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Nachdem Frank den Artikel im TV gelesen hatte, gab es für ihn keinen Zweifel mehr daran: Der Mann aus dem Film war der, dessen Leiche man am Moselufer gefunden hatte. Wieder dachte er darüber nach, die Polizei zu informieren, doch auch jetzt verwarf er den Gedanken.
Erzählt ihr der Polizei davon, werden mehr sterben.
Wer auch immer hinter diesem »Spiel« steckte, er meinte es ernst. Und insgeheim musste Frank sich eingestehen, dass Jens recht hatte und keiner von ihnen darauf aus sein konnte, dass die Polizei anfing, in der Vergangenheit herumzustochern. Ob er doch versuchen sollte, die anderen beiden zu erreichen? Nein, Jens würde es wahrscheinlich so oder so tun. Ob die drei auch schon zuvor wieder in Kontakt gewesen waren?
Den ganzen Vormittag über versuchte Frank angestrengt, die Gedanken an Festus, den toten Mann und dieses perverse Spiel zu verdrängen, aber es gelang ihm nicht. Was auch immer er anpackte, binnen weniger Minuten saß er mit starrem Blick da, und seine Gedanken kreisten um die Geschehnisse der letzten Stunden. Ein Mann war bestialisch getötet worden, weil er, Frank, nicht getan hatte, was ein Irrer auf einer Webseite von ihm verlangte. Sein Verstand konnte, nein, wollte nicht akzeptieren, dass das wahr, real war. Frank fühlte sich wie in einer Parallelwelt, in der zwar alles genauso aussah wie in seiner Welt, aber jede Vertrautheit verloren hatte. Sein Büro, die Möbel, Schränke, Aktenordner … All diese Dinge kamen ihm vor, als blicke er sie nicht direkt an, sondern betrachte nur eine Filmaufnahme, auf der das alles zu sehen war. Als könne er diese Dinge nicht berühren, sondern würde bei dem Versuch an eine Leinwand stoßen.
Er sah alle paar Minuten auf die Uhr. 13:00 Uhr, die nächste Aufgabe …
Um zehn vor elf stellte Sandra ihm Manuela durch.
»Hallo, Manuela«, begrüßte Frank sie deutlich persönlicher als zuvor noch Jens. Es dauerte eine Weile, bis auch sie mit einem »Hallo« antwortete.
»Du auch?«, fragte er ohne Umschweife.
»Ja, ich auch.« Ihre Stimme erkannte er seltsamerweise sofort wieder, obwohl er auch sie zum letzten Mal mit dreizehn gesprochen hatte.
»Was sollen wir tun, Frank?« Jetzt fiel ihm auf, warum er ihre Stimme sofort erkannt hatte. Sie klang zwar weniger forsch als damals, geradezu ängstlich, aber noch immer mädchenhaft.
»Am besten wir warten bis eins und schauen, was dieser Irre dann von uns will. Hast du eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte? Wer kann das von damals wissen?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen. Nie.« Und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Du?«
»Nein, ich auch nicht.«
»Ich habe Angst, Frank.«
»Ja, ich … das ist auch kein Wunder. Immerhin haben wir gesehen, wie ein Mensch …«
»Nein, nicht«, unterbrach sie ihn, und er verstummte.
»Ich kann den Gedanken daran nicht ertragen, und ich kann auch nicht darüber reden. Bitte.«
»Gut. Kann ich dich unter der Handynummer, die ich im Display sehe, erreichen?«
»Ja.«
»Dann warten wir ab, was da um eins kommt, und ich melde mich wieder bei dir, okay?«
»Ja, gut. Bitte melde dich, ich habe wirklich große Angst.«
Ich auch, dachte er, sagte aber: »Ja, ich weiß, bis später« und legte auf. Es war kurz nach elf. Noch knapp zwei Stunden.
Frank klickte sich wahllos durch einige Nachrichtenseiten, las ein paar Artikel an, ohne ihren Sinn zu registrieren, und saß minutenlang vor dem Monitor, ohne zu sehen, was er anstarrte.
Schließlich gab er es auf, informierte Sandra darüber, dass er den Rest des Tages außer Haus war, und verließ um kurz nach zwölf das Büro.
Vom Auto aus rief er zu Hause an, doch es meldete sich niemand. Schließlich konnte er Beate auf dem Handy erreichen und erfuhr, dass sie sich mit einer Freundin in der Stadt in einem Café treffen wollte, dann am Nachmittag einen Zahnarzttermin hatte und anschließend zum Friseur ging. Vor vier wäre sie wohl nicht zurück. Laura hatte lange Unterricht und Chorprobe und würde sogar erst gegen halb fünf nach Hause kommen. Frank legte auf und war erleichtert, bis zum Nachmittag allein zu Hause zu sein. So würde er sich nicht verstellen müssen und konnte seine Familie aus dem Ganzen raushalten.
Es herrschte recht viel Verkehr, und als er endlich das Auto in der Doppelgarage abstellte, war es bereits zwanzig vor eins. Er benutzte nicht den direkten Durchgang von der Garage zum Haus, sondern ging außen herum und warf einen Blick in den Briefkasten. Er war leer. Frank ging ins Haus und auf geradem Wege in die Küche. Dort stand auf der Arbeitsplatte ein Körbchen, in das Beate die Post für ihn legte, wenn sie den Briefkasten geleert hatte. Auch jetzt lagen einige Briefumschläge darin, aber kein brauner Luftpolsterumschlag und auch keiner ohne Absender, wie Frank schnell feststellte. Er machte sich eine Apfelschorle, ging in sein Büro und schaltete den Monitor ein.
12:53 Uhr. Noch sieben Minuten. Mit fahrigen Fingern klickte er auf der Maus herum. Als die Adresse angezeigt wurde, hielt er unbewusst den Atem an, bestätigte und stieß die Luft geräuschvoll wieder aus. Als die Seite geladen war, blieb der Monitor schwarz.
12:55 Uhr. Zum dritten Mal betätigte er die Refresh-Taste, nichts veränderte sich. Kurz überlegte er, ob er Jens anrufen sollte. Er saß jetzt mit Sicherheit ebenso nervös vor dem Computer wie Manuela und er. Und vielleicht auch Torsten.
12:58 Uhr. Frank zog sein Handy aus der Hosentasche, suchte Jens’ Nummer und … brach den Vorgang wieder ab. Was sollte es bringen, ihn jetzt anzurufen? Besser, er meldete sich erst, wenn die nächste Aufgabe klar war. Nervös legte er das Telefon neben der Tastatur ab und starrte wieder auf den Monitor.
13:01 Uhr. Die Seite baute sich neu auf, Franks Puls beschleunigte sich. Der schwarze Hintergrund blieb, aber nun wurde wieder eine Nachricht eingeblendet, erst verschwommen, dann langsam schärfer. Frank rieb sich mit beiden Händen über die Augen, als könne er den Text dadurch eine Sekunde früher lesen. Dann endlich konnte er die Worte entziffern:
Das Spiel geht weiter. Eure Aufgabe:
Kommt heute um 17:00 Uhr zum Warnamt Eifel. Alle.
Sprecht mit niemandem darüber.
Denkt an Festus, und seid pünktlich, sonst verliert ihr ein Leben.
Warnamt Eifel? Was sollte das sein? Frank hatte noch nie etwas von einem Warnamt in der Eifel gehört. Denkt an Festus … Frank ballte die Hand zur Faust. Wer auch immer sich diese Aufgaben ausdachte würde sie nicht mehr in Ruhe lassen. Es blieb ihnen keine Wahl, sie mussten »mitspielen«. Und Frank hatte mittlerweile auch eine Vermutung, was hinter all dem stecken konnte: Erpressung. Wer auch immer erfahren hatte, was damals passiert war – er würde sie jetzt mit diesem verdammten Spiel eine Weile mürbe machen und dann seine Forderungen stellen. Und es war ihm ernst. Die Art, wie er den Mann getötet hatte – Frank wollte nicht daran denken. Es musste sich um einen Psychopathen handeln, jemanden, der schwer gestört war. Und gefährlich.
Frank las die neue Aufgabe noch einmal. Je nachdem, wo dieses Warnamt war, konnte die Zeit knapp werden, und er war fest entschlossen, um 17:00 Uhr da zu sein, um die anderen drei zu treffen. Er wollte mit ihnen sprechen, sie mussten sich gemeinsam überlegen, was sie tun würden. Vielleicht fand er dabei sogar heraus, wer das Versprechen gebrochen hatte, das sie sich damals gegeben hatten, bevor sich ihre Wege trennten.
Er minimierte das Browserfenster, öffnete ein neues und gab in die Google-Suchmaske »Warnamt Eifel« ein.
Gleich der erste Treffer lieferte eine Erklärung: Warnamt Eifel war der Tarnname für eine Atombunkeranlage in der Eifel, die der NRW-Landesregierung als Ausweichsitz im Falle eines Atomkrieges hätte dienen sollen. 200 Regierungsmitglieder und Experten hätten von dort aus die Regierungsgeschäfte weiterführen sollen. Die Anlage war in einen Berg gebaut und bestand aus drei Etagen von jeweils 1000 Quadratmetern. Der Eingang befand sich, als Doppelgarage getarnt, in einem Waldstück am Ortsrand der Eifelgemeinde Kall-Urft, gleich neben einem Gebäude, das wie ein kleines Wohnhaus aussah.
Eine Atombunkeranlage … Wäre der Anlass ein anderer gewesen und hätte es nicht schon einen Toten in diesem abartigen »Spiel« gegeben, Frank wäre allein schon aus Neugierde dorthin gefahren. Er war noch nie in einem Atombunker gewesen, und eine Anlage, in der 200 Menschen Platz hatten, musste wirklich gewaltig sein.
Er überflog noch schnell die restlichen Angaben, ging dann auf die Website der Anlage und notierte sich die genaue Adresse aus dem Impressum. Über den Routenplaner erfuhr er, dass der Bunker rund 100 Kilometer entfernt war. Frank schloss nach einem letzten Blick auf die Nachricht den Browser und schaltete den Monitor aus. Er nahm sein Handy, wählte und meldete sich mit »Frank hier«, als Jens abhob.
»Hast du es … gesehen?«, fragte Jens. »Die Nachricht? Wo wir hinkommen sollen?«
»Ja, natürlich. Ein Atombunker.«
»Ja, ich habe auch schon nachgesehen. Fährst du hin?«
»Was bleibt uns denn anderes übrig? Der wird doch keine Ruhe geben. Und vielleicht wird er tatsächlich noch jemanden töten, wenn wir nicht alle da erscheinen. Der Typ ist doch total irre!«
»Fahren wir zusammen?«
»Wo wohnst du denn jetzt?«
»In Schweich.«
»Das liegt auf dem Weg. Okay, ich komme dich abholen.« Jens nannte ihm seine Adresse.
»Okay, dann bin ich um …« Frank warf einen Blick auf die Uhr, überlegte, wie lange sie bis zu der Anlage brauchen würden, und schlug noch einen Sicherheitspuffer obendrauf.
»… um drei Uhr bei dir. Ach, noch was: Hast du Torsten auch angerufen?«
»Nein, ich habe seine Nummer nicht herausfinden können.«
Frank verabschiedete sich und legte auf. Dann wählte er Manuelas Nummer. Es dauerte eine Weile, bis sie abhob. Sie hörte sich furchtbar an. »Was soll das alles«, sagte sie, nachdem Frank seinen Namen genannt hatte. »Warum tut jemand so was? Denkst du, wir haben das verdient? Bekommen wir jetzt vielleicht die Strafe für damals? Was, wenn Festus es selbst ist? Wenn er sich rächen möchte? Wenn er wieder …«
»Manuela, du weißt doch, dass das nicht sein kann. Nein, entweder hat das damals doch jemand mitbekommen, oder einer von uns hat geredet.«
»Aber wenn es damals schon jemand mitbekommen hätte, warum sollte er dann gerade jetzt … ich meine, warum nicht schon früher?«
Frank hob die freie Hand und ließ sie auf die Schreibtischplatte fallen. »Ich weiß es doch auch nicht. Vielleicht braucht derjenige jetzt Geld? Oder er hat es jemand anderem weitererzählt, der uns mit seinem Wissen erpressen will.«
»Und deswegen jemanden umbringt? So?«
Damit hatte sie natürlich recht, und Frank spürte, wie er immer unruhiger wurde, weil es einfach keine logische Erklärung zu geben schien. »Darum müssen wir da hin, Manuela. Jens fährt mit mir. Soll ich dich auch mitnehmen?«
»Nein, ich wohne in Saarburg.« Das lag 20 Kilometer in der entgegengesetzten Richtung. »Ich fahre selbst.«
»Gut, dann bis nachher.« Frank beendete das Gespräch und blieb noch einen Moment reglos am Schreibtisch sitzen. Von irgendwo hörte er ein gedämpftes, kratzendes Geräusch. Es klang wie … Ratten.