5
Frank war zu keinem klaren Gedanken fähig, er schüttelte den Kopf, als könne er damit seinen Verstand wachrütteln. In rascher Folge strömten die Bilder auf ihn ein, Bilder aus der Vergangenheit – kindliche Gesichter, die alte Fabrikhalle – das alles lag Jahrzehnte zurück, wurde überlagert von diesem Namen … Dann verschwand die Botschaft auf dem Monitor, für wenige Sekunden war noch das Standbild zu sehen – verdrehte Rattenkörper, die aus dem Käfig quollen, lange, fleischige Schwänze. Dann lief der Film weiter, die Körper trafen auf dem Boden auf, orientierten sich blitzschnell mit kalt glitzernden Augen und rannten dann sofort zu dem nackten Körper des Mannes. Die Hand tauchte wieder auf und öffnete den nächsten Käfig. Und einen weiteren. Der Mann auf dem Boden riss in panischer Angst die Augen auf, sein Mund öffnete sich … Ohne darüber nachzudenken, schaltete Frank mit einem Knopfdruck die Lautsprecher ein, die zu beiden Seiten des Monitors platziert waren, und sofort wurde sein Büro von einer psychedelischen Geräuschkulisse aus tausendfachem Fiepen und dem Trippeln unzähliger kleiner Füße durchdrungen. Die Geräusche wurden im Sekundenintervall unterbrochen von gestammelten Worten des Mannes. »Nein«, wimmerte er. »Bitte nicht. Nein. Bitte …« Trotz des Durcheinanders konnte Frank genau sehen, welche Ratte zuerst zubiss. Als sie ihre Zähne in die Leiste des Mannes grub und eine kleine, blutende Wunde hinterließ, schien sie damit das Startsignal für ihre Artgenossen gegeben zu haben. Wie im Rausch fielen die Tiere über den Mann her, innerhalb weniger Sekunden bedeckte eine Flut schmutzig-pelziger Tiere seinen nackten Körper. Wahnsinnig vor Angst und Schmerzen zerrte der Mann an seinen Fesseln, wand sich, soweit es die Seile zuließen, sein angsterfülltes Gestammel ging in panische, markerschütternde Schreie über. Frank erstarrte. Schnell schaltete er die Lautsprecher aus, war jedoch nicht in der Lage, den Blick von der unfassbaren Szene vor sich auf dem Monitor abzuwenden. Regungslos saß er da und starrte auf das unerträgliche Geschehen, wurde stummer Zeuge, wie Hunderte von Ratten sich in den Körper eines lebendigen Menschen hineinfraßen. Bald waren ihre Felle mit Blut getränkt, und das schien sie noch wilder zu machen. Sie …
»Frank!« Wie in Watte gepackt drang die Stimme seiner Frau zu ihm durch. »Was tust du denn da?« Erschrocken riss er seinen Blick vom Monitor los, wandte sich um und sah Beate im Eingang seines Büros stehen. Sie beugte sich ein wenig zur Seite und versuchte, einen Blick auf den Monitor zu erhaschen, den er mit seinem Oberkörper verdeckte. »Nichts, ich schau mir nur bei YouTube einen Film an«, log er und schaltete hastig erst den Monitor, dann den PC aus. »Über eine neue Software. Bin schon fertig.« Beate runzelte die Stirn. »Schön, wir sind nämlich bald mit dem Frühstück fertig.« Während er aufstand, glitt ihr skeptischer Blick wieder an ihm vorbei auf den nun schwarzen Monitor, und ihm fiel ein, dass Beate wusste, dass dieser Rechner keinen Zugang zum Internet besaß. Offenbar dachte sie in diesem Moment aber nicht daran, denn sie verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen und stemmte die Hände in die Seiten. »Du siehst so aus, als hätte ich dich gerade bei etwas ertappt. Hast du dir etwa gerade einen Porno angesehen?«
»Nein, ähm …«, stammelte Frank. »Nein, keinen … Porno.« Es war ihm unmöglich, den Schock über das, was er gerade gesehen hatte, zu überspielen. Er suchte nach einer einfachen Erklärung, aber ihm fiel nichts ein, was er Beate hätte sagen können. Er schaffte es nicht, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. So konnte er sich unmöglich an den Frühstückstisch setzen. »Ich … äh … ich komme gleich. Muss noch schnell zur … Toilette.«
Er drückte sich an seiner verblüfft dreinschauenden Frau vorbei und hoffte, sie würde ihm keine weiteren Fragen stellen. Im Badezimmer ging er zum Waschbecken und sah in den großen Spiegel. Es war kein Wunder, dass Beate argwöhnisch geworden war, er sah tatsächlich aus, als wäre er gerade einem Geist begegnet. Die kurzen, leicht gegelten blonden Haare wirkten stumpf, und auch der Glanz seiner blauen Augen war verschwunden. Die Haut wirkte fahl und sah schlaff aus. Alles in allem bot er einen erbärmlichen Anblick.
Er stellte die Mischbatterie auf kalt, drehte den Hahn auf und schaufelte sich mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht.
Nachdem er sich abgetrocknet hatte, warf er erneut einen kurzen Blick in den Spiegel und ließ sich dann auf den geschlossenen Toilettendeckel sinken.
Seine Gedanken waren wieder etwas klarer, er war zwar immer noch geschockt, aber zugleich auch niedergeschlagen.
Hatte er tatsächlich vor wenigen Minuten in diesem Film gesehen, wie ein Mensch bei lebendigem Leib von Ratten aufgefressen wurde? Aber warum? Wer kam auf eine solch perverse Idee, und vor allem, wie war er in diese Sache hineingeraten? Der Name … Festus … Wie war das möglich nach all den Jahren? Sein Verstand suchte fieberhaft nach einer Erklärung für das, was er gerade erlebte. Es dauerte eine Weile, aber nach langem Hin und Her fand Frank schließlich einen Ansatz, an dem er sich festhalten, mit dem er den Tag überstehen konnte: Das Ganze musste ein computeranimierter Videoclip sein, der täuschend echt wirkte. Jemand wollte damit Aufmerksamkeit gewinnen, für was auch immer. Nur dieser Name … wie passte der ins Bild? Kannte der Macher des Films Frank vielleicht von früher? Hatte er eine Ahnung von … Ein energisches Klopfen gegen die Badezimmertür ließ Frank zusammenfahren. »Frank?«
Er schüttelte die Gedanken von sich ab und erhob sich. »Ja, ich komme.« Er trat wieder ans Waschbecken, wusch sich die Hände, begutachtete sein immer noch recht blass wirkendes Gesicht im Spiegel und verließ dann das Badezimmer. Beate saß alleine am Frühstückstisch und sah ihm fragend entgegen, als er die Küche betrat. Ein Blick auf die Uhr über der Arbeitsplatte zeigte Frank, dass es schon halb acht war, Laura war um diese Zeit schon unterwegs zur Schule. »Entschuldige«, sagte er, während er sich setzte. »Ich fühle mich nicht so gut.« Das war nicht gelogen. Beates Gesichtsausdruck änderte sich, aus fragend wurde sorgenvoll. »Was ist denn los? Bist du krank?«
Frank schüttelte den Kopf. Nachdem er dieses Video gesehen hatte, wollte er noch viel weniger als zuvor, dass Beate etwas von dieser ganzen Geschichte erfuhr. »Nein, schon gut, ich habe schlecht geschlafen und wieder mal Probleme mit dem Magen. Das wird bestimmt besser, wenn ich gefrühstückt habe.«
Beate bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick, nickte dann aber und wandte sich ihrem Frühstücksei zu.
Der zwanzigminütige Weg zu seinem Büro begann mit dem Anruf eines freien Mitarbeiters, der am Wochenende mit dem Geschäftsführer der Auslandsfiliale eines großen deutschen Bankinstitutes in Luxemburg auf dem Golfplatz gewesen war. Das Resultat war, dass er nun einen Termin in der Konzernzentrale in Frankfurt bekam, wo er das neue Core Banking System aus Franks Softwarefirma präsentieren sollte. Mit diesem Programm gelang es, alle Kernprozesse einer Bank abzubilden. Falls er es schaffte, die Leute dort von dem Programm zu überzeugen, konnte ein millionenschwerer Deal zustande kommen. Frank bedankte sich für die Info und legte auf. Gute Neuigkeiten, die ihn etwas aufmunterten.
Er schaltete das Radio ein, ertrug einige Sekunden lang einen fürchterlichen Hip-Hop-Song und schaltete wieder aus. Während der weiteren Fahrt konzentrierte er sich auf die Frage, was es für seine Firma langfristig bedeuten würde, wenn die Bank seine Software tatsächlich konzernweit einsetzte. Ein Auftrag in dieser Größenordnung konnte sogar dazu führen, dass er seinen Personalstamm von zwölf festen Mitarbeitern noch erweitern musste.
Als er die renovierte Stadtvilla in der Südallee erreichte, in deren Erdgeschoss die Büroräume seiner Firma untergebracht waren, hatte er die Gedanken an die Website und an den Film zumindest für den Moment aus dem Kopf. In seinem Büro angekommen, bat er seine Assistentin Sandra um einen großen, starken Kaffee und fuhr seinen PC hoch.
Nur wenige Minuten später stellte die etwas pummelige Dreißigjährige eine große Tasse auf dem Schreibtisch vor ihm ab, lächelte ihm freundlich zu und verließ das Büro.
Frank hatte gerade den ersten Schluck genommen, als sein Telefon läutete. »Da ist ein Jens Eberhard in der Leitung«, ließ ihn Sandra wissen. »Er sagt, er müsse Sie dringend sprechen, wollte mir aber nicht sagen, worum es geht. Das sei privat.« Frank saß einen Moment wie erstarrt da, den Hörer ans Ohr gepresst, und schwieg. Jens Eberhard. Wie lange war es her, dass er diesen Namen zuletzt gehört hatte? 30 Jahre? Ihre Wege hatten sich damals getrennt, kurz nachdem … diese Sache passiert war. Hier und da waren sie sich anfänglich zwar noch begegnet, in der Schule, im Schwimmbad, aber geredet hatten sie nicht mehr miteinander. Sie hatten sich nicht mehr in die Augen sehen können. Dass er sich ausgerechnet jetzt meldete, an diesem Morgen, konnte nur bedeuten, dass er … »Herr Geissler? Alles in Ordnung?«
»Ja, sicher, bitte, ähm … stellen Sie ihn durch.«
»Kleinen Moment …« Ein knackendes Geräusch war zu hören, dann war die Verbindung zu dem Anrufer offenbar hergestellt.
»Frank Geissler, guten Tag.« Frank bemerkte, wie kühl und unpersönlich er klang.
»Hallo, Frank«, antwortete eine Stimme, die er nie dem sommersprossigen Rotschopf von damals zugeordnet hätte, aber die Stimme in seiner Erinnerung war auch die eines dreizehnjährigen Jungen. Das Einzige, was sich nicht verändert hatte, war die zaghafte, fast schon vorsichtige Art, mit der Jens Wort an Wort aneinanderreihte. »Hast du …«, fuhr Jens fort und räusperte sich. »Hast du auch diese Nachricht bekommen?«
»Ja, habe ich.«
Wie geht es dir, wäre eine Möglichkeit gewesen, das erste Gespräch nach so langer Zeit zu beginnen. Aber danach schien Jens ebenso wenig der Sinn zu stehen wie ihm selbst. »Und den Film auch?«, wollte Frank wissen.
»Ja. Du also auch. Ich hab’s geahnt. Er lag heute Morgen auf einem Stick in meinem Briefkasten. Nackter Mann, Ratten?«
Frank nickte, obwohl Jens das nicht sehen konnte. »Ja, genau. Wenn das ein Scherz sein soll, hat jemand einen verdammt abartigen Humor. Das Ganze wirkt täuschend echt.«
Eine kurze Pause entstand, bis Jens ungläubig sagte: »Was meinst du mit täuschend echt?«
»Na ja, das ist doch … Moment, du glaubst doch nicht, dass das, was wir da gesehen haben, tatsächlich passiert ist? Das ist doch eine Computeranimation! Ich meine, Ratten, die einen lebendigen …«
»Hast du heute Morgen noch nicht in die Zeitung geschaut?«
Frank musste einen Moment nachdenken. »Nein, warum?«
»Es steht im Trierischen Volksfreund direkt auf der ersten Seite. Und ganz groß im Innenteil unter Trier. Gestern Abend hat man am Moselufer direkt unter der Römerbrücke eine Leiche gefunden.« Jens sprach nun noch langsamer, gerade so, als müsse er nach jedem einzelnen Wort suchen. »Eine … stark entstellte Leiche. Ein Mann. Sie … wissen nicht, wer er war. Da steht, so, wie er aussieht, sei er wohl von … von Nagetieren angefressen worden.«
»Mein Gott!« Franks Blick suchte seinen Schreibtisch ab, den niedrigen Tisch in der Besprechungsecke. Nichts. Er hatte den TV, wie der Trierische Volksfreund kurz genannt wurde, auch für die Firma abonniert, weil er häufig am Morgen nicht mehr dazu kam, ihn zu Hause zu lesen. Sandra war meist vor ihm im Büro und legte ihm die Zeitung hin, nachdem sie sie durchgeblättert hatte. Er würde sie gleich fragen.
»Frank?« Es kam zögerlich, fast ängstlich.
»Ja?«
»Denkst du … Glaubst du, das Ganze hat was mit … damals zu tun?«
»Mit Festus?« Franks Stimme klang rau.
»Ja.«
Frank sackte kraftlos in sich zusammen, als hätte man ihm sämtliche Energie aus dem Körper gesaugt. »Ich weiß es nicht. Hast du die anderen schon angerufen?«
»Nein, ich wollte zuerst dich … Du warst doch damals der …« Er stockte.
»Der was?«, hakte Frank scharf nach, obwohl er ahnte, was Jens meinte.
»Na, der Anführer.« Es klang noch immer zaghaft.
»Was soll das heißen? Dass ich schuld war, oder was?«
»Nein. Wir alle waren schuld.« Nach einigen Sekunden, in denen sie beide dem Atem des anderen lauschten, sprach Jens leise weiter: »Da stand, die nächste Aufgabe, die wir heute um 13 Uhr bekommen, müssen wir gemeinsam lösen. Wir müssen uns mit den anderen treffen.«
»Ich denke, wir sollten die Polizei informieren.« Frank merkte selbst, dass sein Vorschlag halbherzig klang, und versuchte, nicht zuletzt für sich selbst, ihm mehr Nachdruck zu verleihen. »Es geht schließlich um einen Mord.«
»Und dann?« Pause. »Möchtest du denen erklären, warum … ausgerechnet wir da hineingezogen werden? Möchtest du ihnen von Festus erzählen?« Erneute Pause. »Aber auch wenn du es nicht tust, werden die früher oder später die Zusammenhänge herausfinden. Was dann?«
»Ich …«, Frank war durcheinander und wusste nicht, was er tun sollte. Er dachte an sein Leben, seine Familie. Im nächsten Moment wurde er wütend. Er hatte eine erfolgreiche Firma aufgebaut, trug die Verantwortung für seine Mitarbeiter und deren Familien. Seit Jahren setzte er sich erfolgreich mit allen möglichen Konkurrenten, Ämtern und sich selbst überschätzenden Firmenbossen auseinander, wenn nötig auch mit der gebührenden Härte. Und nun saß er an seinem Schreibtisch wie ein Häufchen Elend und wusste nicht, was er tun sollte. Weil sich auf bizarre Weise ein dunkles Kapitel seiner Vergangenheit wieder in Erinnerung rief, das er eigentlich für alle Zeit aus seinem Gedächtnis gestrichen zu haben glaubte. »Verdammter Mist«, presste er hervor. Alles in ihm sträubte sich dagegen, mit den anderen beiden Kontakt aufzunehmen. Sie hatten nichts in seinem Leben zu suchen. Ebenso wenig wie Jens. Das von damals hatte nichts in seinem jetzigen Leben zu suchen. Es gehörte in eine andere Zeit. Sie waren doch noch Kinder gewesen.
»Rufst du sie an?«
»Ich … mein Gott, ich weiß es nicht. Lass uns abwarten, was da um 13 Uhr kommt. Dann können wir immer noch sehen.«
»Frank?« Jens sprach jetzt so leise, dass Frank seinen Namen fast nicht verstand.
»Was?«
»Hältst du es für möglich … Denkst du … er ist wieder da?«
Eine heiße Woge fuhr durch Franks Körper. »So ein Blödsinn. Du weißt genau, dass das Quatsch ist. Ich muss jetzt aufhören.« Er legte abrupt auf und starrte das Telefon an. Eine Weile saß er so da, bevor er einen Knopf drückte und die angezeigte Nummer unter J. Eberhard in seinem Handy speicherte.
Wer steckte wirklich hinter dieser Sache? Und vor allem, wer konnte etwas von damals wissen? Diese Aufgabe. Wie hatte es in der Nachricht geheißen? Du hast deine Mutprobe nicht bestanden?
Frank zweifelte keine Sekunde mehr daran, dass auch die anderen beiden den Memorystick und den Film erhalten hatten.
Ihr seid vier, und ihr habt sechs Spielfiguren! Was das mit den sechs Figuren sollte, verstand Frank nicht, aber ja, sie waren vier gewesen. Damals.
Es gab nur eine Möglichkeit: Einer der anderen drei musste irgendwann jemandem davon erzählt haben. So gesehen hatte Jens wohl recht. Sie mussten sich treffen, allein schon um herauszufinden, wer derjenige war, der sie mit diesem Namen konfrontierte, den sie alle nie mehr hatten hören wollen. Festus.