19
– 22:25 Uhr
»Ihr wisst ja wahrscheinlich noch, dass mein Vater damals einen verantwortungsvollen Posten bei der Bank hatte. Er war für mich ein guter Vater, mit viel Verständnis für die Dinge, die einen Jungen so umtreiben und die man so anstellt in dem Alter.«
Torsten ließ die flache Hand auf die Tischplatte fallen, woraufhin alle zusammenzuckten. »Ach komm, Fränkie, willst du uns jetzt deine Lebensgeschichte erzählen? Das interessiert doch keinen hier. Komm zur Sache. Was hast du damals gemacht?«
Frank nervten Torstens unnötige, laute Aktionen, und immer mehr hatte er Mühe, seine Wut nicht zu zeigen. »Wenn es dir zu langsam geht, dann bitte, ich lasse dir gerne den Vortritt mit deiner Geschichte. Und ich kann dir sogar versprechen, dass ich dir nicht nach zwei Sätzen schon ins Wort fallen werde. Also?«
Torsten senkte den Kopf und winkte ab. »Ja, ja, ja. Also hören wir uns die Familiengeschichte der Geisslers an. Wir haben ja auch unendlich viel Zeit. Wir müssen ja in dieser Nacht nur noch drei Aufgaben lösen, wenn wir nicht umgebracht werden wollen.«
Frank atmete ein paarmal tief durch. »Was ich sagen wollte, ist …« Er versuchte gegen den plötzlichen Schluckreflex anzukämpfen, aber der war so stark, dass er ihm nachgeben musste. »Ich habe meinem Vater damals alles erzählt. Gleich als ich nach Hause gekommen bin.«
Wieder ein lauter Knall, noch lauter als zuvor. Frank sah Torstens Hand auf dem Tisch liegen, und mit einem Mal war es so, als lege sich ein roter Schleier über sein Bewusstsein. »Jetzt reicht’s mir aber mit dieser Scheißklatscherei und -knallerei«, schrie er Torsten an, der überrascht ein Stück zurückwich. »Verdammter Mist, was zum Teufel ist mit dir los? Hast du sie nicht mehr alle oder wa…« Weiter kam er nicht. Mit einer Geschwindigkeit, die er ihm nicht zugetraut hätte, schoss Torstens riesige Pranke auf Frank zu und schloss sich im nächsten Moment um seinen Hals. Es fühlte sich an wie ein zu enger Eisenring und schnürte ihm augenblicklich die Luft ab.
»Pass auf, was du sagst, Fränkie-Boy.« Torstens Gesicht war nur Zentimeter von seinem eigenen entfernt. Einige Speicheltröpfchen schossen auf Franks Wange. »Sonst könnte es sein, dass ich mich vergesse und wir die Punkte nur noch zu dritt aufteilen müssen.«
Frank hob hektisch die Hände und versuchte, den Griff um seinen Hals zu lockern, aber Torstens Finger gaben keinen Millimeter nach. Er musste husten, doch heraus kam nur ein Würgen, und dann waren da unvorstellbare Schmerzen. Er wird mich umbringen, dachte Frank panisch. Ich werde sterben. Er bemerkte, dass seine Füße unter dem Tisch in einem wilden Stakkato auf den Boden schlugen, sich dann gegen den Beton stemmten und versuchten, den Stuhl zurückzudrücken. In einem entfernten Winkel seines schwindenden Bewusstseins nahm er Schreie wahr. Schatten tanzten um ihn, die Welt schien in einem Chaos aus Geräuschen, blitzartigen Bildern und dunklen Farben zu versinken … Dann war er plötzlich wieder frei.
Gierig sog er Luft ein, was die Schmerzen im Hals noch verstärkte, aber das war ihm egal. Atmen, er musste tief und schnell atmen, Luft in seine Lunge pumpen. Langsam gelang es ihm, das, was um ihn herum geschah, wieder wahrzunehmen. Torsten saß auf seinem Stuhl, den Blick starr auf ihn gerichtet. Neben ihm stand Manuela, die Handflächen auf dem Tisch abgestützt. Jens war nicht zu sehen. Er saß wahrscheinlich neben ihm, aber Frank traute sich nicht, den Kopf zu drehen. Er befürchtete eine neue Schmerzwelle, wenn er es versuchte.
»So, du hast uns also verraten«, sagte Torsten grimmig. Seinen Angriff erwähnte er nicht mehr, als sei die Sache für ihn erledigt.
»Was …« Frank musste wieder husten, doch anders als kurz zuvor ging es nun, verursachte ihm aber stechende Schmerzen im Hals. »Was sollte das gerade? Wolltest du mich umbringen?«
»Nein, ich wollte dir zeigen, dass ich es jederzeit könnte. Du solltest es dir also gut überlegen, bevor du wieder anfängst, wie blöd herumzuschreien und mich zu beleidigen. Und jetzt lenk nicht ab. Du hast uns verraten, du scheinheiliger Lügner. Und vor ein paar Stunden hast du mir noch unterstellt, ich hätte jemandem was davon erzählt. Das ist ja wohl das Allerletzte. Dagegen ist unsere Manu der reinste Engel.«
Frank sah Manuela an, die sich in diesem Moment wieder aufrichtete. Trotz des wenigen Lichts nahm er die dunklen Flecken um ihren Mund herum wahr. Mit einem Ruck beugte er sich ein Stück weit nach vorne, was sein malträtierter Hals mit einem schmerzhaften Stechen quittierte. »Was hast du da? Was ist das? Blut?«
Manuela sagte nichts, an ihrer Stelle erwiderte Torsten: »Manu wollte dir helfen und hat auf mich eingeschlagen. Da ist mir die Hand ausgerutscht.«
»Du …« Arschloch, wollte Frank sagen, konnte es sich aber im letzten Moment noch verkneifen. Eine handgreifliche Auseinandersetzung mit Torsten hatte ihm gereicht.
Stattdessen stand er auf und ging um den Tisch herum zu Manuela. Als er neben ihr war, nahm er den Geruch des Kittels wieder ganz intensiv wahr. Manuela sah ihn nicht an, sondern senkte den Kopf, aber Frank legte ihr einen Finger unter das Kinn und hob ihren Kopf vorsichtig an. Sie ließ es geschehen. Ihre Lippe war offensichtlich an ein oder zwei Stellen aufgeplatzt. Sonst konnte er keine Verletzungen entdecken. »Tut es sehr weh?« Sie bewegte wortlos den Kopf einmal hin und her. Frank streichelte ihr über die Wange, wandte sich ab und ging zu seinem Platz zurück.
Torsten stieß ein humorloses Lachen aus. »Gut, du lernst. Also, kommen wir zu deinem Verrat zurück. Erzähl uns wenigstens, warum du es gemacht hast. Hattest du Schiss?«
Frank hätte Torsten am liebsten gesagt, dass er sich verpissen solle. Aber es würde nichts bringen. In dieser Nacht stand zu viel auf dem Spiel, um einem spontanen Impuls nachzugeben. Dass es nichts brachte, hatte er ja eben am eigenen Leib zu spüren bekommen.
»Ich habe es meinem Vater nur für den Fall erzählt, dass Festus gefunden worden wäre«, erklärte er deshalb. »Und es ging dabei nicht um mich, sondern um meinen Vater und meine ganze Familie. Wenn rausgekommen wäre, dass ich da mit drinstecke, hätte ihn das damals den Job kosten können. Ich war es ihm schuldig, die Wahrheit zu sagen und ihm die Chance zu geben zu handeln. Es war kein Spaß. Er war unglaublich wütend. Es war das erste Mal, dass er mich fast geschlagen hätte, so außer sich war er. Aber ich weiß, er hat es für sich behalten.«
»Ja, genau, ganz bestimmt, und deshalb haben wir jetzt diesen Irren hier und sein mieses Spiel. Wahrscheinlich weiß dieser Psycho alles von deinem Vater. Oder von jemand anderem, dem dein Vater alles brühwarm erzählt hat. Na, den Punkt hast du dir redlich verdient! Hinterhältiger und falscher geht’s ja wohl nicht mehr.«
»Was?«, sagte Frank und legte sich eine Hand auf den schmerzenden Hals. »Jetzt ist es also auf einmal nicht mehr Festus selbst, der hinter all dem steckt?«
Torsten gab ihm keine Antwort, sondern winkte nur ab.
»Ich schätze, ich bekomme den Punkt«, kam es in diesem Moment leise von Jens. Alle starrten jetzt in seine Richtung.
»Wie kommst du denn auf die Idee?«, fragte Torsten in einem Ton, der vermuten ließ, dass er Jens nicht ernst nahm. Jens zuckte mit den Schultern. »Weil ich dafür gesorgt habe, dass Festus weggeschafft wurde.«