21

– 23:16 Uhr

Jens starrte erst Torsten an, dann Frank und Manuela, schließlich wieder Torsten. »Was heißt das? Wieso soll ich mich verpissen? Und außerdem hast du das nicht zu bestimmen. Was sagt ihr dazu? Frank? Manuela? Ich kann doch bleiben, oder? Ihr … ihr könnt mich doch nicht einfach so rauswerfen.«

Jens’ Worte prallten an Frank ab. Ein seltsames Gefühl hatte von ihm Besitz ergriffen, etwas in ihm hatte sich in den letzten Minuten verändert, ohne dass er hätte beschreiben können, was genau. Es fühlte sich kühl an, nein, kalt. Aber es hatte nichts mit der Kälte zu tun, die in der Anlage herrschte.

Fast dreißig Jahre lang hatte er mit der Ungewissheit gelebt, ob Festus damals bei seiner Mutprobe mitsamt dem Dach eingestürzt und dabei ums Leben gekommen war oder nicht. Tagelang hatten Feuerwehr, THW und Polizei alles durchsucht, eine ganze Hundertschaft hatte jeden Zentimeter durchkämmt, sogar Suchhunde waren eingesetzt worden. Ohne Erfolg. Und dennoch hätte Festus irgendwo da unten liegen können, in einem Schacht, den man nicht gefunden hatte. Und genauso gut hätte es sein können, dass er weggelaufen war, vielleicht weil er sich dafür schämte, dass er zu feige gewesen war, die Mutprobe überhaupt zu versuchen. Wie weit wäre er dann wohl gekommen? Ein dreizehnjähriger Junge mit dem Verstand eines kleinen Kindes? Wieder und wieder hatte Frank in all den Jahren mögliche Szenarien durchgespielt, in seinen Gedanken, in seinen Träumen. Und dabei nicht gewusst, was Jens ihnen die ganze Zeit über verschwiegen hatte. Dass Festus tot war. Jens hätte ihm und den anderen dreißig Jahre Qual mit einem einzigen Anruf ersparen können. Ja, sie war schlimm, die Gewissheit, dass Festus bei dem Versuch, ihre dämliche Mutprobe zu bestehen, gestorben war. Aber es war etwas, womit er sich auf irgendeine Art arrangieren, womit er leben konnte. Nein, er konnte, er wollte Jens nicht verzeihen, was er ihm und den anderen durch sein Schweigen angetan hatte. Zumal es in dieser Nacht um alles ging. Um sein Leben. Und das seiner Frau und seiner Tochter. Nein, er würde keine Rücksicht mehr nehmen auf Menschen, die selbst rücksichtslos waren.

»Es ist besser, du gehst«, sagte er tonlos. Und gleich darauf zu Torsten: »Wo ist das Stethoskop?«

Torsten atmete schnaubend aus. »Du gibst es nicht auf, oder? Gut, Fränkie-Boy, dann sage ich dir was: Ich habe mir eben ernsthaft überlegt, es euch zurückzugeben. Nachdem ich jetzt aber weiß, dass ihr mich alle drei beschissen und hintergangen habt, ist es wohl nur fair, wenn ich es als kleine Wiedergutmachung behalte.«

»Nein, das ist nicht fair«, meldete sich Manuela zu Wort. »Ich habe niemanden hintergangen, zumindest nicht wissentlich. Aber das interessiert dich wohl nicht.«

Torsten lehnte sich zurück. »Richtig, kleine Manu, es interessiert mich nicht.«

»Dann hau du auch ab«, sagte Frank, wobei ihm im gleichen Moment klarwurde, dass er nicht mit Manuela allein in diesem Raum bleiben konnte. Sie hatten beide kein funktionierendes Telefon mehr, und bei geschlossenen Türen würde es stockdunkel sein.

»Das hätte ich sowieso getan.« Torsten stand auf. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, nahm er sein Telefon und ging zur Tür. Neben Jens blieb er stehen und sagte: »Viel Spaß mit deinem Punkt, du hast ihn dir redlich verdient. Aber pass auf ihn auf. Und auf dich. Hier kann man niemandem trauen.«

Er öffnete die Tür und ging hinaus, ohne sie hinter sich zu schließen. Einige Sekunden lang war es dunkel im Raum, etwas rumpelte dort, wo Manuela zuletzt gestanden hatte, dann leuchtete das Display von Jens’ Handy auf. Manuela saß wieder auf dem Tisch, die Augen angstvoll auf den Eingang gerichtet.

»Ihr habt kein Licht mehr, wenn ich gehe.«

»Aber ich habe auch keine Ruhe mehr, wenn du bei uns bleibst«, erwiderte Frank und beobachtete, wie zwei Ratten durch die geöffnete Tür hereinhuschten. »Wer weiß, was du aus Angst noch alles …«

»DU HAST DEINE AUFGABE ERFÜLLT, SPIELER«, tönte die blecherne Stimme aus den Lautsprechern und ließ die drei zusammenfahren. »DEIN PUNKT WARTET AM EINGANG AUF DICH.«

Jens sprang auf. »Damit bin ja wohl ich gemeint. Dann seht eben zu, wie ihr im Dunkeln klarkommt. Ihr seid selbst schuld. Ich gehe jetzt meinen Punkt abholen. ICH werde auf jeden Fall überleben.«

Er wich einer weiteren Ratte aus, die durch den Eingang getippelt kam, und drehte sich noch einmal um. »Habt ihr euch mal überlegt, dass wir Torstens Geschichte noch gar nicht gehört haben?«

»Das spielt keine Rolle mehr«, sagte Frank. »Wir haben deine gehört. Der Punkt war für dich.«

»Wer weiß? Ich bekomme den Punkt, weil es Teil der Aufgabe war zu erzählen, womit man aus Sicht dieses Kerls falschgespielt hat. Ich habe es erzählt. Torsten nicht. Vielleicht bekomme ich nur deshalb den Punkt. Denkt mal darüber nach.«

Damit wandte er sich ab und verließ den Raum.

»Er sollte sich beeilen«, sagte Frank in die entstandene Dunkelheit hinein. »Torsten wird versuchen, vor ihm da zu sein.«

»Kannst du bitte ein bisschen näher kommen?«, fragte Manuela, während Franks Augen sich langsam an die Dunkelheit gewöhnten. Nur ein schwacher Lichtschein drang unter der Tür vom Gang zu ihnen durch. Frank ertastete die Tischkante und schließlich Manuelas Arm. Ihre Hand griff nach seiner und zog ihn etwas näher zu sich.

»Glaubst du, Jens hat recht?«, fragte sie so leise, dass Frank sie kaum verstand. »Denkst du, es könnte sein, dass das, was Torsten erzählt hätte, noch schlimmer gewesen wäre und der Punkt dann an ihn gegangen wäre?«

»Nein, das glaube ich nicht. Ich bin sicher, Jens sollte den Punkt bekommen. Aber ich denke über etwas anderes nach: Jens hat uns damals hintergangen, das wissen wir jetzt. Aber diese Stimme hat gesagt, zwei von uns spielen falsch. Damals und heute. Ich frage mich, wer heute falschspielt?«

Sie schwiegen. Frank hörte Manuelas Atem, der in gleichmäßigem Rhythmus an seinem Ohr vorbeistrich.

»Jetzt sind schon zwei Punkte weg.« Manuela war nun noch etwas näher als zuvor, ihre Stimme klang sehr laut, obwohl sie sicher leise sprach. »Und wir haben noch keinen. Im besten Fall können wir überleben, aber unsere Kinder und deine Frau …«

»Noch ist die Nacht nicht um«, sagte Frank grimmig. »Und ich bin nicht bereit, Torsten diesen Punkt zu überlassen, der uns gehört.« Und er meinte es genau so, wie er es sagte. Der Gedanke an die offensichtliche Ausweglosigkeit ihrer Situation hatte seine Müdigkeit vertrieben. Wenn er jetzt aufgab, würde seine Familie in wenigen Stunden sterben. Und er auch.

»Aber was willst du tun?«, lenkte Manuela ihn von diesen Gedanken ab. Er war froh, dass sie nicht darauf bestand, dass es ihr Punkt war. Das sah er nämlich anders, aber Gott sei Dank musste er in diesem Moment nicht mit ihr darüber diskutieren. Etwas stieß gegen sein Schienbein und blieb offensichtlich daran hängen, denn der Stoff seiner Hose wurde durch das Gewicht nach unten gezogen. Reflexartig bückte er sich und griff danach, berührte mit der Hand ein grobes Fell und verspürte im nächsten Moment einen stechenden Schmerz am Handrücken. »Au, Scheiße«, stieß er aus und griff ohne darüber nachzudenken erneut und dieses Mal fester zu, bekam etwas Weiches zu fassen und zog daran. Die Ratte quiekte auf, als er sie vom Stoff losriss und dann mit aller Kraft gegen die Wand schleuderte. Es gab ein hässliches Geräusch, als der Rattenkörper an der Betonwand zerschmettert wurde und anschließend auf den Boden klatschte. »Das verdammte Vieh hat mich gebissen«, keuchte Frank und hob die verletzte Hand. Er konnte nichts erkennen, es war zu dunkel.

Die Wunde brannte höllisch, und Frank fragte sich, ob der Biss gefährlich sein konnte, ob die Wunde sich infizieren würde. Wer konnte schon wissen, was die Ratte vorher gefressen hatte. Aber … das stimmte nicht. Er wusste es. Wieder sah er die Bilder aus dem Film vor sich. Rattenzähne, die in Fleisch geschlagen wurden. Lebendes, zuckendes, menschliches Fleisch. Er schaffte es gerade noch vor die Tür, dann übergab er sich.

Das Rachespiel
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