23

– 00:13 Uhr

»Was war das?« Manuela krallte sich an Franks Decke fest und drückte sich gegen ihn.

»Die Frage ist eher, wer war das«, antwortete er und befreite sich aus ihrem Griff. »Ich muss nachsehen, was los ist.«

»Was? Aber … du kannst mich hier nicht allein lassen. Frank, bitte, das … ich kann nicht allein hierbleiben.«

Er sah dorthin, wo er ihren Kopf vermutete. »Dann bleibt dir nichts anderes übrig als mitzukommen. Ich muss auf jeden Fall nachsehen. Vielleicht ist jemand verletzt. Denk an die Attacke gegen Jens im Untergeschoss.«

»Aber wenn …«

»Komm jetzt«, unterbrach er sie barsch und rückte von ihr ab. Manuela gab ein wimmerndes Geräusch von sich. »Aber die Ratten, sie laufen überall herum, und wir können sie nicht einmal sehen. Wenn sie mich beißen … Ich … ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll.«

»Ich gehe jetzt. Komm mit, oder bleib hier.« Frank streckte die Arme schräg nach vorne aus und ging langsam los. Er ahnte, wo die Wände waren, und konnte den Eingang trotz des kaum noch vorhandenen Lichtschimmers als einen rechteckigen Fleck ausmachen. Nach zwei Schritten stieß er gegen einen Stuhl und schob ihn mit einem scharrenden Geräusch ein Stück über den Boden. Er konnte förmlich spüren, wie Manuela hinter ihm erschrak. Frank wandte sich zu ihr um und sagte leise: »Das war nur ein Stuhl. Wir müssen versuchen, leise zu sein. Wer weiß, wer in der Anlage herumläuft. Wir sollten keine Aufmerksamkeit auf uns lenken.«

»Ja, gut«, antwortete sie ebenso leise. Sie tastete nach seiner Hand, die er ihr widerwillig gab.

Die Sicht im Gang reichte gerade so aus, um nicht gegen eine Wand zu stoßen. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, jederzeit darauf gefasst, etwas Weiches unter der Schuhsohle zu spüren. Dabei zog er Manuela hinter sich her.

Als sie den ersten Quergang erreichten, blieb er stehen und überlegte, in welcher Richtung sie am besten weitergehen sollten.

Von allen Seiten war leises, schnelles Tippeln zu hören, dazwischen hier und da ein Fiepen. Frank hoffte, Manuela würde nicht wieder zu schreien anfangen. Er entschloss sich, nicht abzubiegen, sondern dem Gang weiter zu folgen. Wenn seine Erinnerung ihn nicht trog, müsste dieser Gang zum Eingang führen. Sicher war er allerdings nicht, in der Dunkelheit sah alles gleich aus.

Sie waren gerade ein paar Meter weiter, als ein kaum vernehmbares Stöhnen Frank innehalten ließ. Es war von rechts gekommen, offensichtlich aus dem Quergang, den sie gerade passiert hatten.

»Was war das?«, flüsterte Manuela ihm zu.

»Pssst«, machte er und hielt den Atem an, um sich besser auf die Geräusche um sich herum konzentrieren zu können.

Tippeln, Fiepen, Rascheln, Schaben … Die ganze Palette an Geräuschen, die Hunderte oder Tausende kleiner Tiere in einer so weitläufigen Anlage verursachten. Aber kein Stöhnen mehr. Hatte er sich am Ende getäuscht? Aber Manuela hatte es auch gehört.

Er machte einen Schritt und stand nun ganz dicht neben ihr. »Was hast du gerade gehört?«, fragte er leise.

»Ich weiß nicht, ich glaube, da hat jemand gestöhnt, so als hätte er Schmerzen.«

»Ja, so hat es sich für mich auch angehört. Gehen wir zurück und nehmen den anderen Gang.«

»Aber vorsichtig, ja?«

»Ja.« Frank ging wieder voraus, ihre suchende Hand ignorierte er bewusst, fragte sich aber im nächsten Moment, warum er sich plötzlich so verhielt. Er blieb stehen und tastete nach ihrer Hand.

Sie brauchten etwa zwei Minuten, dann hatten sie das Ende des Ganges erreicht, und Frank stand wieder vor der Entscheidung, ob sie als Nächstes nach links oder nach rechts abbiegen sollten. Er ging bis zur Mitte des Querganges, hielt inne und lauschte angestrengt nach allen Seiten, doch außer den Ratten war nichts zu hören. Anfänglich. Dann aber brach ein Stampfen und Poltern aus der Dunkelheit heraus und raste wie ein Schnellzug auf ihn zu. Noch bevor er in irgendeiner Art reagieren konnte, türmte sich ein großer Schatten vor ihm auf, etwas krachte dumpf und mit solcher Wucht auf seine Brust, dass ihm die Luft aus der Lunge gepresst wurde, während er nach hinten gegen Manuela taumelte. Die Welt schien kein Oben und kein Unten mehr zu haben, im Fallen hörte er sich selbst stöhnen, dann einen Schrei von Manuela. Gemeinsam schlugen sie hart auf dem Betonboden auf, etwas traf ihn im Gesicht, ein weiterer Schrei durchschnitt das Durcheinander.

»Au, du tust mir weh! Frank!« Manuelas Stimme klang gepresst, was daran liegen konnte, dass er mit der Schulter auf ihrem Bauch lag.

Er rollte sich von ihr herunter und schrie auf. Ein unvorstellbarer Schmerz schoss ihm durch die Brust. Es fühlte sich an, als hätte ihm gerade jemand ein Messer zwischen die Rippen gerammt.

»Was ist? Was ist los? Frank?«

Das Atmen fiel ihm schwer, er versuchte, sich aufrecht hinzusetzen, was ihn erneut aufschreien ließ. »Frank, sag doch was!«

Schließlich hatte er es geschafft, er saß aufrecht auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Auch Manuela hatte sich mittlerweile offensichtlich hingesetzt, wie er zu erkennen glaubte. »Ich … glaube, ich habe mir eine … Rippe gebrochen«, stieß er keuchend und unter Schmerzen aus und tastete nach seiner Brust. »Wenn nicht mehrere.«

»Mist. Aber was war das? Was ist denn passiert?«

»Ich weiß es nicht. Jemand kam auf mich zugerannt … Scheiße, tut das weh … und bevor ich reagieren konnte, war er schon da und hat mir irgendwas gegen die Brust gerammt.« Einem Reflex folgend, versuchte Frank tief einzuatmen, aber der stechende Schmerz in der Brust ließ das nicht zu, er musste flach weiteratmen. Er spürte Panik in sich aufsteigen, Angst, er könnte nicht mehr richtig atmen, könnte ersticken …

Reiß dich zusammen, du bekommst genügend Luft, beruhigte er sich selbst. »Wir müssen weiter«, sagte er, nicht zuletzt, um sich selbst abzulenken. »Ist mit dir alles in Ordnung?«

»Ja«, antwortete Manuela. »Ein paar blaue Flecke vielleicht, aber sonst ist alles okay.«

Frank versuchte aufzustehen, drehte sich zur Seite, schaffte es stöhnend auf alle viere. Doch weiter kam er nicht, der Schmerz nahm ihm den Atem. »Ahh … verdammt. Kannst du mir beim … Aufstehen helfen?«

Manuelas verwaschene Umrisse wuchsen neben ihm in die Höhe, dann spürte er ihre tastende Hand.

Er ergriff sie und sagte: »Okay, jetzt.« Manuela zog, und gleichzeitig drückte er sich hoch. Es tat höllisch weh, aber schließlich hatten sie es geschafft, er stand. Tränen rannen ihm über die Wangen, und wieder gab er dem Reflex nach, tief Luft zu holen. Einen tiefen Atemzug nur. Einen einzigen.

Mit aller Kraft sog er die Luft ein. Er hätte schreien mögen, hatte Angst, vor Schmerzen das Bewusstsein zu verlieren, wenn er nicht sofort aufhörte. Dann endlich war dieser herrliche Punkt erreicht, an dem die Lunge mit einem befreienden Gefühl signalisierte, dass sie gefüllt war. Frank hielt einen Moment inne, genoss trotz der Schmerzen dieses Gefühl, und atmete dann langsam wieder aus.

»Was ist?«, fragte Manuela. »Kriegst du keine Luft?«

»Doch, alles okay. Lass uns gehen. Dort, in die Richtung, aus der der Kerl gekommen ist.«

Langsam gingen sie los. Frank war wieder vorne, nun allerdings ohne Manuela an der Hand hinter sich her zu ziehen.

»Was denkst du, wer das war?«

»Ich habe keine Ahnung, es ging alles viel zu schnell.«

Sie folgten dem Gang ein Stück weit geradeaus, dann machte er einen Linksknick, und Frank blieb einen Moment stehen. Etwa fünf Meter vor ihm wurde es ein wenig heller. Nicht viel, aber genug um zu erkennen, dass ihr Weg in einen Raum mündete, und die Anordnung der schwarzen Flecke, als die sich die Gegenstände darin abzeichneten, ließ ihn vermuten, dass es der Raum vor dem Eingang sein könnte.

»Was ist da?«, fragte Manuela und trat neben ihn.

»Ich glaube, das ist der Raum, in dem wir zuerst gewartet haben. Der beim Eingang.«

Plötzlich hörten sie wieder ein Stöhnen. Noch immer leise, aber doch deutlicher als zuvor. Es kam aus dem Raum vor ihnen.

»Vorsicht«, flüsterte Frank Manuela zu und ging langsam voran, darauf bedacht, möglichst keine Geräusche zu machen. Nach wenigen Schritten hatten sie den Eingang erreicht.

Frank sah sofort, woher das letzte schwache Leuchten kam, das den Raum immerhin noch so weit mit Licht versorgte, dass man die Umrisse der Gegenstände vage erkennen konnte. Es war die gelbe Linie, der sie einige Stunden zuvor in den Raum mit dem Beamer gefolgt waren. Sie hatte wohl eine etwas längere Leuchtkraft, weil sie frisch aufgemalt worden war. Das Nächste, was Frank sah, ließ ihn den Atem anhalten. Rechts neben ihnen, nur etwa zwei Meter von der Einmündung ihres Ganges entfernt, lag jemand auf dem Boden. Frank wusste sofort, wer es war. Mit zwei schnellen Schritten, den Schmerz in der Brust ignorierend, war er bei Jens und wollte in die Hocke gehen, stöhnte jedoch im gleichen Moment laut auf und fiel unmittelbar neben Jens auf Hände und Knie. So verharrte er einen Moment, dann hob er den Kopf und betrachtete den reglosen Körper vor sich.

Jens lag auf dem Bauch. Vorsichtig tastete Frank mit der Hand über seinen Rücken und stöhnte im nächsten Moment wieder auf, dieses Mal jedoch nicht vor Schmerz.

Das, was er in seiner Hand gespürt hatte, war ein Schraubenzieher. Er steckte in Jens’ Rücken.

Das Rachespiel
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