25

– 01:18 Uhr

Als Frank die Augen öffnete, starrte er in absolute Finsternis. Er blinzelte zwei-, dreimal, doch es änderte nichts.

Es war unglaublich kalt, und er war verwirrt. Er wusste nicht, wo er sich befand. Sein Herzschlag beschleunigte sich, doch nur für einen kurzen Moment, dann kam die Erinnerung zurück. Der Bunker. Jens, Manuela … Torsten.

Er war niedergeschlagen worden. In seinem Mund hatte sich ein kupferner Geschmack ausgebreitet, und als er bei dem Versuch zu schlucken die Lippen etwas bewegte, brannten sie höllisch. Er lag auf dem Rücken und versuchte sich darüber klarzuwerden, wo er war, und vor allem, wie sehr er verletzt war. Er bewegte den Kopf und spürte wieder die bekannten Schmerzen am Hals und in der Brust. Neu war aber das Pochen an seinem Hinterkopf. Wahrscheinlich war er mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen und hatte sich eine dicke Beule zugezogen. Auch seine Nase tat ihm beim Einatmen weh. Er hob die Hand und tastete vorsichtig danach. Der knubbelige Knick, der schon bei der leichtesten Berührung wehtat und ihm die Tränen in die Augen schießen ließ, sagte ihm genug. Sein Nasenbein war gebrochen.

Unwillkürlich dachte er an Jens und seinen Vater. In diesem Moment konnte er verstehen, dass ein dreizehnjähriger Junge, dem gerade vom eigenen Vater die Nase gebrochen worden war, alles erzählt, um nicht weiter geschlagen zu werden.

Frank versuchte sich aufzurichten, ließ sich aber gleich wieder zurücksinken, weil er die Schmerzen nicht aushielt. Er wartete eine Weile, bevor er einen erneuten Versuch startete, dieses Mal aber sehr langsam und mit einer leichten Drehung des Oberkörpers. Als er es endlich geschafft hatte, sich in eine sitzende Position zu bringen, dachte er an das Telefon. Es musste ihm aus der Hand gefallen sein, als er zu Boden gestürzt war. Frank suchte mit beiden Händen den Boden um sich herum ab, konnte das Gerät aber nicht finden. Die absolute Finsternis war beklemmend, legte sich wie ein eisernes Band um seine Lunge und erschwerte das Atmen. Frank stieß einen Fluch aus, denn als er den Kopf nach vorne beugte, hatte er das Gefühl, ein Schwall Blut schieße ihm in die Nase und drücke mit Gewalt gegen das gebrochene Nasenbein.

Vorsichtig tastete er sich auf dem Boden weiter, bis er an die eisernen Beine des Krankenbetts stieß. Nun wusste er zumindest, dass er sich noch immer in der Krankenstation befand. »Mist«, stieß er leise aus. Es klang, als sei er außer Atem. »Verdammter Mist, wo ist dieses Scheißtelefon!« Seine Hände wanderten weiter über den kalten Betonboden, er krabbelte um das Bett herum und ertastete jeden Zentimeter darunter. Nichts. Es dauerte einige Zeit, bis er glaubte, den gesamten Boden des Raumes abgesucht zu haben. Das Telefon hatte er jedoch nicht gefunden. »Das warst du, Torsten. Fozzie. Ich weiß es.« Er machte eine Pause, lauschte in die Dunkelheit, als würde von dort tatsächlich eine Antwort kommen. »Erst hast du versucht, Jens umzubringen, und dann hast du mich niedergeschlagen und das Telefon mitgenommen. Jetzt habe ich kaum noch eine Chance, diese Aufgaben zu erfüllen, und du kannst in aller Ruhe deine Punkte sammeln, nicht wahr? Was denkst du, wirst du für vier Punkte noch einen Bonus obendrauf bekommen? Ja? Glaubst du das? Oder stellst du dich morgen früh an den Eingang, als Herr über Leben und Tod, und bestimmst, wem du die beiden Punkte gibst, die du nicht mehr brauchst? Ja? Fozzie? Ist es das, was du sein möchtest, du elendiger Wichtigtuer? Der Herr über Leben und Tod?«

Wieder lauschte er in die Schwärze, wartete auf eine Antwort. Aber da war nur Stille.

Während er stumm dasaß und auf etwas wartete, von dem er wusste, dass es nicht kommen würde, überlegte er, dass er gerade Selbstgespräche geführt hatte. Begann er jetzt durchzudrehen? Waren das die ersten Anzeichen dafür, dass er der Situation nicht mehr gewachsen war?

Was sollte er jetzt tun? Wenn er einfach dasitzen und nichts unternehmen würde, bedeutete das in ein paar Stunden seinen Tod. Und den seiner Frau und seiner Tochter. Laura. Sein wunderschönes Kind, das gerade auf dem Weg war, eine junge Frau zu werden. Sie würde sterben, weil ihr Vater aufgegeben hatte.

»Nein«, sagte er laut, und gleich darauf noch einmal, noch lauter: »Nein.«

Er rappelte sich auf, drückte sich vom Boden ab und ignorierte die Schmerzen, die mittlerweile von überall in seinem Körper zu kommen schienen. Schließlich stand er. Die Finsternis umhüllte ihn wie eine Glocke, und als er einen ersten vorsichtigen Schritt mit weit ausgestreckten Armen wagte, da bewegte sich diese Glocke mit ihm. Nach einem weiteren Schritt berührten seine Hände den Schrank. Er tastete sich daran entlang bis zur Kante, dann noch ein Stück. Schließlich hatte er die Tür erreicht.

Er ließ den Behandlungsraum hinter sich und bog am Ende des schmalen Flurs nach links ab. Nach etwa zehn Metern glaubte er, vor sich ein ganz schwaches Leuchten zu erkennen. Wenn er sich nicht täuschte, würde er bald wieder dem Restleuchten der gelben Linie bis zu der Stelle folgen können, an der Manuela neben Jens auf ihn wartete. Als er dann tatsächlich etwa fünfzehn Meter vor sich den leichten Gelbschimmer erkannte, beschleunigte er seine Schritte. Er hatte die Stelle fast erreicht, als von rechts ein Schatten auftauchte und ihm den Weg versperrte, so dicht vor ihm, dass Frank nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte und gegen Torstens gewaltigen Brustkorb prallte.

»Wohin denn so eilig, Fränkie-Boy?«, fragte Torsten und ließ im gleichen Moment das Display seines Telefons aufleuchten. Trotz des Schreckens, der Frank durch alle Glieder fuhr, kam ihm sofort der Gedanke, ob es Torstens eigenes Handy war oder das von Jens, das er selbst noch kurz zuvor bei sich gehabt hatte.

Frank machte einen Schritt zurück und blinzelte in Torstens Richtung, ohne viel erkennen zu können. »Und wie du aussiehst. Krach mit der kleinen Manu gehabt?«

»Nein. Ich war in der Krankenstation und habe Verbandsmaterial gesucht, weil Jens niedergestochen wurde. Mit einem Schraubenzieher.«

»Oh«, machte Torsten. »Wer war es? Manu oder du?«

Frank hatte Angst vor Torsten, aber in diesem Moment, in dem der Kerl ihn so provokant angrinste, vergaß er alle Vorsicht und sagte: »Von uns war es niemand. Fragt sich nur, wer dann noch bleibt?«

»Ah ja, ich verstehe. Diese Nummer wieder. Das hatten wir ja vor ein paar Stunden schon mal. Da hast du mich auch verdächtigt, und wie sich herausgestellt hat, war ich der Einzige, der sich an unsere Abmachung gehalten hatte.«

»Ach ja?«, Franks Wut wurde größer und größer. Sollte Torsten ihn eben noch mal niederschlagen. »Und gerade eben, in dem Behandlungszimmer? Das war wahrscheinlich auch Manu, die mir dort mit einem Schlag das Nasenbein gebrochen hat, wie?«

Torsten machte einen Schritt auf Frank zu. Er wich zurück. »Du lernst es nicht, Fränkie, oder? Nicht ich bin hier das Arschloch. Ihr seid Arschlöcher. Ihr und der Kerl, der das alles inszeniert hat. Kapiert? Wenn du denkst, ich habe Jens niedergestochen und dir die Nase gebrochen, dann bist du noch dämlicher, als ich dachte. Was hätte ich denn davon?«

»Du hättest schon zwei Punkte. Den, den du Manu und mir gestohlen hast, und den von Jens.«

»Du Idiot.« Torsten machte noch einen Schritt auf Frank zu und stand nun dicht vor ihm. »Dieses dämliche Stethoskop habe ich behalten, weil ihr mich beschissen habt. Aber der Punkt von Jens hat wahrscheinlich nie existiert. Wenn er niedergestochen wurde, und ihr beide wart es nicht, dann war es dieser Kerl. Offensichtlich kapierst du selbst nicht, was du uns schon ein paarmal so superschlau erklären wolltest. Das ist doch genau das, was dieser Irre will. Dass wir uns gegenseitig verdächtigen.«

»Du behauptest also, der Kerl hat Jens niedergestochen und mir dann im Krankenzimmer das Nasenbein gebrochen.«

»Ja, das behaupte ich. Vorausgesetzt, ihr beide habt nichts damit zu tun, und da bin ich mir noch nicht so sicher.«

Frank dachte nach. »Und? Wie geht’s jetzt weiter? Kommst du jetzt wieder zu uns? Damit wir für dich die Aufgabe lösen und du dann mit dem Punkt abhauen kannst?«

Eine Weile sahen sie sich in die Augen, dann sagte Torsten: »Du überhebliches Arschloch. Wie kannst du dir so sicher sein, dass ihr die Aufgabe löst? Hältst du dich für so viel schlauer? Aber ich will dir deine Frage gerne beantworten: Nein, ich werde nicht wieder zu euch kommen. Weil ich keinem von euch traue. Ich habe noch keine Ahnung, was diese dritte Aufgabe bedeutet, aber ich werde es herausfinden, mir den nächsten Punkt schnappen und in ein paar Stunden hier raus sein. Ich bin nämlich genauso schlau wie du, Fränkie-Boy. Und ihr könnt von mir aus bleiben, wo der Pfeffer wächst.« Damit schob er sich an Frank vorbei. Sofort war es wieder dunkel, und kurz danach waren auch Torstens Schritte nicht mehr zu hören. Frank war wieder allein.

Aber war er das wirklich? Er wagte nicht, sich zu rühren. Er lauschte angestrengt in die Dunkelheit, die nur von dem kaum noch wahrnehmbaren gelben Schimmer vor ihm unterbrochen wurde. Was, wenn Torsten recht hatte und dieser Psychopath, dem sie all das zu verdanken hatten, durch die Anlage geisterte auf der Suche nach einem weiteren Opfer, das er niederstechen oder bewusstlos schlagen konnte? Frank dachte an Manu, die bei Jens auf ihn wartete, und setzte sich augenblicklich in Bewegung.

Er erreichte die Gabelung und mit ihr die gelbe Linie und bog ab. Er beschleunigte seine Schritte noch, und seine Gedanken kreisten um Manu. Sie war ihm in den letzten Stunden so manches Mal auf die Nerven gegangen, und es hatte ein, zwei Situationen gegeben, in denen er sie zum Teufel gewünscht hatte, aber sie war die Einzige, die ihm in diesem Bunker noch geblieben war. Wenn ihr nun auch etwas geschehen würde, wäre er ganz allein. Mit Torsten, dem er nicht vertrauen konnte.

Aber was, wenn Torsten tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte? Wenn er keine Schuld an dem hatte, was vorgefallen war? Wäre es dann nicht doch besser, ihn zu überreden, sich wieder mit Manuela und ihm selbst zusammenzuschließen, als dass sie dieses elende Spiel gegeneinander spielten?

Frank konnte in diesem Moment nicht darüber nachdenken. Er strauchelte weiter durch den Gang, hier und da spürte er die Berührung eines kleinen Körpers an den Füßen und machte angeekelt einen Schritt zur Seite. Immer wieder musste er anhalten, weil ihm das Atmen schwerfiel und Schmerzen bereitete. Überhaupt gab es kaum noch eine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte.

Seine letzten Gedanken gingen ihm wieder durch den Kopf, und ihm fiel auf, dass die Sorge um Manuela letztendlich weniger ihr als vielmehr ihm selbst gegolten hatte. Aber er erschrak nicht über diese Erkenntnis.

Diese Nacht veränderte sie alle. Wieder einmal.

Schließlich hatte Frank den Eingang zu dem Raum erreicht, in dem Manuela auf ihn wartete. Er blieb stehen und versuchte, etwas zu erkennen, aber nach zwei Metern wurde alles von der Schwärze verschluckt.

»Manu?« Er wartete auf eine Reaktion, doch selbst der Schall schien von der Dunkelheit aufgesaugt zu werden. »Manu, wo bist du? Antworte doch.« Keine Reaktion, kein Geräusch. Nichts.

Das Einzige, was Frank hörte, war sein eigener Atem. Und sein Puls. Laut, hektisch.

Waren seine Befürchtungen wahr geworden? Hatte jemand nun auch Manu etwas angetan? Frank löste sich aus seiner Starre und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Mit kleinen Schritten tastete er sich zu der Stelle vor, an der Jens auf dem Boden liegen musste. »Manu?«, versuchte er es ein weiteres Mal, mit dem gleichen Ergebnis wie zuvor. Stille.

Mit dem nächsten vorsichtigen Schritt stieß er gegen etwas Weiches, einen Körper. Sein Herzschlag dröhnte noch eine Spur lauter in seinen Ohren, als er sich langsam bückte, tastete, fühlte … Ein Rücken, eine Schulter, klebrige, halberstarrte Feuchtigkeit … Jens.

Aber wo war Manuela? Auf allen vieren kroch Frank um den reglosen Körper herum und tastete den Boden ab. Als er alles abgesucht hatte, setzte er sich erschöpft neben Jens. Er fühlte sich wie betäubt, sämtlicher Energie beraubt, am Ende. Und die Erkenntnis trieb ihm Tränen der Verzweiflung in die Augen.

Manuela war verschwunden.

Das Rachespiel
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