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Frank sprang auf und nahm das Telefon aus der Ladestation auf dem Sideboard. Er hatte zwar schon einige Male Beates Handynummer gewählt, aber noch kein einziges Mal die seiner Tochter. Es dauerte zwei, drei lange Sekunden, bis er das erste Tuten im Telefonhörer und fast zeitgleich den gedämpften elektronischen Klingelton von Lauras Handy irgendwo in seiner Nähe hörte, wahrscheinlich aus der Küche. »Mist«, stieß er aus und stellte das Gerät zurück auf die Station. Seine Tochter hatte ihr Smartphone zu Hause liegen lassen. Seltsam, dachte Frank, das passierte ihr sonst nie. Schließlich war sie pausenlos damit beschäftigt, Nachrichten an ihre Freunde zu schicken.
Sollte er doch die Polizei anrufen? Frank war unschlüssig, verwarf den Gedanken dann aber ein weiteres Mal und wunderte sich, dass er überhaupt auf die Idee kam. Er würde – zu Recht – höchstens einen Kommentar zum Thema Frauen und Einkaufen zu hören bekommen, wenn er erzählte, dass er sich Sorgen machte, weil seine Frau und seine Tochter noch nicht von ihrem nachmittäglichen Stadtbummel zurück waren. Und auch die Tatsache, dass er ausgerechnet an diesem Tag neben der üblichen Anzahl an Rechnungen und Werbebriefen einen Memorystick bekommen hatte, der … Frank stockte kurz, bevor er sich wieder auf die Couch niederließ. Werbebriefe … Marketing …
»Virales Marketing«, sagte er laut und schlug sich mit der Hand auf den Oberschenkel. Dass ihm das nicht gleich eingefallen war. Es war erst wenige Wochen her, dass er einen Vortrag zu diesem Thema gehört hatte. Es ging dabei um möglichst rätselhafte Nachrichten, ausgefallene Spiele oder Videoclips, die gezielt über soziale Netze, Videoplattformen oder auch per Post verbreitet wurden und bei denen die Empfänger oft lange Zeit gar nicht erkannten, dass es sich um eine Werbemaßnahme handelte. Der Erfolg dieser Methode war meist groß und mit geringem finanziellen Einsatz zu erreichen, da die rätselhaften Informationen sich über das Netz ähnlich wie ein Virus innerhalb kürzester Zeit verbreiteten. Wahrscheinlich würde er morgen auf dieser Website … Ein Geräusch unterbrach Franks Gedanken, und im nächsten Augenblick durchzog ihn ein wohliger Schauer der Erleichterung, als er das helle Lachen seiner Tochter erkannte. Er erhob sich und verließ das Wohnzimmer.
Beate und Laura standen in der geräumigen Diele inmitten einer bunten Insel aus Tragetaschen und kicherten albern, als er auf sie zukam. »Hallo Schatz«, begrüßte Beate ihn und deutete mit beiden Händen auf den Boden vor sich. »Tut mir leid, dass es so spät geworden ist, aber du siehst ja, wir hatten wirklich viel zu tun.«
Er blieb kurz vor ihr stehen und betrachtete ihre Einkäufe. »Ja, das sehe ich … aber warum bist du nicht an dein Handy gegangen? Ich habe einige Male versucht, dich zu erreichen. Wir wollten doch heute Abend zusammen essen gehen.« Beate warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und lächelte ihn wieder an. »Kein Problem, von mir aus können wir um acht los.« Sie sah zu ihrer Tochter hinüber. »Das sind noch zwanzig Minuten, schaffst du das, junge Dame?« Laura strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und winkte lässig ab. »Klar, kein Problem. Ich ziehe nur schnell meine neue Jeans an.«
Sie schnappte sich den größeren Teil der Tüten und verschwand in ihr Zimmer.
Als Laura die Tür hinter sich geschlossen hatte, dachte Frank kurz darüber nach, ob er Beate von der Nachricht auf dem Memorystick erzählen sollte, entschied sich aber dagegen. Er kannte seine Frau gut genug, um zu wissen, dass sie sich Sorgen machen und den ganzen Abend über nichts anderes mehr sprechen würde.
Auf der Fahrt zum Restaurant in Nittel erfuhr er alle Einzelheiten der langen Einkaufstour, wobei Laura und Beate vor Begeisterung zeitweise gleichzeitig redeten. An die Nachricht auf dem Stick dachte er an diesem Abend nicht mehr.
Den Sonntag starteten sie mit einem gemeinsamen Frühstück auf der Terrasse. Frank hatte den großen Sonnenschirm aufgespannt und genoss das gemütliche Zusammensein mit seiner kleinen Familie. Liebend gern hätte er das jedes Wochenende so gemacht, aber es war eher selten, dass sie gemeinsam frühstückten, weil entweder Laura zu lange schlief oder weil er selbst an den Wochenenden oft schon am frühen Morgen am Schreibtisch saß und arbeitete.
Um Viertel nach zehn dachte Frank zum ersten Mal wieder an den Memorystick, als Laura nach einem Blick auf die Uhr verkündete, dass sie ihre Freundin Saskia anrufen und sie fragen wolle, ob sie mit ins Freibad käme. Um Punkt zwölf hatte es in der Nachricht geheißen. Frank beschloss, zumindest kurz nachzusehen, wie dieses Spiel weitergehen sollte. Er war neugierig und konnte sich jetzt, da er wusste, dass es sich nur um einen Marketinggag handelte, ganz gelassen anschauen, was die Werbeleute sich hatten einfallen lassen, um die potentiellen Spieler bei Laune zu halten.
Beate erzählte er weiterhin nichts davon, weil er zumindest am Anfang mitspielen wollte.
Kein Wort, zu niemandem, hatte es geheißen. Eigentlich sonderbar, aber für den Moment beschloss Frank sich daran zu halten.
Beate stand unter der Dusche, als Laura um zwanzig vor zwölf von Saskias Mutter abgeholt wurde. Sie wollte die beiden Mädchen ins Trierer Freibad begleiten. »Hast du dein Handy dabei?«, fragte Frank, als seine Tochter ihm im Vorbeigehen einen schnellen Kuss auf die Wange drückte.
»Hab ich, und ich komme auch nicht zu spät nach Hause, und ich lasse mich nicht von fremden Männern ansprechen. Alkohol trinke ich auch nicht, und rauchen würde mir im Traum nicht einfallen. Tschü-hüüs.«
Während er Laura lächelnd dabei zusah, wie sie zum silberfarbenen Golf von Saskias Mutter ging, stellte Frank nicht zum ersten Mal fest, dass aus ihr rasend schnell eine junge Frau wurde. Das löste ein Gefühl von Stolz, aber auch von Sorge in ihm aus. Genau das könnten auch irgendwelche Typen bemerken.
Die neue Jeans stand ihr sehr gut und betonte ihre sportliche Figur. Die langen hellblonden Haare, die sie von ihrer Mutter hatte, trug sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der beim Gehen hin und her wippte. Laura warf ihre Tasche auf die Rückbank des Wagens und winkte ihm noch einmal zu, während sie einstieg. Im nächsten Moment unterhielt sie sich schon aufgeregt mit Saskia, die auf dem Beifahrersitz saß. Frank wartete, bis der Golf losgefahren war, dann ging er wieder ins Haus. Als er an der Treppe vorbeikam, öffnete Beate in der ersten Etage gerade die Badezimmertür. »Schatz, ich gehe mal für eine halbe Stunde an den Schreibtisch«, rief er nach oben.
Um acht Minuten vor zwölf saß Frank vor seinem Computer und rief die Website www.das-spiel.to auf. Noch immer dominierte der schwarze Hintergrund, aber das Wort Morgen in der Mitte war verschwunden. Stattdessen lief an gleicher Stelle jetzt ein Countdown in roten Zahlen. Gerade stand er bei 00h:07m:34s.
Wie gebannt sah Frank zu, wie die Sekunden heruntergezählt wurden. 33s … 32s … 31s …
Als der Countdown bei drei Minuten angelangt war, drückte er die F5-Taste, wodurch die Webseite neu geladen und aufgebaut wurde, aber das Bild blieb das gleiche. Frank wunderte sich über seine Unruhe.
00h:01m:02s
Erneut drückte er die Taste, das Bild blieb gleich. Er überlegte, warum die Initiatoren dieser Aktion wohl ausgerechnet ihm einen ihrer Memorysticks geschickt hatten, und gab sich selbst die Antwort: weil ihm eine Softwarefirma gehörte und er als Informatiker vielleicht zur Zielgruppe gehörte.
00h:00m:01s … jetzt!
Wieder führte Frank den sogenannten Refresh durch, und als sich der Bildschirminhalt nun neu aufbaute, hatte er sich verändert. Franks Puls beschleunigte sich, als er die Eingabemaske sah, die in der Mitte des Monitors eingeblendet wurde. Über einem Feld, in dem der Cursor blinkte, stand:
Willkommen, Spieler. Gib deinen Namen ein, damit das Spiel beginnen kann.
Frank überlegte einen Augenblick, dann tippte er Peter ein und klickte anschließend auf OK, woraufhin die Eingabemaske verschwand und durch einen Satz in roter Schrift ersetzt wurde, der auf dem schwarzen Hintergrund wirkte, als sei er mit Blut geschrieben:
Peter ist nicht korrekt. Gib deinen richtigen Namen ein, oder du verlierst eine Spielfigur. Du hast nur noch einen Versuch.
Frank schürzte die Lippen und fragte sich, mit welchem Algorithmus sie herausgefunden hatten, dass er nicht seinen richtigen Name eingegeben hatte. Vielleicht kam diese Aktion ja von einer Seite, die er öfter besuchte und auf der er seinen korrekten Namen angegeben hatte, ein Internetshop. Wenn man dort seinen Namen und seine IP-Adresse in einer Datenbank gespeichert hatte und das nun mit seiner Eingabe abglich … Wie auch immer, er wollte wissen, wie es weiterging und gab seinen richtigen Namen ein. Damit allein konnte kein Datensammler etwas anfangen. Frank betätigte die ENTER-Taste und starrte gebannt auf den Monitor. Erst tat sich eine Weile nichts, dann verschwand die Eingabemaske. Sekunden später schien der schwarze Hintergrund sich langsam aufzulösen, immer durchscheinender wurde er und gab dabei mehr und mehr den Blick auf eine verwirrende Szene frei. Lange Zeit konnte Frank nicht einordnen, was er sah. Schemenhaft, von dem langsam durchscheinender werdenden Schwarz noch verfremdet, wie mit einem engmaschigen Netz bedeckt, glaubte er eine menschliche Gestalt zu erkennen, ein Gesicht mit einem langen Bart, lange Haare … die Perspektive, in der er diesen … Mann? … sah, war ihm noch unklar, aber es konnte nur noch Sekunden dauern, dann … Der Mann war offenbar nackt, schien auf einem grauen Untergrund zu liegen. Die letzten Schlieren verschwanden, und Frank konnte alle Einzelheiten der bizarren Szene erkennen. Der Mann war hager, wirkte verwahrlost. Er lag mit panisch aufgerissenen Augen auf einem grauen Betonboden. Die Arme waren über dem Kopf an den Handgelenken aneinandergefesselt und mit einem Seil irgendwo außerhalb des Bildausschnittes festgebunden. Auch um die schmutzigen Fußgelenke konnte Frank einen groben Strick erkennen, dessen Ende auf der anderen Seite aus dem sichtbaren Bereich verschwand. Die Rippen stachen deutlich unter der dünn erscheinenden Haut hervor, der Körper war übersät mit dunklen Flecken, die wie Blutergüsse aussahen. Die langen Haare lagen strähnig um den Kopf des Mannes, vermengten sich teilweise mit seinem verfilzten Bart. Inmitten dieses Gestrüpps klaffte ein lippenloser Mund wie eine schwarze Spalte auseinander, zu einem irren Schrei geöffnet. Der Anblick war schrecklich, aber das Schlimmste war nicht die ausgemergelte, jämmerliche Gestalt, die gefesselt dalag. Was Franks Magen rebellieren und ihn ein »O mein Gott« ausstoßen ließ, war etwas anderes.