40
– 07:44 Uhr
»Der Kerl hat dir geholfen? Heißt das, du hast das alles geplant?« Die endgültige Erkenntnis, dass Manuela für all das verantwortlich war, was in dieser Nacht und an den Tagen davor geschehen war, raubte Frank fast den Verstand.
»Ja«, antwortete Manuela und richtete die Waffe nun auf ihn.
»Aber … warum?«
»Warum?« Frank sah, dass Tränen über ihre Wange liefen. »Weil wir alle schuldig sind. Festus hat noch gelebt. Ich war da. Auch als Jens’ Vater kam und ihn umgebracht hat. Mit einem Stein. Er hat ihn erschlagen.«
Sie machte eine Pause, als wolle sie Frank die Möglichkeit geben, diese neue Information zu verarbeiten. »Was?«, fragte er ungläubig. »Jens’ Vater? Aber … warum sollte er das getan haben?«
»Vielleicht, weil er nicht wollte, dass Festus die Gelegenheit bekam, zu erzählen, was passiert war.
Aber es ist egal, warum dieses Monster ihn erschlagen hat. Wir alle sind schuld. Alle zusammen und jeder einzeln. Dafür müssen wir bestraft werden. Jens, weil er seinem Vater alles verraten hat, Torsten, weil die Idee von ihm stammte. Und du, weil du es zugelassen hast. Du trägst die doppelte Schuld. Du hast die Mutprobe nicht verhindert und dann auch noch beschlossen, feige wegzulaufen, als wir Festus hätten retten können.«
»Und du?«, fragte Frank, als Manuela nicht weiterredete. »Du glaubst, die Rächerin für Festus spielen zu müssen, aber was ist mit dir? Bist du der Meinung, dich trifft keine Schuld?«
Frank wagte einen schnellen Blick nach unten. Er suchte die Waffe, mit der der Kerl ihn bedroht hatte, aber Zlatko war so zu Boden gefallen, dass die Hand mit der Pistole unter seinem Körper begraben worden war. Frank hatte keine Chance, an sie heranzukommen.
»Doch, aber ich habe schon bezahlt. Mein ganzes Leben lang.«
»Denkst du, wir nicht? Glaubst du vielleicht, es wäre ein einziger Tag vergangen, an dem ich mir keine Vorwürfe gemacht habe?«
Manuela antwortete nicht, sondern sah ihn nur gleichgültig an.
»Und warum hast du dann nicht einfach zugelassen, dass dein Handlanger mich umbringt? Warum hast du mir geholfen und sogar deinen Helfer erschossen? Wenn ich doch die größte Schuld trage?« Frank schöpfte ein wenig Hoffnung, während er das sagte. Vielleicht hatte sie ja eingesehen, dass es falsch war, was sie tat. Vielleicht meldete sich doch noch ihr Gewissen, jetzt, wo sie ihm in die Augen sehen musste.
»Du wirst das erleiden, was du Festus angetan hast. Dich zu erschießen ginge zu schnell. Und Zlatko hat seine Aufgabe erfüllt. Er ist schon seit vielen Jahren tot. Ich habe ihm damit einen Gefallen getan. Ich habe ihn befreit.«
Frank wurde schwindlig. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen einen wilden Reigen durch den Raum. Er hatte keine Vorstellung, was genau Manuela damit meinte, aber dass es furchtbar werden sollte, schien klar.
»Manuela, du machst doch für dich damit nichts besser, sondern alles nur noch schlimmer«, versuchte er, sie umzustimmen. Er sprach viel zu schnell, sie würde seine Panik bemerken. Aber welche Rolle spielte das noch?
Manuela erhob sich und machte ein paar Schritte auf ihn zu.
Kurz vor ihrem toten Helfer blieb sie stehen.
»Wir brauchen nicht zu diskutieren. Festus findet keinen Frieden. Lass uns gehen.« Sie deutete mit der Waffe zum Durchgang, der zur Schleuse führte.
»Wohin? Raus?«
»Ja.«
Frank versuchte sich vorzustellen, was Manuela mit ihm vorhatte, wenn sie die Anlage verlassen hatten. Nur mit Mühe konnte er verhindern, in Panik auszubrechen. Wenn er auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, diese Sache zu überleben, musste er einen klaren Kopf bewahren.
»Los!« Manuela ging um Zlatko herum und zielte dabei weiterhin auf Franks Brust.
Frank wandte sich um und ging los.
Als er kurz vor der geöffneten Schleusentür war, sah er zur Seite auf die beiden dicken Rohre, auf denen der tote Kater lag.
»Ein Streuner«, sagte Manuela hinter ihm. »Zlatko hatte ihn von der Straße.«
»Du hattest nie eine Katze, oder?«
»Nein.«
»Und was ist mit deinem Sohn?«
»Kein Mann, keine Kinder.«
Frank blieb stehen, wagte es aber nicht, sich zu ihr umzudrehen. Manuela hatte zwei Menschen umgebracht. Sie hatte Torsten ohne zu zögern den Schädel zertrümmert, sie würde ihn beim geringsten Anlass erschießen. Wobei sich nach ihrer Androhung die Frage stellte, ob das für Frank nicht die bessere Alternative darstellte. Aber noch hatte er die Hoffnung, doch noch irgendwie aus der Situation herauszukommen.
»Ist überhaupt irgendwas wahr von dem, was du erzählt hast? Dein Beruf? Architektin?«
»Seit ich dreizehn Jahre alt bin, ist mein Leben eine einzige Lüge. Und du trägst die Verantwortung dafür. Geh weiter.«
Frank passierte die erste Schleusentür, blieb wieder kurz stehen und sah auf das Durcheinander aus Schutzanzügen und Gummimasken.
»Du hast die Fahne damals vom Dach geholt?«, fragte er in den gekachelten Raum hinein.
»Ja, und ich habe gehofft, das restliche Dach würde auch noch einstürzen und mich unter sich begraben, als ich da oben stand. Geh jetzt.«
Auch die äußere Tür stand nun offen. Als Frank am oberen Ende der Treppe angekommen war, fiel ihm sofort auf, wie warm die Luft von draußen sich anfühlte, obwohl es noch früh am Morgen war.
Während sie Stufe um Stufe nach unten gingen, sprachen sie kein Wort. Erst als Frank die Doppelgarage verlassen hatte und die frische Luft auf dem Vorplatz einsog, blieb er stehen. Die Morgensonne tauchte den Wald gleich hinter der Garage in eigenwilliges Licht. Manche Bäume darin sahen aus, als würden sie jeden Moment zum Leben erwachen.
»Was war denn in deinem Leben so anders als bei uns? Was macht dich so sicher, dass du deine Schuld bezahlt hast und wir nicht?«
Er musste versuchen, Zeit zu gewinnen. Zeit, um darüber nachzudenken, wie er Manuela überwältigen konnte.
Aber Manuela ging nicht darauf ein. »Geh weiter«, sagte sie stattdessen dicht hinter ihm und drückte ihm die Waffe in den Rücken. Für einen Moment dachte Frank daran, sich blitzschnell umzudrehen und ihr die Pistole aus der Hand zu schlagen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Er war so müde und durch seine Verletzungen so geschwächt, dass Manuela schon abgedrückt hätte, bevor er sich nur halb umgedreht haben würde.
»Wohin?«, fragte er.
»Nach rechts, da hoch, in den Wald. Geh einfach, ich sage dir schon, wo es langgeht.«
Manuela dirigierte ihn an der Garage vorbei in den Wald hinein. Es ging steil nach oben, und es gab keinen Weg. Frank musste sich immer wieder an tiefhängenden Ästen oder an Wurzeln auf dem Boden festhalten und höher ziehen.
Nach etwa zwanzig Metern wurde das Gelände flacher. Sie erreichten eine breite Terrasse, die mit abgebrochenen Ästen und Gestrüpp übersät war.
»Nach links«, befahl Manuela, und Frank gehorchte. Er musste über den dicken Stamm eines umgestürzten Baumes klettern, der quer vor ihnen auf dem Boden lag. Auf der anderen Seite blieb er stehen und starrte vor sich auf den Waldboden. Wenige Augenblicke später begriff er, wie er sterben sollte, und erstarrte.