hat dich erschossen. Jetzt stirbst du.

Er wartete auf den Schmerz, darauf, dass ihm die Beine wegknickten, ihm schwarz vor Augen wurde …

Nichts dergleichen geschah. Dafür aber hatte sein Gegenüber Augen und Mund weit aufgerissen. Mit fassungslosem Blick starrte er an Frank vorbei, während er langsam in sich zusammensank. Als er nach vorne kippte und mit dem Gesicht nach unten liegen blieb, konnte Frank den Blutfleck auf dem Rücken des Mannes sehen, der sich schnell auf dem braunen Pullover vergrößerte. Vollkommen verwirrt sah er zu Manuela, die noch immer auf dem Stuhl saß, nun allerdings eine kleine Waffe in der Hand hielt.

»Aber …«, stammelte er. »Warum … Wo hast du die … Pistole her?«

»Sie steckte neben meinem Stuhl hinter dem Behälter.« Manuelas Stimme hatte sich verändert. Sie klang tiefer als zuvor. Und kälter. Frank sah wieder zu dem Kerl am Boden herüber und verstand noch immer nicht, wie das alles möglich war. Wie kam die Pistole hierher?

»Woher wusstest du von der Waffe? Wie ist das möglich? Ich verstehe das nicht.«

»Ich habe sie selbst dort versteckt. An anderen Stellen gibt es auch noch welche. Zlatko hätte dich wahrscheinlich mit Jens zusammen erschossen, wenn ich nicht eingegriffen hätte. Er hätte sich von dir zu Jens führen lassen und dort erst einmal seinen ersten Versuch korrigiert und Jens endgültig umgebracht. Danach hätte er wohl dich erschossen. Das konnte ich nicht zulassen.«

»Zlatko? Woher kennst du den Namen von dem Kerl? Er hat doch Torsten geholfen, uns hier …«

Manuela stieß ein kurzes Lachen aus. »Torsten?« Ihr Blick wanderte zu Torstens Leiche hinüber. »Torsten ist ein Idiot. Er hat mit all dem nichts zu tun. Zlatko hat Torsten nicht geholfen, sondern mit mir zusammen dafür gesorgt, dass du ihn verdächtigst. Zum Beispiel indem er dafür gesorgt hat, dass Torsten Jens’ Handy findet, das er dir zuvor weggenommen hatte. Oder indem er mich angeblich verschleppt hat.

Nein, Zlatko hat nicht Torsten geholfen, sondern mir.«

Das Rachespiel
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