37

– 06:46 Uhr

Frank spürte, wie sich jede Faser seines Körpers anspannte. Sein Puls begann zu rasen, ebenso seine Gedanken. Konnte das funktionieren, was er sich da ausgedacht hatte? Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass Manuela Torsten in der absoluten Finsternis genau so traf, dass er die Besinnung verlor? War es nicht wahrscheinlicher, dass das Holzstück auf seiner Schulter landete oder in seinem Rücken? Oder vielleicht tatsächlich an seinem Kopf, aber nicht fest genug? Nein, es konnte nicht funktionieren. Er musste es abblasen. Aber wie? Er konnte Manuela schlecht etwas zurufen, dann wüsste Torsten sofort Bescheid, was sie vorhatten. Nein, er durfte seiner Angst nicht nachgeben. Und es war nichts anderes als elende, pure Angst, die er gerade empfand.

»Frank? Bist du da?« Torsten. Er war nicht mehr weit von ihm entfernt.

Frank nahm allen Mut zusammen: »Ja, ich bin hier.« Seine Stimme klang hoch und dünn, wie die einer Frau, und Frank verfluchte sich dafür.

Schritte. Drei, vier … Stille. »Was willst du?«

In Torstens Stimme schwang ein aggressiver Unterton mit, doch Frank war sich nicht sicher, ob ihm das jetzt etwas über Torstens Gemütszustand verriet. Torsten hatte auch in den vergangenen Stunden schon so geklungen.

»Ich …« Franks Mund hatte sich plötzlich mit Speichel gefüllt, er musste schlucken. »Ich habe eine Idee, wie wir vielleicht alle hier rauskommen können.«

»Ach ja? Dann lass mal hören.«

Frank spürte, dass sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten. Er musste Torsten dazu bekommen, mehr zu reden.

»Du möchtest doch sicher auch, dass wir das alle hier unbeschadet überstehen, oder?«

»Wie kommst du darauf?«

»Weil … Mensch Torsten, wir waren doch mal Freunde.«

»Freunde?« Wieder hörte Frank Schritte. Torsten war näher gekommen. Frank hoffte, dass er nun an der richtigen Stelle stehen bleiben würde. Und dass Manu dann genau hinter ihm stand. »Wir waren niemals Freunde, Fränkie-Boy. Was wussten wir schon von Freundschaft. Wir waren Kinder.«

»Wir waren dreizehn, du sogar schon vierzehn. Da weiß man, was Freundschaft ist.«

»O ja.« Torsten spuckte die Worte regelrecht aus. »Das habt ihr ja schön bewiesen. Ihr alle drei habt das Versprechen gebrochen, dass wir uns als Freunde gegeben haben. Bei Kupfer kann ich es noch am ehesten verstehen, bei dem Arschloch von Alten. Und Manu hat wahrscheinlich einfach aus Dämlichkeit gequatscht.« Torstens Stimme wurde lauter, und Frank hatte das ungute Gefühl, dass er sich gerade in Rage redete.

»Das kannst du doch so …«

»Aber du, Frank, du hast das Versprechen eine halbe Stunde nachdem du es uns abgenommen hast, bewusst und aus Berechnung gebrochen. Den größten Verrat von allen hast du begangen. Und jetzt sag mir: Warum sollte ich dir zuhören? Damit du mir wieder irgendwelche Märchen erzählst? Dir geht es doch gar nicht um uns. Dir geht es einzig und allein um dich. Und so war es schon immer.«

Frank fragte sich, warum Manuela nichts tat. Worauf wartete sie denn noch? Eine bessere Gelegenheit als gerade würde sie nicht mehr bekommen. Wie sollte er es schaffen, dass Torsten weiterredete?

»Das stimmt nicht, Torsten. Ich habe es nur meinem Vater erzählt und der hat bis zu seinem Tod nie ein Wort darüber verloren.«

»Kein Wort zu niemandem. Niemals. Ich schwöre. Das war damals der Schwur, schon vergessen? Ich habe es nicht vergessen, Fränkie. Ich habe mein ganzes Leben lang kein Wort darüber verloren, was damals geschehen ist. Dann komme ich nach dreißig Jahren hierher und erfahre nicht nur, dass ich der Einzige war, der sich an das Versprechen gehalten hat, sondern auch, dass unser Anführer höchstpersönlich den größten Verrat begangen hat. Weißt du, wie sich das anfühlt?«

Na los, Manu, dachte Frank verzweifelt, schlag endlich zu! Hatte sie den Mut verloren? Würde sie am Ende gar nichts tun?

»Das macht mich wütend, sehr wütend. Und jetzt versuchst du schon wieder das Gleiche. Du tust so, als ginge es dir um uns alle, aber letztendlich geht es dir wieder nur um dich. Aber ich sag dir was, was du sicher noch nicht weißt. Es wird dich überraschen und …«

Das Geräusch klang so furchtbar, dass es Frank den Magen umdrehte. Ein dumpfer Schlag, gemischt mit einem knirschenden Geräusch, das in Frank sofort das Bild des Holzscheits erzeugte, der auf Torstens Kopf krachte und die Schädeldecke zertrümmerte. Unfassbar lange geschah gar nichts. Frank war drauf und dran, sich mit einem Satz auf Torsten zu stürzen, weil der Schlag ihn offenbar nicht richtig getroffen hatte. Doch dann fiel Torstens Körper vor ihm schwer zu Boden, gefolgt von einem Schrei, der aus Manuelas Mund gekommen sein musste.

Sofort setzte Frank sich in Bewegung. Jetzt musste alles ganz schnell gehen. Je nachdem, wie fest Manu Torsten getroffen hatte, war er vielleicht nur benommen und würde nach kurzer Zeit wieder vollkommen klar sein. »Manu, wo bist du?«, fragte er hastig. »Alles okay bei dir?«

»J … ja. Was ist mit ihm? Habe ich ihn richtig getroffen?«

Franks linker Fuß stieß gegen etwas Weiches, er bückte sich, tastete hastig über den stinkenden Kittel, den Torsten noch immer trug, nach Torstens Kopf. Dann berührte seine Hand Torstens Gesicht, er tastete schnell weiter und fasste in etwas, das sich anfühlte wie Haare, die mit warmem Öl übergossen worden waren. Frank zog die Hand schnell angeekelt zurück und wischte sie mit einer hastigen Bewegung an Torstens Kittel ab. »Ja, ich glaube, du hast ihn richtig getroffen.«

Er richtete sich ein wenig auf, um an seine Hosentasche mit dem Draht darin zu kommen. Sofort schoss der Schmerz wieder in seinen Brustkorb, so dass ihm beinahe die Luft wegblieb.

»Was ist?«, fragte Manuela besorgt, als er aufstöhnte.

»Meine Rippen. Geht schon wieder.«

Er fingerte den Draht aus der Tasche und suchte nach Torstens Händen. »Hilf mir mal«, forderte er Manuela auf. »Ich brauche seine Hände.«

Er hörte, wie sie näher kam und sich bückte. Das Holzstück ließ sie neben ihm auf den Boden fallen, dann berührte ihre Hand seinen Arm.

Es dauerte eine Weile, bis sie Torstens Hände gefunden und so zusammengelegt hatten, dass Frank die Handgelenke mit dem Draht zusammenbinden konnte. Sie mussten ihn dazu drehen, was sich als nicht gerade einfach herausstellte.

Schließlich hatten sie es aber geschafft, und Frank richtete sich unter lautem Stöhnen wieder auf und setzte sich dann neben Torsten auf den Boden.

»Wir haben es geschafft«, sagte er zu Manuela und wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn.

»Bist du sicher, dass das hält?«

»Ja, ziemlich sicher. Der Draht ist dünn und sitzt fest. Wenn er versucht, die Handgelenke zu bewegen, wird der Draht ihm ins Fleisch schneiden.«

»Weißt du, wie schwer er verletzt ist?«

Frank dachte an das Gefühl der warmen, feuchten Haare. »Er hat eine blutende Wunde am Kopf. Du hast ihn wohl voll getroffen.«

Eine Weile saßen sie zu beiden Seiten des reglosen Körpers stumm auf dem Boden, bis Manuela fragte: »Und jetzt?«

»Wenn er wieder zu sich kommt, werde ich ihm meinen Plan erklären«, flüsterte Frank ihr zu. Seit Torsten aufgetaucht war, hatten sie in normaler Lautstärke gesprochen. Doch jetzt durfte sie keiner hören. »Dann kann er sich entscheiden, ob er mitmachen will oder nicht.«

Laut fügte er hinzu: »Ich denke, er wird es nicht überleben. Damit sind zwei von uns tot. Wir haben das Spiel gewonnen.«

»Niemand von uns kann dieses Spiel gewinnen«, antwortete Manuela, und es klang so bitter und ernst, dass Frank sich über ihre schauspielerischen Fähigkeiten wunderte.

»Zumindest werden wir diese Nacht überleben und unsere Familien wiedersehen.«

»Ja. Hoffentlich. Falls der Irre die Spielregeln nicht noch mal ändert.«

Frank richtete seinen Blick in die Schwärze, dorthin, wo Manuela saß. Egal, ob das für diesen Psychopathen gedacht war, was sie gerade gesagt hatte, stimmte. Dieser Kerl hatte die Regeln erst kurz zuvor komplett geändert. Was sollte ihn daran hindern, es wieder zu tun? Zum Beispiel um zu verfügen, dass es nur einen Gewinner geben durfte? Oder gar keinen? Wie schon einige Male zuvor spürte Frank wieder diese Leere in sich, das Gefühl, dass er in dieser Nacht unumkehrbar aus seinem vertrauten Leben gerissen und in einen Albtraum geworfen worden war, aus dem er nicht mehr zurückkehren konnte.

Da saß er nun neben Torsten, den Manuela auf sein Geheiß hin niedergeschlagen hatte in der Hoffnung, dass er, wenn er wieder zu sich kam, auf einen irrwitzigen Plan einging, dessen Erfolgsaussicht mehr als gering war. Wie hatte Frank auch nur für einen Moment annehmen können, Torsten würde sich als Dankeschön für eine schwere Kopfwunde als Lockvogel zur Verfügung stellen? Aber … hatte er das wirklich angenommen? Rechnete er ernsthaft damit, dieser Plan könne durchgeführt werden, geschweige denn funktionieren?

Oder war es nicht vielmehr so, dass er von Anfang an damit gerechnet hatte, dass Torsten sich niemals auf etwas Derartiges einlassen würde? Und seine Idee in Wirklichkeit von vornherein eine ganz andere war, nämlich die, Torsten als Konkurrent in dem Spiel auszuschalten und damit sein eigenes Leben zu retten? Was ja im ersten Schritt auch gelungen war?

Erschüttert stellte Frank fest, dass er es nicht mit Sicherheit sagen konnte.

Aber wie war denn der Stand nun, kurz bevor dieses perverse Spiel enden sollte? Sowohl Jens als auch Torsten waren außer Gefecht gesetzt, vielleicht war Jens sogar schon tot. Manuela und er konnten das Spiel nun mit Leichtigkeit gewinnen. Sie hatten es quasi schon gewonnen.

Und wenn sie Torsten und vielleicht auch Jens dafür töten mussten? Frank schob den Gedanken schnell beiseite.

»Warum regt er sich nicht?«, fragte Manuela mit dünner Stimme. »Er müsste doch bald wieder zu sich kommen.«

»Ich weiß nicht, du hast ihn wohl recht hart getroffen. Vielleicht hast du ein bisschen zu fest zugeschlagen.«

»Was soll das heißen?« Nun klang ihre Stimme gar nicht mehr dünn, viel eher schwang Entrüstung darin mit, vielleicht sogar Wut.

»Das soll nichts heißen, außer dass du vielleicht ein bisschen fest zugeschlagen hast.«

»Du hast mich doch dazu überredet.« Frank hörte, wie sie aufstand. »Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich das kann. Ich wollte es nicht tun. Woher soll ich denn wissen, wie fest man mit einem Stück Feuerholz zuschlagen muss, damit ein Kerl wie Torsten zwar besinnungslos, aber nur leicht verletzt wird? Du hättest es ja selbst machen können, wenn du denkst, dass du es besser gekonnt hättest. Immerhin habe ich dafür gesorgt, dass er dich nicht in Stücke gerissen hat, so wütend, wie er auf dich war.«

»Manu, ist ja gut, ich wollte doch nur sagen …«

»Nein, verdammt. Nichts ist gut.« Manuelas Stimme hatte einen schrillen, hysterischen Ton angenommen. Frank war ebenfalls aufgestanden. »Manu, nun beruhige dich doch, ich …«

»Gar nichts ist gut. Wir haben damals den grausamen Tod eines armen Jungen verschuldet, und wir sind feige weggelaufen, als wir ihm noch hätten helfen können. Wir haben ihn elendig krepieren lassen, verdammt. Wir sind feige Mörder. Was soll daran gut sein?«

»Ja, das war furchtbar, aber wir können es nun nicht mehr ändern. Und du hast ja gehört, was Jens gesagt hat. Festus war schon tot.«

»Ja, das habe ich. Du aber anscheinend nicht. Jens hat gesagt, er hat seinem Vater alles erzählt, und der ist daraufhin verschwunden und hat das auf seine Weise in Ordnung gebracht. Wann soll Jens also gesagt haben, Festus sei schon tot gewesen? Das hat er nicht. Wie sollte er es auch wissen? Vielleicht ist das Dach mit Festus darauf am Vorabend eingestürzt, und er hat die ganze Nacht und den halben Vormittag irgendwo in den Trümmern gelegen, schwerverletzt, mit wahnsinnigen Schmerzen. Aber eben nur verletzt und nicht tot? Vielleicht hätten wir ihn noch retten können, wenn wir nach ihm gesucht hätten. Aber das haben wir nicht, nein, wir haben es vorgezogen, wegzurennen. WAS IST DARAN BITTE GUT?«

»Tut mir leid.« Frank fühlte sich vollkommen hilflos. Aber seine Worte schienen Manuela etwas zu beruhigen. »Ja, mir auch«, sagte sie. »Das kannst du mir glauben. Mir auch.«

In diesem Moment ging das Licht an.

Das Rachespiel
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