30

– 03:12 Uhr

In dem schwachen Licht ließ sich nicht erkennen, ob der Stoff noch weiß oder mittlerweile vergilbt und grau war. Deutlich zu sehen war aber der untere Teil des aufgemalten Totenschädels und ein Stück der gekreuzten Knochen darunter.

Dort vor ihnen, inmitten all dieser Anzüge und Masken, lag ihre Bandenfahne.

Dieses Stück Stoff, das Festus vor fast 30 Jahren in den Tod gerissen hatte. Nun lag sie hier und war ein Punkt in diesem unsäglichen Spiel, ein Symbol, das Leben bedeutete. Welch eine Ironie …

Beide starrten wie gebannt auf den Stoff. Überrascht, sprachlos. Die Erinnerungen überrannten Frank mit einer nie gekannten Intensität. Es war, als bilde diese Fahne, dieses Relikt, das seit Jahrzehnten nur in seinen Erinnerungen existiert hatte, eine Brücke zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Wie war es möglich, dass die Fahne hier vor ihnen lag? Wer konnte sie damals vom Dach der alten Fabrik geholt und all die Jahre aufbewahrt haben? Und wozu? Hatte schon damals jemand geplant, dieses perverse Spiel viele Jahre später mit ihnen zu spielen? Das war absurd. Aber nach all dem, was er in den letzten Stunden erlebt hatte, – war da nicht alles möglich?

»Scheiße, das gibt’s doch nicht.« In Torstens Stimme schwang Überraschung mit. »Wo kommt dieses verdammte Ding her?«

Frank versuchte seine Gedanken zu ordnen. »Ich … weiß es nicht. Das ist unheimlich.«

Frank bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Torsten sich ihm zuwandte. »Quatsch, unheimlich. Wenn Kupfer die Wahrheit gesagt hat, ist Festus wirklich tot. Er kann es also nicht sein. Aber vielleicht war es der Alte von Kupfer? Vielleicht wollte er auf Nummer Sicher gehen und hat auch die Fahne mitgenommen, als er den Idioten beseitigt hat?«

»Musst du so über Festus reden?«

»Was ist denn jetzt schon wieder? Er ist tot, und dass er ein Idiot war, ist ja wohl eine Tatsache.«

Frank schwieg.

»Und? Was denkst du jetzt über den Alten von Kupfer? Kann doch sein.« Torsten wurde ungeduldig, weil Frank nichts sagte.

»Glaubst du wirklich, Jens’ Vater könnte das alles inszeniert haben? Glaubst du, er hat damals unsere Fahne mitgenommen und steckt hinter der ganzen Sache? Er muss jetzt Mitte siebzig sein. Wir wissen ja nicht mal, ob er noch lebt.«

Torsten dachte einen Moment nach und nickte dann. »So weit hab ich noch gar nicht gedacht, aber … falls er noch lebt, dann traue ich es ihm zu. Der war doch total durchgeknallt.«

»Aber warum? Warum sollte er das tun?«

»Na, aus Rache, ist doch klar. Weil er damals die Drecksarbeit machen musste.«

»Er hätte auf das Dach klettern müssen.«

»Na und? Wenn der Idiot das geschafft hat …«

»Er hat es nicht überlebt.«

»Ein Idiot eben.«

Frank überging die Bemerkung. Er wandte sich ab und versuchte nachzudenken. Er kam nicht weit, denn Torsten unterbrach ihn: »Ist auch scheißegal, wer das Ding damals mitgenommen hat. Jetzt ist es hier, und es ist ein Punkt. Oder besser gesagt, mein zweiter Punkt.«

Frank fuhr herum. »Das ist es nicht. Verdammt nochmal, Torsten, ich habe das Rätsel gelöst.«

»Und ich habe die Fahne gefunden.«

»Du Arschloch, es geht hier um das Leben meiner Familie und …«

»Und es geht um das Leben meiner Tochter und mein eigenes.« Seltsamerweise klang Torsten in diesem Moment überhaupt nicht aggressiv. »Ich weiß, du findest das Scheiße, und es wäre vielleicht alles anders, wenn nicht so viel auf dem Spiel stünde. Aber jeder ist sich selbst der Nächste. Oder etwa nicht?«

»Nein.« Im Gegensatz zu Torsten war Frank extrem wütend. »Es gibt so etwas wie ein Gewissen, aber das scheinst du ja nicht zu kennen!«

»Ach komm, du lügst dir doch selbst in die Tasche. Wenn du die Möglichkeit hättest, mir die Punkte wegzunehmen, würdest du es auch tun. Vielleicht noch nicht jetzt, aber ganz sicher in ein paar Stunden, kurz bevor dieses Scheißspiel zu Ende ist und es sich entscheidet, wer überlebt. Nenn es, wie du willst, es ändert nichts. Erst kommt meine Familie dran, dann ich. Und danach erst die anderen. Und zu denen gehörst auch du.«

Frank sah zur Seite und sagte nichts mehr. Am liebsten wäre er aufgesprungen, hätte Torsten die Faust in den Magen gerammt und ihm die beiden Punkte abgenommen. Oder die drei. Wobei er, warum auch immer, mittlerweile anfing, Torsten zu glauben, dass er nichts mit Jens’ Verletzung zu tun hatte.

»Ich mache dir einen Vorschlag, Fränkie, und ich meine es ernst. Ich habe jetzt meine zwei Punkte. Eine Aufgabe steht noch aus. Ich helfe dir dabei, sie zu lösen und den Punkt zu bekommen, okay? Auch wenn ich sie alleine lösen kann, bekommst du den Punkt. Und falls der Punkt von Jens noch auftauchen sollte, bekommst du den obendrauf. Was sagst du?«

Frank suchte in Torstens Gesicht nach Anzeichen, die ihm verrieten, was in Torstens Kopf vor sich ging, doch er konnte nichts entdecken. »Und was ist mit Manu? Und Jens?«

Torsten zuckte mit den Schultern. »Kupfer wird es wohl nicht mehr lang machen, und Manu ist verschwunden. Vielleicht hat der Kerl sie auch schon umgebracht. Oder sie hat sich freiwillig aus dem Staub gemacht, dann ist sie selbst schuld. Aber wir hatten das Thema doch schon mal. Überleg dir, was du möchtest, Fränkie. Vielleicht, dass Manu in ein paar Stunden hier herausspaziert, während deine Familie stirbt, weil du deine soziale Ader ausleben wolltest?«

Frank brauchte nicht lange darüber nachzudenken. Das wollte er natürlich nicht. Auf keinen Fall.

Sein Innerstes wehrte sich gegen den Gedanken, Manuela und Jens zu opfern, um sich selbst zu retten. Aber es ging auch um Laura und Beate.

»Nein, das möchte ich nicht.«

»Das meine ich aber auch. Also, ich helfe dir, den letzten Punkt zu bekommen, das Angebot steht. Ein anderes kann ich dir nicht machen. Nimm es an, oder lass es bleiben.«

Frank warf einen Blick auf den Stofffetzen, der hinter der Schutzmaske herauslugte. Es nützte nichts, er würde nichts gegen Torsten ausrichten können. Und es war wohl besser, sich mit jemandem zu verbünden, gegen den man als Gegner keine Chance hatte.

»Ja, gut«, sagte Frank und dachte im gleichen Moment an Manuela. Was, wenn sie wieder auftauchte? Wie sollte er ihr erklären, dass er sich mit Torsten zusammengetan hatte? Gegen sie?

Torsten riss ihn aus seinen Gedanken, als er versuchte, die Fahne unter der Maske hervorzuziehen, was ihm nicht auf Anhieb gelang. Er stieß einen Fluch aus und zerrte an der Schutzmaske, bis er an die Fahne herankam. Mit einer Hand hielt er die Fahne hoch. »Lang ist’s her.«

Frank konnte sie nur schwach erkennen, aber das Bewusstsein, dass er ihre alte Bandenfahne vor sich hatte, dieses Stück Stoff, das er zum letzten Mal gesehen hatte, als es von einem Jungen auf einem Dach befestigt worden war, das kurze Zeit später einstürzen und den Jungen unter sich begraben sollte, ließ ihn erschaudern.

Torsten betrachtete die Fahne einen Moment, knüllte sie dann zusammen und versuchte, sie in seine Hosentasche zu stecken, aber dafür war sie zu groß. Also stopfte er ein Stück in seinen Hosenbund und ließ den Rest heraushängen.

»Verschwinden wir von hier?«

Frank nickte. »Ja, gut, gehen wir. Und wohin?«

»Wo ist Jens?«

»Jens? Ich habe ihn in ein Zimmer gebracht, in dem er vor den Ratten sicher ist.«

»Dann lass uns zu ihm gehen und nachsehen, wie es ihm geht.« Torsten wartete, bis Frank an ihm vorbei war, und folgte ihm dann. Das Handy hielt er so, dass Frank den Weg vor sich zumindest vage erkennen konnte.

Schon nach wenigen Schritten beschlich Frank das Gefühl, dass es ein Fehler sein könnte, Torsten zu Jens zu führen.

Was, wenn er es doch gewesen war, der Jens niedergestochen hatte? War sein Angebot an Frank vielleicht nur ein Trick, damit der ihn zu Jens brachte? Andererseits – warum das alles? Falls Torsten Jens wirklich niedergestochen hatte, dann hatte er das getan, um an den Punkt heranzukommen. Wenn er diesen Punkt aber schon hatte, dann brauchte er nicht mehr zu wissen, wo Jens war und wie es ihm ging. Zudem hätte Torsten dann jetzt schon drei Punkte und damit einen, den er gar nicht benötigte. Warum hätte er Frank dann die Fahne wegnehmen sollen? Oder gab es vielleicht noch einen anderen Grund, warum es Torsten wichtig war, dass Jens nichts mehr erzählen konnte? Aber welchen? Oder … Torsten hatte den Punkt gar nicht, und er war noch bei Jens. Aber selbst wenn … Franks Gedanken drehten sich immer schneller, er war vollkommen durcheinander und hatte das Gefühl, gar nichts mehr zu verstehen. Er schüttelte den Kopf, als könne er die Gedanken damit ordnen. »Was ist?«, fragte Torsten hinter ihm.

Frank hatte mittlerweile den großen Raum durchquert, in dem Jens anfangs gelegen hatte, und stand vor dem Gang mit der nun erloschenen gelben Linie auf dem Boden.

»Ich weiß nicht, ich … ich bin total durcheinander. Ich kann mich nicht daran erinnern, in welchen Raum ich Jens gebracht habe.«

Torsten machte einen Schritt und stand neben Frank. Er hob den Arm und leuchtete ihn direkt an. »Willst du mich verschaukeln?«

»Nein, ich sage dir doch, ich bin einfach vollkommen durcheinander. Ich habe starke Kopfschmerzen, vielleicht habe ich eine Gehirnerschütterung.« Zur Unterstreichung seiner Lüge hob Frank die Hände, um die Handballen gegen die Schläfen zu drücken. Dabei streifte er mit dem Ellenbogen Torstens Hand, in der er das Handy hielt. Es entglitt ihm, fiel mit einem klappernden Geräusch zu Boden und blieb dort mit dem zum Glück noch leuchtenden Display nach oben liegen.

»Scheiße, pass doch auf«, stieß Torsten aus.

Frank bückte sich sofort nach dem Telefon. »Mist, tut mir leid. Aber Gott sei Dank funktioniert es noch.«

Er hob das Gerät auf und betrachtete das Display. Im gleichen Moment wäre es ihm fast wieder aus der Hand gefallen. Ein kitschiger Sonnenuntergang über dem Meer leuchtete ihm schwach entgegen. Dieses Telefon hatte er kurz zuvor selbst noch benutzt. Bis er niedergeschlagen und es ihm weggenommen worden war.

Es gehörte Jens.

Das Rachespiel
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