9
– 17:19 Uhr
Frank war sofort an dem noch immer grinsenden Torsten vorbei. Ein paar Meter hinter der ersten folgte auf der linken Seite eine weitere dicke Stahltür. Beide zusammen sollten wohl als Schleuse dienen. Ein Stück vor dieser Tür stand Manuela, die Hände vor den Mund geschlagen, und starrte geradeaus. Frank machte einen Schritt zur Seite und sah dann, was sie so erschreckt hatte: Durch einen schmalen Durchgang konnte man in einen gekachelten Raum sehen. Im hinteren Teil dieses Raumes waren Halterungen an der Decke angebracht, an denen riesige Jacken aufgehängt waren, unter denen ebenso überdimensionierte Hosen herausschauten. Beides war aus einem Material gefertigt, das Frank an Lkw-Planen erinnerte. Was Manuela aber wohl den Schrecken eingejagt hatte, waren die hochgestellten Kapuzen der Jacken, in deren Öffnungen Schutzmasken hingen. Es sah aus, als hingen dort tatsächlich Menschen, die in grober Schutzkleidung steckten.
Frank legte Manuela eine Hand auf die Schulter und wandte sich zu Torsten um. »Was soll das denn? Warum schickst du sie ohne Warnung da rein?« Er hörte selbst, wie gereizt er mittlerweile klang, aber Torstens kindisches Benehmen ging ihm gehörig auf die Nerven.
»Mäuschen«, sagte Torsten nur und schob sich kopfschüttelnd an den beiden vorbei. Sie folgten ihm, wobei Frank im Vorbeigehen noch einmal mit einem Schaudern die Schutzanzüge betrachtete und überlegte, dass sie ursprünglich für einen Atomkrieg gedacht gewesen waren.
»Hier ist was«, rief Manuela aus dem angrenzenden Raum. »Ich glaube, das ist für uns gedacht.«
Der Raum war etwa 20 Quadratmeter groß, auf beiden Seiten zweigte jeweils ein Gang ab. In der hinteren, linken Ecke führte eine Wendeltreppe nach unten, deren Einstieg zum Teil mit einem Geländer geschützt war. Die Wände waren mit verschieden dicken Rohren und Leitungen überzogen, überall hingen Ventilatoren und Gerätschaften, deren Funktion sich Frank nicht erschloss. Dazwischen Feuerlöscher in Dreier-Gruppen, Hebel und Schalter. In den wenigen Lücken standen einfache Holzstühle mit dünnem Rohrgestell.
Es war kalt in diesem Raum. Genaugenommen war Frank die Kälte schon beim Betreten der Anlage aufgefallen, gleich als er die Schleuse hinter sich gelassen hatte. Er schätzte, dass die Temperatur nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt lag.
Unter einem grauen Metallkasten mit mehreren roten, gelben und grünen Lämpchen, in dessen Mitte ein altmodischer grauer Telefonhörer mit gedrehtem Kabel hing, stand ein Holztisch und davor Manuela, ein Blatt Papier in der Hand. Sie las die wenigen Worte, die darauf standen, laut vor:
Bewegt euch nicht von der Stelle, Spieler. Wartet,
sagt Festus
»Wartet?« Torsten atmete schnaubend aus. »Was heißt hier wartet? Worauf denn? Der verarscht uns doch, merkt ihr das nicht?« Niemand antwortete ihm. Allein die letzten beiden Worte jagten Frank einen erneuten Schauer über den Rücken. Sagt Festus …
»Außerdem ist es schweinekalt in dieser Bude. Also, ihr könnt euch ja von mir aus weiter von diesem Idioten an der Nase herumführen lassen. Mir reicht’s jetzt, ich hau ab.« Torsten sah zu Frank, dem es so vorkam, als warte Torsten nur darauf, dass sie ihn überredeten, noch zu bleiben. Mit ruhiger Stimme sagte Frank: »Du hast in dem Film doch gesehen, zu was dieser Irre fähig ist. Und die Meldung im Volksfreund über die Leiche am Moselufer hast du bestimmt auch gelesen, oder?«
»Klar.«
»Und? Lässt dich das kalt?«
Torsten zuckte mit den Schultern. »Habe ich den Kerl vielleicht umgebracht? Außerdem – du glaubst doch nicht im Ernst, dass du dabei zugesehen hast, wie dieser Alte von den Ratten gefressen wurde. Ich wette, da ist rumgetrickst worden.«
Frank schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, es wäre so, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie.«
»Wenn du so sicher bist, dass uns jemand verarscht, hast du denn auch eine Idee, wer?«, wandte sich Jens, der langsam aufzutauen schien, jetzt an Torsten. »Hast du vielleicht irgendwann jemandem was von damals erzählt?«
Torstens Gesichtszüge verhärteten sich, er machte einen großen Schritt auf Jens zu, der instinktiv den Kopf ein wenig einzog. Langsam hob Torsten den rechten Arm und deutete mit dem Zeigefinger auf Jens’ Gesicht. »Merk dir was, Kupfer. Ich erzähle niemals Dinge weiter, die nicht erzählt werden sollen.« Der Arm blieb noch einen Moment erhoben. »Und außerdem, wer sagt euch denn, dass er nicht selbst wieder aufgetaucht ist und jetzt seine Spielchen mit uns treibt? Aus Rache? Ihr wisst doch, was mit ihm los war. Dem ist doch alles zuzutrauen.«
»Was?«, machten Frank und Manuela fast gleichzeitig. Jens stand wohl noch zu sehr unter dem Eindruck des drohenden Zeigefingers, um zu reagieren. »Waaas?«, äffte Torsten übertrieben nach. »Warum denn nicht?«
»Er ist tot«, stellte Frank sachlich fest.
»Pah! Hast du das gesehen?«
»Nein, aber … Wir wissen doch, was passiert ist.«
»Nichts wissen wir. Als wir ihn das letzte Mal gesehen haben, hat er noch gelebt, schon vergessen?« Torstens Blick wanderte von einem zum anderen, bohrte sich jedes Mal für Sekunden in die Augen seines Gegenübers, bevor er ihn wieder aus seinem Bann entließ. »Also noch mal: Hat einer von euch ihn tot gesehen?«
Niemand antwortete. »Also.«
»Was soll denn deiner Meinung nach mit ihm passiert sein?«, fragte Manuela. »Ich meine, niemand hat seitdem etwas von ihm gehört.«
Torsten zuckte mit den Achseln. »Was weiß denn ich? Vielleicht ist er abgehauen, weil ihm alles gestunken hat. Jeder wusste doch, dass er ein Volltrottel war, vielleicht wollte er irgendwo anders ganz neu anfangen?«
»Mit dreizehn?«, fragte Jens.
»Ja und? Es sind schon viele mit dreizehn von zu Hause abgehauen, haben sonst wo gelebt und sind Jahrzehnte später plötzlich wieder aufgetaucht.«
»Das mag ja sein«, sagte Frank müde. »Aber die hatten wahrscheinlich auch einen IQ von mehr als 70.«
Ihm war kalt. Er zog seinen Pullover von den Schultern und streifte ihn über, lehnte sich mit dem Rücken an eine der wenigen freien Stellen der Wand und ließ sich langsam daran herabgleiten, bis er auf dem grau marmorierten Linoleumboden saß. Sein Blick ruhte auf einer Art Stahlkessel, der an der gegenüberliegenden Wand befestigt war und dessen Funktion sich ihm nicht erschloss. »Bleib, Torsten, wenigstens so lange, bis wir klarsehen, was hier gespielt wird. Wer auch immer hinter der Sache steckt, der scheint großen Wert darauf zu legen, dass wir zusammen sind. Und selbst, wenn er es tatsächlich wäre – wenn du jetzt verschwindest, erfahren wir vielleicht nie, was der Grund für das alles ist.« Er hob den Kopf und sah Torsten direkt an. »Und im schlimmsten Fall muss tatsächlich noch jemand sterben. Wir brauchen dich hier.«
Eine Weile sahen sie sich stumm an, und Frank glaubte zu erkennen, dass die Aggressivität in Torstens Augen weniger geworden war. »Also gut, großer Anführer. Ich bleibe noch eine Weile. Aber ich hoffe, der Irre lässt sich nicht allzu viel Zeit. Lange bleibe ich nicht in diesem scheißkalten Bau.«
Auch Jens hatte mittlerweile seine Jacke angezogen. Er setzte sich zwei Meter neben Frank auf einen der Stühle und zog die Kragenenden dichter zusammen. »Wirklich ganz schön kalt hier drinnen.«
Frank sah zu Manuela hinüber, die sich auf die Platte des kleinen Tisches gesetzt hatte. »Du frierst doch sicher auch?«
»Es geht noch, der Pullover hält warm.«
Torsten klatschte in die Hände und rieb sie dann aneinander. »Also gut, wenn ich schon hier auf einen durchgeknallten Idioten warten soll, dann schaue ich mich wenigstens mal um. Wann ist man schon mal in einem Atombunker für Regierungsärsche!«
Er nahm die beiden gegenüberliegenden Gänge in Augenschein, entschied sich für den rechten und ging los. Als seine Schritte nicht mehr zu hören waren, sagte Jens: »Er hat sich verändert.«
Manuela schob die Hände unter die Oberschenkel. »Findest du? Ich finde, er ist noch genauso wie früher, vielleicht noch lauter und aggressiver, aber ich erkenne in ihm schon den Fozzie von damals. Es würde mich interessieren, was er beruflich macht.«
»Und du?«, fragte Frank. »Wolltest du nicht immer Architektin werden?«
Manuela nickte und betrachtete die Spitzen ihrer braunen Halbschuhe. »Ja, und das bin ich auch geworden.«
»Wow«, machte Jens. »Das hätte ich nicht gedacht. Ich wollte damals alles Mögliche werden, aber bestimmt nicht Techniker in einem Reifenwerk. Aber du warst ja schon immer sehr zielstrebig.« Er sah zu Frank. »Und deine Softwarefirma scheint auch gut zu laufen. Ich sehe immer mal wieder deine Stellenanzeigen im Volksfreund.«
»Ja, ich kann mich nicht beklagen.«
Darauf sagte niemand mehr etwas. Sie starrten vor sich hin, hingen ihren Gedanken nach. Einmal glaubte Frank, ein Geräusch gehört zu haben, aber davon gab es in einer alten Anlage wahrscheinlich mehr als genug.
Die Bilder von damals tauchten wieder auf. Er erinnerte sich an die Unbeschwertheit, mit der sie ihren letzten gemeinsamen Sommer genossen hatten. Er war jeden Morgen mit dem Gefühl aufgewacht, der neue Tag halte ein Abenteuer für ihn bereit, dem er sich stellen konnte. Und die Tage waren voller Abenteuer gewesen. Bis ein dunkler Schatten alles überdeckte, ihm für immer jegliche Unbeschwertheit nahm und die schwere Saat der Schuld in sein Herz und seinen Kopf pflanzte.
»Verdammt«, wurde er von Torsten in seinen Gedanken unterbrochen, der aus dem zweiten Gang wieder auftauchte. »In diesem Ding kann man sich ja verlaufen, und ich war nur auf dieser Ebene. Hier drunter gibt es mindestens noch eine. Überall schmale Gänge und zig Türen. Ist aber irre, was hier noch alles rumsteht. Uralte Telefone und Schreibmaschinen. Nicht mal elektrisch sind die.«
»Wenn man bedenkt, in welcher Zeit diese Anlage betrieben wurde … Damals gab es noch nicht mal PCs.«
»Ja, der schlaue Fränkie weiß das natürlich.« Wie schon vor seinem Erkundungsgang schlug Torsten die Hände zusammen und rieb sie aneinander. »So, und jetzt gehe ich mich mal kurz nach draußen ein bisschen aufwärmen. Das hält ja kein Mensch aus in dieser Scheißkälte.«
Bevor jemand etwas sagen konnte, wandte er sich ab und verschwand in Richtung Schleuse. Im nächsten Moment rief er: »Verdammte Scheiße, kommt mal her.«
Die drei sprangen auf und eilten in den Gang. Torstens bullige Gestalt verdeckte knappe fünf Meter vor ihnen den Blick zur Tür. Als er ein wenig zur Seite trat, erstarrten sie vor Schreck, bevor Manuela laut zu weinen anfing.