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– 07:58 Uhr

Die Grube war etwa eineinhalb Meter lang und so tief, dass Frank den Boden nicht sehen konnte. An den Seitenwänden standen hier und da die Stümpfe von abgeschnittenen Wurzeln aus der dunklen Erde heraus. Der frische Erdhaufen gleich dahinter deutete darauf hin, dass sie erst vor kurzem ausgehoben worden war.

Vom Boden der Grube drangen Geräusche zu ihm hoch. Fiepen, Rascheln … Ratten.

Frank sah sich zu Manuela um. Sie war etwa drei Meter neben ihm über den Baumstamm geklettert und hielt noch immer die Waffe auf ihn gerichtet. »Ratten?«, fragte er. »Du willst mich in dieses Loch zusammen mit Ratten stecken? Denkst du, davon wird Festus wieder lebendig? Was hat das mit seinem Tod zu tun?«

Sie nickte langsam. »Ja, du hast recht, noch verstehst du es nicht, aber ich erkläre es dir. Festus hatte sich bei dem Sturz vom Dach damals den Oberschenkel oder das Becken gebrochen. Er muss wahnsinnige Schmerzen gehabt haben und konnte sich wohl kaum bewegen, als die Ratten über ihn hergefallen sind. Ich kann dir nicht das Becken brechen, dir dafür aber Schmerzen zufügen. Und bewegen wirst du dich auch nicht mehr können.«

Ohne Zögern senkte sie den Arm und schoss. Die Kugel fegte Frank von den Beinen, als sie in seinen rechten Oberschenkel eindrang. Er stieß einen Schrei aus und schaffte es gerade, sich so weit zu drehen, dass er nicht in die Grube stürzte. »Bist du komplett wahnsinnig?«, stieß er aus und umschloss mit beiden Händen seinen Oberschenkel. Der Schmerz drohte ihn ohnmächtig werden zu lassen. »Was zum Teufel ist mit dir los? Hast du den Verstand verloren?«

»Ja, vielleicht. Was macht das für einen Unterschied? Du wirst gleich da unten liegen, so, wie Festus in den Trümmern gelegen hat. Die Ratten dort unten haben übrigens nicht an dem Mahl vor zwei Tagen teilgenommen. Sie sind hungrig.«

»Manuela, bitte. Bitte, du hast uns doch schon genug bestraft. Möchtest du dir für den Rest deines Lebens auch noch die Schuld an meinem Tod aufbürden?«

Manuelas Gesicht blieb ausdruckslos. »Das siehst du falsch, Frank, weil du dir nicht vorstellen kannst, dass jemand nicht feige wegläuft. Es wird kein weiteres Leben mit irgendeiner Schuld geben. Ich werde hier sitzen und dabei zusehen, was die Ratten mit dir anstellen. Wenn ich weiß, dass du deine Strafe erhalten hast, werde ich zu dir kommen.«

Bunte Schleier tanzten vor Franks Augen zwischen den Bäumen und über dem querliegenden Baumstamm. In einem Moment brannte das verletzte Bein höllisch, in der nächsten Sekunde wusste er nicht mehr, ob es sich heiß oder eiskalt anfühlte.

»Das ist doch Wahnsinn«, presste er heraus. »Wahnsinn!«

»Es wird Zeit.«

Frank sah in die Grube hinab, an deren Rand er lag. Irgendwo hatte er gelesen, dass Haie den Geruch von Blut über Kilometer wahrnehmen konnten und in einen regelrechten Rausch verfielen, wenn sie diese Fährte aufgenommen hatten. War das bei Ratten ähnlich? Würden sie wegen der stark blutenden Wunde sofort über ihn herfallen? Er überlegte, dass er sein Bein abbinden musste, und fragte sich im nächsten Moment, wozu.

»Na los, rein da«, befahl Manuela und unterstrich ihre Forderung, indem sie den Abzug der Waffe spannte.

»Manuela, bitte …«

»Du hast fünf Sekunden. Wenn du dann nicht dort unten bist, schieße ich dir in die Kniescheibe des anderen Beins.«

»Wie … wie tief ist es?«

»Du wirst es merken. Du hast noch zwei Sekunden.«

Der Lauf der Waffe wanderte über seinen Körper, bis er auf das Knie seines linken Beins zielte. Hastig robbte er näher an den Rand des Lochs heran und hielt inne.

»Eine Frage habe ich noch«, sagte er, und während er in Manuelas noch immer regloses Gesicht blickte, überlegte er fieberhaft, welche Frage er ihr stellen konnte. Er wollte nicht sterben. Er musste Zeit gewinnen … irgendwie.

»Was?«

Frank war erleichtert, dass sie darauf einging, auch wenn es nur ein kurzer Aufschub war.

»Als Torsten in den Raum kam, hast du sehr lange gewartet, bis du etwas unternommen hast. Erst als er mir etwas sagen wollte, hast du zugeschlagen. Wusste er etwas über dich, das er hätte verraten können?«

»Ich habe keine Ahnung«, war die knappe Antwort. »Und jetzt spring da runter. Sofort.«

Frank sah ein, dass er keine Chance mehr hatte, es hinauszuzögern. Er hievte seine Beine über den Rand des Lochs und konnte nicht anders, als vor Schmerzen aufzuschreien. Einen Moment blieb er so liegen, stützte sich mit den Armen ab, atmete schnell und konzentrierte sich darauf, die Schwärze zu vertreiben, die sich vor seinen Augen ausbreiten wollte. Wenn er in diesem Moment ohnmächtig wurde und in das Loch fiel, wäre er verloren.

Ein paarmal atmete er tief ein und wieder aus, dann drückte er mit den Händen seinen Oberkörper Zentimeter für Zentimeter über den Rand und ließ die Beine langsam tiefer gleiten. Als der Großteil seines Körpers über dem Grubenrand hing, klammerte er sich an einem Wurzelstück fest, um nicht in einem Rutsch hinunterzufallen. Schließlich hing er komplett in der Grube. Vorsichtig ließ er sich noch ein Stückchen tiefer rutschen und suchte schon nach einer Möglichkeit, sich etwas tiefer festzuhalten, da rutschte das kleine Wurzelstück aus seiner Hand, und er fiel etwa einen Meter nach unten. Der Aufprall auf dem Boden mit dem verletzten Bein war fürchterlich. Frank hatte keine Chance, den Sturz abzufangen und schlug laut schreiend ungebremst mit der Hüfte auf.

Sofort entstand um ihn herum hektisches Fiepen, einige der Ratten krabbelten über ihn, eine sogar über sein Gesicht, dann spürte er den ersten Biss am Handrücken. »Verdammt«, schrie er auf und fegte das Tier mit einer hastigen Handbewegung zur Seite. Er versuchte sich zu drehen, aber das Loch war zu eng, und das verletzte Bein ließ ihn vollkommen im Stich. Frank war den Ratten nun hilflos ausgeliefert. Trotz der Todesangst, die von ihm Besitz ergriffen hatte, musste er daran denken, dass es Festus damals wohl ähnlich ergangen war, falls Manuela ihm die Wahrheit gesagt hatte. Die nächsten beiden Bisse registrierte er zwar, und zuckte auch reflexartig zusammen, aber sein Körper war mittlerweile ein einziger Feuerball aus Schmerz.

Frank fehlte nicht nur die Kraft, sich zur Wehr zu setzen, sondern auch der Wille. Er presste die Unterarme schützend vors Gesicht und hoffte, dass er bald in eine gnädige Ohnmacht fallen würde.

 

Der Knall kam vollkommen überraschend, und als kurz darauf noch ein zweiter folgte, zog Frank die Arme zurück und sah nach oben. Er registrierte für einen Moment nur etwas Großes, Dunkles, das mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit auf ihn zugeschossen kam, dann prallte Manuelas Körper auch schon auf ihn.

Er schrie auf, versuchte mit allerletzter Kraft, sie von sich wegzudrücken, schaffte es aber nur ein kleines Stück. Schließlich gab er auf, blieb keuchend liegen, die reglose Manuela halb über sich, und versuchte zu begreifen, was in den letzten Sekunden geschehen war.

»Frank?« Die Stimme kam von oben, und sie klang gepresst.

»Ja, hier«, wollte er rufen, aber was aus seinem Mund drang, war ein unverständliches Krächzen. Und doch schien derjenige, der dort oben stand, ihn gehört zu haben.

»Ich helfe dir«, sagte er, und nun endlich glaubte Frank, die Stimme zu erkennen. Sie gehörte zu Jens.

»Jens«, krächzte Frank. »Jens …«

»Warte.«

Es dauerte einen Moment, dann tauchte das Ende eines großen Astes über Frank auf und senkte sich herab. Frank ergriff ihn, zog daran, aber es tat sich nur wenig. Ein kleines Stückchen konnte er sich aufrichten, aber er fragte sich, ob Jens es schaffen würde, ihn aus dem Loch herauszuziehen.

Sie brauchten mehrere Anläufe und waren am Ende ihrer Kräfte, aber nach einer gefühlten Ewigkeit lag Frank schließlich zitternd auf dem Waldboden. Als er wieder in der Lage war zu sprechen, fragte er Jens mit noch immer geschlossenen Augen: »Wie hast du uns gefunden?«

Jens hatte sich neben ihm auf den Boden gesetzt, er war kreidebleich und ebenso außer Atem wie Frank. »Ich bin in einem kleinen Zimmer zu mir gekommen, und es war plötzlich hell. Ich lag unter einem Tisch. Da hast du mich wahrscheinlich hingelegt, oder? Mir ist wieder eingefallen, dass ich einen klaren Moment hatte, als ich in dem großen Raum auf dem Boden lag und Manu neben mir gesessen hat. Der Kerl war bei ihr, und sie haben sich über den weiteren Verlauf des Spiels unterhalten. Ich habe nur einen Teil mitbekommen, bevor ich wieder die Besinnung verlor, aber es reichte um zu wissen, dass Manu hinter allem steckt.

Als ich dann unter dem Tisch zu mir gekommen bin, habe ich mich aufgerappelt. Es hat lange gedauert, aber ich wusste, ich musste dich und Torsten schnellstmöglich finden, um euch zu warnen. In dem Raum vor dem Ausgang habe ich dann Torsten und diesen Kerl tot auf dem Boden liegen sehen. Ich wusste nicht, ob ich schon zu spät bin, aber ich habe bei dem Kerl nach einer Waffe gesucht und schließlich auch eine gefunden. Und bin nach draußen. Dort habe ich plötzlich einen Schuss gehört und bin in die Richtung gegangen, aus der er kam. Und dann habe ich sie gesehen.«

Eine Weile schwiegen sie, dann sagte Frank: »Danke.«

Jens erwiderte nichts. Er zitterte stark. Dann sagte er unvermittelt: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich in der Lage wäre, einem Menschen in den Rücken zu schießen. Noch dazu jemandem, den ich kenne. Aber es ging nicht anders.«

»Sie tut mir leid,« sagte Frank und öffnete die Augen. »Ich hoffe, sie haben jetzt beide ihren Frieden, Festus und sie.«

»Und wir«, ergänzte Jens. Dann begannen seine Lider zu flattern, und er kippte lautlos zur Seite.

Frank legte ihm besorgt zwei Finger an den Hals. Das Pochen des Pulses war schwach, aber gleichmäßig. Frank sah in Jens’ blasses Gesicht und nickte. »Ja, und wir.«

In diesem Moment schwor er sich, Jens nie zu erzählen, was er von Manuela erfahren hatte. Und dieses Mal würde er seinen Schwur halten.

Das Rachespiel
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